Anton Gindely

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Antonín Gindely (1878)

Anton Gindely (* 3. September 1829 in Prag; † 27. Oktober 1892 ebenda) war ein böhmischer Historiker.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Im Leben wie im Werk von Anton Gindely spiegelt sich die nationale und kulturelle Vielgestaltigkeit der Habsburgermonarchie. Sein Vater war ein Magyar aus Ungarn, seine Mutter war eine Böhmin, seine Erziehung deutsch, so weiß ich mich in einzelne Nationalitäten hineinzuleben, ohne im mindesten von einer befangen zu sein.[1] Gindely studierte zunächst Theologie, Recht und 1852 promovierte er zum Dr. phil. Er lehrte an Realschulen, u.a. an der renommierten k.k. böhmischen Realschule in Prag, von 1853 bis 1855 an der Universität Olmütz und ab 1862 an der Prager Universität. Hier unterrichtete er unter anderem Josef Kalousek.

Im gleichen Jahr begann er auch seine Tätigkeit als Landesarchivar des böhmischen Königreiches. Von großer Bedeutung war 1855 die Gründung der Quellenedition Monumenta historiae bohemica. 1864 wählte man ihn in die Königliche böhmische Vereinigung der Wissenschaften, 1870 wurde er ordentliches Mitglied der Wiener Akademie und 1890 Mitglied der tschechischen Akademie des Franz-Josef.

Durch den Einfluss seines Vaters konnte er sich nie mit den nationalen Gedanken der Tschechen anfreunden und war Interessenvertreter der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. In der sich damals national polarisierenden Gesellschaft Böhmens, auf der einen Seite die Deutschen, auf der anderen die national denkenden Tschechen, fand er sich nicht zurecht. Er versuchte eine politische Partei der Mitte zu gründen, aber die Arbeit an der Universität ließ ihm nicht genügend Zeit dazu.

Anton Gindely war ein außerordentlich produktiver Historiker. Er schuf ein umfangreiches Werk, das sich größtenteils mit der Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts befasst. In den ersten Jahren widmete er sich vor allem der Zeit der Hussiten sowie der Brüder-Unität. Dazu editierte er die Quellen zur Geschichte der böhmischen Brüder und die Decrete der Brüdergemeinde. Es folgten Bücher über die Zeit der Herrschaft von Kaiser Rudolf II., über den Dreißigjährigen Krieg und über dessen Vorgeschichte, insbesondere über den Ständeaufstand in Böhmen im Jahre 1618. Seine mehrbändige Geschichte des böhmischen Aufstandes erschien in deutscher und in tschechischer Sprache. In Vorbereitung darauf durchforschte Gindely erstmals systematisch die Archive fast aller am Dreißigjährigen Krieg beteiligten Mächte, darunter die Staatsarchive in Prag, Wien, München, Sachsen, Braunschweig-Wolfenbüttel, Stockholm, Paris, Brüssel (Kanzlei der Spanischen Niederlande) sowie das Archivo General de Simancas.[2] Durch die von ihm erschlossenen Quellen stellte er die Forschung zur Geschichte Mitteleuropas in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf eine neuen Grundlage. Noch Golo Mann erwähnt ein Jahrhundert später in seiner Wallenstein-Biographie, wie viel die spätere Geschichtsschreibung Gindely verdankt.[3]

Schriften (in Auswahl)[Bearbeiten]

Monographien in deutscher Sprache[Bearbeiten]

  • Über des Johann Amos Comenius Leben und Wirksamkeit in der Fremde. Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien – Philosophisch-Historische Klasse, Wien 1855.
  • Religiöse Verhältnisse in Böhmen und Mähren in der ersten Zeit der Regierung Maximilians II. Jahresbericht der k.k. böhmischen Realschule in Prag, Prag 1857.
  • Böhmen und Mähren im Zeitalter der Reformation. Geschichte der böhmischen Brüder. 2 Bände. Friedrich Tempsky, Prag 1857–1858
    • Band 1: 1450–1564. 1857.
    • Band 2: 1564–1609. 1858.
  • Beiträge zur Geschichte des 30-jährigen Krieges. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1859.
  • Rudolf II. und seine Zeit, 1600–1612. 2 Bände. Carl Bellmann, Prag 1863 und 1865.
  • Geschichte der Ertheilung des böhmischen Majestätsbriefes von 1609. Friedrich Tempsky, Prag 1868.
  • Geschichte der böhmischen Finanzen von 1526 bis 1618. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1868.
  • Geschichte des dreißigjährigen Krieges. Friedrich Tempsky, Prag 1869–1880 (abweichende Bandzählung in späteren Auflagen)
    • Band 1: Geschichte des Böhmischen Aufstandes von 1618. 1869.
    • Band 2: Die Strafdekrete Ferdinands II. und der Pfälzische Krieg, 1621 bis 1623. 1880.
  • Erweiterte und bis 1648 fortgeführte Neuausgabe:

Geschichte des dreißigjährigen Krieges in drey Abtheilungen. Friedrich Tempsky, Prag, und G. Freytag, Leipzig, 1882

