André Glucksmann

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André Glucksmann auf dem Festival SOS 4.8 in Murcia, Jahr 2010.

André Glucksmann (* 19. Juni 1937 in Boulogne-Billancourt) ist ein französischer Philosoph und Essayist.

Leben[Bearbeiten]

Familie und Kindheit[Bearbeiten]

André Glucksmanns Eltern entstammten dem osteuropäischen Judentum, der Vater aus der Bukowina, die Mutter aus Prag. Beide gingen in den 1920er Jahren nach Palästina und haben sich dort kennengelernt. Zwei Schwestern Andrés sind dort geboren. 1930 ging die Familie nach Deutschland, wo sich die Eltern ab 1933 dem antifaschistischen Widerstand anschlossen. 1937 flüchteten sie nach Frankreich. Der Vater kam dort 1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen, ums Leben. 1941 wurde die restliche Familie ins Lager Bourg-Lastic bei Vichy gebracht. Es drohte ihnen die Deportation nach Deutschland. Mutter und Kinder durften jedoch das Lager wieder verlassen, weil André in Frankreich geboren und somit Franzose war.

Vor 1976: Kommunist[Bearbeiten]

Nach seinem Philosophie-Studium in Lyon und an der École normale Supérieure Saint-Cloud arbeitete Glucksmann beim Centre national de la recherche scientifique unter der Leitung von Raymond Aron als Spezialist für Krieg, Abschreckung und nukleare Strategie. Im Jahre 1968 veröffentlichte er sein erstes Buch Le Discours de la Guerre (Diskurs über den Krieg). Er nahm an den Mai-Demonstrationen im Jahre 1968 teil und bezeichnete sich als militanten Maoisten. Danach wurde er Mitglied der Gauche Prolétarienne (GP), die die antiautoritäre Revolte des Pariser Mai in eine proletarische Revolution weiterentwickeln wollte und den Kampf noch bis 1970 fortführte, solidarisch unterstützt von Jean-Paul Sartre. Im Verständnis der GP verstärkte sich damals in Frankreich die staatliche Unterdrückung und nahm die Formen eines Faschismus von oben an.

Nach 1976: Totalitarismuskritik[Bearbeiten]

In der deutschen Linken wurde Glucksmann durch sein 1976 in deutscher Sprache erschienenes Buch Köchin und Menschenfresser – Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager bekannt. Beeinflusst von Solschenizyns Buch Der Archipel Gulag stellt es eine Abrechnung mit Marxismus und Stalinismus und der Geschichte der Sowjetunion dar. Wegen seiner GP-Vergangenheit wurde Glucksmanns Buch in einigen Teilen der militanten Linken, die sich revolutionär und kommunistisch verstanden, besonders stark diskutiert.

Als Glucksmanns Hauptwerk gilt seine 1977 erschienene philosophische Abhandlung Die Meisterdenker (Les maîtres penseurs), zu welcher er nach eigenem Bekunden ebenfalls durch die Lektüre von Solschenizyns Buch angeregt wurde. Mit den „Meisterdenkern“ sind die deutschen Philosophen Fichte, Hegel, Nietzsche und Marx gemeint, denen Glucksmann den Vorwurf macht, einen Kult um die romantisch-mythische Überhöhung der „abschließenden, totalen und endgültigen Revolution“ und des daraus resultierenden totalitären Staates begründet zu haben, und so für den nicht oder nicht ausreichend vorhandenen Widerstand gegenüber Totalitarismen verantwortlich zu sein.

Zitat aus Die Meisterdenker:

  • „Das ‚Deutschland‘, Geburtsstätte der faschistischen Bewegungen, ist kein Territorium, keine Bevölkerung, sondern ein Text und ein Verhältnis zu Texten, die lange vor Hitler aufgestellt und weit über die alten Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation verbreitet wurden. Dieses Deutschland ist ganz zeitgemäß, es hat seinen Sitz in den modernen Köpfen des modernen Planeten, im Pentagon zu Washington ebenso wie in dem letzten Loch eines Konzentrationslagers in den Dörfern Kambodschas.“

In seinem im Oktober 2004 erschienenen Buch Le Discours de la haine (Hass) vertritt er, einem Spiegelinterview [1] zufolge, folgende Kernthesen: „Ideologien sind das Alibi des Hasses.“ „Um seine Zerstörungskraft zu entfalten, muss Hass kollektiv werden.“ „Ideologien können der Kollektivierung des Hasses dienen, sind aber nicht dessen Ursache.“ Das gelte ebenso für Religionen. Wenn die Ideologien widerlegt oder besiegt sind, verschwände also keineswegs der Hass. Erst durch die Beherrschung des Todestriebs, der Mordinstinkte und der Begierden würden Terror und Hass eingedämmt. „Eine Zivilisation gründet sich nicht unbedingt auf das gemeinsam angestrebte Beste, sondern auf die Ausgrenzung, die Tabuisierung des Bösen.“ Als erfolgversprechenden Kampf gegen das Böse sieht er z. B. den Irak-Krieg der USA. Viele Demokratien verhielten sich zu zurückhaltend im Vertrauen darauf, dass sich das Gute mit dem Fortschritt von selbst durchsetzt.

Glucksmann wendet sein antitotalitäres Erklärungsmodell inzwischen auch auf den Terrorismus an. Die Attentate der Tschetschenen verklärt er zum antitotalitären Widerstand. Heute ist Glucksmann einer der Herausgeber der Zeitschrift „Le Meilleur des Mondes“, in der die französischen Befürworter des Irak-Krieges zu Wort kommen und deren Schwerpunkt die Kritik des Antiamerikanismus ist.

