Anita – Tänze des Lasters

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Filmdaten
Originaltitel Anita – Tänze des Lasters
Produktionsland Bundesrepublik Deutschland
Originalsprache deutsch
Erscheinungsjahr 1988
Länge 89 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie Rosa von Praunheim
Drehbuch Rosa von Praunheim, Lotti Huber, Hannelene Limpach, Marianne Enzensberger
Produktion Rosa von Praunheim, Road Movies/ZDF
Musik Konrad Elfers, Rainer Rubbert, Alan Marks, Wilhelm Dieter Siebert, Ed Lieber
Kamera Elfi Mikesch (Farbe/s-w)
Besetzung

Anita – Tänze des Lasters ist ein deutscher Spielfilm von Rosa von Praunheim aus dem Jahre 1988.

Handlung[Bearbeiten]

Eine alte Frau beschwört in verklärten Bildern noch einmal ihr bewegtes Leben als große Tänzerin der Stummfilmzeit herauf, ehe sich ihre Vita als bis zum Wahnsinn gesteigerter Wunschtraum entpuppt. Anita Berber war in den 1920er Jahren Nackttänzerin und Stummfilmdiva, eine „kokainschnüffelnde Galionsfigur der prassenden Dekadenz-Gesellschaft.“ (Ponkie) Der Film Rosa von Praunheims zeigt die Gegenwart (in Schwarz-Weiß) im Schnitt gegen die Stummfilm-Visionen mit Zwischentiteln (in Farbe): Eine geistesgestörte Alte – gespielt von Lotti Huber als brillant komische Knalltüte mit frechem Witz und dreister Lebenswut – entblößt auf der Straße ihr Hinterteil und behauptet, Anita Berber zu sein; „Wer A sagt, muss auch -rsch sagen!“ Wer -rsch sagt, landet jedoch in der Klapsmühle. Den Alltag in der Irrenanstalt meistert sie mit unverschämten Anarcho-Sprüchen, und dazwischen wähnt sie sich als Jungteufelin Anita – dargestellt von Ina Blum – in einer Otto Dix und George-Grosz- Bildern nachempfundenen Szenerie verfaulter Sabber-Voyeure aus alten Giftschrank-Stummfilmen. Mit dem Tänzer Mikael Honesseau als Berbers Tanz- und Lasterpartner Sebastian Droste windet sich „Anita“ Blum in Verkommenheits-Ekstasen nach Art expressionistischer Malerei.

Die Uraufführung erlebte der Film am 19. Februar 1988 in der Reihe Panorma im Wettbewerb der Berlinale 1988; der Kinostart war am 25. Februar.

Kritiken[Bearbeiten]

Ponkie schrieb in der AZ: „Unter Rosa von Praunheims Film-Kuriositäten aus den Kellerlöchern der bürgerlichen Schmutzfinkphantasie (Unsere Leiche leben noch, Horror Vacui) ist dieses tolldreiste Lustobjekt ein besonders gelungenes Exemplar. Die mit hohem stilistischen Raffinement ineinander verschränkten Lebensläufe zweier Zeitgenossinnen fügen sich zu einem virtuos exzentrischen Lastertraum: Ein Stummfilm-Kunstporno als Schauergroteske und Zeit-Psychogramm. (…) Die Anita-Irre ist zwar eine Luxuszicke ohne soziales Gewissen, aber ihre Gier nach exzessiven Leben hat Format: Noch vom Leichentisch schreit die Alte nach einem Taxi. Suff, Drogen, Syphilis und Sado-Sex, totaler Genuss und totaler Ruin: Ein Gruselkabinett voll Komik und Magie.“

Ulrich Behrens schrieb in Filmzentrale: „Anita – Tänze des Lasters spielt mit der Verwechslung, Identifizierung und der Distanzierung der Grauen – folgerichtig auch in Schwarz-Weiß, vor allem Grau gefilmten – Gegenwart gegen die bunte, lasterhafte Vergangenheit. Neben einer, die sich für Rosa Luxemburg hält (Eva-Maria Kurz), einem religiös-fanatischen Patienten (Friedrich Steinhauer) und etlichen anderen gibt Frau Kutowski/Berber jedoch nicht etwa auf. Nein, sie reimt, schreit, lacht, und dreht den Ärzten und Psychologen, Schwestern und Pflegern das Wort im Mund herum, damit es passt – zu ihrer Situation. Und uns passt das auch vorzüglich. Letztlich ist es völlig gleichgültig, ob sie nun die Kutowski ist oder die Berber – oder die Huber. Sie lebt als Anita. Und Rosa von Praunheim wechselt zwischen dem eintönigen Grau der psychiatrischen Gegenwart und dem farbenprallen erinnerten Vergangenen der 1920er Jahre. Anita – Tänze des Lasters ist auch die Lebensgeschichte der Anita Berber, die 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, ihre kurze Karriere als femme fatale und Tänzerin begann. (…)

Wechsel in die Psychiatrie: Lotti Huber alias Frau Kutowski alias Anita wird zur Psychiaterin (Hannelene Limpach) gebracht und wundert sich über die gähnende Leere des Raums, die Trostlosigkeit, die hier herrscht. Die Psychiaterin hat keine Chance bei Frau Kutowski. Irgendwann sitzt letztere auf dem Schoß der Ärztin und sagt: ‚Fummel doch nicht immer an meiner Seele herum. Fummel doch mal an was anderem rum.‘ Lotti Hubers Frau Kutowski füllt jeden Raum in dieser Psychiatrie mit Leben, mit Anzüglichem, ja mit Erotischem, mit Zynischem und Enthüllendem, mit Lebensfreude, etwa wenn sie ihre Mit-Patienten zum Tanz auffordert und sie ihr folgen. Frau Kutowski nimmt Raum, und als die Ärzte am Schluss denken, sie sei gestorben, ist dies auch nur ein Treppenwitz. Sie fällt in Ohnmacht, als die Schwester (ebenfalls gespielt von Ina Blum) sie fragt, warum sie ausgerechnet Anita Berber sein wolle – und nicht Inge Meysel. Und dann steht diese Frau, Anita-Lotti-Kutowski wieder auf und geht hinaus aus der Anstalt.“

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]