Antiimperialismus

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Der Begriff Antiimperialismus (aus griech. anti und latein. imperial zusammengesetzt: „gegen Großreiche“) ist auf den Begriff des Imperialismus als sein Gegensatz bezogen und von dessen Definition abhängig. Dieser bezeichnet allgemein eine auf Herrschaftserweiterung über das eigene Staatsgebiet hinaus ausgerichtete Politik. Anti-Imperialismus ist also deren prinzipielle Ablehnung.

Aus unterschiedlichen Erklärungsmodellen für den Imperialismus ergeben sich unterschiedliche antiimperialistische Positionen, die sich zum Teil ähneln, aber auch in direktem Gegensatz zueinander stehen können. Meist bedeutet Antiimperialismus jedoch die konkrete Bekämpfung des modernen, seit etwa 1890 bestehenden europäischen und US-amerikanischen Imperialismus.

Verschiedene Imperialismustheorien[Bearbeiten]

  • Wird der Imperialismus als eine Phase nationalstaatlicher Expansionspolitik ab Ende des 19. Jahrhunderts gesehen, so erfuhr der Antiimperialismus mit dem zu Ende gehenden Ersten Weltkrieg 1917/18 eine Zäsur. Während Deutschland seine Kolonien verlor und Russland infolge der Oktoberrevolution auf eine antiimperialistische Politik umschwenkte, setzten die ehemaligen europäischen Entente-Mächte, v. a. Frankreich und Großbritannien ihre kolonialistische Politik, nun verstärkt offen unter kapitalistischen Prioritäten (in Relation zur vorherigen Propaganda des nationalen Prestiges) fort. In diesen Staaten entwickelte auch der Antiimperialismus eine zunehmend antikapitalistische Dimension.
  • Wird hingegen der Imperialismus als eine dem Kapitalismus inhärente Entwicklungsstufe definiert (z. B. leninistische Imperialismustheorie), so wird auch der Antiimperialismus erst mit dem Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems seine Funktion verlieren.

Begriffsverwirrung entsteht immer dann, wenn das Wort Antiimperialismus ohne klaren Bezug auf die dahinter stehende Imperialismustheorie verwendet wird.

Formelle und informelle Herrschaft

Die Unterscheidung in formal empire („formelle Herrschaft“) und informal empire („informelle Herrschaft“) ermöglicht es auch nicht-marxistischen Imperialismustheoretikern, die Beschränkung des Imperialismusbegriffes auf den Kolonialismus zu durchbrechen. So war etwa Kuba auch in der nicht-marxistischen Analyse zwischen 1902 und 1959 zwar keine US-amerikanische Kolonie mehr, aber gehörte zum informal empire der USA, sinngemäß deren politischen, im engeren Sinn wirtschaftspolitischen, aber auch militärischen Einflusssphäre.

Historischer Antiimperialismus[Bearbeiten]

USA[Bearbeiten]

Antiimperialistische Bewegungen gab es sowohl in Europa im Zeitalter des Imperialismus als auch in den USA beginnend mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 und dem damit verbundenen Eintritt der Vereinigten Staaten in den Kreis der imperialistischen Weltmächte. Besonders in den USA gehörten auch einflussreiche bürgerliche Politiker zu den Antiimperialisten, die eine Vernachlässigung der wirtschaftlichen Entwicklung im eigenen Land befürchteten (Isolationismus).

Deutschland[Bearbeiten]

Im Deutschen Kaiserreich waren es besonders Teile der SPD, die vor Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 antiimperialistische Forderungen gegen die kolonialen Ansprüche des Deutschen Reichs bzw. dessen Politik in den entsprechenden Kolonien (im Wesentlichen die heutigen Staaten Togo, Kamerun, Namibia, Tansania, Papua Neuguinea und Samoa) vertrat. Persönlichkeiten wie Rosa Luxemburg oder Karl Kautsky entwickelten eigene Imperialismustheorien. Andere, beispielsweise Eduard Bernstein, verneinten den zwangsweisen Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Imperialismus.

Mit der Zustimmung der Mehrheit der SPD-Fraktion im Reichstag zu den Kriegskrediten des Deutschen Reiches 1914 während des Ersten Weltkrieges und dem Auseinanderbrechen der Zweiten Internationale in nationale Arbeiterbewegungen, die z. T. die Kriegspolitik ihrer Regierungen stützten, erfuhr der bisherige Antiimperialismus eine Zäsur.

Antiimperialismus als Antikapitalismus[Bearbeiten]

Mit der Entstehung der Kommunistischen Parteien aus den Sozialistischen und Sozialdemokratischen Arbeiterparteien und ihrer Ablehnung des „Imperialistischen Weltkrieges“ (Erster Weltkrieg) verband sich die Verwendung des Begriffes Antiimperialismus stark mit der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie. Der Imperialismus wird nicht als eine vorübergehende Erscheinung (wie im bürgerlichen Antiimperialismus) gesehen, sondern als Wesenselement der kapitalistischen Gesellschaft auf ihrer monopolkapitalistischen und staatsmonopolkapitalistischen Entwicklungsstufe. Er ist damit auch nicht mehr an einzelne Staaten gebunden, sondern an das ganze Gesellschaftssystem.

