Anti-Hitler-Koalition

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Als Anti-Hitler-Koalition wird das gemeinsame Bündnis vor allem der drei Hauptmächte – Sowjetunion, Großbritannien und später USA – gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich unter Führung Adolf Hitlers sowie dessen Verbündete im Zweiten Weltkrieg bezeichnet.[1]

Entstehung[Bearbeiten]

Beginnend mit der russischen Oktoberrevolution 1917, dem Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg und der Gründung der UdSSR Ende 1922 war immer deutlicher geworden, dass die vom Kapitalismus bestimmte Gesellschaftsordnung der westlichen Staaten mit dem System des ersten sozialistischen Staates weder auf politischer (präsidiale Demokratie versus autoritativer Zentralismus und Diktatur des Proletariats) noch auf wirtschaftlicher Ebene (freie Marktwirtschaft versus Planwirtschaft) vereinbar war.

Es bestand von Anfang an ein Antagonismus. Er kam etwa dadurch zum Ausdruck, dass die Westmächte und Japan durch militärische Intervention an der Seite der Weißen vergeblich versucht hatten, einen Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg zu verhindern. Andererseits entwickelte sich die Sowjetunion sehr schnell zur Führungsmacht des internationalen Kommunismus, der den kapitalistischen Staaten mit der Weltrevolution drohte. Im Zweiten Weltkrieg konnte es daher zur Zusammenarbeit nur kommen, weil das nationalsozialistische Deutschland mit seinen Verbündeten ab Sommer 1941 von beiden Seiten als Bedrohung angesehen wurde, was auch die Etablierung eines gemeinsamen Feindbildes ermöglichte.

Standpunkte der Regierungen[Bearbeiten]

Mit dem Regierungsantritt von Franklin D. Roosevelt 1933 begann eine ausgesprochen sowjetfreundliche Phase der amerikanischen Außenpolitik. Eine der ersten Regierungshandlungen Roosevelts war die diplomatische Anerkennung der Sowjetunion, vorhergehende US-Regierungen hatten sie wegen des Systemgegensatzes sowie aufgrund der Brutalität, mit welcher die kommunistischen Führungskader ihre Macht ausübten, stets abgelehnt.

Winston Churchill hingegen war von Anfang an ein erklärter Gegner des Kommunismus, was er unter anderem mit dem Verweis auf die in Sowjetrussland und der Sowjetunion seit 1917 umgekommenen Menschen schon in seinem 1930 erschienenen Buch Nach dem Kriege veranschaulichte.[2] 1939/40 hatte der Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts und die sowjetische Besetzung Ostpolens, zudem die sowjetische Aggression gegen Finnland und die Annexion der baltischen Staaten in Westeuropa Verwirrung ausgelöst bzw. im Vereinigten Königreich eine stark antisowjetische Stimmung zur Folge.[3] Man erwog zwischenzeitlich sogar ein militärisches Vorgehen wie etwa Luftangriffe auf Erdöllager im Kaukasus, da die UdSSR quasi als Verbündeter Deutschlands wahrgenommen wurde.

Das Sowjetregime unter Josef Stalin hingegen schob die Verantwortung für den Beginn und die Ausweitung des Krieges dem Vereinigten Königreich zu und hatte es für eine „verbrecherische Dummheit“ erklärt, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden beschuldigt, mittels „heuchlerischer Neutralität“ die Kriegsflamme in Europa zu schüren und zu einem Waffenlieferanten für Großbritannien und Frankreich geworden zu sein.[4]

Entwicklung[Bearbeiten]

Alle Ressentiments traten jedoch mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion in den Hintergrund. Im Interesse des Kampfes gegen den nunmehr gemeinsamen Feind mussten die Gegensätze zurückgestellt werden. In einer spontanen Rede am 22. Juni 1941 erklärte Churchill, dass seine bisherigen antikommunistischen Äußerungen verblasst seien vor den Vorgängen in Osteuropa, und dass Großbritannien jetzt an der Seite der UdSSR stehe und ihr jegliche Hilfe zukommen lassen werde.

