Amphidromie

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Dieser Artikel behandelt das meereskundliche Phänomen. Zur kultischen Feier im antiken Griechenland siehe Amphidromia.
Amphidromien und Tidenhübe in den Weltmeeren
Die drei Amphidromien in der Nordsee

Als Amphidromie (von griech. ἀμφίδρομος ἀmphίdromos „umlaufend“) bezeichnet man den Verlauf einer Gezeitenwelle in einem Meeresbecken, bei dem die Phasenlinien sternförmig um einen Ort herumlaufen. An diesem amphidromischer Punkt tritt kein Tidenhub auf. Die Gezeitenwellen laufen im oder gegen den Uhrzeigersinn um die amphidromischen Punkte.

Physikalische Zusammenhänge[Bearbeiten]

Physikalisch handelt es sich um Kelvinwellen. Die große Nordsüdausdehung der Landmassen der Alten Welt und Amerikas verhindert eine gleichmäßige Bewegung der Gezeitenwellen um den gesamten Globus. Stattdessen unterhalten die Anziehungskräfte von Sonne und Mond in den einzelnen Meeresbecken eine oder mehrere stehende Wellen. Die Corioliskraft versetzt diese stehenden Wellen in Rotation..

Die Ausdehnung einer Amphidromie hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der sich die rotierende Welle bewegt. Diese Wellengeschwindigkeit C ist proportional der Quadratwurzel aus der Wassertiefe t.

Innerhalb einer Amphidromie nimmt die Höhe der Gezeitenwelle (Tidenhub) mit dem Abstand zu ihrem Zentrum zu. Dies erklärt, warum Ebbe und Flut an der Ostküste Englands stärker ausgeprägt sind als in Cuxhaven.

Flachmeer Nordsee[Bearbeiten]

Die Nordsee hat wegen ihrer geringen Tiefe eine ungewöhnlich hohe Dichte amphidromischer Systeme, drei nebeneinander auf kleiner Fläche. Deren Zentren befinden sich im südlichen Teil zwischen der englischen Halbinsel East Anglia und Holland, in der Mitte über der Jütlandbank zwischen Nordengland und dem dänischen Jütland, sowie im Norden vor der Küste Norwegens bei Stavanger.

Tiefmeere[Bearbeiten]

In den tiefen Weltmeeren rotieren die Gezeitenwellen mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde. Da Wellenberg und Wellental dort Ausdehnungen von nicht selten über tausend Kilometern und entsprechend sanfte Hänge haben, steigt und fällt der Pegel am einzelnen Küstenort eines tiefen Ozeans nicht schneller als an der flachen Nordsee. Auch horizontale Wasserbewegungen sind nicht schneller.

Kartendarstellungen[Bearbeiten]

Die beiden Bilder zeigen die amphidromischen Systeme der Weltmeere bzw. der Nordsee. Die sternförmig von den amphidromischen Punkten ausgehenden Phasenlinien verbinden Punkte gleichen Tidenstands. Das heißt u. a. an den verbundenen Orten treten Hoch- und Niedrigwasser gleichzeitig auf. In der Weltkarte illustrieren die gebogenen schwarzen Pfeile die Rotationsrichtung. Länge und Lage dieser Pfeile beschreiben einen Zeitraum von sechs Stunden und damit etwa die Hälfte einer Tidenperiode. Die Flächenfarben stellen die Amplitude der Gezeitenwelle dar. In der Karte der Nordsee ist die Strömungsrichtung mit graublauen Pfeilspitzen angezeigt und die Synchronität mit einer beispielhaften Stundenfolge, siehe auch Tabelle ausgewählter Tidenhübe an der südlichen Nordsee.

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Ahnert, Einführung in die Geomorphologie, 4. Aufl. 2009, Ulmer UTB, ISBN 978-3-8252-8103-8, s. 329, Abb. 25.2., nach King, C. A. M., Beaches and Coasts, 2. Aufl. 1972, St. Martins Press, London
  •  E. Brown, A. Colling, D. Park, J. Phillips, D. Rothery, J. Wright: Waves, Tides and Shallow-Water Processes. The Open University, Walton Hall, Milton Keynes, England 2006, ISBN 0-7506-4281-5.
  •  H. V. Thurman, A. P. Trujillo: Introductory Oceanography. Pearson Prentice Hall, Upper Saddle River, New Jersey 2004, ISBN 0-13-143888-3.