Antiautoritäre Erziehung
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Antiautoritäre Erziehung ist eine möglichst zwangfreie Form der Erziehung von Kindern. Die Bewegung ist in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung entstanden und wird in Kinderläden und freien Schulen gelebt. Sie sieht sich im Gegensatz zu einer "traditionellen und staatlichen repressiven Erziehung", unterscheidet sich aber auch grundsätzlich von Laissez-faire. Kinder sollen sich zu selbstbewussten, kreativen, gemeinschafts- und konfliktfähigen Persönlichkeiten entwickeln. Sowohl das Ziel als auch der Weg haben die heutige Erziehung nachhaltig geprägt. Antiautoritäre Erziehung richtet sich nicht gegen Autorität, sondern nur gegen die unnötige Unterdrückung der Selbstentfaltung des Kindes, also gegen autoritäre Personen und Systeme. (Informationen zum autoritären Erziehungsstil siehe unter Erziehungsstile.)
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[Bearbeiten] Entstehen der antiautoritären Erziehung
In Folge der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) entstand in vielen Verbänden, kirchlichen Jugendorganisationen und anderen pädagogischen Kreisen die Diskussion um die bestehende, als autoritär empfundene Erziehung und die Entwicklung von Gegenmodellen.
Die „antiautoritäre Erziehungsbewegung“ lässt sich schwer eingrenzen, da sie von sehr unterschiedlichen Theoretikern und Praktikern beeinflusst wurde. So bestehen Einflüsse etwa von den in humanistischer Tradition stehenden Reformpädagogen Alexander Sutherland Neill (der sich allerdings immer gegen diesen Begriff in Verbindung mit seinem Ansatz heftig gewehrt hat), Hartmut von Hentig und Janusz Korczak, den Befreiungspädagogen wie Paulo Freire und Ivan Illich oder auch von linksalternativen, sozialistischen und / oder psychoanalytischen Theorien (z.B. Lutz von Werder und Otto Rühle). Die Zugehörigkeit zur „antiautoritären Erziehungsbewegung“ ist und war von der eigenen Definition der dort Aktiven sowie den Definitionen der Kritiker der Bewegung abhängig.
Der Unterschied zwischen diesen Positionen machte sich an der Klärung des Begriffs "anti-autoritär" fest. Während ein Teil der Bewegung "anti-autoritär" als Kampfbegriff gegen die (bürgerliche) Autorität verstand, wurde in anderen Diskussionskreisen eine Pädagogik entwickelt, die sich gegen autoritäre und ihrer Meinung nach in einer demokratischen Gesellschaft überholte Erziehungsstile wandte.
In der Öffentlichkeit entstand zum Teil das Bild einer chaotischen "Erziehung" im Sinne: die Kinder können oder sollen nur das machen, was sie wollen. Ein Teil der Erzieher bzw. Pädagogen verfolgte auch eine sogenannte Laissez-faire-Pädagogik. [1] Andere Ansätze, vor allem in der Jugendarbeit, der Zeltlager- und der Abenteuer- und Erlebnispädagogik verfolgten Ansätze der Mitbestimmung und Selbstbestimmung. [2] Um zu einer begrifflichen Klarheit zu kommen, wurden in diesen Kreisen Begriffe wie "repressionsarm", "nicht-autoritär" und "emanzipatorisch" geprägt.
Von der Öffentlichkeit wurden diese Unterschiede kaum wahrgenommen und zum Teil auch bewusst diffamiert, was teilweise auch eine Reaktion auf die Kritik Antiautoritärer an traditionellen Pädagogen war. Hinzu kam, dass innerhalb der gesamten anti-autoritären Bewegung auch die Sexualpädagogik enttabuisiert wurde.
[Bearbeiten] Antiautoritäre Erziehung heute
Viele der damals entwickelten Methoden haben die heutige Erziehung nachhaltig geprägt. Der Begriff antiautoritäre Erziehung ist heute aber weitestgehend aus der öffentlichen Debatte verschwunden und vom Begriff emanzipatorische Erziehung vereinnahmt worden. Die Erziehung zu selbstbewussten, kreativen, gemeinschafts- und konfliktfähigen Persönlichkeiten ist heute fast selbstverständlich. Besonders ausgeprägt findet sich Emanzipatorische Erziehung in Mädchenarbeit, Projektunterricht, Erlebnispädagogik, freie bzw. alternative oder aktive Schule, Abenteuerspielplatz, Kinderladen, Freiraumpädagogik, Reformpädagogik, Kinderrepublik.
