Alwin Walther

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Alwin Oswald Walther,
Darmstadt 1964 in seinem IPM

Alwin Oswald Walther (* 6. Mai 1898 in Reick; † 4. Januar 1967 in Darmstadt) war ein deutscher Mathematiker, Ingenieur und Hochschullehrer. Er gehört zu den Pionieren der maschinellen Rechentechnik in Deutschland.

Leben[Bearbeiten]

Alwin Walther wurde im Mai 1898 in Reick nahe Dresden geboren. Nach der Schule leistete Walther von 1916 bis 1919 seinen Militärdienst. Er wurde zwei Mal verwundet und erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Von 1919 bis 1922 studierte er Mathematik und Physik an der Technischen Hochschule Dresden für das Höhere Lehramt. 1922 folgte die Promotion zum Dr. rerum technicarum. Von 1922 bis 1928 war er Assistent und Oberassistent von Richard Courant am Mathematischen Institut an der Universität Göttingen. Dort habilitierte er sich 1924 und wurde Privatdozent. Im Jahr davor hielt er sich zu wissenschaftlichen Zwecken in Kopenhagen auf. Von 1926 bis 1927 war er Rockefeller-Stipendium in Kopenhagen und Stockholm. Am 1. April 1928 wurde Walther ordentlicher Professor für Mathematik an der TH Darmstadt und Leiter des Instituts für Praktische Mathematik.

Walther legte großen Wert auf Fragen der praktischen Anwendung der Mathematik. So entwickelte er in den frühen 1930er Jahren den Rechenschieber „System Darmstadt“, der im Ingenieurbereich große Verbreitung fand.

Alwin Walther war über viele Jahre in der 1918 gegründeten Vereinigung von Freunden der Technischen Universität zu Darmstadt aktiv. Ab 1934 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war er deren Schatzmeister. 1950 wurde er zum Ehrenmitglied der Vereinigung ernannt.

Institut für Praktische Mathematik[Bearbeiten]

Walther ließ 1939 an seinem Institut in Darmstadt die Berechnungen für das deutsche Raketenprogramm in Peenemünde durchführen. Er galt als einer der forschungsstärksten und einflussreichsten Wissenschaftler der TH Darmstadt, die am Raketenprogramm in Peenemünde beteiligt waren. Das IPM wurde 1942 als "Wehrwirtschaftsbetrieb" eingestuft, was mit gewissen Privilegien verbunden war.

Die Gründung der Forschungsstätte „M“ (Mathematik) im KZ Sachsenhausen im Rahmen des Projekts „Ahnenerbe“ erfolgte in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Praktische Mathematik an der TH Darmstadt. Walther bot an, den zukünftigen Leiter der Forschungsstätte in Darmstadt zu schulen und äußerte sein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit.

Walther stand auch in Verbindung mit der „Sektion Astronomisches Rechnenwesen“ im KZ Krakau-Plaszow. Das IPM forderte von dort im Sommer 1944 die Übersetzung russischer Fachliteratur (Vgl. Hanel 2013, S. 346).

Nach dem Luftangriff auf Darmstadt in der Nacht vom 11. auf den 12. September, der große Teile der Stadt und der Hochschule zerstörte, wurde das IPM auf mehrere Ausweichstellen aufgeteilt. In diesen Ausweichstellen waren noch über 70 Personen tätig. Wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Darmstadt Ende März 1945 gab Walther den Befehl, sämtliche Forschungsberichte, die das Vorhaben „Peenemünde“ betrafen, zu vernichten. Dennoch ging die Abwicklung anderer Aufträge weiter. Walther war mit der Abwicklung von Aufträgen der Kriegsmarine bis 1947 beschäftigt.

Nach dem Krieg wurde unter seiner Leitung am Institut für Praktische Mathematik (IPM) der TH Darmstadt ab 1951 der DERA (Darmstädter Elektronischer Rechenautomat) erbaut, ein raumgroßer Elektronenrechner mit Radioröhren.[1]

Im Oktober 1955 veranstalteten die Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik (GAMM) und die Nachrichtentechnische Gesellschaft (NTG) im Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE) in der TH Darmstadt eine Fachtagung Elektronische Rechenmaschinen und Informationsverarbeitung. Walther war örtlicher Tagungsleiter.[2] Mehr als 50 in- und ausländische Experten hielten Vorträge, die im Nachrichtentechnischen Fachbericht (NTF) Band 4 - 1956 zusammen mit Diskussionbeiträgen veröffentlicht wurden. Hauptvorträge hielten Goldstine, Piloty, Billing, Booth, Householder, Rutishauser und Aiken. Mehr als 500 Teilnehmer aus 15 Ländern besuchten die erste internationale Veranstaltung über dieses Gebiet. Zu den Entwicklungen in der Sowjetunion berichteten Lebedew und Basilewski.

