Anorexia nervosa

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Dieser Artikel erläutert das Krankheitsbild der Anorexia nervosa (Magersucht); zur gleichnamigen Metal-Band siehe Anorexia Nervosa (Band).
Vergleichende Klassifikation nach
ICD-10   DSM-IV
F50.0 Anorexia nervosa 307.1 Anorexia nervosa
F50.1 atypische Anorexia nervosa
ICD-10 online DSM IV online

Die Anorexia nervosa (griech./lat.: etwa „nervlich bedingte Appetitlosigkeit“), auch Anorexia mentalis oder Magersucht genannt, ist eine psychische Störung aus dem Bereich der seelisch bedingten Essstörungen.[1] Anorexia nervosa ist nicht gleichbedeutend mit dem Begriff Anorexie, welcher lediglich allgemein eine Appetitlosigkeit beschreibt, gleich welcher Ursache.

Unterschieden werden kann innerhalb der Anorexie zwischen restriktivem Typus, bei dem (nur) die Nahrungsaufnahme verringert wird, und dem Purging-Typus, bei dem zusätzlich das Gewicht beispielsweise durch Erbrechen verringert wird (siehe Abschnitte Symptome und Diagnose).

Geschichte und Verbreitung

Die erste veröffentlichte Arbeit zur Anorexia nervosa, damals noch unter der Bezeichnung „Anorexia hysterica“ stammt von dem Engländer William Gull. Er veröffentlichte 1868 drei Fallberichte.[2] Dabei konzentrierte er sich auf die Beschreibung somatischer (körperlicher) Veränderungen.

Der französische Internist Ernest-Charles Lasègue beschrieb 1873 auf der Basis von acht Fällen die Anorexia hysterica als einheitliches Krankheitsbild.[3][4] Dabei grenzte Lasègue die Symptome vom extremen Fasten ab, indem er die Überaktivitäten der erkrankten Personen hervorhob.

Die „Anorexia hysterica“ ist damit die erste als Entität beschriebene Essstörung, beide Autoren betonten den psychogenen Zusammenhang der Krankheit.

Die Anorexia nervosa ist mit einer geschätzten Prävalenz von 0,7 % unter weiblichen Teenagern zwar seltener als die Bulimie, zeigt aber nicht selten mit schweren körperlichen Komplikationen einen deutlich ungünstigeren Verlauf. Die Erkrankung beginnt am häufigsten im Teenager-Alter, wobei eine Diät, die anschließend außer Kontrolle gerät, ein Einstieg sein kann. Die Krankheit kann jedoch auch bei Erwachsenen oder bereits vor Eintritt der Pubertät auftreten. Einer von zwölf Erkrankten ist männlich.[5] Anorexia nervosa wird jedoch in den letzten Jahren immer öfter auch bei männlich Betroffenen diagnostiziert. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass Eltern mehr und mehr Hilfe für ihre Söhne suchen.[6] In Anlehnung an den englischen Begriff "Anorexia" und "Man", die englische Bezeichnung für "Mann", taufte man die Krankheit, wenn Männer davon betroffen sind, Manorexia.[7]

Krankheitsbild

Symptome

Anorektische Frau im Journal Nouvelle Iconographie de la Salpêtrière, 1900

Die meisten Erkrankten leiden an einer Körperschemastörung: Sie nehmen sich trotz Untergewichts als zu dick wahr. Ihr Selbstwertgefühl hängt nicht nur von allgemeinen Leistungen in Beruf, Hobby oder Privatleben, sondern besonders stark auch von der Fähigkeit ab, das Körpergewicht kontrollieren zu können. Die Gedanken der Kranken sind eingeengt und kreisen stets um die Themen Ernährung, Gewicht und Körperschema.

„Die anorektische Frau lehnt das Essen ab und beschäftigt sich doch mehr damit als die meisten Gourmets. […] Sie lehnt ihren Körper ab, konzentriert sich jedoch in all ihrem Denken und Handeln auf ihn. […] Sie will selbstständig und unabhängig sein, verhält sich jedoch so, dass ihre Interaktionspartner sie nahezu zwangsläufig kontrollieren.“

Alexa Franke: Wege aus dem goldenen Käfig – Anorexie verstehen und behandeln.