Das Bekenntnis zu den Werten der antiautoritären Erziehung ist zwar vielerorts zu finden, aber die tatsächliche praktische Durchsetzung wird je nach politischem Standpunkt verschieden bewertet. Kritiker bemängeln etwa die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems. Dies sei reaktionär, weil es sowohl strukturell als auch inhaltlich gegen eine individuelle Erziehung gerichtet sei. Als Argument hierfür werden die immer noch existenten Prüfungen, Zensuren und das Denken vom Reifezeugnis angesehen. Andere verweisen etwa auf das Buch Lob der Disziplin und sehen diese als richtige Methode, um zu den Zielen der antiautoritären Erziehung zu gelangen. Sie verweisen außerdem darauf, dass die Gesellschaft von Regeln und Unterordnung, etwa im Beruf, bestimmt sei und das Schulsystem ein angemessener Ort sei, um dies zu lernen. Nur durch das Beherrschen der Spielregeln der Gesellschaft sei demnach ein selbstbestimmtes Leben möglich.
Die Pädagogik ist zwar prinzipiell ebenfalls an dieser Achse aufgespalten, hat aber trotzdem mehrheitlich Ideen und Methoden der antiautoritären Erziehung aufgenommen, wie sie etwa in der Mädchenarbeit, dem Projektunterricht, der Erlebnispädagogik und den Alternativschulen anzutreffen sind, die sich zum Teil explizit auf die antiautoritäre Erziehung beziehen.
Interessierte Gruppen, wie etwa Linke SchülerInnenaktion sprechen heute von einer "emanzipatorischen Erziehung" beziehungsweise dem "emanzipatorischen Auftrag der Bildung".
[Bearbeiten] Wissenschaftliche Bewertung der antiautoritären Erziehung
Die antiautoritäre Erziehung basiert auf dem Grundgedanken, dass die Entwicklung des Kindes am besten durch die Bereitstellung von Freiraum geschieht, in dem Kinder ihre Neugier und Kreativität entfalten können, und dass Kinder nicht durch Einschränkungen gelenkt werden sollten. Die Wurzel dieser Vorstellung ist bei Jean-Jacques Rousseau zu finden, der in seinem Erziehungswerk "Émile oder über die Erziehung" darlegt, dass die "Wilden" edler sind als die Zivilisierten. In „Sieben pädagogischen Prinzipien“ beschreibt er grundlegende Werte und Methoden, insbesondere das Erfahrungslernen in der Natur und in der Gruppe. Werte und Regeln werden von den Kindern selbst gefunden und entwickelt.
Hassenstein beschreibt als Folge antiautoritärer Erziehung: Verstärkung des aggressiven Verhaltens. Im Gegensatz zu der Annahme der Pädagogen, dass diese Kinder "nicht frustriert" seien, entwickeln die Kinder messbare Frustrationen. Er führt dies auf eine der von ihm beschriebenen Arten der Aggressionen zurück: Aggression im Sinne sozialer Exploration. Kinder, die keine Grenzen erkennen, weil diese ihnen nicht deutlich gemacht wurden, würden immer aufs Neue Grenzen suchen und austesten.
Bemängelt wird, dass antiautoritär erzogene Kinder die zahlreichen sozialen Regeln und Verhaltenskodizes alleine herausfinden müssten, was sie überfordere.
Als Alternative kann ein demokratisch-fürsorglicher Erziehungsstil gesehen werden. Hier werden den Kindern die von Erwachsenen gemachten Regeln erklärt; und in klar definierten Grenzen dürfen die Kinder selbst Entscheidungen treffen.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Alexander Sutherland Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill. Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1998 ISBN 3499602091
- Nickel, Ingo: Keine Erziehung. Nirgends. Zitatensammlung von Miller bis Schoenebeck, ISBN 3-93397822-X
- Schroedter, Thomas: Antiautoritäre Pädagogik. Zur Geschichte und Wiederaneignung eines verfemten Begriffes, Schmetterling-Verl. 2007, ISBN 3-89657-598-8
- Hassenstein, Bernhard: Die Verhaltensbiologie des Kindes – 6. Auflage – Münster : Monsenstein und Vannerdat, 2007, ISBN 978-3-938568-51-4

