Arbeiten unter Spannung

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Als Arbeiten unter Spannung (AuS) wird das Arbeiten an unter Spannung stehenden elektrischen Betriebsmitteln mit Betriebsspannungen über 120 V Gleichspannung und 50 V Wechselspannung bezeichnet. Das Arbeiten unter Spannung erfordert besonders geschulte Mitarbeiter (in Deutschland AuS-geschulte Elektrofachkräfte, in der Schweiz speziell dafür ausgebildete Elektromonteure), besondere Arbeitsmittel (isolierendes Werkzeug) und in manchen Ländern besondere organisatorische Maßnahmen (in der Schweiz: zu zweit). AuS unterteilt sich in drei Gebiete:

Arbeiten unter Spannung auf einer elektrisch isolierenden Plattform im Mittelspannungsnetz
  1. Arbeiten in Nähe unter Spannung stehender Betriebsmittel (Persönliche Schutz-Ausrüstung (PSA), isolierende Abdeckung, isolierte Arbeitsmaterialien und Standortisolierung erforderlich),
  2. Arbeiten an unter Spannung stehenden Betriebsmitteln, dabei sind isolierte Arbeitsmaterialien und Standortisolierung erforderlich.
  3. Arbeiten unter Spannung auf gleichem Potential - Person befindet sich auf elektrisch isolierender Plattform bzw. auf gleichem elektrischen Potential ohne elektrische Erdverbindung.

Praktiziert wird Arbeiten unter Spannung für ausgewählte Wartungsarbeiten überwiegend im Bereich der Niederspannungsnetze und im Bereich von Mittelspannungsnetzen. Bestimmte Tätigkeiten, welche die Anlage elektrisch nicht verändern, wie Reinigungsarbeiten, erfolgen generell unter Spannung. In manchen Ländern erfolgen auch Arbeiten unter Spannung im Hoch- und Höchstspannungsbereich. Dabei kommen aufgrund der hohen Spannungen ausschließlich isolierende Plattformen bzw. Fluggeräte wie Hubschrauber für Servicearbeiten an unter Hochspannung stehenden Freileitungen vor.

Beim Arbeiten im spannungsfreien Zustand sind die 5 Sicherheitsregeln zu beachten.

Allgemeines[Bearbeiten]

Ein Vorteil der Arbeit unter Spannung ist die Vermeidung von Betriebsunterbrechungen. Dies rechtfertigt in vielen Fällen, vor allem wenn keine Ersatzkapazitäten vorhanden sind, die aufwändigen Vorsichtsmaßnahmen gegenüber einer Abschaltung. Arbeiten an unter Spannung stehenden Teilen zum Zwecke der Reinigung erfolgt durch Einsatz spezieller isolierend ausgeführter Reinigungsgeräte wie speziellen Bürsten auf Isolierstangen oder Industriestaubsauger, welche unter Einhaltung der Sicherheitsabstände angewendet werden.

Bei bestimmten Arbeiten ist eine spezielle Schutzausrüstung, bestehend aus isolierender Bekleidung (Handschuhe, Schuhe) oder auch entsprechendem Gesichtsschutz (Visier) notwendig. Arbeiten an Hochspannungsleitungen ab rund 50 kV sind generell nur noch von isolierenden Plattformen aus möglich. Im Bereich Höchstspannung sind, falls keine äußere Feldabschirmung möglich ist, spezielle leitfähige Ganzkörperanzüge mit eingebrachten metallischen Fasern zu tragen. Diese leiten Ströme zufolge der kapazitiven Ableitung gegenüber der Umgebung bzw. zufolge der Spitzenentladung (Koronaentladungen). Vor Kontakt der Leiterseile von Hubschraubern bzw. von der isolierenden Plattform aus ist trotz Isolierung ein Potentialausgleich nötig. Die Ursache sind zur Umgebung hin kapazitiven Ladeströme, ähnlich wie sie auch bei Fluggeräten zufolge atmosphärischer Aufladung auftreten.

Beispiele[Bearbeiten]

Montagearbeit auf einem Mast

Im Niederspannungsbereich in vielen Ländern üblich und oft praktiziert, Auswahl:

  • Tauschen von NH-Sicherungen
  • Montagearbeiten bei der Zuleitung vom Hausanschlusskasten z. B. ins Wohnhaus
  • Einbau von Abzweigmuffen in Erdkabel

Im Bereich Nieder- und Mittelspannungsnetze, Auswahl:

  • Herstellen der Arbeitssituation für Reinigungs- und Umbauarbeiten an in der Nähe unter Spannung stehender Anlagenteile (Abdecken, Abschranken)
  • Warten und Reinigen von Trafostationen und Schaltanlagen
  • Warten von luftisolierten MS-Schaltgeräten und Nachfüllen von Nasskabelendverschlüssen
  • Schalterwartung und Prüfung der Schutzfunktionen wie HH-Sicherungsauslösung und Buchholzschutz (Industrie) mittels einer mobilen Überbrückungseinheit (MÜE)

Im Bereich der Höchstspannung erfolgen Arbeiten unter Spannung nur in Ausnahmefällen und beschränken sich meist auf Länder wie die USA, wo aufgrund fehlender Reserveleitungen keine wartungsmäßige Abschaltung der Anlage möglich ist:

  • Austausch von Abstandshaltern von Bündelleitern in Freileitungen, wobei Monteure von Hubschraubern abgeseilt werden oder mittels isolierender Seile und Vorrichtungen am Mast auf die Leiterseile angehoben werden.
  • Einbau von Leitungsabzweigen in Freileitungen von isolierten Plattformen aus

Wartungsarbeiten an in Betrieb befindlichen Sendemasten wie Rundfunksendern zählen teilweise auch zu den Arbeiten unter Spannung. Allerdings müssen hier neben Sicherheitsabständen zusätzlich die Abstrahlungen der Antennen und die Grenzwerte der Leistungsdichte beachtet werden und bei Bedarf spezielle Schutzanzüge gegen Mikrowellenstrahlung getragen werden.

Regeln in der Schweiz[Bearbeiten]

Nur Elektromonteure mit eidgenössischen Fähigkeitszeugnis oder Personen mit einer gleichwertigen Ausbildung dürfen Arbeiten an Installationen, die unter Spannung stehen, durchführen. Sie müssen für solche Arbeiten entsprechend den neuesten Erkenntnissen speziell ausgebildet und ausgerüstet sein. Es sind immer zwei Personen einzusetzen, wobei einer von diesen als verantwortlich zu bestimmen ist. (SR 734.22, Art. 22, Abs. 2–3)

Literatur[Bearbeiten]

  • Lathan, Daniel: Zeit und Kosten sparen beim Reinigen unter Spannung. In: Reinigungs Markt 10. Jg. (2007) Heft 7, S. 42-45. [1]
  • o.V.: Sicherungslasttrennschalter mittels mobiler Einheit überbrückt. In: np (Netzpraxis) 46. Jg. (2007) Heft 4, S. 64.
  • Muschong, Michael: Arbeiten am Schalter ohne Unterbrechung der Energieversorgung. In: de (Der Elektro- und Gebäudetechniker) 46. Jg. (2007) Heft 4, S. 64. Download (broken link)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]