IBM 650, Herbst 1957 bei Nacht mit Anwender Rolf Hagedorn (CERN), Lochkarteneinheit, Rechner und Stromversorungseinheit

An der TH Darmstadt nahm das IPM bereits am 11. Februar 1957 den mit Mitteln der DFG erworbenen ersten kommerziellen Computer in Betrieb (eine IBM 650).[3] Es wurden Vorlesungen über das Programmieren mit Übungen abgehalten, so dass an der IBM 650 alle Studenten der Hochschule das Programmieren erlernen konnten.[4][5] Mitarbeiter am IPM waren unter anderen: Wilfried de Beauclair, Lothar Collatz, Ernst Dotzauer, Karl Hessenberg, Gerhard Hund, Peter Schnell, Heinz Unger und Rudolf Zurmühl.

Walther war maßgeblich am Aufbau des Deutschen Rechenzentrums (DRZ) in der Rheinstraße in Darmstadt beteiligt (Einweihung 1963). Aus dieser Einrichtung wurde in Kooperation mit anderen Einrichtungen 1973 die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) und nach dem Zusammenschluss mit der Fraunhofer-Gesellschaft 2001 das Fraunhofer SIT.

Hochschulrechenzentrum der TU Darmstadt[Bearbeiten]

Alwin Walther war maßgeblich an der Gründung des Hochschulrechenzentrums der TH Darmstadt in den 1960er Jahren beteiligt. Die ersten Räumlichkeiten für das Rechenzentrum wurden 1963 im Sockelgeschoss des Westflügels im Alten Hauptgebäude zur Verfügung gestellt. Nach dem Umbau wurde im Herbst 1964 dann eine IBM 7040 in Betrieb genommen. IPM und das Hochschulrechenzentrum wurde zwar organisatorisch getrennt, bis zu seiner Emeritierung 1966 war Alwin Walther jedoch der Leiter beider Einrichtungen.

Walther wurde am 30. September 1966 emeritiert. Wenige Monate danach verstarb er nach kurzer Krankheit im Alter von 68 Jahren in Darmstadt.

Ehrungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Alwin-Walther-Medaille[Bearbeiten]

Eine Alwin-Walther-Medaille wird seit 1997 für herausragende Leistungen, sowie für außergewöhnliche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten auf den Gebieten der Informatik oder der angewandten Mathematik von den Fachbereichen Informatik und Mathematik an der Technischen Universität Darmstadt vergeben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Melanie Hanel: Die Technische Hochschule Darmstadt im „Dritten Reich“, Dissertation, Darmstadt 2013.
  • Technische Universität Darmstadt: Technische Bildung in Darmstadt. Die Entwicklung der Technischen Hochschule 1836–1996, Band 4, Darmstadt 1998.
  • Wilhelm Barth: Alwin Walther - Praktische Mathematik und Computer an der THD, in: Technische Hochschule Darmstadt Jahrbuch 1978/79, Darmstadt, 1979, S. 29-34.
  • Alwin Walther: Pionier des Wissenschaftlichen Rechnens, Wissenschaftliches Kolloquium anläßlich des hundertsten Geburtstages, 8. Mai 1998, Darmstadt 1999, herausgegeben von Hans-Jürgen Hoffmann.
  • Christa Wolf/Marianne Viefhaus: Verzeichnis der Hochschullehrer der TH Darmstadt, Darmstadt 1977.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Institut für Praktische Mathematik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur Geschichte von Rechentechnik und Datenverarbeitung in Jahreszahlen von Rainer Bischoff
  2. Johannes Wosnik (Hrsg): Elektronische Rechenmaschinen und Informationsverarbeitung. NTF - Band 4, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1956, 229 Seiten.
  3. Moderne Rechenanlagen und ihre Anwendung auf Probleme der Chemie. Vortrag von Walther in Wiesbaden am 28. März 1958
  4. H. Schappert und G. Hund: Hilfsblätter zu Vorlesung und Praktikum Programmieren II. IPM, IBM 650, Programmieren, Juli 1958.
  5. Personal- und Vorlesungsverzeichnis 1959/60 der Technischen Hochschule Darmstadt, S. 44