Antiqua-Fraktur-Streit

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Vergleich runder und gebrochener Schriftarten

Der Antiqua-Fraktur-Streit war eine politische Auseinandersetzung im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts über den Stellenwert gebrochener Schriften für die geschriebene deutsche Sprache.

Im weiteren Sinne ist der gesamte etwa 200-jährige Übergangsprozess gemeint, in dem die Antiqua die gebrochenen Schriften als Alltagsschrift ablöste. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde deutsche Sprache ausschließlich in gebrochenen Schriften geschrieben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die gebrochenen Schriften fast vollständig aus dem Alltag verschwunden. Bei den Buch- und Druckschriften erfolgte die Ablösung – mit gewissen Modeschwankungen – allmählich über den gesamten Zeitraum. Dagegen wurde über Schreibschriften und Schullehrpläne zwar lange gestritten, die tatsächliche Umstellung erfolgte aber beschleunigt ab dem Jahr 1941, bedingt durch den Normalschrifterlass.

Gotik, Renaissance, Reformation[Bearbeiten]

Im 15. Jahrhundert war die Gotik noch vorherrschende Stilrichtung in Kunst und Architektur ganz Europas. In der Typographie fand diese Ausdruck in gebrochenen Schriften wie Textur, Rotunda, Bastarda und gotischer Minuskel.

Die „alte Schrift“ Antiqua (lat. antiquus „alt, einstig“) ist dagegen eine relativ neue Entwicklung des Renaissance-Humanismus, der sich inhaltlich und stilistisch auf die Antike bezog. Erste Typographen entwickelten die Antiqua im 15. Jahrhundert aus antik-römischen Vorbildern (Capitalis) und der für antik gehaltenen karolingischen Minuskel, um klassische römische Texte neu aufzulegen. Die Antiqua gewann schnell an Bedeutung als Standardschrift für Texte in lateinischer Sprache sowie für die aus dem Latein entstandenen romanischen Sprachen.

Es ist umstritten, inwiefern schon die Reformation zur Politisierung der Schriftfrage beitrug. Martin Luthers deutsche Bibel wurde in der volkstümlichen[1] gebrochenen Schrift Schwabacher gesetzt, um sich einerseits gegen die Textur der römischen Kirche abzugrenzen (in der etwa hundert Jahre zuvor die lateinische Gutenbergbibel gesetzt war), andererseits auch gegen die humanistische Antiqua.

Am Anfang des 16. Jahrhunderts entstand am Hof des deutschen Kaisers Maximilian I. die Fraktur im engeren Sinne. Sie wurde bevorzugt von deutschsprachigen Typographen verwendet, fand aber auch Verbreitung im europäischen Ausland.

Zweischriftigkeit[Bearbeiten]

Zweischriftigkeit: Deutscher Text in Fraktur, lateinische und französischstämmige Worte in Antiqua (1768)

Anfang des 16. Jahrhunderts bildete sich so die deutsche Eigenheit heraus, zwei Schriften zu pflegen. Deutschsprachiger Text wurde weiterhin in gebrochenen Schriften gedruckt und geschrieben, lateinischer Text in Antiqua. Bei gemischtsprachigen Texten werden auch die Schriften gemischt: Fraktur für den Druck deutschsprachiger Wörter, Antiqua für fremdsprachige Wörter. Diese Regel hat sich im Fraktursatz bis heute gehalten. Diese Unterscheidung hat sich umgangssprachlich auch in den Begriffen „Deutsche Schrift“ und „Lateinische Schrift“ verfestigt.

Die Zweischriftigkeit galt auch für Schreibschriften. Handschriftliches in deutscher Sprache wurde in gotischen Kursiven geschrieben, wie deutscher Kurrentschrift oder Sütterlinschrift. Handschriftliches in lateinischer Sprache wurde in humanistischen Kursiven verfasst.

Bei den deutschen Schriftstreiten ging es um die Frage, ob auch die deutsche Sprache in Antiqua geschrieben werden könne, sowie um die Überwindung der Zweischriftigkeit zugunsten einer einzigen Schrift. In Italien und Frankreich war die Frage schon im 16. Jahrhundert zugunsten der Antiqua entschieden.