Am 1. Oktober 1941 fand in Moskau eine gemeinsame Konferenz über die militärische und wirtschaftliche Unterstützung der Sowjetunion statt, auf denen die Lieferung von Kriegsgütern nach dem Leih- und Pachtgesetz beschlossen wurde. Im Verlaufe des Krieges sollte sie gewaltige Materiallieferungen erhalten, wobei in erster Linie nicht so sehr die Waffenlieferungen, sondern die Lieferung von – für die neuzeitliche Kriegsführung unerlässlichen – Transportmitteln wie 427.284 Lastkraftwagen, 1.966 Lokomotiven und 11.000 Waggons ausschlaggebend waren. Von größter Bedeutung aber dürften die Lebensmittellieferungen gewesen sein, welche unter anderem 4,5 Mio. Tonnen Fleischkonserven umfassten.

Am 1. Januar 1942 war in Washington eine gegen den Dreimächtepakt gerichtete Erklärung von 26 kriegsführenden Staaten zustande gekommen, welche damals die „Deklaration der Vereinten Nationen“ lautete. Abgeschlossen wurde die Schaffung der Anti-Hitler-Koalition mit einem nach fünfmonatiger Verhandlungsdauer unterzeichneten Abkommen über ein „Bündnis im Krieg gegen Hitlerdeutschland und seine Verbündeten“ für die nächsten 20 Jahre am 26. Mai 1942 zwischen dem Vereinigten Königreich und der Sowjetunion und am 11. Juni zwischen den USA und der Sowjetunion.

Im Zuge der Koalitionsbildung sah sich Moskau gezwungen, gewisse Schritte rückgängig zu machen, die sie im Interesse der Partnerschaft mit Deutschland unternommen hatte. So wurden wieder diplomatische Beziehungen zu den Exilregierungen der Tschechoslowakei, Norwegens, Belgiens, Frankreichs, Griechenlands und Jugoslawiens aufgenommen, die mit Ausnahme Griechenlands alle in Großbritannien amtierten.

Gegensätze[Bearbeiten]

Die sowjetische Regierung hat trotz der Koalition niemals daran gezweifelt, dass es England und den USA allein um die Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft über ihre Kolonien und um die Ausschaltung ihrer gefährlichsten Konkurrenten Deutschland und Japan ging.[5] Es war in Moskau ausgemachte Sache, dass die anglo-amerikanischen Mächte die Sowjetunion allein aus dem Grund unterstützten, um ihr die Hauptlast des Kampfes aufzubürden. Daraus erklärt sich das stets wache Misstrauen der Sowjetunion und die laufend wiederholten Forderungen nach einer Zweiten Front.

Schon zu Beginn der Kriegskonferenzen wurde deutlich, wie schwierig die Zusammenarbeit war, sodass die gemeinsam gefundenen Zielformulierungen fast immer für beide Seiten großen Interpretationsspielraum offen ließen. So beschloss man beispielsweise, das besiegte Deutschland nach dem Krieg nach demokratischen Prinzipien wieder aufzubauen – an welche Demokratieform man dabei dachte, wurde bewusst offengelassen, da eine Einigung hierüber kaum zu erwarten war. Den Keim ernsthafter Meinungsverschiedenheiten trug auch der Text der am 14. August 1941 von Churchill und Roosevelt unterzeichneten Atlantik-Charta in sich, in welcher stand, allen Nationen die souveränen Rechte zurückzugeben, denen sie gewaltsam entrissen worden sind und dass alle Völker das Recht haben, selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollen. Hier befanden sich die Sowjetunion aufgrund ihrer Annexionen, aber auch die Alliierten aufgrund ihrer Kolonien gegenseitig in überaus anfechtbaren Positionen.

