Anschlag auf die Sayidat-al-Nejat-Kathedrale in Bagdad 2010

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33.30694444444444.425833333333Koordinaten: 33° 18′ 25″ N, 44° 25′ 33″ O

Die Sayidat-al-Nejat-Kathedrale (2010)

Bei dem Anschlag auf die Sayidat-al-Nejat-Kathedrale in Bagdad 2010 handelt es sich um die Ereignisse rund um die Erstürmung der syrisch-katholischen Sayidat-al-Nejat-Kathedrale[1] in Bagdad am 31. Oktober 2010 durch islamistische Terroristen. Dabei kamen 68 Menschen[2] ums Leben und circa 60 wurden verwundet.[3] Unter den Getöteten waren 2 Priester (Taher al-Qasboutros und Wassim Sabih[4]), 7 Polizisten und alle Attentäter.[5]

Verlauf[Bearbeiten]

Angriff auf Börse[Bearbeiten]

Vor dem Angriff auf die Kathedrale griffen die Attentäter die Börse von Bagdad an, wurden aber von den dortigen Sicherheitskräften zurückgeschlagen.[6]

Geiselnahme[Bearbeiten]

Während der Abendmesse stürmten zwischen laut dem US-Militär fünf[7][8] oder laut dem irakischen Sicherheitskräften neun[7] Terroristen die Kathedrale, in der sich circa 120 Personen aufhielten. Der Erstürmung waren mehrere Explosionen vor dem Gotteshaus vorausgegangen.[8] Sie erschossen den Pfarrer und nahmen Geiseln. Die Attentäter, die sich als der Gruppe Islamischer Staat Irak zugehörig bezeichneten, waren mit Gewehren, Handgranaten und Sprengstoffgürteln bewaffnet[3] und verrammelten Fenster und Türen.[8]

Verhandlungen[Bearbeiten]

Die Fernsehstation Al-Baghdadia TV behauptet Kontakt mit den Geiselnehmern gehabt zu haben.[7] Laut deren Aussage forderten die Geiselnehmer die Freilassung mehrerer Islamisten im Irak und in Ägypten und kündigten weitere ähnliche Anschläge an.[3] Außerdem sollten zwei muslimische Frauen in Ägypten innerhalb von 48 Stunden aus den Händen der Kopten befreit werden. Damit ist eine Affäre in Ägypten gemeint bei der zwei Frauen in ungeklärten und verwirrenden Umständen zum Christentum übergetreten sind.[7] Das Gebäude des Senders wurde, nachdem er die Forderungen der Geiselnehmer gesendet hatte, von Sicherheitskräften umstellt und vom Stromnetz getrennt. Danach wurde der Sendebetrieb kurzzeitig unterbrochen.[9]

Erstürmung[Bearbeiten]

Nachdem die Geiselnehmer nach zwei Stunden offenbar mit der systematischen Erschießung der Geiseln begannen, wurde die Kathedrale von irakischen Spezialkräften mit US-amerikanischer Unterstützung (es wurden Luftbilder zur Verfügung gestellt[7]) gestürmt. Dabei zündeten die Terroristen zwei Sprengstoffgürtel. Vierundvierzig Gläubige, acht Geiselnehmer und sechs Sicherheitskräfte wurden getötet, fünf Geiselnehmer wurden festgenommen.[3]

In der Folge[Bearbeiten]

Bekennerschreiben[Bearbeiten]

Am 3. November erschien auf mehreren Webseiten ein Bekennerschreiben der Gruppe „Islamischer Staat Irak“. Dabei übernahmen sie die Verantwortung für den Anschlag und kündigten an christlichen Organisationen, Kirchenangehörige und Gläubige als legitime Ziele zu betrachten.[10]

Fahndung[Bearbeiten]

Laut unbestätigten Berichten der BBC handelte es sich bei den Attentätern nicht um Iraker.[6]

Reaktionen[Bearbeiten]

Der Trauergottesdienst für die Getöteten fand am 2. November statt und wurde von Emanuel III. Deli geleitet.[5]

Nach dem Anschlag äußerte der Abgeordnete Yonadam Yousef Kanna massive Kritik an den Sicherheitskräften. Diese hätten zu „wenig professionell“ und „überhastet“ agiert.[3] Die meisten Geiseln seien während der Befreiungsaktion gestorben.[7]

Papst Benedikt XVI. bezeichnete die Tat als „absurde und grausame Gewalt“ und die deutschen Bischöfe sprachen von einem „mörderischen Fanatismus“.[3]

Großayatollah Sistani, ein hoher schiitischer Geistlicher im Irak, und Scheich Ahmed Tayeb, Imam der sunnitischen Azhar-Universität in Kairo, verurteilten den Angriff aufs Schärfste. [5]

Die deutsche Bundesregierung reagierte „entsetzt und traurig“.[3]

Am 8. November, eine Woche nach dem Anschlag, schickte die französische Regierung ein Flugzeug nach Bagdad das 36 Verletzte und 21 ihrer Angehörigen nach Paris ausflog um sie dort medizinisch zu versorgen. Insgesamt hat die Regierung zugesagt 150 Opfer des Anschlags aufzunehmen.[11]

Juristisches[Bearbeiten]

Am 3. August 2011 verurteilte ein Gericht in Bagdad drei Angeklagte zum Tode. Sie wurden beschuldigt, das Attentat geplant und vorbereitet zu haben. Es gibt noch die Möglichkeit einer Berufung. Ein vierter Angeklagter bekam zuvor in einem gesonderten Prozess 20 Jahre Gefängnis.[2]

Flüchtlinge[Bearbeiten]

Der Anschlag gilt, zusammen mit dem Mord an Bischof Paulos Faraj Rahho im Jahr 2008, als Grund für den Massenexodus der irakischen Christen aus dem Irak.[12]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 46 Opfer des Anschlags auf syrische Kathedrale beigesetzt. In: kathweb. 2. November 2010, abgerufen am 2. November 2010.
  2. a b Todesstrafen wegen Geiselnahme in Bagdader Kirche. In: ORF. 3. August 2011, abgerufen am 3. August 2011.
  3. a b c d e f g Martin Gehlen: Die Geiseln sterben in der Kirche. In: Frankfurter Rundschau. 1. November 2010, abgerufen am 2. November 2010.
  4. Martin Gehlen: Christen in Angst. In: Frankfurter Rundschau. 10. November 2010, abgerufen am 15. November 2010.
  5. a b c Jürg Bischoff: Bagdad im Bombenterror. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. November 2010, abgerufen am 5. November 2010.
  6. a b Gegen 60 Tote bei Geiseldrama in Bagdader Kirche. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. November 2010, abgerufen am 3. November 2010.
  7. a b c d e f K. El-Gawhary: Fast 60 Menschen getötet. In: die tageszeitung. 1. November 2010, abgerufen am 3. November 2010.
  8. a b c Fünfzig Christen sterben bei Geiselnahme in Bagdad. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 1. November 2010, abgerufen am 2. November 2010.
  9. Sicherheitskräfte unterbrechen irakisches Fernsehprogramm. In: Neue Zürcher Zeitung. 2. November 2010, abgerufen am 3. November 2010.
  10. Bekennerschreiben aus Irak sät neue Angst. In: Frankfurter Rundschau. 3. November 2010, abgerufen am 4. November 2010.
  11. Frankreich fliegt Verletzte des Bagdader Geiseldramas aus. In: Neue Zürcher Zeitung. 8. November 2010, abgerufen am 9. November 2010.
  12. Martin Gehlen: Syriens Korridor des Grauens. In: Die Zeit. 23. April 2013, abgerufen am 24. April 2013.