Andrei Nikolajewitsch Tupolew

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Andrei Nikolajewitsch Tupolew (russisch Андрей Николаевич Туполев, wiss. Transliteration Andrej Nikolaevič Tupolev; * 29. Oktoberjul./ 10. November 1888greg. in Pustomasowo, Oblast Twer; † 23. Dezember 1972 in Moskau) war ein sowjetischer Flugzeugkonstrukteur.

Leben[Bearbeiten]

Tupolew wurde in Pustomasowo, einem Dorf im Rajon Kortschewski, als Sohn des Notars Nikolai Iwanowitsch Tupolew geboren. Den ersten Schulunterricht erhielt er zu Hause, später besuchte er das Gymnasium in Twer. 1908 schloss er das Abitur ab und begann noch im selben Jahr ein Studium an der Technischen Universität in Moskau. Tupolew interessierte sich sehr für die Fliegerei, weswegen er Mitglied im instituteigenen Luftfahrtzirkel wurde. Dort kam er erstmals mit dem Aerodynamiker Nikolai Schukowski in Kontakt, der an der Universität eine Professur innehatte und den Zirkel leitete. Tupolew wurde Schukowskis Schüler. 1910 konstruierte Tupolew unter dessen Anleitung für die Universität einen Windkanal, anschließend wurde er zum Leiter des neuerrichteten Laboratoriums für aerodynamische Versuche ernannt. Am 14. März 1911 wurde Tupolew mit der Begründung, einer verbotenen politischen Vereinigung anzugehören, verhaftet. Der Vorwurf bestätigte sich nicht, doch Tupolew wurde in sein Heimatdorf verbannt und durfte erst im Februar 1914 nach Moskau zurückkehren und sein Studium fortsetzen. Für das Petrograder wissenschaftlich-technische Laboratorium entwarf er 1915, diesmal völlig eigenständig, ebenfalls einen Windkanal.

Ein Jahr später wurde Tupolew zum Leiter der Abteilung Wasserflugzeuge innerhalb der Moskauer Duks-Werke ernannt. Nach der Oktoberrevolution 1917 erhielt er einen leitenden Posten einer Konstruktionsabteilung bei der Hauptverwaltung der Luftfahrt.

Zum Abschluss seines Studiums wählte er aufgrund seiner Tätigkeit im Duks-Werk als Diplomthema Erfahrungen in der Entwicklung von Wasserflugzeugen auf Basis von Windkanalversuchen. Am 11. Juni 1918 bekam er sein Diplom als Ingenieur-Mechaniker ausgehändigt.[1] Auf Empfehlung Schukowskis hin wurde er anschließend Dozent an der Moskauer TU. Zusammen mit Nikolai Jegorowitsch Schukowski gründete er am 30. Oktober 1918 ein Institut, das bald darauf als ZAGI bekannt werden sollte.

Im Herbst 1919 begab sich Tupolew aufgrund einer Brustfellentzündung in Verbindung mit einer beginnenden Tuberkulose in ein Sanatorium auf der Krim. Er blieb dort etwa ein Jahr und kehrte im Herbst 1920 nach Moskau zurück. In diese Zeit fällt auch die Hochzeit mit der Krankenschwester Julija Nikolajewna Scheljatkowa.

Im Januar 1921 begann die Entwicklung des ersten Flugzeuges des ZAGI, der Tupolew ANT-1, zu dessen grundlegender Auslegung Tupolew bereits 1911 erste Aufzeichnungen gemacht hatte. 1925 gelang ihm mit dem weltweit ersten zweimotorigen freitragenden Ganzmetallbomber, der Tupolew ANT-4 ein epochaler Entwurf.

Neben Flugzeugen entwickelte Tupolew in den 1920er Jahren auch mehrere Motorschlitten und Schnellboote. Auch war er an der Entwicklung von Luftschiffen beteiligt; so entwarf er die Gondel für das Luftschiff „Moskowski Chimik-Resinschtschik“ von 1926.

Bekannteste Typen in den 1930er Jahren waren die Passagierflugzeuge Tupolew ANT-9 und Tupolew ANT-20 Maxim Gorki sowie das Bombenflugzeug ANT-6, das auch durch das Sweno-Projekt bekannt wurde und die Tupolew ANT-25, wobei letztere durch ihre Fernflüge auch internationales Aufsehen erregte.