    • Band 1: Der böhmische Aufstand und seine Bestrafung, 1618 bis 1621
    • Band 2: Der niedersächsische, dänische und schwedische Krieg bis zum Tode Gustav Adolfs, 1622 bis 1632
    • Band 3: Der schwedische Krieg seit Gustav Adolfs Tode und der schwedisch-französische Krieg bis zum Westfälischen Frieden, 1632 bis 1648
  • Illustrierte Geschichte des 30-jährigen Krieges. Friedrich Tempsky, Prag 1887.
  • Zur Beurtheilung des kaiserlichen Generals im 30-jährigen Kriege, Albrechts von Waldstein. Eine Antwort an Dr. Hallwich. Friedrich Tempsky, Prag 1887
  • Die maritimen Pläne der Habsburger und die Antheilnahme Kaisers Ferdinand II. am polnisch-schwedischen Kriege während der Jahre 1627–1629. Ein Beitrag zur Geschichte des 30-jährigen Krieges. Friedrich Tempsky, Prag 1890.

Monographien in tschechischer Sprache[Bearbeiten]

  • Dějiny českého povstání léta 1618 (Geschichte des tschechischen Aufstandes im Jahre 1618). 4 Bände. Bedrich Tempsky, Prag 1869–1880

Quelleneditionen[Bearbeiten]

  • Quellen zur Geschichte der böhmischen Brüder, vornehmlich ihren Zusammenhang mit Deutschland betreffend. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1859.
  • Monumenta historiae Bohemica edita auxilio illustrium amicorum patriae historiae. 10 Bände. Kober, Prag 1865–1868. Darin u.a.:
    • Band 1: Dekrety jednoty bratrské / Decrete der Brüdergemeinde. 1865.
  • Die Berichte über die Schlacht auf dem weißen Berge bei Prag. Karl Gerold’s Sohn, Wien 1877
  • Acta et documenta historiam Gabrielis Bethlen. Academia scientiarum hungarica, Budapest 1890

Lehrwerke[Bearbeiten]

  • Lehrbuch der allgemeinen Geschichte für Realschulen. Carl Bellmann, Prag 1860 (und zahlreiche weitere Auflagen)
  • Lehrbuch der allgemeinen Geschichte für die Ober-Gymnasien. 3 Bände (Altertum / Mittelalter / Neuzeit). Friedrich Tempsky, Prag 1861 (und zahlreiche weitere Auflagen)
  • Lehrbuch der Geschichte für die unteren Klassen der Mittelschulen. 3 Bände (Altertum / Mittelalter / Neuzeit). Friedrich Tempsky, Prag 1873 (und zahlreiche weitere Auflagen)
  • Lehrbuch der Geschichte für Volks- und Bürgerschulen. Friedrich Tempsky, Prag 1880 (Auflagen ab 1884 unter dem Titel Lehrbuch der Geschichte für Bürgerschulen); separate Ausgaben für Knabenschulen und für Mädchenschulen

Würdigung[Bearbeiten]

In Würdigung seiner Leistungen wird vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa seit 1979 an Wissenschaftler der Anton-Gindely-Preis vergeben, die einen besonderen Beitrag zur Völkerverständigung des Donauraumes beigetragen haben.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Berthold BretholzGindely, Anton. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 49, Duncker & Humblot, Leipzig 1904, S. 364–367.
  • J. Kollmann: Antonín Gindely, historik a archivář (1829–1892). 130 let Archivu země České. S. 193–208.
  • J. Kollmann: Založení zemského archivu českého a Dr. Antonín Gindely. S. 7–22.
  • Kamil Krofta: Antonín Gindely. Zprávy zemského archívu království Českého IV. Praha 1915.
  • K. Krofta: Palacký a Gindely. (ČČH 18). 1912, S. 275–320.
  • Reinhold Lorenz: Gindely, Anton. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 6, Duncker & Humblot, Berlin 1964, ISBN 3-428-00187-7, S. 402 (Digitalisat).
  • F. Kutnar: Přehledné dějiny českého a slovenského dějepisectví II. Prag 1977.
  • Richard G. Plaschka: Von Palacký bis Pekař. Geschichtswissenschaft und Nationalbewußtsein bei den Tschechen. Böhlau, Graz 1955, S. 35–44.
  • J. Štaifí: Historici, dějiny a společnost. Díl I, Praha 1997.
  • Václav Vladivoj Tomek: Antonín Gindely. Almanach České akademie věd III. Praha 1893, S. 26–30.
  • Gindely Anton. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 1. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1957, S. 441 f. (Direktlinks auf S. 441, S. 442).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brief an Joseph Alexander von Helfert, 13. Februar 1857, zitiert bei Plaschka: Von Palacký bis Pekař, 1955, S. 36.
  2. Dazu Anton Gindely: Rudolf II. und seine Zeit, 1600–1612. Band 1, 2., durchgesehene Auflage. Friedrich Tempsky, Prag 1868, S. 3ff.
  3. Golo Mann: Wallenstein. S. Fischer, Frankfurt am Main 1971, ISBN 3-10-047903-3, S. 179.
  4. Anton Gindely-Preis abgerufen am 10. April 2010.