Anton Schmid (Feldwebel)

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Porträtfoto von Anton Schmid im Green House in Vilnius

Anton Schmid (* 9. Januar 1900 in Wien; † 13. April 1942 in Wilna) war ein österreichischer Installateur und Geschäftsbesitzer sowie Feldwebel der deutschen Wehrmacht. Schmid rettete hunderte Juden im Wilnaer Ghetto vor dem sicheren Tod und wurde dafür hingerichtet.

Wirken[Bearbeiten]

Anton Schmid war gelernter Installateur, der in Wien im Arbeiterbezirk Brigittenau (20. Bezirk) ein Radiogeschäft besaß. Er gehörte keiner politischen Partei an. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 verhalf er einigen jüdischen Bekannten zur Flucht ins Ausland.

1940 wurde er in die Wehrmacht eingezogen und im September 1941 im am 24. Juni 1941 eroberten Wilna stationiert, wo 60.000 Juden wohnten. Als Leiter einer „Versprengten-Sammelstelle“ in Vilnius beschäftigte er daneben in Werkstätten jüdische Mitarbeiter. Ihm wurden 15 Arbeitsgenehmigungen zugestanden. Diese so genannten „Gelben Scheine“ waren für diese Juden samt ihren Familien lebensrettend und schützten vor dem Zugriff der Einsatzgruppen. Bis zum Januar 1942 hatte Schmid etwa 90 Arbeitsbescheinigungen ausgestellt.[1] Mehrmals rettete er einige seiner Arbeiter aus dem Lukiszki-Gefängnis, mindestens zwei Personen verschaffte er gefälschte Papiere.

Bis zum Januar 1942 transportierte er mit selbst ausgefertigten Marschbefehlen über dreihundert Juden aus dem Ghetto von Wilna nach Weißrussland, wo sie nicht vom Holocaust in Litauen bedroht waren.

Neuerdings wird Schmids Beitrag zum Aufbau einer jüdischen Widerstandsbewegung als „historisch bedeutend“ hervorgehoben.[2] Er ließ Mitglieder der jüdischen Widerstandsbewegung in seinem Haus versteckt übernachten, um sie vor möglichen Verhaftungen zu schützen. Schmid war auch an der Vorbereitung des Aufstandes im Warschauer Ghetto beteiligt, indem er eine Delegation des jüdischen Widerstands mit einem Lastwagen nach Warschau brachte. Der jüdische Schriftsteller Hermann Adler, der mit seiner Frau Anita mehrere Monate versteckt in Schmids Dienstwohnung gelebt hatte, charakterisierte später Schmid so: Er war ein Anti-Nazi, aber wahrscheinlich nicht in erster Linie aus politischen Erwägungen heraus, sondern eher gefühlsmäßig, weil er … die Judenverfolgung … ablehnte.[3]

Verurteilung[Bearbeiten]

Im Februar 1942 verschwand Schmid – offenbar nach einem Hinweis – aus seiner Wohnung, wurde aber einige Tage später verhaftet. Am 25. Februar 1942 wurde in Wilna ein Kriegsgerichtsverfahren gegen ihn eröffnet. Ihm wurde zur Last gelegt, Juden aus dem Ghetto fortgeschafft zu haben. Anton Schmid wurde nach § 90 des Militär-Strafgesetzbuches und § 32 des Reichs-Strafgesetzbuches zum Tode verurteilt und am 13. April 1942 erschossen. Er wurde am Rande des Soldatenfriedhofs Wilna-Antokol begraben.

Von Anton Schmid sind nur zwei Briefe als schriftliche Selbstzeugnisse überliefert. In einem Brief vom 9. April 1942 schrieb er kurz vor der Hinrichtung an seine Frau:[4] Will Dir noch mitteilen, wie das ganze kam: hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2000 – 3000 Menschen. Die Kinder haben sie auf dem Wege gleich an die Bäume angeschlagen. Kannst Dir ja denken. In diesem Brief bat er seine Familie um Verzeihung: Ich habe nur als Mensch gehandelt und wollte ja niemandem weh tun.[5]

Die Verurteilung wurde in Wien bekannt: Mehrere Nachbarn äußerten sich gegenüber Frau Schmid abfällig über den „Landesverräter“. Einmal wurde ihr die Fensterscheibe eingeschlagen.

