Andenborstengürteltier

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Andenborstengürteltier
Andenborstengürteltier

Andenborstengürteltier

Systematik
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Gepanzerte Nebengelenktiere (Cingulata)
Familie: Gürteltiere (Dasypodidae)
Gattung: Borstengürteltiere (Chaetophractus)
Art: Andenborstengürteltier
Wissenschaftlicher Name
Chaetophractus nationi
(Thomas, 1894)

Das Andenborstengürteltier (Chaetophractus nationi) ist eine Art der Borstengürteltiere und lebt in den Hochlagen der Anden zwischen 2400 und 4000 m, weitgehend in offenen Grasländern. Es ist ein Allesfresser, allerdings ist kaum etwas über die Lebensweise bekannt, womit das Tier zu den am wenigsten untersuchten Gürteltierarten gehört. Da es häufig bejagt und der Rückenpanzer für den Bau von Musikinstrumenten verwendet wird, stuft die IUCN den Gesamtbestand als gefährdet ein.

Merkmale[Bearbeiten]

Das Andenborstengürteltier weist eine Kopf-Rumpf-Länge von 20 bis 27,9 cm auf, hinzu kommt ein Schwanz von 9 bis 18 cm Länge. Das durchschnittliche Gewicht beträgt etwa 1,2 kg. Damit ist das Andenborstengürteltier etwa so groß wie das Kleine Borstengürteltier (Chaetophractus vellerosus), mit dem es auch häufig verwechselt wird. Das Tier weist einen kurzen und breiten Kopf auf, der bis zu 8 cm lang wird und an den weit auseinander stehenden Ohren schmaler ist als beim Kleinen, jedoch breiter als beim Braunborsten-Gürteltier (Chaetophractus villosus). Der markante Kopfschild ist dreieckig geformt und aus kleinen Knochenplättchen aufgebaut, wobei die Länge und Breite des Kopfschildes nahezu die gleiche Größe aufweisen. Der ebenfalls aus kleinen, in Reihen angeordneten Knochenplättchen bestehende Rückenpanzer besitzt eine breite und flache Form. Zwischen den festeren Schulter- und Beckenteil befinden sich 7 bis 9, meist aber 7 bewegliche Bänder. Der Körper ist mit bis zu 7,2 cm langen und blassen Haaren bedeckt. Die Körperfärbung variiert von grau über gelblichgrau bis hin zu orange. Als einzige Lautäußerung ist ein Schrei bekannt, der bei Gefahr oder Überraschung ausgestoßen wird.[1][2]

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten]

Verbreitungsgebiet

Hauptsächlich ist das Andenborstengürteltier im westlichen Teil Boliviens verbreitet, wo etwa 70 % des Gesamtbestandes vermutet werden. Darüber hinaus ist es auch im Süden Perus, im Nordosten Chiles und im nordwestlichen Argentinien anzutreffen. Das Verbreitungsgebiet liegt dabei in den Hochlagen der Anden bei 2400 bis 4000 m Meereshöhe (Altiplano). Die Ausdehnung des Vorkommens wird mit 383.000 km² angegeben. Es gibt aber kaum Informationen über die Dichte der Population, eine grobe Schätzung liegt für ein rund 340 km² großes Gebiet in Bolivien bei 13.000 Individuen. Als Habitat dienen die offenen Grasländer der Pampa- und hohen Puna-Regionen, wobei überwiegend weiche, sandige Böden Voraussetzung sind.[3][4] Vor allem in den Puna-Landschaften ab 3500 m Meereshöhe ist das Andenborstengürteltier durch Landschaftsveränderungen besonders gefährdet.[5]

Lebensweise[Bearbeiten]

Über die Lebensweise des Andenborstengürteltiers ist nur sehr wenig bekannt. Es lebt einzelgängerisch und ernährt sich omnivor. Dabei besteht die Nahrung aus Insekten und Larven sowie anderen Wirbellosen, weiterhin auch aus Früchten, Wurzeln und Aas. Zur Futtersuche dringt es dabei auch in landwirtschaftlich kultivierte Regionen vor. Außerdem gräbt das Tier unterirdische Bauten, für die es häufiger lockere Sanddünen nutzt als rein grasbewachsene Areale. Diese Bauten haben möglicherweise mehrere Eingänge, allerdings legt das Andenborstengürteltier keine zusätzlichen Nester aus Pflanzenmaterial an.[6] Die Fortpflanzung ist kaum untersucht, ausgehend von der nahen Verwandtschaft zum Braunborsten- und Kleinen Borstengürteltier gehen Forscher davon aus, dass männliche und weibliche Tiere mit rund einem Jahr geschlechtsreif sind und die Weibchen pro Jahr ein oder zwei Jungtiere zur Welt bringen.[3] Eine Geburt in menschlicher Gefangenschaft wurde bisher nur einmal beobachtet, die beiden Jungtiere verstarben aber kurz darauf.[2]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der rezenten Gürteltiere nach Delsuc et al. 2003[7] und Möller-Krull et al. 2007[8]
 Dasypodidae 


 Dasypodinae


     
 Tolypeutinae 

 Tolypeutes


     

 Priodontes


     

 Cabassous




     

 Chlamyphorinae 


 Euphractinae 

 Zaedyus


     

 Chaetophractus


     

 Euphractus








Das Andenborstengürteltier gehört zur Gattung der Borstengürteltiere (Chaetophractus), die zwei weitere Arten einschließt. Die Borstengürteltiere wiederum sind Teil der Familie der Gürteltiere (Dasypodidae). Die zu den Borstengürteltieren nächstverwandte Art ist das Sechsbinden-Gürteltier (Euphractus), welches das Schwestertaxon bildet. In die nähere Verwandtschaft ist auch das Zwerggürteltier (Zaedyus) einzureihen. Alle drei Gürteltiervertreter bilden die Unterfamilie Euphractinae, die innerhalb der Gürteltiere den Chlamyphorinae mit den Gürtelmullen gegenüberstehen. Weiter außerhalb stehen die Tolypeutinae mit unter anderem den Kugelgürteltieren (Tolypeutes) und den Nacktschwanzgürteltieren (Cabassous). Die Trennung der beiden Unterfamilien Euphractinae und die Tolypeutinae erfolgte laut molekulargenetischen Untersuchungen bereits im Oligozän vor 33 Millionen Jahren.[9] Die Gattung Chaetophractus selbst spaltete sich im späten Miozän vor rund 6 Millionen Jahren von der Linie der Euphractinae ab.[10]

Die Erstbeschreibung erfolgte durch Oldfield Thomas im Jahr 1894 anhand einzelner Exemplare aus Bolivien, er verwies die Art aber zu den Langnasengürteltieren (Dasypus). Die korrekte Artbezeichnung als Chaetophractus nationi wurde erstmals 1928 verwendet.[11] Einige Experten vertreten die Meinung, dass das Andenborstengürteltier nur eine Unterart des Kleinen Borstengürteltiers darstellt, allerdings fehlen bisher eingehendere Untersuchungen dazu.[5][4]

Bedrohung und Schutz[Bearbeiten]

