Anselm Reyle

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Anselm Reyle (* 1970 in Tübingen) ist ein deutscher Künstler.

Leben/Biografie[Bearbeiten]

Nach einer Ausbildung als Landschäftsgärtner[1] studierte Reyle an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. 1997/1998 zog er nach Berlin und gründete eine Ateliergemeinschaft mit John Bock, Dieter Detzner, Berta Fischer und Michel Majerus. Von 1999 bis 2001 betrieb Anselm Reyle mit Claus Andersen und Dirk Bell die Produzentengalerien „Andersen’s Wohnung“ sowie „Montparnasse“ gemeinsam mit Dirk Bell und Thilo Heinzmann. Nach Gastprofessuren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe, der Universität der Künste Berlin sowie an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg wurde Reyle im Jahr 2009 als Professor für Malerei/Zeichnen nach Hamburg berufen.

Anfang 2014 erklärte Reyle, sich vorläufig vom Kunstbetrieb zurückzuziehen.[1] Als einen der Gründe dafür gab er an, dass der aufwändige Betrieb seines Ateliers nach der Finanzkrise ab 2007 zu großem Druck geführt hätte und zunehmend durch Anfragen von Sammlern finanziert werden musste. „Und ebendiese Anfragen sind in letzter Zeit immer eindimensionaler geworden. Sie haben sich immer mehr auf meine Markenzeichen fokussiert, vor allem auf Folienbilder.“[1] Unter diesen Bedingungen „verblasste“ nach seinen eigenen Angaben der „experimentelle Charakter“ der Atelierstruktur, die seine Kunst stark prägte.[1]

Reyle geht davon aus, dass er nach einer Pause von unbestimmter Länge wieder zum Kunstbetrieb zurückkehren wird.[1]

Werk[Bearbeiten]

Charakteristisch für die Werke von Anselm Reyle ist die Nutzung von Fundstücken aus unterschiedlichen Kontexten, die ihrer ursprünglichen Funktion enthoben, optisch verändert und in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Reyle arbeitet vorwiegend in den Medien Malerei, Skulptur, Installation und verwendet für seine Arbeiten vielfältige Materialien, wie Folien aus Schaufensterdekorationen, Farbpasten, Autolacke, Zivilisationsmüll aus dem urbanen Raum, Reste von Neonröhren der kommerziellen Stadtillumination sowie dem Gebrauch entwendeter, funktionslos gewordener Abfall, Bau- und Elektroschrott. Dabei variiert der Grad der Verfremdung von der partiellen Sichtbarkeit der jeweiligen Rückbezüge bis zur Transformation des jeweiligen Materials. Auch die Ausstellungstitel sind oft Zitate aus dem Bereich der Musik, Werktitel vorgefundene Objets trouvés aus dem Materialfundus.

Zu seinen bekannten Werkgruppen gehören die mit Folie bespannten und in farbigen Plexiglasboxen eingebauten „foil paintings“, deren bewegte, faltenreich-zerklüftete Oberfläche ihren Objektcharakter und die Raumpräsenz unterstreicht. Charakteristisch sind ebenfalls die Streifenbilder in teils dissonanten Farbkombinationen. Neben Acrylfarbe verwendet Reyle hierfür Silberfolie, eingefärbte Spiegel, Strukturpasten und Lacke.

In seinen jüngst entwickelten Arbeiten favorisiert er figurativ-gegenständliche Motive, deren Vorlagen auf dem bekannten Prinzip Malen-nach-Zahlen basieren. Seriellen Bausteinen vergleichbar sind die einzelnen Felder mit Materialien und Farben gefüllt, die der Betrachter aus früheren Arbeiten (Streifenbilder, Otto-Freundlich-Bilder) wiederkennt. Evoziert wird der Eindruck eines plastischen Reliefs mit einem breiten Spektrum an Oberflächentexturen, die in ihrer Haptik den Tastsinn des Rezipienten direkt ansprechen.