Ehrungen[Bearbeiten]

Aktion Allee der Gerechten - A Letter To The Stars in Wien (2011)

1961 berichtete Abba Kovner, führender Kopf des jüdischen Widerstandes in Wilna, beim Eichmann-Prozess in Jerusalem über Anton Schmid.[6] Hannah Arendt erwähnte dies 1963 in ihrem Bericht Eichmann in Jerusalem.

Im Mai 1967 zeichnete Yad Vashem ihn postum als Gerechten unter den Völkern aus. Der israelische Botschafter in Österreich überreichte die dazugehörige Medaille samt Ehrendiplom an die in Wien lebende Witwe Schmids.

Der englische Lyriker Thom Gunn würdigte Schmid 1967 in einem Gedicht.

1968 wurde im ZDF der Spielfilm „Feldwebel Schmid“ gesendet.

Die kommunale Wohnhausanlage „Anton-Schmid-Hof“ in der Brigittenau wurde vom Wiener Bürgermeister Helmut Zilk nach Beschluss des Gemeinderatsausschusses für Kultur am 11. Dezember 1990 benannt; zudem wurde dort eine Gedenktafel enthüllt. Seit 2002 besteht parallel zur Brigittenauer Lände die Anton-Schmid-Promenade am linken Ufer des Wiener Donaukanals.

Am 8. Mai des Jahres 2000 wurde die Kaserne der Heeresflugabwehrschule der deutschen Bundeswehr in Rendsburg in „Feldwebel-Schmid-Kaserne“ umbenannt. Ende März 2011 wurde Rendsburg „militärfrei“; somit erlosch der Traditionsname „Feldwebel Schmid“.

In Haifa, Israel, ist die Verkehrsfläche bei der Südeinfahrt in die Stadt als Anton-Schmid-Platz benannt.

Arno Lustiger widmete sein Buch Rettungswiderstand [7] den „Helden des Rettungswiderstandes in Europa“ und nennt dabei an erster Stelle Anton Schmid.

An der Heeresunteroffiziersakademie in Enns, Oberösterreich, wurde 2012 ein Lehrsaal nach Anton Schmid benannt.[8]

Am 10. Juli 2013 überreichte Bundespräsident Heinz Fischer beim jährlichen Gedenkdienst-Empfang 50 von der Stadt Wien finanzierte Bücher von Wolfram Wette. Die Gedenkdiener haben den Auftrag das Buch jeweils an die Einsatzstelle weiterzugeben. Auf Einladung von Rudolf Scharping hatte Heinz Fischer als Präsident des Nationalrates am 8. Mai 2000 an der Kasernen-Benennung in Rendsburg teilgenommen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Anton Schmid (Unteroffizier) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfram Wette (Hrsg.): Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 2004, ISBN 3-596-15852-4, S. 313 / Anzahl 140 bei Arno Lustiger: Feldwebel Anton Schmid. In: Wolfram Wette (Hrsg.): Retter in Uniform…, Frankfurt/ M 2002, ISBN 3-596-15221-6, S. 49
  2. Arno Lustiger: Feldwebel Anton Schmid. In: Wolfram Wette (Hrsg.): Retter in Uniform…, Frankfurt/ M 2002, ISBN 3-596-15221-6, S. 53f.
  3. Christian Staas: Tollkühn aus Nächstenliebe, in: Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg, Nr. 27, 27. Juni 2013, S. 47
  4. Abschiedsbrief vom 9. April 1942 abgedruckt als Dokument VEJ 7/232, S. 609 / Die Erschießungen in Litauen wurden von Angehörigen des Sk 7a und Ek 9 sowie auch des Ek 3 und litauischen Polizisten vorgenommen.
  5. VEJ 7/232; Arno Lustiger: Feldwebel Anton Schmid. In: Wolfram Wette (Hrsg.): Retter in Uniform…, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15221-6, S. 63
  6. Christian Staas: Tollkühn aus Nächstenliebe, in: Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg, Nr. 27, 27. Juni 2013, S. 47.
  7. Arno Lustiger: Rettungswiderstand - Judenretter in Europa während der NS-Zeit, Wallstein Verlag, Göttingen 2011, ISBN 3-8353-0990-0
  8. Späte Ehrung für unbekannten Lebensretter. Online auf ORF.at vom 25. September 2012, abgerufen am 3. Juli 2013.