Anasazi

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Verbreitungsgebiet der Kultur
Cliff Palace im Mesa-Verde-Nationalpark

Anasazi ist eine indianische Kulturtradition in den US-Bundesstaaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona. Heute bezeichnet man die Anasazi entweder als ancestral puebloans oder, in der Sprache der Pueblo-Indianer, als Chacoans oder Hisatsinom. In der Navajo-Sprache bedeutet Anasazi „die Alten Feinde“ (<anaa- „Feind“, sází „Vorfahre“). Die Verwendung dieses Begriffes geht auf einen Streit mit den Hopi zurück.

Die Kultur wird etwa von der Zeitenwende bis in die Gegenwart angesetzt. Die Anasazi-Tradition entwickelte mehrere Varianten, an denen Stämme mit verschiedenen Sprachen beteiligt waren: Hopi, Tewa, Tiwa, Towa, Keres und Zuni, bzw. deren Vorfahren. Die Anasazi-Tradition brachte einige der außergewöhnlichsten Baudenkmäler des amerikanischen Südwestens hervor, wie zum Beispiel Pueblo Bonito im Chaco Canyon und das Cliff Palace im Mesa-Verde-Nationalpark.

Entstehung und Phasen[Bearbeiten]

Die Anasazi-Kultur entstand aus zwei Kulturen, die sich gegenseitig beeinflussten: Die Mogollon-Kultur sowie die nomadischen Gruppen der Oshara-Kultur (auch Basketmaker genannt). Die Mogollon übernahmen das architektonische Wissen der Basketmaker, die wiederum den Ackerbau von den Mogollon übernahmen.

Etwa um das Jahr 700 hatten die Basketmaker mit dem Bau oberirdischer Häuser begonnen. Sie verwendeten dazu meist Halbhöhlen, die sie zumauerten, Fenster und Türen einbauten, und die sie vor allem als Vorratslager für den Winter benutzten. Diese in Reihe direkt aneinandergebaut, waren die ersten Pueblos. Errichtet wurden diese freistehend oder auch unter Felsüberhängen, in dieser Form als Cliff Dwellings bezeichnet.

Kultur Datierung Merkmale
Basketmaker I ursprünglich hypothetisch vorhergesagt, heute nicht mehr vertreten
Basketmaker II 400 v. Chr. bis 400 n. Chr. akeramisch
Basketmaker III 400 bis 700 n. Chr. Keramik, Grubenhäuser
Pueblo I 700 bis 900 n. Chr Oberirdische Wohnhütten, Weben und Töpfern wichtiger als Flechtwerk
Pueblo II um 1000 n. Chr. Größte Ausdehnung der Anasazi-Tradition, Siedlungen in Steinbauweise
Pueblo III bis 1281 n. Chr. Aufgabe vieler kleinerer Siedlungen, Konzentration auf mehrstöckige Wohnbauten
Pueblo IV 1281 bis 1450 n. Chr. wenige große Siedlungen (nach 1540 Eindringen der Spanier in den Südwesten)
Pueblo V seit 1450 heutige Indianer-Völker der Pueblo-Traditionen

Kulturelle Eigenheiten[Bearbeiten]

Speziell im Chaco Canyon, der im Westen des heutigen US-Bundesstaates New Mexico liegt, entstand eine Gesellschaft, die auf Arbeitsteilung basierte. Sie nahm komplexe Strukturen an, es entstanden eigentliche Staaten mit Herrschern und einer Priesterkaste. Die Anasazi-Völker unterwarfen große Gebiete des amerikanischen Südwestens.

Es setzte eine rege Bautätigkeit ein. Vom 11. bis ins 13. Jahrhundert wurden die meisten der Cliff Dwellings gebaut. Insbesondere die Siedlungszentren um den Chaco Canyon wurden mit einem Straßennetz miteinander verbunden, das auf eine Gesamtlänge von 2.400 km geschätzt wird. Dabei waren die Straßen etwa neun Meter breit.

Chalcedon-Messer, gefunden im Chaco Culture National Historical Park
Türkise und Argillite werden noch heute verarbeitet

Die Grundlage der Anasazi-Tradition war die Landwirtschaft, wobei die wichtigsten Lebensmittel Mais, Bohnen, Kürbisse und Sonnenblumen waren. Dennoch erzwangen verheerende Dürrekatastrophen, verstärkt durch den Raubbau an der Natur und durch die gestiegenen Bevölkerungszahlen, oftmals die Aufgabe großer Gemeinden, zum Beispiel Pueblo Bonito.

Daneben produzierten die Anasazi verschiedene Töpferwaren, die Tauschobjekte in einem weitläufigen Handel waren. Auch lieferten sie den Tolteken im heutigen Mexiko Türkise. Eine bedeutende Stellung nahm dabei der Chaco Canyon ein.

Niedergang[Bearbeiten]

Eine Kiva (Versammlungsraum) in Colorado

Ab 1150 n. Chr. setzte eine anhaltende Dürre ein, die etwa 1270 ihren Höhepunkt erreichte. Bislang fruchtbare Gebiete in den heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Utah und Colorado wurden zu Wüsten oder Trockensteppen. Dies führte zu einer Völkerwanderung. Gruppen der Nun-Kultur (Vorfahren der heutigen Paiute und Ute) drängten von Kalifornien herbei und Gruppen der Fremont-Kultur (Vorfahren der Diné, Apachen, Yuma) von Nevada und Utah. So bedrängt verließen die Anasazi-Völker ab 1270 ihre Heimat und zogen zum Rio Grande, in die Sierra Madre del Norte oder auf die Black Mesa. Letztere waren die Vorfahren der Hopi.

Bei den Tolteken führte die Dürre zu einem Bürgerkrieg, der den Türkis-Handel zusammenbrechen ließ. Einige Gruppen blieben zwar in der Region und errichteten Pueblo-Gesellschaften, doch viele zogen nach Süden oder Osten. Vermutlich nach 1250 wanderten die letzten Anasazi aus der Chaco-Region aus. Die Acoma, Laguna im Süden sowie verschiedene kleine Pueblogruppen im Osten werden als Nachkommen der Chaco-Anasazi angesehen.

Die Anasazi-Tradition besteht bis heute in den oben genannten Stämmen fort.

Anasazi-Pueblos

Knochenfunde und eine anhaltende wissenschaftliche Kontroverse[Bearbeiten]

Seit etwa 1980 haben Funde von offenbar gerösteten und gekochten Menschenknochen – wie 1997 bei Cowboy Wash nahe Dolores in Colorado – immer wieder wissenschaftliche Debatten um die Interpretation dieser Funde ausgelöst. Dazu kommt ein umstrittener Fund menschlicher Fäkalienreste, die menschliches Genmaterial enthalten sollen, was das Verspeisen menschlichen Gewebes belegen würde.

Möglicherweise stammen die Spuren auch von Hinrichtungsritualen. Zudem könnte es sich um besondere Bestattungsformen handeln, bei denen die Knochen aus dem Körper gelöst wurden.

Wortführer der Kannibalismusgruppe ist der Archäologe Christy Turner aus Arizona. Er identifizierte mehr als 30 Fundstätten aus der Zeit zwischen 900 und 1250, an denen sich menschliche Überreste fanden, die Bearbeitungsspuren aufweisen. Zusammen mit seiner Frau Jacqueline publizierte er diese Ergebnisse 1999 unter dem Titel Man Corn, und stellte die Hypothese auf, toltekische Invasoren hätten die Stämme der Region mittels solcher Rituale terrorisiert.

Funde in den Sacred-Ridge-Bauten aus der Pueblo-I-Periode belegen Fälle von vorsätzlicher Verkrüppelung, teils in Verbindung mit Folter in Form der Bastonade. Durch massive Schläge auf die Seite der Füße wurden die Sehnen zerstört, so dass die Opfer nicht mehr laufen konnten. Die Folter der Fußsohlen war so hart und andauernd, dass Knochenschichten abblätterten. Derartige Gewaltakte waren erst in einer sesshaften, agrarischen Gemeinschaft möglich. Aufgrund des Vergleich mit der bis in die Gegenwart bei den Zuñi erzählten Geschichte von Awatovi als moralische Erzählung ist anzunehmen, dass die Gewalttaten eine soziale Funktion hatten. Durch die exemplarische Anwendung von Gewalt gegenüber Einzelnen konnte eine ganze Bevölkerungsgruppe unterdrückt werden.[1]

Bekannte Siedlungen der Anasazi[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-10-013904-6.
  • Günter Stoll, Rüdiger Vaas: Spurensuche im Indianerland. Hirzel, Stuttgart 2001, ISBN 3-777-60939-0.
  • Helmut von Papen: Anasazi – Kritische Bemerkungen zu aktuellen Thesen. In: Magazin für Amerikanistik. Heft 1, 1. Quartal 2004
  • Helmut von Papen: Pueblos und Kivas – Die Geschichte der Anasazi und ihrer Nachbarn. Edition Vogelsang, Viersen 2000, ISBN 3-00-006869-4.
  • C. W. Ceram: Der erste Amerikaner. Als Taschenbuch bei Rowohlt, Reinbek, 1972, ISBN 3-499-61172-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anna J. Osterholtz: Hobbling and Torture as Performative Violance. In: Kiva, The Journal of Southwestern Anthropology and History. Arizona Archaeological and Historical Society, Volume 78, Issue 2 (Winter 2013), Seiten 123-144