Apothekergewicht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die europäischen Apothekergewichte oder Medizinalgewichte waren obrigkeitlich festgelegte Masseneinheiten. 1872 wurden sie im deutschen Geltungsgebiet durch das Grammgewicht ersetzt. Das Pfund Apothekergewicht, einschließlich der Einzelmaße in der Maßkette, war recht unterschiedlich. Apothekergewichte waren von Mitte des 13. Jahrhunderts bis etwa ins zweite Drittel des 19. Jahrhunderts gebräuchlich.

Geschichte[Bearbeiten]

Zwei verwandte Systeme dominierten in Europa:

Beide stehen im Verhältnis 24:25.

Die Abschaffung der Apothekergewichte begann Ende des 18. Jahrhunderts. Frankreich führte das metrische System schon unter der bürgerlichen Terrorherrschaft am 1. August 1793 ein. Deutschland folgte in Schritten, bis spätestens zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871. In Großbritannien hatten die Apothekergewichte bis 1971 legale Gültigkeit, in den Vereinigten Staaten bis heute.

Die Maßkette des Medizinalgewicht war vielen Regionen Europas etwa so:

  • 1 Pfund (Apothekergewicht) = 12 Unzen = 96 Drachmen = 288 Skrupel = 5760 Gran
  • 1 Pfund ≈ 3/4 Handelspfund

Vergleichswerte[1]

  • 1 Livre (Frankreich) = 10184,62 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht (Hannover, Mecklenburg, Sachsen, Preußen) = 7298,3684 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht (Niederlande) = 7802,22 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht (Wiener) = 8739,17 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht (Württemberg) = 7441,17 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht (Bayern) = 7490,13 As (Holländ.)
  • 1 Apothekergewicht /Troypfund (England) = 7765,6 As (Holländ.)

Setzt man 1 Apothekergewicht (deutsch) mit 500 Gramm an, dann entsprechen[2]

  • 1,388889 Apothekergewicht (bayerisch) = 1 Apothekergewicht (deutsch)
  • 1,333333 Apothekergewicht (belgisch, holländisch) = 1 Apothekergewicht (deutsch)
  • 1,425382 Apothekergewicht (preußisch) = 1 Apothekergewicht (deutsch)
  • 1,190451 Apothekergewicht (wiener) = 1 Apothekergewicht (deutsch)

Die Nürnberger Apothekergewichte[Bearbeiten]

Apothekergewichte. Obere Reihe: Spanschachtel, Verkaufsverpackung des Nürnberger Gewichtemachers Andreas Bankel (nach 1825). Untere Reihe: Gewichte für 2 Skrupel, 1½ Skrupel, 1 Skrupel, 4 Drachmen, 2 Drachmen, 1/2 Drachme. Focke-Museum Bremen
Beispiele für handschriftliche oder gravierte Angaben zu Apothekergewichten: ii=2 Unzen, s=semi=1/2 Drachme, i=1 Skrupel (Quelle: Nürnberger Apothekergewichte um 1830)

Das Nürnberger Apothekergran ist definiert:  19600 Nürnberger Grän  – gleich 980 Nürnberger Skrupel –  wiegen genau drei Karlspfund.

Schon lange bevor das Apothekerpfund 1872 in ganz Deutschland endgültig abgeschafft werden sollte  – als Handelsgewicht galt ja schon seit 1834 das Zollvereinspfund zu genau 500 Gramm –  wurden die Maßeinheiten zuerst neu bestimmt, so dass sie auf der metrischen Skala "glatte" Werte erhielten. Hierbei übernahm das Königreich Bayern unter der Federführung Montgelas eine Vorreiterrolle.

Die Beschlüsse zur Vereinheitlichung von Maß und Gewicht in Bayern (1809-1811) sahen vor, dass das bayrische Handelspfund exakt 560 Gramm und das Nürnberger Apothekerpfund exakt 360 französische Dezimalgramm wiegen solle.[3]  (Die Stadt Nürnberg selbst war seit September 1806 bayrisch.)

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts übernahmen die übrigen deutschen Länder  – einschließlich Österreichs –  diesen Wert. Hätte sich auch England dem Montgelas'schen Reformwert gebeugt, so wäre das englische Grain nun bei der Masse von  (360 ÷ 24 × 25 ÷ 5760 × 1000 =)  65,104 166 mg, anstatt der knapp 64,8 mg.

Der historische Wert ist 0,1334 % kleiner als der 7-glatte Wert. Der Reformwert von 1811 ist 0,4694 % größer als der 7-glatte Wert und 0,6036 % größer als der historische.

Materiell erhaltene Apothekergewichte des 19. Jahrhunderts haben meist die Form kleiner quadratischer Pyramidenstümpfe aus Gelbguss mit gepunzten Bezeichnungen, aus dickem Blech gestanzten, unbezeichneten Vierer-, Dreier- und Doppelösen (siehe Abbildungen), oder kleiner quadratischer Bleche aus dünnem Blech mit geprägten Bezeichnungen und einer Aufkantung als Handhabe (das Zahlzeichen steht oft hinter dem Symbol der Maßeinheit). Wichtiger Herstellungsort war Nürnberg.

Die Wiener Apothekergewichte[Bearbeiten]

In den österreichischen Kronländern galt das Wiener-Medizinal-Pfund. Dieses Wiener Apothekergewicht stimmte nicht mit dem Nürnberger überein, sondern war schwerer, und zwar entsprach ein Pfund 420,0450 Gramm. Dazu gab es folgende Unterteilung: 1 lb = 12 Unzen = 24 Loth = 96 Quintlein oder Drachmen = 288 Skrupel = 5760 Gran (oder 1 : 12 : 2 : 4 : 3 : 20).

Die britischen Apothekergewichte[Bearbeiten]

Die Ratio des britischen Apothekerpfundes  – also des Troypfunds –  zum Karlspfund beträgt genau 45 : 49.
Ratio:  25 : 24  vs. dem Nürnberger Wert. Die 7-glatten Werte entsprechen einem Grain von genau 64,8 mg. Die ab 1958 offiziellen Gewichte sind 0,0017 % kleiner als die 7-glatten Werte.

Vergleich[Bearbeiten]

Apothekergewichte
Umrechnung Nürnberger Apothekergewichte
in Gramm
Britische Apothekergewichte
in Gramm
Einheit
Pfund
Unze
Drachme
Skrupel
Gran
7-glatter Wert
historisch
Reformwert
7-glatter Wert
offiziell (1958)
Pfund 0.001 0.012 0.096 0.288 5.760 358,318 08 357,84 360 373,248 373,241 721 6
Unze 0.001 / 12 0.001 0.008 0.024 0.480 029,859 84 029,82 030 031,104 031,103 476 8
Drachme
(Quentchen)
0.001 / 96 0.001/8 0.001 0.03 0.060 003,732 48 003,727 5 003,75 003,888 003,887 934 6
Skrupel 0.001 / 288 0.001/24 0.001 / 3 0.001 0.020 001,244 16 001,242 5 001,25 001,296 001,295 978 2
Gran 0.001 / 5760 0.001/480 0.001 / 60 0.001/20 0.001 000,062 208 000,062 125 000,062 5 000,064 8 000,064 798 91

Siehe auch[Bearbeiten]

Scrupel

Literatur[Bearbeiten]

  • Ludwig Winkler: Das Apothekergewicht. In: Pharmazeutische Monatshefte 5, 1924, ISSN 0369-9609, S. 112–116.
  • Brockhaus: Kleines Konversations-Lexikon. fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911, S. 83.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Verein praktischer Kaufleute: Neuestes Illustriertes Handels- und Waren-Lexikon oder Enzyklopädie der gesamten Handelswissenschaften für Kaufleute und Fabrikanten. Band 1, Ernst Schäfer, Leipzig 1857, S. 92.
  2. Johann Friedrich Hausschild: Vorschlag zu einem allgemeinen deutschen Maß-, Gewichts- und Münzsystem. Johann Philipp Streng, Frankfurt/Main 1849, S. 35.
  3. *Cornelia Meyer-Stoll: Die Regulierung der bayerischen Landesmaße.pdf.  Siehe Seite 22, das Kapitel: „Bayerische Maße französisch definiert“.