Briefmarke mit Tupolew

1934 begann er zusammen mit Alexander Alexandrowitsch Archangelski an der Konstruktion des fortschrittlichen zweimotorigen Bombers Tupolew ANT-40 zu arbeiten. Eine zivile Weiterentwicklung, die Tupolew PS-35 flog im Herbst 1936, nachdem Tupolew im Juni 1936 sein eigenes OKB-156 gegründet hatte. Sie sollte das zukünftige Rückgrat der zivilen Luftfahrt der Sowjetunion bilden.

Am 21. Oktober 1937 wurde Tupolew während des Großen Terrors verhaftet. Auslöser war wahrscheinlich ein fehlgeschlagener Rekordversuch mit einer ANT-25 vom 3. August 1935, nach dessen Scheitern er von dem Piloten Sigismund Lewanewski der Sabotage beschuldigt worden war. Er wurde unter der Anklage, dass er Hochverrat begangen und während einer 1935 durchgeführten Frankreichreise den Franzosen Originalpläne von Bombern und Jagdflugzeugen übergeben habe, am 28. Mai 1940 in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft sowie fünf weiteren Jahren der Aberkennung aller bürgerlichen Rechte verurteilt. Ein weiterer Anklagepunkt war die Mitgliedschaft in einer faschistischen Partei. Auch kursierten Gerüchte, er habe Pläne an die deutschen Messerschmitt-Werke verkauft, aus denen dann die Messerschmitt Bf 109 entwickelt worden sei. Während seines Gefängnisaufenthaltes wurden seine Projekte eingestellt oder von anderen OKBs betreut. Die von ihm entwickelten Flugzeugtypen durften nicht mehr mit dem Kürzel „ANT“ bezeichnet werden und wurden in „ZAGI“ umbenannt. Dann wurde er gezwungen im Zentralen Entwicklungsbüro 29 des NKWD zusammen mit anderen inhaftierten Ingenieuren einen zweimotorigen Sturzkampfbomber zu entwickeln. Die Entwicklungen führten zu der fortschrittlichen Tupolew Tu-2. Nachdem sich das Muster während des Großen Vaterländischen Krieges an der Front bewährt hatte, wurden Tupolew und seine überlebenden Leidensgenossen wieder freigelassen. Im Dezember 1943 wurde er zu Stalin bestellt, der sich bei ihm entschuldigt haben soll. Ein Vorgang, der kein zweites Mal belegt ist. Allerdings wurde er erst zwei Jahre nach Stalins Tod von allen Anschuldigungen freigesprochen.

Nach seiner Freilassung ging er nach Omsk und gründete da das OKB-166, bis er schließlich 1943 wieder zurück nach Moskau zog und sein ursprüngliches OKB wieder übernahm.

Noch während des Krieges wurde ihm als weitere Aufgabe gestellt, die Boeing B-29 zu kopieren, um so den Rückstand der UdSSR bei strategischen Bombern aufzuholen. Ihm gelang das Kunststück, des kompletten Entwurf in nur 18 Monaten zu überarbeiten. So entstand die Tupolew Tu-4, die aufgrund der Motorisierung und des etwas höheren Gewichtes nicht ganz an die Leistungen des Originals herankam, aber gegenüber dem letzten strategischen Bomber, der Petljakow Pe-8 (ursprünglich auch ein Tupolew-Entwurf) einen bedeutenden Fortschritt darstellte. Letztlich war es diese Maschine, durch die zum Ende der 1940er Jahre die UdSSR zur Atommacht wurde.

Tupolew entwickelte weitere sowjetischen Kampfflugzeuge, aber auch bedeutende und große Verkehrs- und Langstreckenflugzeuge, maßgeblich die Tupolew Tu-104, die in ihrem Grundentwurf etwa die Leistungsfähigkeit der Boeing 707 erreichte. Er gestaltete mit Sergei Wladimirowitsch Iljuschin maßgeblich die Flugzeug- und Raumfahrtindustrie der Sowjetunion in den 1950er und 1960er Jahren.

Zahlreiche Passagiermaschinen in vielen Luftflotten der Welt benutzen heute Tupolew-Flugzeuge. Er war an mehr als hundert Flugzeug-Projekten beteiligt, viele seiner Maschinen errangen Weltrekorde. Sein Sohn, Alexei Andrejewitsch Tupolew, setzte die Ingenieurlaufbahn seines Vaters fort.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz A. F. Schmidt (Hrsg): Andrej Nikolajewitsch Tupolew – das Portrait eines Flugzeugkonstrukteurs. In: Flieger-Jahrbuch 1960. Transpress. Berlin, 1960. S.47–53