Antipsychiatrie

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Als Antipsychiatrie werden mehrere politische und soziale Bewegungen bezeichnet, denen eine kritische bis ablehnende Haltung gegenüber der Psychiatrie gemeinsam ist. Die Bewegung entwickelte sich zwischen 1955 und 1975 unter anderem in Großbritannien, in Italien, den USA und in der BRD [1] Der Terminus „Antipsychiatrie“ wurde erstmals 1967 von David Cooper verwendet,[2] Die antipsychiatrische Bewegung umfasste verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Hintergründen.

Kritikpunkte gegenüber der Psychiatrie bezogen sich auf die Einrichtungen der psychiatrischen Kliniken, das Verhältnis Patient-Arzt sowie auf die Frage der sozialen Bedingtheit der Klassifizierung psychischer Krankheiten und des Umgangs mit diesen. Insbesondere kritisiert wurde die Erklärung der Schizophrenie als psychische Erkrankung. Dabei wurden nicht nur die Missstände in psychiatrischen Einrichtungen angeprangert, sondern die Psychiatrie wurde als solches grundlegend in Frage gestellt.[3]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Historische Vorläufer

Als Vorläufer der Antispsychiatrie-Bewegung der 1960er kann die romantisch orientierte französische psychiatriekritische Bewegung angesehen werden, welche auf die Französische Revolution von 1789 folgte. Ebenso formierte sich um 1900 in Deutschland eine Bewegung von bürgerlichen Gruppen, welche heftige Kritik an der Internierungspraxis und der Feststellung einer Geisteskrankheit übten.

[Bearbeiten] Wichtige Autoren und Vertreter

David Cooper wird zusammen mit Ronald D. Laing und Thomas Szasz zu den wichtigsten Vertretern der Antipsychiatriebewegung gezählt.[4] Außerdem werden der Bewegung unter anderem der Psychiater Jan Foudraine, Franco Basaglia, der Psychiater Félix Guattari, der Philosoph Gilles Deleuze sowie der Soziologe Erving Goffman zugeordnet.

  • Der Philosoph und Historiker Michel Foucault, welcher selber noch nicht zur Antipsychiatriebewegung gezählt wird, publizierte 1961 sein Werk Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, welches sich mit der Frage beschäftigt, an welchem Punkt in der europäischen Geistesgeschichte „die aufklärerische Vernunft sich endgültig vom Wahnsinn als ihrem manifesten Gegenteil losgesagt hat.“[5]. Wichtige Einflüsse auf die Antipsychiatriebewegung der 1960er Jahre stammen aus diesem und anderen Werken. Michel Foucault hinterfragte weiterhin die medizinische Definition der psychischen Krankheit. Die Diagnose psychischer Krankheiten sei primär das Produkt sozialer, politischer und juristischer Prozesse und damit historisch bedingt. Die Klassifizierung von Individuen als psychisch krank und der jeweilige Umgang gründe in Prozeduren der Macht, insbesondere der Ausschließung und Verdrängung der als krank klassifizierten Subjekte aus dem gesellschaftlichen Diskurs.[6] Medizin und Psychiatrie seien in diesem Sinne Instrumente, mit deren Hilfe die Ausgrenzung rationalisiert und wissenschaftlich legitimiert werde. Insbesondere durch Mechanismen der Naturalisierung erscheine „Krankheit“ fortan als ein unabhängig von sozialen Bedingungen und Zuschreibungen existierendes Faktum; so galt beispielsweise Homosexualität lange Zeit als behandlungsbedürftige psychische Störung.
  • Der Soziologe Erving Goffman stellte in seinen Arbeiten die Lebensbedingungen der Patienten in psychiatrischen Asylen dar. Zusammen mit populäre Darstellungen in den Medien (wie beispielsweise der Roman Einer flog über das Kuckucksnest von Ken Kesey) führten dies unter Intellektuellen und in der Öffentlichkeit zu einer kritischen Haltung gegenüber der Psychiatrie.[7] Für Erving Goffman waren psychiatrische Kliniken ein Beispiel für eine „totale Institution“, in der die Patienten systematisch der Willkür der höhergestellten Verantwortlichen (Ärzte, Pfleger und Verwaltung) ausgeliefert seien. Goffmans Verurteilung der klinischen Institutionen beruhte auf Erfahrungen, die er 1955 im Rahmen von Feldstudien im St. Elizabeths Krankenhaus (damals mit über 6000 Patienten) gesammelt hatte.[8]
  • Der amerikanische Psychologe David L. Rosenhan legte durch seinen Studien zur Validität und Reproduzierbarkeit psychiatrischer Diagnosen nahe, dass die Diagnosen eher einer willkürliche „Etikettierung“ von Individuen entsprechen. Im Rosenhan-Experiment ließen sich psychisch gesunde Testpersonen in eine psychiatrische Anstalt einweisen, indem sie Symptome psychischer Erkrankungen (Wahnsymptome) angaben. Obwohl sie danach keine Symptome mehr vorspielten, wurden sie erst nach längerer Zeit entlassen - nicht als "gesund" oder "geheilt", sondern lediglich als "symptomfrei".[9]
  • Der amerikanische Psychiater Thomas Szasz war ein radikaler Verfechter des Ansatzes, dass die Ursache beobachtbarer Symptome gesellschaftliche Strukturen und psychiatrischer Kliniken seien. Er und andere Antipsychiater kamen zu dem Schluss, dass es überflüssig sei, psychisch Kranke zu behandeln. Psychiatrische Diagnosen wurden von ihm pauschal abgelehnt, da psychische Krankheiten sozial bedingt seien und deswegen der Blick weg von den Symptomen und hin zu der Ablehnung von sozial abweichenden Verhalten gerichtet werden sollte. Erst die Ablehnung durch die Umgebung sowie die Akzeptanz der Rolle des Kranken (Internalisierung, „Krankheitseinsicht“) durch den Betroffenen würde dazu führen, dass der Betroffene sich so verhalte, wie es einem angeblich psychisch Kranken entspreche. Psychiatrischer Diagnosen bezeichneten einige Antipsychiater deswegen als falsch und inhuman. Thomas Szasz bezeichnete die Diagnose, die Hospitalisierung sowie die Behandlung psychisch Kranker als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sofern sie unter Zwangsandrohung erfolgten. Thomas Szasz gründete die Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM), die Kampagnen wie „Psychiatrie tötet“ oder „Psychiatrie – ein globaler Fehlschlag“ organisiert. Sie ist ein Zweig der Scientology-Kirche.

[Bearbeiten] Auswirkungen

  • Die Antipsychiatrie forderte die Einrichtung sogenannter Weglaufhäuser, die in Analogie zu den Frauenhäusern den Betroffenen Obdach und Schutz geben sollten. Versuche, antipsychiatrische Konzepte in die Praxis umzusetzen, waren unter anderem die von Ronald D. Laing und David Cooper konzipierten „Households“ (Wohngemeinschaft) in der Kingsley Hall in London, Station 21. Versuche in dieser Richtung in Deutschland waren das 1970 in Heidelberg gegründete Sozialistische Patientenkollektiv (SPK) und die 1980 gegründete Irren-Offensive. Jedoch gelten solche antipsychiatrische Konzepte in die Praxis als gescheitert. Die Deinstitutionalisierung der Behandlung von psychisch Kranken, wie sie von einigen Richtungen der Antipsychiatrie propagiert wurde, führte teilweise zu einer Verelendung und Kriminalisierung der Betroffenen.[10]
  • Die Antipsychiatrie-Bewegung gab Impulse zu einer Verbesserung der Qualität der psychiatrischen Versorgung. So ist das Soteria-Konzept entstanden, das auf gleichwertige Beziehungen zwischen Betreuer und Patienten zielt.
  • In den USA hat sich die Antipsychiatrie zu einer patientenbasierten Verbraucherschutzbewegung hin entwickelt, die heute nicht mehr die Abschaffung der Psychiatrie verfolgt, sondern deren Reform im Sinne eines verstärkten „Verbraucherschutzes“ auf dem „Markt für geistige Gesundheit“ beabsichtigt.

[Bearbeiten] Aktuelle Bewegung

Während sich in den 1960er vor allem Fachkundige aus dem universitären Bereich stellvertretend für die Interessen der Psychiatrie-Betroffenen einsetzten, fanden sich seit den Siebziger und Achtziger Jahren Selbsthilfegruppen zusammen und treten unter dem Terminus Antipsychatrie auf. Sie greifen teilweise auf die Forderungen und Formulierungen der ursprünglichen Antipsychiatrie-Bewegung zurück. [12]

[Bearbeiten] Filme

[Bearbeiten] Literatur

  • Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie, Auer, Heidelberg 1996, ISBN 3-927809-44-6
  • Peter R. Breggin: Giftige Psychiatrie Teil 2, Auer, Heidelberg 1997, ISBN 3-931574-38-5
  • David Cooper: Psychiatrie und Anti-Psychiatrie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971
  • Rolf Degen: Lexikon der Psycho-Irrtümer, Piper, 2002
  • Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974
  • G. Deleuze/F. Guattari/G. Jervis u. a.: Antipsychiatrie und Wunschökonomie, Merve, Berlin 1976
  • Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993
  • Jan Foudraine: Wer ist aus Holz? Neue Wege der Psychiatrie (1973).
  • Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993
  • Theo R. Payk: Antipsychiater. In: Psychiater. Forscher im Labyrinth der Seele, Stuttgart 2000.
  • Heinz Schott/Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren – Irrwege – Behandlungsformen. München 2006.

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Wörterbuch der Psychoanalyse, Elisabeth Roudinesco, Michael Pion, Seite 45
  2. Vgl. Nick Crossley: R. D. Laing and the british anti-psychiatry movement: A socio-historical analysis. In: Soc. Sci. Med. Vol. 47, Nr. 7/1998, S. 877-889, hier S. 877.
  3. Heiner Fangerau: Psychische Erkrankungen und geistige Behinderung. In: S. Schulz, K. Steigleder, H. Fangerau, N. W. Paul: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006. S. 375
  4. Illustrierte Geschichte der Medizin, Wolfgang Eckart, Springer-Verlag, Seite 191
  5. Philipp Sarasin: Michel Foucault zur Einführung. 2. Auflage. Junius Verlag, Hamburg 2006. S. 31.
  6. Vgl. Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, insb. S. 68 ff.; Vgl. auch E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, S. 410.
  7. E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. S. 410–412.
  8. Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993; vgl. auch E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. S. 411.
  9. Vgl. David L. Rosenhan: Gesund in kranker Umgebung. In: Paul Watzlawick (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus., Piper, München 1985, S. 111-137; kritisch hierzu siehe R. L. Spitzer: On pseudoscience in science, logic in remission, and psychiatric diagnosis: a critique of Rosenhan’s „On being sane in insane places“. Journal of Abnormal Psychology, Nr. 84 (5), S. 442-52 (1975).
  10. Vgl. E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, S. 421.
  11. David J. Rissmiller, Joshua Rissmiller: Evolution of the Antipsychiatry Movement Into Mental Health Consumerism. Psychiatric Services, Vol. 57 (6), 2006.
  12.  :Thilo von Trotha Unterwegs zur alten Frage: Die Neue Antipsychiatrie Z.system.Ther. Oktober 2001, S. 201
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