Größte Schwierigkeiten gab es bezüglich eines Übereinkommens mit der polnischen Exilregierung, da diese die Anerkennung der Integrität der Republik Polens innerhalb der alten Grenzen einforderte. Da Moskau diesbezügliche Erörterungen ablehnte, wurde diese Frage auf britischen Druck hin offiziell mit Stillschweigen übergangen und unter Vorbehalt am 14. August 1941 ein polnisch-sowjetisches Militärabkommen unterzeichnet. Das Verhältnis zwischen der polnischen Exilregierung und Moskau erkaltete jedoch immer mehr, da die Freilassung von polnischen Kriegsgefangenen kaum Fortschritte machte und sich Moskau weigerte, die Zuständigkeit der polnischen Regierung auf Bürger der annektierten polnischen Gebiete anzuerkennen, da den dortigen Einwohnern die sowjetische Staatsbürgerschaft aufgezwungen wurde und diese somit Sowjetbürger waren. Als nicht eine der rund 50 offiziellen Anfragen an die Sowjetregierung bezüglich der polnischen Militärgefangenen beantwortet wurde[6] und nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn die polnische Regierung eine Untersuchung durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) forderte, brach Moskau die Beziehung zu der polnischen Regierung unter dem Vorwurf ab, dass diese in Kontakt mit der Hitlerregierung stehe und sich einer faschistischen Verleumdungskampagne angeschlossen habe.[7]

Wie fragil die Anti-Hitler-Koalition tatsächlich war, zeigte sich bald nach Ende des Krieges: Nicht nur die unterschiedlichen Interpretationen der gemeinsamen Beschlüsse des Potsdamer Abkommens, sondern insbesondere erhebliche Spannungen in Berlin, das durch den Viermächtestatus zum Zentrum der Auseinandersetzungen wurde, führten bald zum Bruch der Koalition.[8] Spätestens seit der Truman-Doktrin und seit der Rede von Andrei Alexandrowitsch Schdanow vom 30. Juli 1947 wurde offen von einer geteilten Welt (Zwei-Lager-Theorie) gesprochen: es begann die Ära des Kalten Krieges.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Jochen Laufer, Stalins Friedensziele und die Kontinuität der sowjetischen Deutschlandpolitik 1941–1953, in: Jürgen Zarusky (Hrsg.): Stalin und die Deutschen. Neue Beiträge der Forschung. Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57893-5, S. 131–158, hier S. 146.
  2. Winston S. Churchill: Nach dem Kriege. Amalthea-Verlag, Zürich 1930, S. 70 ff.
  3. Vgl. Michael Salewski: Die Deutschen und die See. Studien zur deutschen Marinegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Teil II. Steiner, Stuttgart 2002 (= HMRG, Beiheft 45), S. 178.
  4. Iwan Maiski: Memoiren eines sowjetischen Botschafters. Dietz-Verlag, Berlin 1967, S. 532 ff., 622.
  5. Ebd., S. 735.
  6. Bei einer offiziellen Unterredung mit dem polnischen Ministerpräsidenten Sikorski gab Stalin an, dass alle polnischen Gefangenen entkommen und in die Mandschurei geflohen seien. Zwei Tage nach der Entdeckung von Katyn jedoch wurde auf einmal von russischer Seite erklärt, die mit Bauarbeiten beschäftigten Polen seien bei Smolensk den faschistischen Henkern in die Hände gefallen.
  7.  Horst Boog, Jürgen Förster, Joachim Hoffmann, Ernst Klink, Rolf-Dieter Müller, Gerd R. Ueberschär: Der Angriff auf die Sowjetunion. (= Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 4). 2. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-06098-3, S. 803 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Wichard Woyke (Hrsg.), Handwörterbuch Internationale Politik, 11. Aufl. 2008, S. 420; Hans J. Reichhardt in: Georg Kotowski, Hans Joachim Reichhardt, Berlin als Hauptstadt im Nachkriegsdeutschland und Land Berlin: 1945–1985 (= Berliner Demokratie; Bd. 2), de Gruyter, Berlin/New York 1987, S. 36.