Das Kennzeichen der Anorexia nervosa ist die selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme, die durch Verminderung der Nahrungsaufnahme erreicht wird, wobei besonders Nahrungsmittel, die als „fett machend“ angesehen werden, weggelassen werden. Es gibt auch einen der Bulimia nervosa ähnlichen „Purging-Typ“ der Anorexia nervosa (engl.: to purge = abführen).[8] Die an diesem Typ Erkrankten beschleunigen ihre Gewichtsabnahme durch selbst ausgelöstes Erbrechen, missbräuchliches Einnehmen von Appetitzüglern, Laxantien (Abführmitteln) oder Diuretika, Verwendung von Klistieren oder exzessive sportliche Betätigung.

Diagnose

Die Diagnose wird aus dem Ergebnis verschiedener Untersuchungen gestellt:

Entsteht der Verdacht, dass andere Ursachen das Untergewicht verursacht haben, werden weitere Untersuchungen veranlasst.[5]

Die nachfolgenden Kriterien müssen für eine Diagnose erfüllt sein. Dabei wird in Deutschland die Kodierung zur Abrechnung mit den Leistungsträgern (Kranken- und Rentenkassen) nach dem ICD-10 vorgenommen.

ICD-10-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa DSM-IV-Diagnosekriterien für Anorexia nervosa
  • Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15 % unter dem zu erwartenden Gewicht oder Body-Mass-Index von 17,5 oder weniger (bei Erwachsenen)
  • Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch Vermeidung von hochkalorischer Nahrung und zusätzlich mindestens eine der folgenden Möglichkeiten:
    • selbstinduziertes Erbrechen
    • selbstinduziertes Abführen
    • übertriebene körperliche Aktivität
    • Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika
  • Körperschemastörung in Form einer spezifischen psychischen Störung
  • Endokrine Störungen, bei Frauen manifestiert als Amenorrhoe, bei Männern als Libido- und Potenzverlust
  • Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklung gestört (Wachstumsstopp, fehlende Brustentwicklung)
  • Niedriges Körpergewicht, weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts
  • Große Angst vor Gewichtszunahme
  • Strikte Kontrolle der Nahrungsaufnahme
  • Körperschemastörung:
    • Übertriebener Einfluss des Gewichts auf die Selbstwertung
    • Krankheitsverleugnung
  • (nur bei Frauen) sekundäre Amenorrhö

Nach DSM-IV existieren zwei Unterkategorien der Anorexia Nervosa:

  1. Anorexia nervosa vom restriktiven Typus Sie zeichnet sich durch bloßes Verzichten auf Nahrung bzw. besonders hochkalorischer Nahrung aus.
  2. Anorexia nervosa vom Purging Typus Durch kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbstinduziertes Erbrechen, Abführmittel oder Entwässerungsmittel wird der Kalorienaufnahme entgegengewirkt. Dabei ist ein deutlicher Gewichtsverlust zu beobachten.

Die aktuelle, nur in Deutschland gültige Version des ICD-10, ICD-10-GM-2008, übernimmt diese Unterscheidung und differenziert in die Codes F50.00 beziehungsweise F50.01.

Das Hauptunterscheidungsmerkmal (Differentialdiagnose) zur Bulimia nervosa ist das Körpergewicht. Eine Anorexia nervosa wird diagnostiziert, wenn ein selbst herbeigeführtes Untergewicht besteht und der Body-Mass-Index unter 17,5 liegt.

Körperliche Folgen

Die Magersucht ist eine schwere, unter Umständen tödliche Erkrankung. Das extreme Untergewicht verursacht körperliche Folgen:

Bis zu 15 % der Erkrankten sterben[9] – entweder durch Komplikationen wie Herzstillstand oder Infektionen, oder aber durch Selbstmord. Ein Teil der überlebenden Patienten leidet zeitlebens an Langzeitfolgen wie Osteoporose oder Niereninsuffizienz.

Die Kranken sind sehr kälteempfindlich und ihre Körpertemperatur kann erniedrigt sein, weil der Körper den Stoffwechsel herunterfährt und das wärmedämmende subkutane Körperfett fehlt. Weitere Symptome sind Schwindelgefühle, Ohnmachtsanfälle und hormonelle Störungen. Zudem kann es zu trockener Haut und zum Wachsen von Lanugohaaren an Rücken, Armen und Gesicht kommen.

Bei Frauen bleibt die Periode aus (Amenorrhoe). Die Einnahme der Antibabypille überdeckt dieses Symptom, daher ist das Auftreten der Monatsblutung kein sicheres Ausschlusskriterium für Anorexia nervosa. Die künstlich zugeführten Hormone regulieren jedoch nicht den gesamten gestörten Hormonhaushalt.

Beginnt die Krankheit vor der Pubertät, endet das Größenwachstum vorzeitig und die Geschlechtsreife tritt nicht oder nur verzögert (Pubertas tarda) ein: Bei Mädchen entwickelt sich die weibliche Brust dann nicht, bei Jungen bleibt die Entwicklung der Hoden und des Penis aus.

Einflussfaktoren

Das Schönheitsideal von Frauen in den westlichen Industrienationen hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt: Schlankheit gilt als Ideal

Für die Entstehung der Magersucht nimmt man heute an, dass folgende Faktoren zusammenwirken:

  • eine erbliche Disposition,
  • gesellschaftliche Faktoren, zu denen neben dem Schlankheitsideal auch eine veränderte Rollenerwartung zählt,
  • individuelle Faktoren wie ein Mangel an Selbstwertgefühl sowie
  • bestimmte familiäre Faktoren.

Genetische Prädisposition

Die Zwillingsforschung hat eine familiäre Häufung der Erkrankung nachgewiesen. Bislang konnten noch keine Gene genau identifiziert werden, mit welchen eindeutig eine entsprechende Disposition einhergeht. Die Forschung konzentriert sich zurzeit (2010) besonders auf Gene, die im Zusammenhang mit einem leicht störbaren Neurotransmitter-System von Serotonin stehen. Neuere Untersuchungen lokalisieren entsprechende Mutationen des Gens OPRD1 und in der Nähe des HTR1D-Gens.[10]

Einfluss der Familie

Die meisten Therapeuten nehmen an, dass der Hauptgrund für Magersucht in der Familie zu suchen ist.[11][12] In den meisten Fällen handelt es sich um eine unauffällige bürgerliche Familie, die sich selbst gern als absolut „intakt“ darstellt; die Meinung Außenstehender hat – insbesondere in Bezug auf den Patienten – höchste Priorität. Sind Jugendliche erkrankt, kann oft eine hohe Leistungsanforderung von den Eltern an den jungen Menschen festgestellt werden. Sollte dieses Bemühen enttäuscht werden, wird dies dann häufig nicht mit offensichtlichen Strafen geahndet, sondern mit dem Vorwurf an den Jugendlichen, Vertrauen enttäuscht zu haben. Das Bild der „eiserne[n] Faust im seidenen Handschuh“[13] umschreibt dies eindrucksvoll. Geringe emotionale Unterstützung, geringer Kontakt, emotionale Kälte, geringe oder nur bedingte Zuneigung und hohe Erwartungen (Vermaschung) der Eltern scheinen ebenfalls eine Rolle zu spielen. Aus systemisch-familientherapeutischer Sicht herrscht in Familien mit an Magersucht Erkrankten ein großes Harmoniestreben der Familienmitglieder untereinander, eine Auseinandersetzung mit Konflikten und negativen Gefühlen (Wut, Zorn, Unsicherheit, Ängste) findet nicht statt. Die Mütter magersüchtiger Patienten sind häufig übermäßig ängstlich und wenig selbstbewusst.

Beachtet wird zudem die Vermaschung.[14] Gemeint ist damit die Inbesitznahme des Lebens des Patienten durch die Eltern sowie das Fehlen jeglicher Privatsphäre. Natürlich gibt es nicht die anorektische Familie. In den Biografien Essgestörter – überwiegend bei der Bulimia nervosa – konnte überdurchschnittlich häufig sexueller Missbrauch gefunden werden. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob dies tatsächlich ein ätiologisches Merkmal ist.[15]

Nach der objektpsychologischen psychodynamischen Sichtweise ist die Hauptursache von Essstörungen eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung. Ein zentraler Konflikt ist das Streben nach Autonomie, was zu einer Loslösung einer als stark erlebten Abhängigkeit von der Mutter und deren Kontrolle führen soll („Abhängigkeits-Autonomiekonflikt“). Anorektische Personen versuchen aber auch, durch die Kontrolle über ihr Gewicht ihren Selbstwert zu stabilisieren („Selbstwertkonflikte“) und durch ihre Schlankheit eine unabhängige Identität zu erlangen („Identitätskonflikt“). Diese Konflikte können psychisch nicht symbolisiert (also nicht „gedacht“) werden. Der Ausdruck der Konflikte und ihre Kommunikation nach außen geschieht über das Körperliche. Dabei soll Selbstkontrolle des eigenen Körpers erreicht werden. Gleichzeitig lehnt die betreffende Person eine erwachsene Identität und damit auch die körperliche Erscheinung ab. Dies wird häufig als Abwehr von Triebwünschen verstanden. Die Beherrschung des eigenen Körpers wird zu einem Mittel, Wünsche nach Autonomie 'auszuleben’. Diese Wünsche stehen im Gegensatz zu der Angst vor der Trennung von der Mutter, die in der Adoleszenz wiederaufleben. Das aggressive Streben nach Autonomie, das sich häufig in der Adoleszenz zeigt, wird somit über den Körper ausgelebt.

Zudem wird die Unfähigkeit die Konflikte psychisch zu symbolisieren als strukturelle Störung unterschiedlicher Stärke betrachtet.[15][16][17][18]

Kulturelle Faktoren

Für die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers (Störung des „Körperschemas“) können die Kritik von Gleichaltrigen, die Kritik von Mutter und/oder Vater sowie das gesellschaftliche Schlankheitsideal eine große Rolle spielen. Die gezielte Gewichtsabnahme reduziert die Angst und macht so das Abnehmen zu einem wirkungsvollen Verstärker.[15]

In westlichen Industrienationen herrscht ein kultureller Druck auf Frauen, schlank zu sein. Dieses Schönheitsideal wird durch die Massenmedien transportiert. Schlankheit und gutes Aussehen wird vor allem in der Werbung häufig mit beruflichem und sozialem Erfolg verknüpft. Unter anderem werden Diäten als Mittel zum Erreichen dieses Ideals angepriesen. Die Krankheit beginnt oftmals im Rahmen einer Diät und wird durch die Anerkennung und Beachtung, welche die Betroffene (vielleicht erst) durch ihren schlanken Körper bzw. ihren Gewichtsverlust erhält, verstärkt.

Den zahlreichen Castingshows im Fernsehen wird vorgeworfen, den Magerwahn zu fördern. Solche Castingshows sind beispielsweise Germany’s Next Topmodel und Das perfekte Model. Eine Studie des IZI (Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks) weist darauf hin. 2009 befragten Maya Götz und Johanna Gather knapp 1200 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 21 Jahren für die wissenschaftliche Untersuchung Castingshows und ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche. Die IZI-Studie ergab, dass sich viele der Jugendlichen äußerst kritisch ihrem Körper gegenüber zeigen. Das deckt sich mit den Ergebnissen der Dr.-Sommer-Studie der Zeitschrift Bravo aus dem Jahr 2009. Götz schrieb darin, die Mädchen seien deutlich unzufriedener mit ihrem Körper als die bei der Vorgängerstudie Befragten.[19] Das Bundesfamilienministerium startete 2003 die Initiative SCHAU HIN! Was deine Kinder machen. und offeriert Informationen über Castingshows.[20]

Andere Umweltfaktoren

Auch schwere psychische Traumatisierungen wie beispielsweise sexueller Missbrauch oder Misshandlung sind in der Geschichte von Magersuchtpatienten zu finden. Ein Mangel an Selbstwertgefühl, ein geringes Selbstbewusstsein und Perfektionismus sind Persönlichkeitszüge, die vor Ausbruch der Erkrankung bestehen. Die Annahme, dass all diese Faktoren zusammenwirken, wird als „psychobiologisch-soziales Modell“ bezeichnet.[5]

Extremer Gewichtsverlust kann Begleiterscheinung von Depressionen oder Ausdruck von selbstverletzendem Verhalten sein; er kann auch selbst von Depressionen oder Selbstverletzungen begleitet sein. Viele Menschen mit Anorexia nervosa neigen zu zwanghaftem Verhalten bzw. Perfektionismus in allen Lebensbereichen.

Für die Patienten ist die Magersucht in erster Linie eine Abwehr von Fremdbestimmung. Die Kontrolle über den eigenen Körper (beispielsweise durch Kalorien-Zählen) ist eine Form der Selbstkontrolle und der Ohnmachtsbewältigung im Prozess der Adoleszenz. Magersucht ist fast immer (nur) ein Symptom eines tiefer liegenden psychischen (und sozialen) Problems, das behandelt werden muss. Eine Symptomtherapie (wie beispielsweise mit Pharmazeutika) allein reicht nur selten aus. So ist das Schlankwerden oft nur zu Beginn der Krankheit das zentrale Motiv. Erkrankte mit jahrelangem Krankheitsverlauf erleben das Abnehmen häufig als Sucht.

Therapie

Die Erkrankung kann nur selten durch eine kurze Behandlung geheilt werden. Häufig ist der Krankheitsverlauf langwierig, ebenfalls häufig lässt sich mit den zur Verfügung stehenden Therapien keine Heilung erreichen, da die fehlende Einsicht der Betroffenen Teil des Krankheitsbildes ist und diese nicht selten von ihren Angehörigen zur Therapie geschickt werden. Eine Herausnahme aus dem pathogen wirkenden Umfeld durch eine längergfristige stationäre Psychotherapie wird häufig als notwendig angesehen. Dabei hat die stationäre Psychotherapie in Deutschland die Möglichkeit, für dieses komplexe multikausale Krankheitsbild ein modernes Setting aus körpermedizinischen, verhaltentherapeutischen, systemisch-familientherapeutischen, tiefenpsychologischen und Selbsthilfebestandteilen bereitzuhalten. Es gibt Kliniken, die sich unter anderem auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert haben. Viele Therapien von Essstörungen beinhalten eine Kombination aus ambulanter Therapie am Wohnort und Phasen stationärer Therapie. Magersucht zählt zu den psychischen Krankheiten mit der höchsten Sterberate. Etwa 15 Prozent der Erkrankten sterben an den Folgen ihrer Unterernährung oder Suizid.[21]

Oft werden systemisch-familientherapeutische Behandlungen empfohlen. In diesem Kontext erscheint der anorektische Patient als Symptomträger einer Familie; behandlungsbedürftig ist demnach nicht er alleine, sondern der Patient Familie. Sie muss lernen, dass Ausdrucksformen und Regeln derart geändert werden müssen, dass in der Familie Kommunikation und Konflikte direkt ausgedrückt werden können und somit kein Symptom mehr nötig ist. Nicht Einzelpersonen werden geändert, sondern die Regeln innerhalb des Systems.

Psychodynamische Behandlungsansätze (analytische Psychotherapie und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) kommen ebenfalls zum Einsatz. Sie sollen unbewusste Konflikte, die zur Entstehung des Symptoms geführt haben, bewusst machen und so eine weitere Reifung der Persönlichkeit ermöglichen. Einige Vertreter der analytischen Psychotherapie berichten eine Verbesserung der Symptomatik, ohne dass in der Therapie das fehlangepasste Essverhalten thematisiert werde.[15]

Oft werden auch kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungen angewandt. Ihre Ziele sind

  • die verzerrte Körperwahrnehmung der Patienten zu beeinflussen,
  • die Einstellungen zum Essen zu verändern und
  • Wege für eine bessere Konfliktbewältigung sowie soziale Kompetenzen zu vermitteln.

Neben der psychotherapeutischen Behandlung spielt insbesondere der Einsatz mit Antidepressiva vom SSRI Typ eine große Rolle. Da sich hiermit die Anorexie begleitenden und aufrechterhaltenden Begleitsstörungen wie soziale Ängste und Depressionen behandeln lassen. Zudem können Neuroleptika mit beruhigender oder stimmungsstabilisiereder Wirkung eingesetzt werden. Je nach körperlicher Verfassung muss hier besonders vorsichtig ggf. nur im stationären Rahmen mit der medikamentösen Therapie begonnen werden.[22][23]

Eine störungsspezifische Therapie umfasst neben einer Stabilisierung des Essverhaltens die psychotherapeutische Behandlung des Patienten. Bei einem kritischen Untergewicht – akute Todesgefahr besteht unter einem BMI von 13 – ist eine stationäre Behandlung in einem Krankenhaus mit einer parenteralen Ernährung notwendig, wobei der Patient über einen venösen Zugang mit Nährstoffen/Elektrolyten versorgt wird. Diese Zwangsernährung dient der Lebenserhaltung und ist als Therapie zur Verhinderung der körperlichen Folgen – bis hin zum Tod – der Erkrankung zu verstehen.

Als Ultima Ratio bei einer ansonsten nicht behandelbaren Anorexia nervosa mit der Gefahr eines letalen Verlaufes kann auch die Implantation eines beidseitigen Gehirnstimulators in den Gyrus subcallosus in Betracht gezogen werden. Zumindest zeigte eine Phase-I-Studie einen Erfolg bei drei von sechs Patientinnen mit therapierefraktärer Anorexie Nervosa.[24]

Magersucht in Kunst und Musik

  • Daniel Johns, der Sänger der Gruppe Silverchair, verarbeitet seine Krankheit in dem Lied Ana’s Song.
  • Christina Aguilera verwendet in ihrem Video zum Lied Beautiful aus dem Album Stripped Bilder einer Magersüchtigen. Im Verlauf des Videos zerschlägt diese den Spiegel, in dem sie sich zuvor kritisch betrachtet hatte.
  • Die Lieder Lucy At The Gym und Supermodel. von Jill Sobule setzen sich mit Magersucht in verschiedenen Ausprägungen auseinander.
  • Ein Hungerkünstler von Franz Kafka bearbeitet Magersucht als Allegorie. Kafka gilt als magersüchtig.[25]
  • Die Sängerin Karen Carpenter starb 1983 an Anorexia nervosa. Die Krankheit, die bis dahin von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert wurde, wurde dadurch / danach stärker von Medien wahrgenommen.
  • Die Black-Metal-Band Anorexia Nervosa trägt den Namen dieser Krankheit.
  • Ein Lied der Hellektro/Electro-Industrial-Band Suicide Commando trägt den Namen dieser Krankheit.
  • Das Lied Sophie. von Eleanor McEvoy handelt von der Magersucht und dem Tod der Protagonistin.
  • Das Lied Courage. von Superchick handelt vom Thema Magersucht
  • Das Lied Anorexia Nervosa. von X-Fusion befasst sich mit diesem Thema.
  • Die Französin Isabelle Caro (sie war 1,64 Meter groß und wog nur 31 Kilogramm), wurde 2007 als „Mager-Model“ bekannt, als der Fotograf Oliviero Toscani sie für eine Kampagne gegen Magersucht fotografierte. Die Bilder der abgemagerten, nackten jungen Frau hingen in den Straßen der Modemetropolen Mailand, Rom und Paris und erregten großes Aufsehen. Caro erkrankte im Alter von 13 Jahren an Magersucht. Bewusst ging sie mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit, hielt Vorträge und schrieb eine Autobiographie über ihr Leiden. Diese erschien 2008 mit dem Titel Das kleine Mädchen, das nicht dick werden wollte. Caro starb im November 2010 an einer Lungenentzündung.[26]

Magersucht bei Models

Im August 2006 starb das 22-jährige Model Luisel Ramos kurz nach einer Modenschau. Die Todesursache war ein Herzinfarkt, nachdem sie mehrere Tage lang nichts gegessen hatte. Zwei Monate später hungerte sich die Brasilianerin Ana Carolina Reston Macan zu Tode. Etwa sechs Monate nach dem Tod von Luisel Ramos starb auch deren Schwester Eliana Ramos im Alter von 18 Jahren, vermutlich ebenfalls an den Folgen von Magersucht. Im November 2010 starb Isabelle Caro.[27]

2009 kritisierte Alexandra Shulman, die Chefin der britischen Vogue, Designer führender Couture-Häuser: weil deren Entwürfe immer schmaler ausfielen, seien Models viel zu mager.[28] Die Designerin Anja Gockel vertrat 2009 in einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung die These, die Homosexualität der führenden Modedesigner sei der „wichtigste“ Grund für die Magersucht vieler Models. Für Schwule sei eine knabenhafte Figur das Idealbild, während Lesben meistens eine androgyne Figur bevorzugten. „Deshalb dürfen die Models nicht zu viel Busen und nur wenig Hüfte haben. Alles Volumige ist für sie unerotisch, nicht akzeptabel.“[29][30]

In Israel ist seit Jahresbeginn 2013 für Models ein Body-Mass-Index von mindestens 18,5 vorgeschrieben.[31]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. 5. Auflage. Thieme, 2002, ISBN 3-13-531505-3.
  2. W. W. Gull: Anorexia nervosa (apepsia hysterica, anorexia hysterica). 1868. In: Obes Res. 1997 Sep;5(5), PMID 9385628, S. 498–502.
  3. C. Laségue: On hysterical anorexia (a). 1873. In: Obes Res. 1997 Sep;5(5), PMID 9385627, S. 492–497.
  4. W. Vandereycken, R. van Deth: A tribute to Lasègue’s description of anorexia nervosa. 1873, mit Vollendung seiner englischen Übersetzung. In: Br J Psychiatry. 1990 Dec;157, PMID 2289100, S. 902–908.
  5. a b c R. Rupprecht, H. Hampel: Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. 2006.
  6. Magersüchtige Jungs - ein Tabuthema. Welt.de. Abgerufen am 21. März 2013.
  7. Was ist eigentlich Manorexia? Jolie.de. Abgerufen am 21. März 2013.
  8. Defining characteristics of Anorexia Nervosa. auf der Webseite des Eating Disorder Referral and Information Center
  9. Sehr hohe Sterblichkeitsrate – Gefährliche Magersucht. auf: n-tv.de, 7. November 2007.
  10. Zhang W. Wang, C.S. Bloss u. a.: A genome-wide association study on common SNPs and rare CNVs in anorexia nervosa. In: Molecular Psychiatry. 16. November 2010, doi:10.1038/mp.2010.107.
  11. Horst-Reinhard Nitz: Anorexia bei Jugendlichen. Kontext der Störung und Ergebnisse familientherapeutischer Behandlungen. Springer, Berlin 1987, ISBN 3-540-16752-8.
  12. G. Schmidt: Familientherapie bei Patienten mit Essstörungen, insbesondere bei Anorexia nervosa. In: Jutta Brakhoff (Hrsg.): Essstörungen. Ambulante und stationäre Behandlung. Lambertus, Freiburg 1985, ISBN 3-7841-0289-1.
  13. Peter Lambley: How to survive anorexia. Frederick Miller, London 1983, ISBN 0-584-11012-X.
  14. Salvador Minuchin, Bernice L Rosman, Lester Baker: Psychosomatic families: Anorexia nervosa in context. Harvard University Press, Cambridge 1978, ISBN 0-674-72220-5.
  15. a b c d Martin Hautzinger, Gerald C. Davison, John M. Neale: Klinische Psychologie. Belz, PVU, Weinheim 2002, ISBN 3-621-27458-8.
  16. Evelyn Heinemann, Hans Hopf: Psychische Störungen in Kindheit und Jugend. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-018054-1.
  17. M. Selvini Palazzoli: Magersucht. 8. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2003.
  18. H. Hopf, E. Windaus (Hrsg.): Behandlungskonzepte der tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Psychotherapie im Säuglings- und Kleinkindalter. In: H. Hopf, E. Windaus (Hrsg.); W. Hiller, E. Leibing, F. Leichsenring, S. K. D. Sulz: Lehrbuch der Psychotherapie. Band 5: Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder und Jugendlichenpsychotherapie. CIP-Medien, München 2007, ISBN 978-3-932096-44-0.
  19. Model-Castingshows fördern Magerwahn. In: Rheinische Post. 23. Februar 2012.
  20. Die Faszination von Castingshows. auf: schau-hin.info 23. September 2012.
  21. Magersucht endet oft tödlich. auf: magersucht-online.de
  22. Karl C. Mayer: Essstörungen, Anorexie, Bulimie. In: neuro24.de. 2010, abgerufen am 12. März 2014 (Datum mithilfe von archive.org ungefähr ermittelt).
  23. Esstörungs-Netzwerk Berlin: Esstörungs-Netzwerk: Behandlung. In: www.essstoerungs-netzwerk.de. 2012, archiviert vom Original am 12. November 2012, abgerufen am 12. März 2014.
  24.  Nir Lipsman et al.: Subcallosal cingulate deep brain stimulation for treatment-refractory anorexia nervosa: a phase 1 pilot trial. In: The Lancet. 381, Nr. 9875, 2013, S. 1361 - 1370, doi:10.1016/S0140-6736(12)62188-6.
  25.  Andrew E. Slaby, Randall Dwenger: History of Anorexia Nervosa. In: The Eating Disorders. 1993, S. 1-17, doi:10.1007/978-1-4613-8300-0_1.
  26. Magermodel Caro stirbt an Lungenentzündung. auf: zeit.de. 29. Dezember 2010.
  27. Magere Zeiten für Hungerhaken. auf: stuttgarter-nachrichten.de 15. Mai 2012. (alle internationalen Ausgaben der Modezeitschrift Vogue haben sich einer „Gesundheitsinitiative“ angeschlossen und wollen künftig auf Magermodels verzichten)
  28. Dicker Angriff auf die Designer. auf: Zeit online. 23. September 2009.
  29. Anja Gockel: Deshalb gibt es Magermodels In: Neue Osnabrücker Zeitung Online. 6. November 2009.
  30. Böse schwule Designer. In: Der Standard. 9. November 2009.
  31. Israel verbannt Magermodels. In: Hamburger Abendblatt. 21. Januar 2013, S. 28.

Literatur

  • Patricia Bourcillier: Magersucht & Androgynie (PDF; 1,3 MB). Steinhäuser Verlag, Wuppertal 1992, ISBN 3-924774-16-1.
  • Hilde Bruch: Der goldene Käfig. Das Rätsel der Magersucht. 18. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1998, ISBN 3-596-26744-7.
  • Joan Jacobs Brumberg: Todeshunger. Die Geschichte der Anorexia Nervosa vom Mittelalter bis heute. Beltz, Weinheim 1994, ISBN 3-593-35050-5.
  • Peggy Claude-Pierre: Der Weg zurück ins Leben. Magersucht und Bulimie verstehen und heilen. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Herbst. 4. Auflage. Fischer, Frankfurt 2006, ISBN 3-596-14922-3.
  • Jürgen Engel: Magersucht und Gegenrolle. Lebensgestaltung durch Unterlassen. In: Christian Hoffstadt, Franz Peschke, Andreas Schulz-Buchta, Michael Nagenborg (Hrsg.): Gastrosophical Turn – Essen zwischen Medizin und Öffentlichkeit. Projekt-Verlag, Bochum/Freiburg 2009, ISBN 978-3-89733-202-7, S. 399–419.
  • C.G. Fairburn, P.J. Harrison: Eating disorders. In: Lancet. 2003 Feb 1;361(9355), PMID 12573387, S. 407–416.
  • Lesley Fairfield: Du musst dünn sein. Anna, Tyranna und der Kampf ums Essen. Patmos Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-8436-0027-9.
  • Christine Fehér: Dann bin ich eben weg – Geschichte einer Magersucht. cbt, Düsseldorf 2002, ISBN 3-570-30170-2.
  • Alexa Franke: Wege aus dem goldenen Käfig – Anorexie verstehen und behandeln. Beltz, Weinheim 2003, ISBN 3-407-22143-6.
  • Tilmann Habermas: Zur Geschichte der Magersucht. Eine medizinpsychologische Rekonstruktion. Fischer, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-596-11825-5.
  • St. Herpertz, M. de Zwaan, S. Zipfel (Hrsg.): Handbuch Essstörungen und Adipositas. Springer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-76881-4.
  • Jürg Liechti: Magersucht in Therapie. Gestaltung therapeutischer Beziehungssysteme. Carl-Auer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-89670-627-0.
  • Mara Selvini Palazzoli: Magersucht. Von der Behandlung einzelner zur Familientherapie. 8. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-95095-8.
  • Annemarie Rettenwander: Magersucht – Einsichten und Auswege. Köster, Berlin 2007, ISBN 978-3-89574-619-2.
  • Rainer Rupprecht, Harald Hampel: Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie. Stuttgart 2006, ISBN 3-8047-2053-6.
  • Dorothé Schleenstein: Frauenspezifische Suchtproblematik aus theologischer Perspektive am Beispiel der Ess-Störungen. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2010, ISBN 978-3-631-59870-2.
  • Michael Schulte-Markwort, Sabine Zahn: Magersucht. Effektive Hilfe für Betroffene und Angehörige. Patmos Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-8436-0026-2.
  • Lars Wöckel, Martin H. Schmidt: Magersucht, Bulimie und Adipositas. Wenn der Körper aus dem Gleichgewicht gerät. In: Biologie in unserer Zeit. 32(6) 2002, S. 362–369.
  • Annika Fechner: Hungrige Zeiten, Überleben mit Magersucht und Bulimie. 2. Auflage. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-54766-9. (Auszug)

Weblinks

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