Aufklärung, Klassizismus, Befreiungskriege[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs durch Aufklärung, Klassizismus und Französische Revolution das Interesse in Deutschland an Literatur aus Frankreich und der griechischen und römischen Antike. Dies förderte die Verbreitung der Antiqua.

Der erste Höhepunkt des Schriftstreites fällt mit der Besetzung Deutschlands durch den französischen Kaiser Napoleon zusammen. Er erzwang im Jahr 1806 die Gründung des Rheinbundes, die das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bedeutete. Obwohl dieses „Römische Reich“ noch kein Nationalstaat im modernen Sinne war, liegen die Ursprünge der deutschen Nationalstaatsbewegung etwa in dieser Zeit.

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Zunächst gab die Verwaltung der französischen Besatzungsmacht Anlass zum Schriftenstreit, da die meisten Verordnungen in lateinischer Schrift verbreitet wurden. Gebrochene Schriften wurden von deutschen Nationalisten als Symbol der äußeren Abgrenzung gegenüber der militärischen und kulturellen Übermacht Frankreichs verwendet.

Andererseits blieb die Frage, ob deutsche Sprache nicht auch mit Antiqua-Schriften geschrieben werden könne, eine Geschmacksfrage. Traditionalisten schätzten das vertraute Schriftbild der gebrochenen Schriften, Neuhumanisten bevorzugten die Antiqua aus philosophischen Gründen. Den gebildeten adeligen und bürgerlichen Kreisen in Deutschland war die Antiqua nicht nur geläufig, weil sich Französisch als internationale Diplomaten- und Gesellschaftssprache durchgesetzt hatte, sondern auch, weil fast die gesamte fremdsprachige Literatur in Antiqua gesetzt war und deren Kenntnis zum unverzichtbaren Bestandteil der „höheren“ Bildung zählte. König Friedrich II. von Preußen, genannt „Friedrich der Große“, der zu den historischen Gestalten zählt, die den späteren Werdegang der deutschen Nation prägten, sprach und schrieb wie alle führenden Persönlichkeiten seiner Zeit Französisch.

Bezeichnend ist der Briefwechsel zwischen Goethe und seiner Mutter Katharina. Goethe bevorzugte die Antiqua, ließ seine Werke aber in beiden Schriftarten drucken. Seine Mutter schrieb am 15. Juni 1794

„Froh bin ich über allen Ausdruck, daß deine Schriften … nicht mit den mir fatalen Lateinischen Lettern das Licht der Welt erblickt haben.“

Katharina Goethe[2]

Wichtige Befürworter der Antiqua sind die Brüder Grimm, deren Märchensammlung und Deutsches Wörterbuch zu den wichtigsten Werken deutscher Sprachkultur gehören. Die Fraktur sei in der Majuskel „unförmig“ und hindere die Verbreitung deutscher Bücher im Ausland.[2]

Durch die Einführung der Volksschule im 19. Jahrhundert setzte Preußen die Schulpflicht erstmals für große Bevölkerungsanteile durch. Im Lese- und Schreibunterricht wurde die Deutsche Kurrentschrift („Spitzschrift“) gelehrt.

Für Adel und Bürgertum blieb weiterhin Französisch wichtigste Verkehrssprache; durch den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch mit dem industriell führenden Großbritannien gewann auch Englisch an Bedeutung. Deshalb mussten gebildete deutsche Briefschreiber zusätzlich auch die lateinische Schreibschrift („Rundschrift“) beherrschen.

Kaiserzeit[Bearbeiten]

„8 Alphabete“ um 1900: Die Buchstaben S und E in lateinischer und deutscher Schrift, Druck- und Schreibschrift, Groß- und Kleinbuchstaben, einschließlich „langes s

1871 wurde mit dem Deutschen Reich der erste deutsche Nationalstaat gegründet. Reichskanzler und -gründer Otto von Bismarck war erklärter Befürworter der Fraktur.

