Amoklauf an der Polytechnischen Hochschule Montréal 1989

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Gedenktafel für die 14 Opfer

Der Amoklauf an der Polytechnischen Hochschule Montréal 1989, auch bekannt als Montreal-Massaker, geschah am 6. Dezember 1989 an der École polytechnique de Montréal in Québec, Kanada. Der 25-jährige Marc Lépine tötete 14 Frauen und verwundete 14 weitere Personen, darunter vier Männer, bevor er sich selbst das Leben nahm.[Anmerkung 1] Mit der Begründung, er würde den „Feminismus bekämpfen“, betrat Lépine verschiedene Räume des Gebäudes und schoss gezielt auf Frauen. Der Amoklauf dauerte knapp 20 Minuten.[1] Lépine hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er behauptete, Feministinnen hätten sein Leben ruiniert und das Massaker habe politische Motive. Der Brief enthielt zudem eine Liste mit den Namen von 19 Frauen aus Québec, die Lépine für Feministinnen hielt und deshalb umbringen wollte.

Zum Tatmotiv gibt es mehrere Theorien. Der Amoklauf wurde aufgrund von Lépines Äußerungen und dem Geschlecht der Opfer als eine antifeministische Attacke und als ein Hate crime gegen Frauen aufgefasst. Feministinnen und Politiker sehen das Massaker als Ausdruck des größeren gesellschaftlichen Problems von Gewalt gegen Frauen. Einer anderen Theorie zufolge handelte es sich bei dem Massaker um die isolierten Handlungen eines Geisteskranken. Zudem wurden Gewalt in den Medien sowie der Einfluss sozialer Missstände als Erklärungsansätze herangezogen. Lépines Kindheit und vor allem die physische Gewalt, die er erfuhr, wurden ebenfalls für den Amoklauf verantwortlich gemacht.

Als direkte Konsequenz des Massakers wurden schärfere Schusswaffengesetze verabschiedet. Die kanadische Polizei änderte ihre taktische Vorgehensweise bei Amokläufen an Schulen, was half, die Zahl der Todesopfer bei späteren Amokläufen in Kanada zu reduzieren. Eine weitere Folge des Montreal-Massakers war die Einrichtung des Kanadischen Ausschusses für Gewalt gegen Frauen.

Tatverlauf[Bearbeiten]

Am 6. Dezember 1989 kurz nach 16 Uhr betrat Lépine die École polytechnique de Montréal, eine Fachschule für Maschinenbau, die der Université de Montréal angegliedert ist.[1] Er war bewaffnet mit einem Jagdmesser und einem Jagdgewehr Ruger Mini-14, das er am 21. November 1985 beim lokalen Sportwaffenhändler gekauft hatte.[1][2] Lépine kannte sich in dem Gebäude aus, weil er in Vorbereitung auf das Massaker die École polytechnique mindestens sieben Mal aufgesucht hatte.[1]

Außenansicht der École Polytechnique de Montréal.

Nachdem er eine Zeit lang im Studentensekretariat gesessen hatte, begab er sich ins Obergeschoss des Gebäudes und betrat gegen 17:10 Uhr einen Raum, in dem ein Maschinenbau-Seminar mit etwa 60 Studenten stattfand.[1] Er forderte die anwesenden Frauen und Männer auf, sich in verschiedenen Ecken des Raums zu gruppieren. Die Studenten hielten die Aufforderung zunächst für einen Witz und bewegten sich nicht vom Platz, bis Lépine in die Decke schoss.[3] Lépine trennte dann die neun Frauen von den etwa 50 Männern und beorderte die Männer, den Raum zu verlassen.[4][5] Er fragte die Frauen, ob sie wüssten, weshalb sie dort seien und als eine Studentin mit „Nein“ antwortete, sagte er: „Ich kämpfe gegen den Feminismus“.[1][6] Die Studentin, die zuvor gesprochen hatte, versicherte, sie seien keine Feministinnen, woraufhin Lépine schrie: „Ihr seid alle ein Haufen von Feministinnen. Ich hasse Feministinnen.“ Er schoss dann auf die neun Frauen von links nach rechts, tötete sechs und verletzte drei.[1][7]

Lépine setzte die Schießerei im Gang des Obergeschosses fort und verletzte drei Studenten. Während er im Gang herumwanderte, schrie er: „Ich will Frauen“.[3] Er betrat dann einen Raum, in welchem er zwei Mal versuchte, auf eine Studentin zu schießen, musste den Angriff aber unterbrechen und den Raum verlassen, um seine Waffe auf einer Nottreppe nachzuladen. Er kehrte zurück, aber die Studenten hatten die Tür verriegelt. Lépine schoss drei Mal in die Tür, aber es gelang ihm nicht, sie zu öffnen. Im Gang schoss er dann auf weitere Personen und verletzte eine, bevor er eine Frau im Finanzbüro tötete.[1]

Im Anschluss ging er ins Erdgeschoss in die Cafeteria, wo er eine Frau, die in der Nähe der Küche stand, tötete und eine Studentin verletzte. Fast alle der etwa 100 anwesenden Menschen flüchteten aus der Cafeteria nachdem die ersten Schüsse gefallen waren. Er betrat danach einen unverschlossenen Lagerbereich, wo er zwei weitere Frauen umbrachte, die sich dort versteckt hielten.[1]

Der Seminarraum im zweiten Obergeschoss der École polytechnique. Hier endete der Amoklauf.

Lépine nahm den Aufzug ins zweite Obergeschoss des Gebäudes, wo er im Flur eine Studentin und zwei Studenten verletzte. Dann betrat er einen Seminarraum und sagte den drei Studenten, die dort eine Präsentation hielten, sie sollen den Raum verlassen. Er verletzte Maryse Leclair, die vorne im Raum stand, schoss dann auf die Studenten in den ersten Reihen, und tötete zwei Frauen, die versuchten, den Raum zu verlassen. Lépine bewegte sich dann auf einige der Studentinnen zu, verletzte drei und tötete eine von ihnen. Er wechselte das Magazin und schoss dann in alle Richtungen. Die verletzte Leclair bat um Hilfe, woraufhin Lépine drei Mal mit seinem Jagdmesser auf sie einstach und sie tötete. Er nahm seine Mütze ab, wickelte sein Gewehr in seinen Mantel und nahm sich mit einem Kopfschuss das Leben. Der Amoklauf dauerte etwa 20 Minuten. Keiner der rund 2.500 im Gebäude anwesenden Studenten und Universitätsangestellten hatte versucht, den Amokläufer aufzuhalten.[8] Lépine tötete 14 Frauen, davon 12 Ingenieursstudentinnen, eine Medizinstudentin und eine Universitätsmitarbeiterin. 14 andere Personen – davon vier Männer – verletzte er mit Schüssen.[1][9]

Nachdem er Reporter eingewiesen hatte, betrat Pierre Leclair, der Pressesprecher der Polizei Montreal, das Gebäude und fand die Leiche seiner Tochter Maryse.[10][11]

Abschiedsbrief[Bearbeiten]

Lépine hinterließ einen dreiseitigen Abschiedsbrief, der mit dem Datum des Amoklaufs versehen war.[1] Einige Details aus dem Abschiedsbrief wurden zwei Tage nach dem Amoklauf von der Polizei veröffentlicht,[12][13] aber der ganze Brief wurde nicht offengelegt. Ein Jahr nach dem Massaker wurde Lépines Brief den Medien zugespielt. Darin schrieb er, er sei vollkommen rational, sein Amoklauf habe politische Motive und Feministinnen hätten sein Leben ruiniert.[14][15] Er beschrieb seine Gründe für den Amoklauf, darunter auch seinen Hass auf Feministinnen dafür, dass sie einen sozialen Wandel anstrebten und die Privilegien von Männern an sich reißen wollten, so Lépine.[15] Der Brief enthielt darüber hinaus eine Liste mit den Namen von 19 Frauen aus Québec, die Lépine für Feministinnen hielt und deshalb umbringen wollte,[15][16] darunter eine Gewerkschaftsführerin, eine Politikerin, eine Prominente, sechs Polizeibeamtinnen und die Journalistin Francine Pelletier.[16] Der Brief (ohne die Liste von Frauen) wurde schließlich in der kanadischen Zeitung La Presse veröffentlicht, wo Pelletier als Kolumnistin tätig war.[14] Darüber hinaus verlieh Lépine in dem Brief seiner Bewunderung für den Amokläufer Denis Lortie Ausdruck, der 1984 drei Staatsbeamte umgebracht und 13 weitere verletzt hatte.[17]

Hintergründe[Bearbeiten]

Täter[Bearbeiten]

Hauptartikel: Marc Lépine

Marc Lépine wurde als Sohn eines algerischen Vaters und einer kanadischen Mutter in Montreal geboren. Sein Vater verachtete Frauen und war seiner Ehefrau und seinem Sohn gegenüber häufig gewalttätig.[18][19][20][21][10] Seine Eltern ließen sich 1976 scheiden und sein Vater brach kurz danach den Kontakt zu seinen Kindern ab.[22] Im Alter von 17 Jahren bewarb sich Lépine 1981 bei den Kanadischen Streitkräften, wurde laut seines Abschiedbriefs aber für „antisozial“ befunden.[23] Er sprach häufig über seine Abneigung gegen Feministinnen, Karrierefrauen und Frauen in traditionell männlichen Berufen.[23][24][25] 1982 begann er eine vor-universitäre Ausbildung an einem Collège d’enseignement général et professionnel, brach diese aber in seinem letzten Semester ohne Angabe von Gründen ab.[18][20] 1986 bewarb er sich für einen Studienplatz am Polytechnikum und wurde angenommen unter der Bedingung, dass er zuvor zwei Kurse absolviert.[1] 1989 schloss er einen der erforderlichen Kurse ab[1] und bewarb sich erneut am Polytechnikum, wurde aber abgelehnt, da ihm immer noch ein Kurs fehlte.[26]

Motiv[Bearbeiten]

Mahnmal „Place du 6 Décembre 1989“, Montreal.

Der Amoklauf wurde insbesondere in späteren Phasen der Berichterstattung primär als ein Akt von Gewalt gegen Frauen dargestellt, während andere Interpretationen zunehmend in den Hintergrund traten.[27][28][29] Antifeminismus wurde als ein Tatmotiv identifiziert;[30] laut Untersuchungsbericht sah Lépine Feministinnen und Frauen als den Feind.[1] Diese Lesart hatte Lépine selbst durch seine Äußerungen und seinen Abschiedsbrief, in dem er ausführte, wie das Massaker zu interpretieren sei, nahegelegt.[7] Feministen und Politiker wie Premierminister Stephen Harper erachten das Massaker als Ausdruck gesellschaftlich verbreiteter Misogynie und Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen.[31][32][33][34] Der Amoklauf wurde als eine Art von erweitertem Suizid beschrieben, bei dem der Täter eine bestimmte Gruppe von Menschen – oftmals in einem öffentlichen Raum – angreift, mit dem primären Ziel, in Glanz und Glorie zu sterben.[35] Kriminologen sehen das Massaker als Hate Crime bzw. Bias Crime gegen Frauen, da die Opfer nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu der Gruppe Frauen ausgewählt wurden und mit anderen Mitgliedern dieser Gruppe austauschbar waren.[36][37][38][39][40] Lépines Mutter war später der Ansicht, die Wut ihres Sohnes sei gegen sie gerichtet, da sie eine alleinerziehende, berufstätige Mutter war und deshalb von einigen für eine Feministin gehalten wurde.[19]

Andere sahen den Amoklauf als die isolierten Handlungen eines Geisteskranken,[32][41] eine Interpretation der Ereignisse, die Lépine in seinem Abschiedsbrief vorhergesagt und abgelehnt hatte.[7][15] Ein Psychiater befragte Lépines Familie und Freunde und beschäftigte sich mit seinen Notizen als Teil einer Polizeiuntersuchung. Dass Lépine den mehrfachen erweiterten Suizid als Suizidmethode gewählt hatte, sei typisch für Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung.[1] Anderen Psychiatern zufolge hatte Lépine aufgrund der Schläge seines Vaters Hirnschädigungen erlitten und war psychotisch.[42] Laut einer anderen Theorie identifizierte er sich mit seinem gewalttätigen Vater und imitierte dessen Verhalten gegenüber seiner Frau.[43] Zudem konnte er Erfahrungen wie Ablehnung und Verlust schlecht verarbeiten und gab Frauen die Schuld an allen seinen Misserfolgen.[43][44][45] Lépines Mutter mutmaßte, dass Marc möglicherweise unter einer Bindungsstörung litt, weil sein Vater ihn als Kind nicht beachtet und später ganz den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte.[46]

Ausgehend von Lépines Interesse an gewaltsamen Actionfilmen waren einige Kommentatoren der Ansicht, dass Gewalt in den Medien zu seinen Handlungen beigetragen habe.[5] Andere argumentierten, dass soziale Missstände – wie z. B. Armut, unmenschliche Arbeitsbedingungen, und sinkende Staatsausgaben für Bildung und Gesundheit – den Nährboden für Gewaltverbrechen bilden.[29] Kolumnistin Jan Wong betonte 2006 in einem umstrittenen Artikel in The Globe and Mail, dass die drei Amokläufe in Québec – 1989 an der École polytechnique, 1992 an der Concordia University und 2006 am Dawson College – von den Söhnen von Einwanderern verübt wurden. Laut Wong wurden die drei Täter wegen ihres Migrationshintergrunds ausgegrenzt. Lépine war zwar frankophon und in Kanada geboren, gehörte jedoch in den Augen von Frankokanadiern nicht zu ihnen, da sein Vater aus Algerien stammt.[47]

Opfer[Bearbeiten]

Denkmal in der Nähe des Hodgins Engineering Building, McMaster University.
  • Geneviève Bergeron (* 1968), sie hatte ein Stipendium für Bauwesen und war eine talentierte Musikerin.
  • Hélène Colgan (* 1966), Maschinenbaustudentin im letzten Studienjahr
  • Nathalie Croteau (* 1966), Maschinenbaustudentin
  • Barbara Daigneault (* 1967), Maschinenbaustudentin im letzten Studienjahr. Ihr Vater war ein Professor für Maschinenbau an einer anderen Hochschule Montreals, sie half ihm als unterrichtende Assistentin.
  • Anne-Marie Edward (* 1968), Studentin der chemischen Verfahrenstechnik und Mitglied des Uni-Skiteams, auf Wunsch ihrer Familie wurde sie in ihrem Teamanzug begraben.
  • Maud Haviernick (* 1960), sie hatte einen Abschluss in Umwelttechnik und war in ihrem zweiten Studienjahr.
  • Barbara Klucznik-Widajewicz (* 1958), Studentin der Pflegewissenschaft, sie und ihr Ehemann wollten in der Cafeteria essen, weil sie dort die niedrigsten Preise am Campus hatten.
  • Maryse Laganière (* 1964), sie arbeitete in der Finanzabteilung der Hochschule und war frisch verheiratet.
  • Maryse Leclair (* 1966), Werkstofftechnikstudentin
  • Anne-Marie Lemay (* 1967), Maschinenbaustudentin
  • Sonia Pelletier (* 1961), Maschinenbaustudentin im letzten Studienjahr
  • Michèle Richard (* 1968), Werkstofftechnikstudentin
  • Annie St-Arneault (* 1966), Maschinenbaustudentin
  • Annie Turcotte (* 1969), Studentin für Werkstofftechnik

Die Provinz- und Montreals Stadtregierung erklärten drei Tage Staatstrauer.[10] Neun der 14 getöteten Frauen wurden am 11. Dezember 1989 in Notre-Dame de Montréal gemeinsam bestattet, in Anwesenheit der Generalgouverneurin Jeanne Sauvé, des kanadischen Premierministers Brian Mulroney, des Premierministers von Québec Robert Bourassa, des Bürgermeisters von Montreal Jean Doré sowie Tausender anderer Trauergäste.[11]