Das Andenborstengürteltier wird stark bejagt, einerseits als Nahrungsressource, andererseits zur Verwendung des Rückenpanzers als Teil der Charango-Instrumente und in der Schmuckindustrie. Schätzungen gehen von rund 2000 jährlich getöteten Individuen allein in Bolivien aus. Weiterhin stellt der Verlust der natürlichen Lebensräume eine große Bedrohung dar, in diesem Zusammenhang hat vor allem der Sandabbau zur Herstellung von Beton eine äußerst negative Einwirkung. Durch den Verlust der Habitate dringt die Gürteltierart auch in kultivierte Regionen vor, allerdings wird sie dadurch teilweise von Farmern bekämpft, die sie als Nahrungsschädling ansehen.[6][3] Insgesamt schätzt die IUCN den Bestand als „gefährdet“ (vulnerable) ein, da es seit dem Jahr 2000 einen Rückgang der Population um wenigstens 30 % in Bolivien zu verzeichnen gab. Hier ist das Andenborstengürteltier in nur einem geschützten Gebiet anzutreffen, im Sajama Nationalpark.[4] Nur selten wird die Gürteltierart in zoologischen Einrichtungen gehalten, so in Lima in Peru.[12]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anonym: Chaetophractus nationi. Sistema de Información de Biodiversidad (www.sib.gov.ar Chaetophractus nationi)
  2. a b Mariella Superina: Biologie und Haltung von Gürteltieren (Dasypodidae). Universität Zürich, 2000, S. 1–248
  3. a b c Agustín M. Abba und M. Superina,: Chaetophractus nationi. Edentata 11 (2), 2010, S. 148
  4. a b c Augustín M. Abba und Mariella Superina: Chaetophractus nationi. In: IUCN: IUCN Red List of Threatened Species. Version 2012.2. ([1]), zuletzt abgerufen am 18. Februar 2013
  5. a b Edentate Specialist Group: The 2004 Edentata species assessment workshop, Belo Horizonte, Minas Gerais, Brazil, December 16–17, 2004. Edentata 5, 2004, S. 3–26
  6. a b José Carlos Pérez-Zubieta: Intensidad de uso de Hábitat del Quirquincho Andino (Chaetophractus nationi) en Zonas Aledañas a Asentamientos Humanos de la Provincia Sur Carangas, Oruro, Bolivia. Edentata 12, 2011, S. 28–35
  7. Frédéric Delsuc, Michael J. Stanhope und Emmanuel J.P. Douzery: Molecular systematics of armadillos (Xenarthra, Dasypodidae): contribution of maximum likelihood and Bayesian analyses of mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 28, 2003, S. 261–275
  8. Maren Möller-Krull, Frédéric Delsuc, Gennady Churakov, Claudia Marker, Mariella Superina, Jürgen Brosius, Emmanuel J. P. Douzery und Jürgen Schmitz: Retroposed Elements and Their Flanking Regions Resolve the Evolutionary History of Xenarthran Mammals (Armadillos, Anteaters and Sloths). Molecular Biology and Evolution 24, 2007, S.2573–2582
  9. Frédéric Delsuc, Sergio F Vizcaíno und Emmanuel JP Douzery: Influence of Tertiary paleoenvironmental changes on the diversification of South American mammals: a relaxed molecular clock study within xenarthrans. BMC Evolutionary Biology 4 (11), 2004, S. 1–13
  10. Sebastián Poljak, Viviana Confalonieri, Mariana Fasanella, Magalí Gabrielli und Marta Susana Lizarralde:Phylogeography of the armadillo Chaetophractus villosus (Dasypodidae Xenarthra): Post-glacial range expansion from Pampas to Patagonia (Argentina). Molecular Phylogenetics and Evolution 55 (1), ,S. 38–46
  11. Alfred L. Gardner: Mammals of South America, Volume 1: Marsupials, Xenarthrans, Shrews, and Bats. University of Chicago Press, 2008 (S. 141) ISBN 0226282406, 9780226282404
  12. E. Solano Bravo: Valores hematológicos del armadillo peludo (Chaetophractus nationi) en cautiverio en un parque zoológico de Lima, Perú. Revista 14, 2012, S. 1–3 (Valores hematológicos del armadillo peludo (Chaetophractus nationi) en cautiverio en un parque zoológico de Lima, Perú (PDF-Datei; 345 kB))

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Chaetophractus vellerosus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Chaetophractus nationi in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2012. Eingestellt von: Superina & Abba, 2006. Abgerufen am 18. Februar 2013