1999 befürwortete Glucksmann bereits den Krieg der NATO gegen Slobodan Milošević.[2]

In der Zeitung Le Monde (Ausgabe 30. Januar 2007) begründete er, wieso er bei den französischen Präsidentschaftswahlen für Nicolas Sarkozy (UMP) stimmen wollte.[3]

Werke[Bearbeiten]

  • Les deux chemins de la philosophie, 2009, deutsch: "Philosophie des Widerstands, Sokrates oder Heidegger" Übersetzt von Helmut Kohlenberger und Dorothea Resch in Zusammenarbeit mit Wilhelm Donner, Passagen Verlag, Wien 2012
  • Gott, rette die Vernunft! Die Regensburger Vorlesung des Papstes in der philosophischen Diskussion. Benedikt XVI, Andrè Glucksmann, Wael Faroug, Sari Nusseibeh, Robert Spaemann. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2008
  • Une rage d’enfant (2006), deutsch: Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens. Erinnerungen. Übersetzt von Bernd Wilczek, Nagel & Kimche, München 2007, ISBN 978-3-312-00385-3 (Rezension im Standard, 7. April 2007)
  • Le Discours de la haine (2004), deutsch: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt. Übersetzt von Bernd Wilczek & Ulla Varchmin, Nagel & Kimche, München 2005, ISBN 3-312-00360-1
  • Ouest contre Ouest (2003)
  • Dostoïevski à Manhattan (Januar 2002)
  • La Troisième Mort de Dieu (März 2000)
  • Cynisme et passion (Januar 1999)
  • Le Bien et le mal (September 1997)
  • De Gaulle où es-tu? (März 1995), deutsch: Krieg um den Frieden. Übersetzt von Ursel Schäfer, DVA, Stuttgart 1996, ISBN 3-421-05030-9
  • La Fêlure du monde (Dezember 1993)
  • Le XIe commandement (Januar 1992)
  • Descartes c'est la France (Oktober 1987), deutsch: Die cartesianische Revolution. Von der Herkunft Frankreichs aus dem Geist der Philosophie, Hamburg 1989, ISBN 3-498-02453-1
  • Silence, on tue (Oktober 1986), mit Thierry Wolton, deutsch: Politik des Schweigens. DVA, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06360-5
  • L’Esprit post-totalitaire, précédé de Devant le bien et le mal (Mai 1986), mit Petr Fidelus
  • La Bêtise (März 1985), deutsch: Die Macht der Dummheit. DVA, Stuttgart 1985
  • La Force du vertige (November 1983), deutsch: Philosophie der Abschreckung DVA, Stuttgart Mai 1984, ISBN 3-421-06201-3
  • Cynisme et passion (Oktober 1981)
  • Les Maîtres penseurs (März 1977), deutsch: Die Meisterdenker. DVA, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06350-8
  • La Cuisinière et le Mangeur d'Hommes, réflexions sur L'état, le marxisme et les camps de concentration (1975), deutsch: Köchin und Menschenfresser – Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager, 1976
  • Discours de la guerre, théorie et stratégie (1967)

Literatur[Bearbeiten]

  • Jürg Altwegg: André Glucksmann – ein existentieller und intellektueller Dialog mit Deutschland. In: André Glucksmann: Philosophie der Abschreckung. Frankfurt am Main/Berlin 1986, S. 9-24
  • Jürg Altwegg/Aurel Schmidt: André Glucksmann oder Der Intellektuelle als anti-ideologischer Brandstifter. In: Dies.: Französische Denker der Gegenwart. Zwanzig Porträts. München 1988 (2. Aufl.), S. 98–104
  • Ingeborg Breuer/Peter Leusch/Dieter Mersch: Vom Antitotalitarismus zur „Ethik der Ersten Hilfe“. Politische Moralistik bei André Glucksmann. In: Dies.: Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie, Frankreich/Italien. Hamburg 1996, S. 127–136
  • Yves Bizeul: André Glucksmanns Weg zum Leitintellektuellen – Aufstieg und Fall. In: Harald Bluhm/Walter Reese-Schäfer (Hrsg.): Die Intellektuellen und der Weltlauf. Schöpfer und Missionare politischer Ideen in den USA, Asien und Europa nach 1945. Nomos, Baden-Baden 2006, S. 171–193
  • Günther Schiwy: André Glucksmann: „Le Discours de la Guerre“ und „La Force du Vertige“ („Philosophie der Abschreckung“). In: Ders. (Hrsg.): Poststrukturalismus und „Neue Philosophen“. Reinbek bei Hamburg 1985, S. 121–131

Filme[Bearbeiten]

  • Sauve qui pense – Rette sich, wer denkt! ARTE-Filmporträt über den französischen Philosophen André Glucksmann. Frankreich/Deutschland, 1997/98, Buch und Regie: Christoph Weinert

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gemeinsam das Böse erkennen In: Der Spiegel 39/26. September 2005 S. 216 ff
  2. Vgl. A. Glucksmann: Es muß Krieg sein. Milosevic, der Balkan und Europa. In: SZ, 1./2. April 1999;
    A. Glucksmann: Nicht zaudern! Der Westen muß Milosevic besiegen und das Kosovo befreien. In: Die Zeit, 15. April 1999
  3. Le Monde: Pourquoi je choisis Nicolas Sarkozy, par André Glucksmann, 30. Januar 2007

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: André Glucksmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien