Anschlag auf das Jüdische Museum von Belgien 2014

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das Jüdische Museum von Belgien

Der Anschlag auf das Jüdische Museum von Belgien war ein Attentat in Brüssel, bei dem am 24. Mai 2014 vier Menschen durch Schüsse getötet wurden.

Das Jüdische Museum von Belgien wurde 2005 in Brüssel eröffnet und beherbergt eine Sammlung mit Objekten der jüdischen Tradition. Das Attentat überschattete die Parlaments-, Regional- und Europawahlen in Belgien am 25. Mai 2014.

Hintergrund[Bearbeiten]

Antwerpen und Brüssel gelten als Zentrum jüdischen Lebens in Belgien. Unmittelbar nach Gründung des Landes 1832 wurden die jüdischen Gemeinden als Religionsgemeinschaften offiziell anerkannt. Gut die Hälfte aller rund 42.000 Juden im Land lebt heute in der Hauptstadt Brüssel. Mit ihren zwölf Synagogen hat die Stadt nicht nur eine lange jüdische Tradition, sondern verfügt mit zahlreichen koscheren Geschäften auch über eine entsprechende Infrastruktur.

Bei der Untersuchung der Hintergründe werden die Ergebnisse einer Studie der EU-Grundwerteagentur aus 2013 zitiert, wonach 77 Prozent der befragten Juden in Belgien den Antisemitismus im Land als sehr ernstes Problem bezeichneten. Diese Zahl lag deutlich über dem europäischen Durchschnitt (65 Prozent). Gemäß einer Studie, die 2011 von der Flämischen Freien Universität Brüssel an niederländischsprachigen Schulen der Hauptstadt durchgeführt wurde, sind bei rund 50 Prozent der muslimischen Schüler antisemitische Gesinnungen zu finden, während es bei den übrigen Schülern nur zehn Prozent sind.[1]

Die Meinungen darüber, welche Motive es für die Tat gibt, gehen auseinander. Einige Experten vermuten, dass es sich um den gezielten Anschlag auf ehemalige Mitarbeiter der Nativ gehandelt habe - eine israelische Tarnorganisation zur Förderung der Übersiedlung von Personen jüdischer Herkunft nach Israel, insbesondere aus der ehemaligen Sowjetunion.[2]

Hergang[Bearbeiten]

Das Museum war am Samstag, dem 24. Mai 2014 geöffnet und wurde zum Zeitpunkt des Anschlags von vielen Touristen besucht. RTBF berichtete unter Berufung auf die Brüsseler Feuerwehr, ein Unbekannter sei um etwa 15:50 Uhr in das Museum gekommen, habe geschossen und sei dann mit einem Auto geflüchtet. Der Mann schoss mit einer AK-47-Schnellfeuerwaffe. Dabei erschoss der Täter ein Ehepaar aus Israel, welches als Touristen das Museum besuchte, und eine französische Praktikantin. Ein Museumsangestellter erlitt schwere Schussverletzungen, mit denen er in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Er wurde am nächsten Tag für „klinisch tot“ erklärt.[3]

Das Areal um das Museum in der Innenstadt wurde abgesperrt. Der Täter wurde von einer Überwachungskamera gefilmt.

Reaktionen[Bearbeiten]

Unmittelbar nach den Schüssen sagte Innenministerin Joëlle Milquet der Zeitung La Libre Belgique, es gebe jeden Grund anzunehmen, dass es sich um einen antisemitischen Anschlag gehandelt habe. Kurze Zeit später wurde dies jedoch von der Sprecherin der Ministerin, Ingrid van Daele, relativiert.[4] Milquet ordnete verstärkten Schutz der jüdischen Einrichtungen in Belgien an.

Der Präsident des Israelitischen Zentralrates Belgiens, Julien Klener, erklärte nach dem Anschlag, es habe keine Drohungen gegen das Museum gegeben. Joël Rubinfeld, Präsident der Belgischen Liga gegen den Antisemitismus, sagte allerdings:

„Der Mörder ist vorsätzlich in ein jüdisches Museum gegangen.“

Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas geschehe. Es sei zuletzt immer leichter möglich gewesen, antisemitische Parolen zu äußern. Der Antisemitismus habe zugenommen und die Tat sei

„das Ergebnis eines Klimas, das Hass verbreitet [5].“

Israels Präsident Schimon Peres verurteilte die Tat und forderte die Europäer auf, gegen jede Form von Antisemitismus vorzugehen. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu verurteilte die Tat und bezeichnete sie als Folge einer Aufstachelung gegen Israel[6].

Die EU verurteilte die Tat ebenfalls. Catherine Ashton, die EU-Außenbeauftragte, erklärte sich solidarisch mit den belgischen Behörden und der jüdischen Gemeinschaft.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern Charlotte Knobloch äußerte sich bestürzt:

„Ich bin entsetzt über diese grausame Tat.[7]

Papst Franziskus äußerte sein tiefes Bedauern und große Trauer über den Anschlag. Er sprach bei seiner Ankunft auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv von einem „kriminellen Akt antisemitischen Hasses“.[8]

Ermittlungen[Bearbeiten]

Die belgische Polizei nahm unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Schießerei die Fahndung nach dem Täter auf. Die Deutsche Presse-Agentur berichtete wenige Stunden nach dem Anschlag, der Brüsseler Bürgermeister Yvan Mayeur habe angegeben, dass es eine Spur zu dem Täter gebe, ohne jedoch Details zu nennen.[9] Nach belgischen Medienberichten wurde ein Verdächtiger etwa zwei Stunden nach der Tat festgenommen.[10] Später gaben die Behörden eine erste Festnahme bekannt. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Brüssel sagte, es handle sich um eine Person, die den Ort der Schießerei im Auto verlassen habe; jedoch sei noch unklar, ob sie etwas mit der Tat zu tun habe.[11]

Die Polizei veröffentlichte nach der Tat Fotos und Videos einer Überwachungskamera. Der mutmaßliche Täter trug während des Anschlags eine dunkle Schirmmütze und blaue Kleidung. Nach dem Überfall flüchtete er zu Fuß, nicht, wie erst angenommen mit einem Auto. Der Mann soll allein gehandelt haben und gut vorbereitet gewesen sein.[12] Am 30. Mai 2014 wurde im französischen Marseille der mutmaßliche Täter verhaftet. Bei seiner Festnahme hatte der Verdächtige, der 29-jährige Mehdi Nemmouche mit französischem Pass, ein Sturmgewehr und eine Pistole bei sich. Bei beiden Waffen handelt es sich möglicherweise um die Tatwaffen. Nemmouche hatte außerdem ein Video aufgenommen, das als Geständnis interpretiert wird. Er steht im Verdacht, sich während seines einjährigen Aufenthaltes in Syrien 2013 mit militanten Dschihadisten getroffen zu haben. Die Behörden versuchen mögliche Hintermänner des Anschlags zu ermitteln.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsche Welle am 24. Mai 2014 Belgien: Anschlag im Vorzeigestaat http://www.dw.de/belgien-anschlag-im-vorzeigestaat/a-17660496
  2. http://www.reuters.com/article/2014/05/26/us-belgium-shooting-idUSBREA4P0BW20140526
  3. Jüdische Allgemeine vom 26. Mai 2014
  4. http://www.tagesschau.de/ausland/bruessel142.html
  5. Deutschlandfunk am 24. Mai 2014 http://www.deutschlandfunk.de/belgien-tote-bei-schiesserei-im-juedischen-museum-von.1818.de.html?dram:article_id=287322
  6. Times of Israel
  7. Handelsblatt am 25. Mai 2014 http://www.handelsblatt.com/politik/international/drei-tote-bei-attentat-mann-schiesst-in-juedischem-museum-um-sich/9944884.html
  8. FAZ: Polizei startet Großfahndung nach mutmaßlichem Attentäter http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/juedisches-museum-bruessel-attentaeter-nicht-gefasst-12956909.html
  9. http://www.spiegel.de/panorama/schiesserei-in-bruessel-drei-tote-im-juedischem-museum-a-971502.html
  10. Deutschlandfunk am 24. Mai 2014 http://www.deutschlandfunk.de/belgien-tote-bei-schiesserei-im-juedischen-museum-von.1818.de.html?dram:article_id=287322
  11. Deutsche Welle am 24. Mai 2014: Tödliche Schüsse im Jüdischen Museum in Brüssel http://www.dw.de/tödliche-schüsse-im-jüdischen-museum-in-brüssel/a-17660302
  12. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/juedisches-museum-bruessel-attentaeter-nicht-gefasst-12956909.html
  13. Die Welt: Film-Geständnis des Brüsseler Terror-Attentäters, 1. Juni 2014, abgerufen am 11. Juni 2014