Seit dem von Lenin 1916 verfassten Aufsatz Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus ist der Antiimperialismus zu einem grundlegenden Begriff marxistisch-leninistischer Geschichtsinterpretation im 20. Jahrhundert geworden.

Entscheidend für diese Sichtweise des Imperialismus ist, dass folgende Elemente als Unterbegriffe von Imperialismus verstanden werden:

  • Kolonialismus zum Zwecke der Ausweitung der Rohstoff- und Absatzmärkte
  • Nationalismus als innenpolitische Rechtfertigung für Imperialismus
  • Rassismus als scheinwissenschaftliche Rechtfertigung für die Überlegenheit imperialistischer Staaten
  • Faschismus als extrem aggressive Form des Imperialismus

In dieser Lesart sind dann Antikolonialismus, Internationalismus, Antirassismus und Antifaschismus Unterbegriffe von Antiimperialismus und Antikapitalismus.

Gerade in den antikolonialen Bewegungen, im Antirassismus und Antifaschismus gab und gibt es aber bedeutende Gruppen, die sich durchaus nicht in der marxistischen Tradition sehen, sondern gegen ungewünschte „Ausuferungen“ einer ansonsten als gerecht empfundenen Gesellschaftsordnung angehen.

Antikolonialismus[Bearbeiten]

Hauptartikel: Antikolonialismus

Zahlreiche gegen den Kolonialismus gerichteten nationalen Befreiungsbewegungen entstanden in ihrem Kern bereits nach dem Ersten Weltkrieg und der mit ihm verbundenen Erschütterung der damaligen Weltordnung. Viele Gründer antikolonialer Bewegungen kamen in Kontakt mit der Kommunistischen Weltbewegung (Komintern), z. B. der Vietnamese Ho Chi Minh oder der Argentinier und Wahlkubaner Ernesto „Che“ Guevara, und sahen sich als Teil einer weltweiten antiimperialistischen Bewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine Welle von antikolonialen Bewegungen in nahezu allen Kolonien. Zumindest in ihrer Anfangszeit suchten sie nach Unterstützung und viele fanden sie in der einigenden Theorie marxistisch-leninistischer Imperialismustheorie. Neben dem Aspekt politischer Unterstützung spielte aber auch die materielle Unterstützung durch die Staaten des „Antiimperialistischen Lagers“ in der Atmosphäre des Kalten Krieges seit den 1950er Jahren eine mitunter entscheidende Rolle. Dies gilt z. B. für:

Antiimperialismus nach Ende des Kalten Krieges[Bearbeiten]

Bereits vor dem Auseinanderfallen des Ostblocks zeichnete sich in einigen der neu entstandenen Staaten der Dritten Welt eine Abkehr vom Antiimperialismus ab.

In jüngster Zeit zeichneten sich in Venezuela unter Hugo Chavez neue antiimperialistische Tendenzen ab, die vor allem gegen die Außenpolitik der Vereinigten Staaten gerichtet sind und Lateinamerika vom US-Einfluss („Hinterhof der USA“) befreien wollen.

Globalisierungskritiker[Bearbeiten]

Hauptartikel: Globalisierungskritik

Während der Begriff Globalisierung aus neoliberaler Sicht die wirtschaftliche Gleichberechtigung innerhalb einer neuen Weltordnung, die das nationalstaatliche Modell des 19. Jahrhunderts überwinden soll, suggeriert, benutzen die Kritiker der Globalisierung diesen Begriff häufig synonym mit Imperialismus, mitunter auch um sich vom Antiimperialismus marxistisch-leninistischer Lesart abzusetzen.

Seit Mitte der 1990er Jahre, nach dem Niedergang der Sowjetunion und des europäischen Ostblocks und mit der verstärkten Öffnung der internationalen Märkte, vor allem der Kapitalmärkte im Zuge der Globalisierung bekam der Kapitalismus und mit ihm auch der Imperialismus wieder eine neue, von vielen als aggressiver und zugleich subtiler empfundene Qualität gegenüber den entsprechenden Entwicklungen bis dahin. Die sich gegen diese Entwicklungen international organisierende Bewegung der Globalisierungskritiker versucht seither, auch neue Konzepte und Strategien des Antiimperialismus zu entwickeln. Dabei besteht die Schwierigkeit der Antiimperialisten in einer zunehmenden Anonymisierung ihrer Gegner, bei denen es sich immer weniger um konkrete imperialistische, im bisherigen Sinn kolonialistische Staaten und immer mehr um international operierende Wirtschaftsunternehmen und Banken handelt.

Nach dem Zerfall der UdSSR und dem Verbleib der Vereinigten Staaten als einzige Supermacht wird deren neue Außen- und Sicherheitspolitik von einigen Kritikern, wie Frank Deppe als neoimperialistisch interpretiert.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]