Der Antiqua-Fraktur-Streit als öffentliche Debatte wurde 1881 durch Reformvorschläge des Schreibwarenherstellers Friedrich Soennecken ausgelöst, die 1885 zur Gründung des „Vereins für Altschrift“ führten. Die völkische Gegenposition vertraten der Oberkorrektor der Reichsdruckerei Adolf Reinecke und der Verleger Gustav Ruprecht, der sich mit dem Flugblatt Das Kleid der deutschen Sprache (1912) an dem Streit beteiligte und den Buchhändlerischen Frakturbund gründete. Der öffentliche Streit gipfelte 1911 in einer Reichstagsdebatte, die aber zu keiner Entscheidung führte.

Die Schriftdebatte verlief um einige Jahre zeitversetzt zur Debatte um eine einheitliche deutsche Rechtschreibung, die 1876 mit der I. Orthografischen Konferenz begann und 1901 auf der II. Orthographischen Konferenz zu einem einvernehmlichen Ergebnis kam.

Alldeutsche und völkische Bewegung[Bearbeiten]

Ende des 19. Jahrhunderts griff auch die Alldeutsche Bewegung sowie die Völkische Bewegung die Schriftfrage auf. Vor allem Adolf Reinecke und der von ihm 1890 in Berlin gegründete „Allgemeine Deutsche Schriftverein“ sowie die von ihm 1896 gegründete und herausgegebene Zeitschrift Heimdall[3] trieben den Streit mit zunehmender Schärfe voran. Reinecke betrachtete die Antiqua als eine durch die Römer oktroyierte Schrift, nachdem die Runen der Germanen als „heidnische Schrift“ der Christianisierung zum Opfer gefallen waren. In der Entwicklung der gebrochenen Schriften glaubte er das Wirken des deutschen Wesens zu erkennen:

„Die runden, wälschen Buchstaben [haben sich] allmählich unserem Wesen gemäß zu geraden, eckigen, knorrigen, geästelten und dabei künstlerischen Gebilden zur sogenannten gothischen oder Eckschrift entwickelt. In dieser Umgestaltung sehen wir sich eine schöpferische Tat germanischen Geistes vollziehen. Der wälschen Schrift wurde der Stempel des Deutschtums aufgeprägt.“

Adolf Reinecke: Deutsche Wiedergeburt. Grundlegende Baustücke zur jungdeutschen Bewegung.[4]

Reineckes Begründungen verkennen aber die geschichtliche Entwicklung der Schrift: die Germanen beriefen sich im Alltag auf mündliche Vereinbarungen, Runen hatten hauptsächlich eine kultische und religiöse Bedeutung. Die Wandlung der „runden“ karolingischen Minuskel in „eckige“ gotische Schriften begann im „welschen“(!) Nordfrankreich, nicht in Deutschland, und wurde in ganz Europa weitergeführt. Zahlreiche der in Deutschland so beliebten Frakturschriften sind mit ihren „Elefantenrüsseln“ viel runder als die gotische Textur und viel schnörkeliger als die klare Antiqua.

Gesetzgebung[Bearbeiten]

Am 4. Mai 1911 wurde die Schriftfrage ausführlich im deutschen Reichstag verhandelt.[5] Der die Antiqua propagierende Verein für Altschrift hatte sich Mitte der 1890er Jahre an die Petitionskommission des Reichstags gewandt, um die Antiqua in den Schulen neben der Fraktur einzuführen. Nachdem dem Antrag zunächst zugestimmt worden war, entfachte Reinecke gemeinsam mit anderen nationalistischen Gruppierungen eine sehr emotional geführte öffentliche Debatte. In der Folge dieses öffentlichen Streits nahm der Reichstag den Beschluss mit 85 zu 82 Stimmen zurück. Bei der endgültigen Abstimmung[6] am 17. Oktober 1911 stimmten 75 % der Abgeordneten gegen den Antrag. Damit blieb alles beim Alten.

1911 erhielt der Grafiker Ludwig Sütterlin vom preußischen Kultusministerium den Auftrag, neue Schulausgangsschriften zu entwickeln. 1915 führte Preußen die deutsche und die lateinische „Sütterlinschrift“ in den Lehrplan ein. Bis 1935 übernahmen auch die meisten anderen deutschen Länder die beiden Sütterlinschriften.