Teil seiner plastischen Arbeit sind die afrikanischen Skulpturen. Sie sind touristischen Flohmarktstücken entlehnt und erinnern in ihrer formalen Konzeption an abstrakte Bildhauerpositionen der Moderne, wie u.a. Hans Arp, Alexander Archipenko oder Henry Moore. Reyle greift traditionelle Techniken auf, indem er die Modelle vergrößert in Bronze gießen lässt, anschließend aber verspiegelt und lasiert, wodurch eine spannungsvolle Ambivalenz erzeugt wird. Dem traditionellen Bildhauerverfahren wird ein hochgradig technisierter Arbeitsprozess aus der Industrie entgegengesetzt, unter dem die kostbare Bronze nur noch zu erahnen ist. Voraussetzung für die Entfaltung dieses künstlerisch intendierten Paradoxon ist das Wissen des Betrachters um die Hintergründe der Entstehung.

Neben dieser Auseinandersetzung mit einem kunstfremden Formenrepertoire für die eigene Bildsprache und einer damit einhergehenden Veränderung der inhaltlichen Aufladung sind seine Arbeiten durch die Anlehnung an kunsthistorische Strömungen der Abstraktion der Moderne wie Informel, Kubismus, Op-Art, Minimal und Pop Art geprägt. Die Art der Aneignung folgt nicht dem Appropriation-Gedanken wie beispielsweise bei Louise Lawler oder Elaine Sturtevant, sondern hinterfragt in einem Moment der Übersteigerung die verschiedenen „Sackgassen der Moderne“ [2] in Bezug auf ihre Formensprache und aktualisiert diese zugleich durch neue Farben oder Materialien. Seine Faszination für Hochglanzeffekte, die Provokation von Leere und Simplizität, seine Reflexion über den vorherrschenden Klischee- und Kitschbegriff mündet in eine „Gratwanderung, die durchaus wehtun kann“.[3]

Diese kritische Reflexion etablierter Geschmackscodes und implizite Negation bürgerlicher Ideale formulieren einen gesellschaftlichen Kommentar ohne moralischen Appell, teils ironisch gebrochen. Reyle hinterfragt in seinen seriell aufgebauten, abstrakten Werkgruppen die Tradition des singulären Tafelbilds mit seiner klassischen Komposition. In der Diskrepanz zwischen den ursprünglich hehren Idealen der Abstraktion und der provokativ dekorativ anmutenden, primär visuellen Ausrichtung seiner Arbeiten wird eine ambivalente Spannung erzeugt. Form und Inhalt sind nicht mehr kongruent. Die Spontaneität der Konzeption und dynamische Gestik kontrastiert mit der komplexen technischen Umsetzung, beispielsweise eines Bronze- oder Aluminiumgusses, der in Kooperation mit externen Firmen durch aufwendige Mehrschichtverfahren verspiegelt und farbig lasiert wird. Diese professionalisierte Herangehensweise und Teilauslagerung des künstlerischen Prozesses spiegelt sich auch in seiner Atelierstruktur. Seit 2001 arbeitet er in seinem Kreuzberger Atelier mit einem Team von bis zu 50 Assistenten.[1] Das Interesse an Industriematerialien und vielfältigen, effektvollen Oberflächenstrukturen, Referenzen aus der „low-culture“, Einflüsse aus Musik und Architektur kommen auch in ortsspezifischen, raumumfassenden Installationen zum Ausdruck, so u.a. zuletzt in der Ausstellung „Acid Mothers Temple“ in der Kunsthalle Tübingen (2009) oder im belgischen Museum Dhondt Dhaenens anlässlich der Ausstellung „Elemental Threshold“ (2010).

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • 2012: Anselm Reyle-Mystic Silver, Deichtorhallen, Hamburg
  • 2011: Anselm Reyle, Andersen S Contemporary, Kopenhagen
  • 2009: Acid Mothers Temple, Kunsthalle Tübingen
  • 2009: Monochrome Age, Gagosian Gallery, New York City
  • 2008: White Earth, Galerie Almine Rech, Brüssel
  • 2007: Anselm Reyle, Modern Institute, Glasgow
  • 2006: Anselm Reyle, Andersen S Contemporary, Kopenhagen
  • 2005: Life Enigma, Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f welt.de: "Ein ziemlich befreiendes Gefühl", 6. Februar 2014
  2. Anselm Reyle. In: Art Now. Vol. 3, Taschen-Verlag, Köln 2008, ISBN 978-3-8365-0511-6, S. 398.
  3. Anselm Reyle. In: Art Now. Vol. 3, Taschen-Verlag, Köln 2008, ISBN 978-3-8365-0511-6, S. 396.