Andrievs Niedra

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Andrievs Niedra (* 23. Januarjul./ 4. Februar 1871greg.[1] in der Gemeinde Tirza bei Gulbene (deutsch: Schwanenburg), Livland (lettisch: Vidzeme); † 25. September 1942 in Rīga) war ein lettischer Schriftsteller, lutherischer Pastor und im Frühjahr 1919 für zwei Monate Ministerpräsident einer lettischen Marionettenregierung.

Leben[Bearbeiten]

Niedra konnte bereits im Alter von sechzehn Jahren seine erste Gedichtsammlung veröffentlichen und er war noch keine zwanzig, als seine Geschichten, die auf der Geschichte und Volkskunde gründeten, in der Zeitung Baltijas Vēstnesis zu erscheinen begannen. Zwischen 1890 und 1899 studierte er an der Universität zu Dorpat Theologie. In seinen Geschichten, Schriften und Theaterstücken verband er auf ansprechende Weise realistische Fiktion mit idealistischen Vorstellungen, sein Thema war vielfach die Herausbildung der Lettischen Intelligentsia und die Situation des Landvolkes in Bezug auf die vorherrschenden Deutschbalten.

Niedra glaubte daran, dass sich die Gesellschaft nur durch Evolution, nicht durch Revolution entwickeln könne. Er war ein erbitterter Gegner des Sozialismus und wurde in einer zunehmend revolutionären Gesellschaft als Reaktionär gesehen. Niedra trat öffentlich gegen die Revolution von 1905 auf. Ab 1908 war er als Pfarrer und Gutsherr in Kalsnava im Nordosten Lettlands. Nach der Abdankung des Zaren 1917 war Niedra auf dem rechten Flügel des neugegründeten Lettischen Bauernverband aktiv. Er wurde Anfang 1918 von den Bolschewisten verhaftet, konnte jedoch aus einem Bahntransport fliehen.

Während des lettischen Befreiungskrieges war Andrievs Niedra von April bis Juli 1919 Ministerpräsident einer von den alliierten Behörden, bürgerlichen Letten und dem deutschen Generalkommando in Lettland eingesetzten Marionettenregierung.[2] Dieser neuen Regierung war am 16. April 1919 ein Putsch der Baltischen Landeswehr unter Führung von Hans Baron Manteuffel-Szoege vorausgegangen.[3] Nach dem Waffenstillstand von Strasdenhof zwischen den Alliierten, Estland, Lettland und der deutschen Besatzungsmacht am 3. Juli 1919 trat er zurück. Im Herbst war er dann bei Bermondt-Awaloff in der Zivilverwaltung Kurlands tätig. Nach der militärischen Niederlage von Awaloffs Westrussischer Befreiungsarmee floh auch Andrievs Niedra aus Lettland. 1924 kehrte er zurück, kam wegen Landesverrats vor Gericht und wurde ausgewiesen. Im Exil nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, wurde zum Pastor einer Glaubensgemeinde in Ostpreußen und schrieb ein längeres Werk mit dem Titel Tautas nodevēja atmiņas (Memoiren eines Volksverräters) nieder. Die erste Auflage des ersten Teils wurde unter Kārlis Ulmanis nach dem Staatsstreich vom 15. Mai 1934 vernichtet, seine Werke verboten. Niedra kehrte während der deutschen Besetzung Lettlands in seine Heimat zurück und starb in Rīga.

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrievs Niedra: Tautas nodevēja atmiņas. Piedzīvojumi cīņā pret lielimiecismu. Zinātne, Riga 1998, ISBN 5-7966-1144-5.
  • Inta Pētersone (Hrsg.): Latvijas Brīvības cīņas 1918 - 1920. Enciklopēdja. Preses nams, Riga 1999, ISBN 9984-00-395-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag im Taufregister der Gemeinde Tirsen (lettisch: Tirza). Nach anderen Angaben wurde er am 27. Januarjul./ 8. Februar 1871greg. geboren.
  2. 1919 - The battles for Latvia's independence and Bermondt's attack against Riga. auf leta.lv (Nationale lettische Nachrichtenagentur). Abgerufen am 18. Juli 2010
  3.  Siegfried Boström: Balten sind wir gewesen. Türmer, Berg (Starnberger See) 1983, ISBN 3-87829-077-2, S. 211f.