Siehe auch: Buchkunstbewegung

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Während der Weimarer Republik bestand die Zweischriftigkeit in Schullehrplänen und alltäglichem Schriftgebrauch weiter. Die Antiqua gewann als internationale Schrift an Bedeutung.

Im Umfeld des funktionalistischen Bauhauses und des Typographen Jan Tschichold entstand in den 1920er Jahren eine Neue Typographie. Serifenlose Grotesk-Schriften gewannen an Bedeutung.

In diese Zeit fielen auch zahlreiche Untersuchungen zur besseren Lesbarkeit einer dieser beiden Schriftgattungen, bei denen die Bruchschrift – entgegen den subjektiven Einschätzungen der Testteilnehmer – gegen die Antiqua gewann.

Nationalsozialismus (1933–1945)[Bearbeiten]

Die Nationalsozialisten hatten ein widersprüchliches Verhältnis zu den traditionellen gebrochenen Schriften. Auf der einen Seite forderten Studenten bei der Bücherverbrennung 1933 in Deutschland „Schärfstes Einschreiten gegen den Mißbrauch der deutschen Schrift“. Auf der anderen Seite verspottete Adolf Hitler 1934 bei einer „Kulturtagung der NSDAP“ diese rückwärtsgewandte Haltung:

„[…] der nationalsozialistische Staat [muss] sich verwahren gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärtse, die meinen, eine ‚teutsche Kunst‘ aus der trauten Welt ihrer eigenen romantischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Revolution als verpflichtendes Erbteil für die Zukunft mitgeben zu können […]“

Adolf Hitler[7]

Die NSDAP und die nationalsozialistische Regierung selbst setzten Schriften in ihrem Propagandamaterial[8] uneinheitlich ein, wenn auch ab 1933 eine gewisse Bevorzugung gebrochener Schriften zu erkennen[9] ist. Als ausschließliche Besonderheit der Nazi-Typographie lassen sich eigentlich nur das Hakenkreuz, die Siegrune (SS) und die Kombination aus Davidstern und pseudo-hebräischer Schrift beim „Judenstern“ und antisemitischer Propaganda nachweisen. Es ist umstritten, inwiefern die nach 1933 in Mode gekommenen gebrochenen Grotesken als „Nazi-Schrift“ zu werten sind.

Schrift der Deutschen[Bearbeiten]

Am 9. Mai 1933 forderte Reichsinnenminister Wilhelm Frick in einer Rede vor den Kultusministern der Länder, dass die deutsche Schrift „ihren unbedingten Vorrang vor der lateinischen niemals verlieren darf“.[10] Am 8. August folgte er einer Anregung des Buchhändlerischen Fraktur-Bundes und ließ für das Innenministerium anordnen, nur noch „Schreibmaschinen mit deutschen Schriftzeichen“ anzuschaffen.[11] Es ist nicht bekannt, wie viele dieser Schreibmaschinen tatsächlich angeschafft und benutzt wurden.

Im Winter 1933/34 veranstaltete das Berliner Schriftmuseum Rudolf Blanckertz eine große Ausstellung zum Thema „Die Schrift der Deutschen“, die anschließend bis 1938 als Wanderausstellung in den meisten Großstädten gezeigt wurde. Am 7. September 1934 regelte ein Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Bernhard Rust die Verwendung der Deutschen Schrift. Am 30. Juli 1937 verbot das Propagandaministerium jüdischen Verlagen die Verwendung der Fraktur zum Druck von Publikationen.[12]

Der Marktanteil der Fraktur als Werkschrift war bis 1932 auf fünf Prozent gesunken. In den Jahren 1933 bis 1935 nahm er bis auf 50 % zu, sank aber schon vor 1940 wieder rapide ab. Trotz dieser kurzen Modewelle war der Anteil der Antiquaschnitte an der deutschen Druckschriftenproduktion während der gesamten NS-Zeit wesentlich höher als die der Frakturschnitte. Fraktur hatte nur als Setzmaschinenschrift einen nennenswerten Anteil. Antiqua blieb die Norm für Schreibmaschinen- und Akzidenzschriften.[13]