Folgen[Bearbeiten]

Vertreter der Regierung und Strafjustiz befürchteten, dass öffentliche Diskussion über das Massaker zu antifeministischer Gewalt führen würde[41][48] und eine öffentliche Untersuchung wurde aus diesem Grund abgelehnt.[12] Lépines Abschiedsbrief sowie der Polizeibericht wurden nicht offiziell veröffentlicht,[49] obwohl eine Kopie des Berichts der Untersuchungsrichterin zur Verfügung stand.[1][50] Medien, Wissenschaftler, Frauenorganisationen sowie die Familien der Opfer kritisierten das Informationsdefizit und das Fehlen einer öffentlichen Untersuchung.[41][5][51] Auch die Reaktion der Polizei auf den Amoklauf wurde heftig kritisiert.[52] Polizeibeamte hatten den Auftrag erhalten, das Gebiet weiträumig abzusperren und das Gebäude nicht zu betreten solange der Amokläufer am Leben war.[3] In der Zeit, in der sie auf die Ankunft taktischer Einheiten warteten, wurden mehrere Frauen getötet.[52] Laut Untersuchungsbericht hätte die Zahl der Todesopfer viel höher sein können, da Lépine 60 unbenutzte Kugeln übrig hatte und die Polizei keinen Angriff plante.[1] Infolge des Amoklaufs wurden neue Notfalleinsatzpläne eingeführt, die 2006 beim Amoklauf am Dawson College in Montreal zum Einsatz kamen und ein schnelleres Eingreifen der Polizei ermöglichten.[53]

Mahnmal „Marker of Change“ bestehend aus 14 Sarg-förmigen Bänken, Thornton Park, Vancouver. Entworfen von Beth Alber.

Die Folgen für die Verletzten und Zeugen sind Jahre nach dem Massaker noch spürbar; viele leiden noch heute an posttraumatischen Störungen. Mehrere Studenten begingen Suizid,[54] davon hinterließen zwei Personen Abschiedsbriefe, in denen sie den Amoklauf als Grund dafür angaben.[54] Hierzu gehörte der Student Sarto Blais, der sich acht Monate nach dem Massaker erhängte. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, dass er es nicht ertragen konnte, als Mann nichts unternommen zu haben. Seine Eltern nahmen sich elf Monate später ebenfalls das Leben.[55]

Politische Folge des Amoklaufs war eine strengere Waffenkontrolle.[56] Eine der Überlebenden des Massakers gründete gemeinsam mit den Eltern eines Opfers die „Coalition for Gun Control“ (dt. Aktionsbündnis für Waffenkontrolle).[57][58] Die Anstrengungen dieser Organisation und anderer Aktivisten führten dazu, dass 1995 ein verschärftes Schusswaffengesetz verabschiedet wurde.[57] Gegner des neuen Waffengesetzes kritisierten die liberale Regierung von Jean Chrétien und monierten vor allem die Anforderung, dass alle Schusswaffen registriert werden müssen.[59] 2009 und 2010 sprachen sich die Überlebenden des Massakers und die Familien der Opfer gegen ein von der konservativen Regierung von Stephen Harper vorgeschlagenes Gesetz aus, das das kanadische Waffenregister abschaffen sollte.[60][61][62] Eine Überlebende beschrieb den Gesetzesvorschlag der Konservativen Partei als „Schlag ins Gesicht der Opfer und ihrer Familien“.[63] Im September 2010 wurde der Gesetzesantrag mit knapper Mehrheit abgelehnt.[64]

Der Amoklauf revitalisierte die kanadische Frauenbewegung und entfachte Empörung über Gewalt gegen Frauen.[65][3] Bis dato waren feministische Forderungen nach Anerkennung der breiten Kategorie „Gewalt gegen Frauen“ als ein eigenständiges und politisch relevantes Problem von der Gesetzgebung ignoriert worden.[66] Nach dem Massaker fand auf Drängen von Feministinnen jedoch ein Wandel im offiziellen Diskurs über Gewalt statt. Folglich führte ein Unterausschuss des kanadischen Unterhauses Anhörungen zum Thema Gewalt gegen Frauen durch.[66] Die Empfehlungen des Unterausschusses führten 1991 zur Einrichtung des „Canadian Panel on Violence against Women“ (dt. Kanadischer Ausschuss für Gewalt gegen Frauen).[67][68] Gleichzeitig beteiligten sich große Teile der kanadischen Bevölkerung und Medien an einem antifeministischen Gegendiskurs.[69] Insbesondere Maskulinisten und Antifeministen sind der Ansicht, dass der Feminismus am Massaker schuld sei, da er Männer zu solchen Taten provoziere.[34][70] Einige Maskulinisten sehen in Lépine einen Helden, der für Männerrechte eingetreten ist, und verherrlichen oder verharmlosen seine Handlungen.[71][72][73][74][75][76][77][78]

Gedenken[Bearbeiten]

Der 6. Dezember wurde 1991 zum Nationalen Gedenktag gegen Gewalt gegen Frauen erklärt.[79][31] An diesem Tag werden die Flaggen am Peace Tower des Parliament Hill sowie allen anderen Regierungsgebäuden Kanadas auf Halbmast gesetzt. Häufig finden Mahnwachen im Gedenken an die Opfer und Diskussionen über Gewalt gegen Frauen statt.[80] An der École polytechnique de Montréal ist der 6. Dezember ein unterrichtsfreier Tag.[81] Infolge des Massakers rief 1991 eine Gruppe von Männern aus London (Ontario) als Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen die White Ribbon Kampagne ins Leben. Symbol wurde das der roten Schleife nachempfundene weiße Band.[82][83]

Der Name eines der Opfer am Mahnmal „Place du 6 Décembre 1989“.

In Côte-des-Neiges–Notre-Dame-de-Grâce wenige Meter entfernt von der École polytechnique wurde auf der „Place du 6 Décembre 1989“ ein Mahnmal für die Opfer des Massakers aufgestellt. Es trägt den Namen „Nef pour les quatorze reines“ (dt. „Schiff für 14 Königinnen“) und wurde von der Künstlerin Rose-Marie Goulet entworfen.[84][85] Ein 1997 in Vancouver errichtetes Denkmal namens „Marker of Change“ sorgte wegen der Aufschrift „women who have been murdered by men“ (dt. „Frauen, die von Männern ermordet wurden“) für Kontroversen,[86] Kritiker waren der Ansicht, die Aufschrift sei zu politisch.[87] Die an dem Projekt beteiligten Frauen erhielten Morddrohungen.[86][88] Das Denkmal wurde fertig gestellt, aber Vancouvers Amt für Parks und Erholung untersagte als Reaktion auf die Kritik alle künftigen öffentlichen Kunstwerke, die bestimmte Gruppen verärgern könnten.[86][89]

2009 kam der auf dem Ereignis basierende Film Polytechnique von Denis Villeneuve in die kanadischen Kinos.[90][91] Der Film, den die staatliche Filmförderungsagentur Telefilm Canada zuvor zweimal abgelehnt hatte,[92] löste Kontroversen aus, darunter Beschwerden, dass er zuviele schmerzhafte Erinnerungen wachrufe.[93][94] Die École polytechnique de Montréal distanzierte sich vom Film aus Respekt vor den Opfern und Mitarbeitern, von denen viele das Massaker miterlebt hatten.[95] Der Amoklauf wurde in dem Theaterstück The Anorak aufgegriffen.[96] Musikalisch setzte sich die Death-Metal-Band Macabre in dem Song Montreal Massacre mit den Ereignissen auseinander.

2008 veröffentlichte Marc Lépines Mutter Monique „Aftermath“, einen Bericht über ihre Erinnerungen und ihren Umgang mit dem Leid. Sie hatte bis 2006 keinen Kommentar zu dem Massaker abgegeben und beschloss erst nach dem Amoklauf am Dawson College, sich zu den Ereignissen von 1989 und 2006 zu äußern.[97]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Einige Quellen berichten, dass 13 Personen verletzt wurden. Laut des Berichts der Untersuchungsrichterin Teresa K. Sourour sowie Aussagen des für die Untersuchung zuständigen Polizeibeamten wurden 14 Personen verletzt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p q Teresa K. Sourour: Report of Coroner’s Investigation (PDF; 146 kB) 1991. Abgerufen am 19. Januar 2012.
  2. Greg Weston: Why? We may never know. In: Toronto Sun, 14. September 2006. 
  3. a b c d Gunman massacres 14 women at Montreal’s École Polytechnique (Video-Stream). In: CBC, 6. Dezember 1989. Abgerufen am 1. Juni 2012. 
  4. Rima Elkouri: Elles étaient ses étudiantes. In: La Presse, 7. Februar 2008. Abgerufen am 29. August 2012. 
  5. a b c Adrian Cernea: Poly 1989: Témoin de l’horreur. Éditions Lescop, Montréal 1999, ISBN 2-98048-328-1.
  6. Ashley Terry: Remembering a massacre: Montreal’s Ecole Polytechnique. In: Global News, 6. Dezember 2011. Abgerufen am 29. August 2012. 
  7. a b c Peter Eglin, Stephen Hester: “You’re all a bunch of feminists”: Categorization and the politics of terror in the Montreal Massacre. In: Human Studies. 22, Nr. 2–4, 1999, S. 253–272. doi:10.1023/A:1005444602547.
  8. Aida Edemariam: The Montreal Massacre. In: The Guardian, 15. September 2006. Abgerufen am 26. Februar 2012. 
  9. Walter Buchignani: Amid the tragedy, miracles of survival. In: The Gazette, 8. Dezember 1989, S. A3. 
  10. a b c Barry Came: Montreal Massacre: Railing Against Feminists. In: Maclean’s Magazine, 18. Dezember 1989. Abgerufen am 16. Februar 2012. 
  11. a b James Mennie, Hubert Bauch: A quiet goodbye for slain women. In: The Gazette, 12. Dezember 1989, S. A1. 
  12. a b Victor Malarek: More Massacre Details to be Released by Police, but an Inquiry Ruled Out. In: The Globe and Mail, 12. Dezember 1989, S. A6. 
  13. Victor Malarek: Killer’s letter blames feminists. In: The Globe and Mail, 8. Dezember 1989, S. A7. 
  14. a b Martin Pelchat: Lépine avait des motifs ‹ politiques ›. In: La Presse, 24. November 1990. 
  15. a b c d CityNews Rewind: The Montreal Massacre. In: City News, 6. Dezember 2006. Abgerufen am 20. Januar 2012. 
  16. a b Lisa Fitterman: Cops on Lepine’s list: Names of six female officers found on Polytechnique killer. In: The Gazette, 10. März 1999, S. A3. 
  17. Peter Eglin, Stephen Hester: The Montreal Massacre: A Story of Membership Categorization Analysis. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo, Ont. 2003, ISBN 0-88920-422-5, S. 58.
  18. a b Rod McDonnell, Elizabeth Thompson u.a.: Killer’s father beat him as a child; A brutal man who didn’t seem to have any control of his emotions. In: The Gazette, 12. Dezember 1989, S. A1. 
  19. a b CTV.ca News Staff: Mother of Marc Lepine finally breaks her silence. In: CTV, 18. September 2006. Archiviert vom Original am 18. April 2009. 
  20. a b The making of a massacre: The Marc Lepine story Part I. In: The Ottawa Citizen, 7. Februar 1990. 
  21. Staff and Canadian Press: Thousands of mourners wait in silence to pay final respects to slain women. In: The Globe and Mail, 11. Dezember 1989. 
  22. Lépine & Gagné 2008, S. 12.
  23. a b Victor Malarek: Killer Fraternized with Men in Army Fatigues (quoted in „The Montreal Massacre: A Story of Membership Categorization Analysis“, eds., P. Eglin and S. Hester, 2003). In: Globe and Mail, 9. Dezember 1989. 
  24. Alexander Norris: Lepine was emotionally repressed, pal says. In: The Gazette, 16. Januar 1990. 
  25. Lépine & Gagné 2008, S. 131.
  26. Lépine & Gagné 2008, S. 170–171.
  27. Peter Eglin, Stephen Hester: The Montreal Massacre: A Story of Membership Categorization Analysis. Wilfrid Laurier University Press, Waterloo, Ont. 2003, ISBN 0-88920-422-5, z. B. S. 6: „Although there are a variety of stories told about the murders, there is also an emergent story that becomes paramount. As reportage is replaced by commentary, so the stories of crime, horror, public disaster, and private tragedy, and the stories of and about the killer, recede, and the story of violence against women becomes the central story... As reportage gives way to commentary (though we emphasize that there is no clean or tidy break here), so particularity becomes the document of a general and underlying problem, namely, male violence against women, not to say misogyny or male chauvinism. We seek to trace the accomplishment of this story, principally in the methods of membership categorization deployed by its storytellers.“
  28. James Alan Fox, Jack Levin: Mass Murder: An Analysis of Extreme Violence. In: Journal of Applied Psychoanalytic Studies. 5, Nr. 1, 2003, S. 47–64. doi:10.1023/A:1021051002020.
  29. a b Michael Valpy: Litany of social ills created Marc Lepine. In: The Globe and Mail, 11. Dezember 1989, S. A8. 
  30. Veronica Strong-Boag: anti-feminism. In: Gerald Hallowell: The Oxford companion to Canadian history. Oxford University Press, Don Mills, Ont. 2004, ISBN 0-19-541559-0, S. 41.
  31. a b Meagan Fitzpatrick: National day of remembrance pays tribute to victims of Montreal massacre. In: CanWest News Service, 6. Dezember 2006. Abgerufen am 8. März 2012. 
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  40. Barbara Perry: Missing Pieced: The Paucity of Hate Crime Scholarship. In: Walter S. DeKeseredy, Barbara Perry (Hrsg.): Advancing Critical Criminology: Theory and Application. Lexington Books, Lanham, MD 2006, ISBN 0-7391-1252-X, S. 169.
  41. a b c Wendy Hui Kyong Chun: Unbearable Witness: towards a Politics of Listening. In: Journal of Feminist Cultural Studies. 11, Nr. 1, 1999, S. 112–149.
  42. Marie-Claude Lortie: Poly un an après: Psychose? Blessures au cerveau? Les spécialistes n’ont pas encore résolu l’énigme Marc Lépine. In: La Presse, 1. Dezember 1990, S. B7. 
  43. a b James Alan Fox, Jack Levin: Extreme killing: Understanding serial and mass murder. SAGE Publications, Thousand Oaks 2005, ISBN 0-7619-8857-2, S. 227–230.
  44. Greg Weston, Jack Aubry: Montreal’s Mass Killer Marc Lepine’s hatred fed on failure. In: Toronto Star, 8. Februar 1990, S. A18. Abgerufen am 16. Februar 2012. 
  45. Polytechnique Massacre: Marc Lepine, mass murderer. In: CBC, 7. Dezember 1989. Abgerufen am 1. Juni 2012. 
  46. Lépine & Gagné 2008, S. 138, 161–62.
  47. Jan Wong: Get under the desk. In: The Globe and Mail, 16. September 2006. Abgerufen am 16. Februar 2012. 
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Literatur[Bearbeiten]

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  • Louise Malette, Marie Chalouh: The Montreal massacre. Gynergy Books, Charlottetown, P.E.I. 1991, ISBN 0-921881-14-2.
  • Heidi Rathjen, Charles Montpetit: December 6: from the Montreal massacre to gun control: the inside story. M&S, Toronto 1999, ISBN 0-7710-6125-0.
  • Sharon Rosenberg und Roger I. Simon: Beyond the logic of emblemization: remembering and learning from the Montreal Massacre. In: Educational Theory. 50, Nr. 2, S. 133–155, Juni 2000, doi:10.1111/j.1741-5446.2000.00133.x.

Weblinks[Bearbeiten]