Erlass zur alleinigen Unterrichtung der lateinischen Schreibschrift als neuer „deutscher Normalschrift“[Bearbeiten]

Rundbrief Martin Bormanns vom 3. Januar 1941 mit dem Erlass Adolf Hitlers, die Antiqua als „Normal-Schrift“ einzuführen

Adolf Hitler hatte seine langfristigen Ziele schon 1934 auf dem Reichsparteitag verkündet:

„Eure vermeintliche gotische Verinnerlichung passt schlecht in das Zeitalter von Stahl und Eisen, Glas und Beton, von Frauenschönheit und Männerkraft, von hochgehobenem Haupt und trotzigem Sinn … Unsere Sprache wird in hundert Jahren die europäische Sprache sein. Die Länder des Ostens, des Nordens wie des Westens werden, um sich mit uns verständigen zu können, unsere Sprache lernen. Die Voraussetzung dafür: An die Stelle der gotisch genannten Schrift tritt die Schrift, welche wir bisher die lateinische nannten […]“

Adolf Hitler[14]

Wenige Jahre später verwirklichte er seine Ankündigung. Dem „Neuaufbau Deutschlands“ folgte jetzt der „Neuaufbau der Welt“.[15] 1940 hatte das Deutsche Reich Österreich, Tschechien, Teile Polens, Norwegen, Dänemark, Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Frankreich besetzt. Der Zweite Weltkrieg verlief bis zu diesem Zeitpunkt für Deutschland erfolgreich. Hitler war auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Joseph Goebbels begleitete die Eroberungen propagandistisch. Anfang 1940 entwickelte er eine neue deutschsprachige Zeitung für ausländische Leser. Am 15. März 1940 erschien Das Reich zum ersten Mal, gesetzt in Antiqua. Bei einer geheimen Ministerkonferenz im Propagandaministerium wurde am 27. März 1940 beschlossen, für sämtliches zur Verbreitung im Ausland bestimmte Propagandamaterial ausschließlich den dort üblichen Antiqua-Druck zu verwenden.[16]

Am 3. Januar 1941 fällte der „Führer“ Adolf Hitler seine Entscheidung. Die gotischen Schriften seien sämtlich zugunsten der „Normal-Schrift“ aufzugeben. In einem nichtöffentlichen Rundbrief ließ Hitler Martin Bormann verbreiten:

„Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.
Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden.
Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u. dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden.
Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen.“[17]

Hitlers Begründung steht im krassen Widerspruch zu allen jemals ausgetauschten Argumenten des jahrzehntelangen Schriftstreits. Zur Entstehungszeit der Schwabacher Lettern im 15. Jahrhundert war der Besitz von Druckereien Christen vorbehalten. Die Schrift selbst hat ihre Wurzeln in der fränkischen Bastarda, einer traditionellen gotischen Schrift.[1] Viel bedeutender als die Schwabacher Schrift war die Fraktur aus dem Umfeld des deutschen Kaisers Maximilian I. Die Bezeichnung „Schwabacher Judenlettern“ wird meist als Ausdruck von Hitlers Judenhass und Ablehnung alles Gotischen interpretiert. Andere halten ihn für einen Propagandatrick zur Schwächung deutscher Schriftvereine, die deutsche Sprache und gebrochene Schrift als kulturelle Einheit begriffen.

Am 13. Januar 1941 leitete Hans Heinrich Lammers diesen Beschluss an die obersten Reichsbehörden weiter, allerdings mit der Begründung, dass „die Verwendung der fälschlicherweise als gotische Schrift bezeichneten Schriftzeichen den deutschen Interessen im In- und Auslande schade, weil Ausländer, die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können“.

Am 1. September 1941 regelte ein Erlass[18] des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung den Schreibunterricht an Schulen. Die 1935 eingeführte „deutsche Volksschrift“, eine Variante der spitzen Sütterlinschrift, wurde aufgegeben. Stattdessen sollte ab dem Schuljahr 1941/42 nur noch eine lateinische Schreibschrift, die neue „deutsche Normalschrift“, unterrichtet werden. Der Erlass enthielt auch genaue Anweisungen zum Aussehen dieser Schrift. Zur Regelung der Umstellung auf die Normalschrift im Leseunterricht erging ein weiter Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, durch den angeordnet wurde, dass das Lesen der Frakturschriften „im zweiten und dritten Schuljahr gelehrt“ wird, damit diese Schriften „in den bisherigen Büchern und Schriften noch weiterhin [fließend] gelesen werden können“, dass jedoch „[a]uf das Lesen von Schreibschriften in ‚deutscher Schrift‘ … verzichtet werden“ muss.[19]

Eine schlagartige Umsetzung erfolgte aber, schon aus logistischen Gründen, nicht. Man konnte mitten im Krieg nicht unmittelbar alle Lehrmaterialien austauschen. Auch die Zeitungs- und Buchverlage konnten nicht im notwendigen Maße lateinische Bleischriften kaufen. Dennoch markiert der Normalschrifterlass das Ende der spitzen deutschen Schriften als allgemeiner Gebrauchsschriften.

Nachkriegszeit und Deutsche Teilung[Bearbeiten]

Verbreitungsgebiet der deutschen Sprache nach 1950

Mit der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 endeten die Herrschaft der Nationalsozialisten und die Rechtshoheit des Deutschen Reiches. Schriftfragen und Schullehrpläne wurden in den Besatzungszonen von den jeweiligen Besatzungsmächten geregelt. Österreich und die Tschechoslowakei waren wieder unabhängige Staaten. In den westlichen Besatzungszonen wurde das Benutzen der deutschen Schrift vielerorts durch die Alliierten untersagt, weil sie diese Schrift nicht lesen konnten.

In der Bundesrepublik wurde die deutsche Schreibschrift ab 1954 wieder an den Schulen einiger Bundesländer als zusätzliche Ausgangsschrift gelehrt, konnte sich jedoch nicht mehr nachhaltig gegen die lateinischen Schreibschriften durchsetzen.

In der Bundesrepublik und der DDR hat sich die Fraktur im öffentlichen Leben gehalten, wo Straßenschilder, Wirtshausschilder, Biermarken und andere Werbemittel eine gewisse Altertümlichkeit oder Rustikalität symbolisieren sollen. In Firmennamen bzw. Schriftzügen kommt sie häufig vor, um auch als Hinweis auf eine lange Unternehmensgeschichte oder Solidität zu dienen. Teilweise hat sich die Fraktur auch noch als Auszeichnungsschrift gehalten. Vollständige Bücher wurden nur noch vereinzelt in gebrochenen Schriften gesetzt.

In den meisten deutschsprachigen Schweizer Zeitungen wurde die Frakturschrift – länger als in Deutschland – bis Ende der 1940er Jahre eingesetzt. Da die deutschsprachigen Schweizer Medien ihre Zeichensätze aus Deutschland importierten und dort kaum noch Sätze in Frakturschrift hergestellt wurden, waren die Schweizer Medien nach und nach gezwungen, auf Antiqua umzustellen.

Heute[Bearbeiten]

Nachdem 1990 die Einheit Deutschlands wiederhergestellt wurde, haben die gebrochenen Druckschriften ihre Sonderstellung für die geschriebene deutsche Sprache ganz verloren. Die Nutzung passt sich internationalen Gewohnheiten an.

In öffentlichen Debatten zur Sprachpflege stoßen gebrochene Schriften als „deutsche Schrift“ auf kein nennenswertes Interesse mehr, ganz im Gegensatz zu sprachpuristischen Forderungen oder der heftigen Auseinandersetzung um die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Beck: „Schwabacher Judenlettern“ – Schriftverruf im Dritten Reich. In: Die Kunst des Vernetzens. Verlag für Berlin-Brandenburg, 2006, ISBN 3-86650-344-X. (online, PDF-Datei; 577 kB)
  • Friedrich Beck, Lorenz Friedrich Beck: Die lateinische Schrift Schriftzeugnisse aus dem deutschen Sprachgebiet vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2007, ISBN 978-341-212506-6, S. 63–66.
  • Silvia Hartmann: Fraktur oder Antiqua. Der Schriftstreit von 1881 bis 1941. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1998. 2. Auflage 1999, ISBN 978-3-631-35090-4.
  • Albert Kapr: Fraktur. Form und Geschichte der gebrochenen Schriften. Schmidt, Mainz 1993, ISBN 3-87439-260-0.
  • Christina Killius: Die Antiqua-Fraktur-Debatte um 1800 und ihre historische Herleitung. (Mainzer Studien zur Buchwissenschaft 7.) Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-03614-1.
  • Peter Rück: Die Sprache der Schrift. Zur Geschichte des Frakturverbots von 1941. homo scribens, Tübingen 1993, S. 231–272 (Leseprobe)
  • Peter Rück: Paläographie und Ideologie. Die deutsche Schriftwissenschaft im Fraktur-Antiqua-Streit von 1871–1945. In: Signo. 1, 1994, S. 15–33 (online, PDF-Datei; 63 kB)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Michael Gugel: Fokus Fraktur. veraltet, verspottet – vergessen? Ein Portrait. 2006. (pdf)
  2. a b Zitiert nach Beck 2006, S. 256
  3. Vgl. Thomas Müller: Imaginierter Westen. Das Konzept des „deutschen Westraums“ im völkischen Diskurs zwischen politischer Romantik und Nationalsozialismus. Bielefeld 2009, S. 136
  4. Herausgegeben vom Alldeutschen Sprach- und Schriftverein, Lindau 1901
  5. Verhandlungen des Reichstages: Stenographische Berichte (1911), Band 266, S. 6361–6378. (online)
  6. Verhandlungen des Reichstages: Stenographische Berichte (1911), Band 268, S. 7363–7364. (online)
  7. Völkischer Beobachter (Münchner Ausgabe) Nr. 249 vom 6. September 1934. Zitiert nach Lutz Schweizer
  8. „pre-1933 Nazi Posters“, German Propaganda Archive, Calvin College, USA http://www.calvin.edu/academic/cas/gpa/posters1.htm (Abgerufen 3. April 2008)
  9. „Nazi Posters: 1933–1945“, German Propaganda Archive, Calvin College, USA http://www.calvin.edu/academic/cas/gpa/posters2.htm (Abgerufen 3. April 2008)
  10. Nach Friedrich Beck, 2006
  11. Beck 2006, S. 259 und Abb. 7a.
  12. Beck 2006, S. 258
  13. Peter Rück: „Sprache der Schrift“, S. 152
  14. Völkischer Beobachter Nr. 250 vom 7. September 1934.
  15. Adolf Hitler in einer Rede am 26. Februar 1940 im Münchner Hofbräuhaus zum 20. Jahrestag der Verkündung des Parteiprogramms der NSDAP. Zitiert nach Friedrich Beck, 2006
  16. Friedrich Beck, 2006
  17. Bundesarchiv Koblenz Signatur NS 6/334
  18. Schreibunterricht. RdErl. d. RMfWEV. v. 1. September 1941 — E II a 334/41 E III, Z II a —. In: Deutsche Wissenschaft Erziehung und Volksbildung. Amtsblatt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichts-Verwaltung der Länder. Jg. 7, Heft 17, ausgegeben den 5. September 1941, S. 332–333 (Digitalisat im digitalen Textarchiv Scripta Paedagogica Online der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung).
  19. Umstellung auf die Normalschrift im Leseunterricht. RdErl. d. RMfWEV. v. 1. September 1941 — E II a 1544/41, 1217/41 —. In: Deutsche Wissenschaft Erziehung und Volksbildung. Amtsblatt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichts-Verwaltung der Länder. Jg. 7, Heft 17, ausgegeben den 5. September 1941, S. 334 (Digitalisat im digitalen Textarchiv Scripta Paedagogica Online der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung).