Arbeitsmarkt

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Arbeitsmarkt ist der Ort, „an dem die Nachfrage nach Arbeitskräften mit dem Selbstangebot von Arbeitskräften zusammentrifft“.[1]

Während nach neoklassischer Sicht der Arbeitsmarkt wie ein Gütermarkt funktioniert, unterscheidet er sich nach institutionalistischer und arbeitsökonomischer Sicht in charakteristischer Weise vom Gütermarkt. Für Robert M. Solow ist „Arbeit als Ware etwas Besonderes […] und daher auch der Arbeitsmarkt“.[2] Auch die keynesianische Kritik an der Neoklassik sieht dies so (siehe Arbeitsmarktpolitik).

Definition[Bearbeiten]

Auf dem Arbeitsmarkt wird Arbeitskraft in Zeiteinheiten und Qualifikationen angeboten, nachgefragt und getauscht. Menschen, die über ihre Arbeitskraft persönlich frei verfügen können, verkaufen (korrekter: vermieten) gegen Arbeitsentgelt ihre Arbeitskraft zur Verrichtung produktiver Tätigkeiten an Arbeitgeber, unter deren Anleitung sie Güter herstellen oder Dienstleistungen ausführen, in Kombination mit (meist) von den Arbeitgebern zur Verfügung gestellten Rohstoffen und Produktionsmitteln.

Besonderheiten des Arbeitsmarktes[Bearbeiten]

Der Arbeitsmarkt ist kein Markt für Arbeitsleistungen; diese werden in Form von Werkverträgen abgeschlossen. Der Arbeitsvertrag ist vielmehr ein Vertrag sui generis.[3]

Eine Besonderheit des Arbeitsmarktes besteht darin, dass die Vertragspartei „Arbeitgeber“ gewöhnlich über mehrere zu besetzende Arbeitsplätze verfügt.

Je leichter ein Arbeitsplatz zu besetzen ist, d. h. je mehr Arbeitnehmer bereitstehen, diesen zu besetzen, desto mehr „Macht“ erhält der Arbeitgeber, da sich die Stellung des Arbeitgebers gegenüber der Vertragspartei „Arbeitnehmer“ in einer günstigeren Marktposition befindet. Umgekehrt ist dies auch möglich, zum Beispiel wenn der Arbeitnehmer über spezielle Fähigkeiten oder Qualifikationen verfügt, welche stark – auf der Seite der Arbeitgeber – gefragt sind, sich aber schwierig beschaffen lassen.

Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass nach Abschluss des Vertrages weiterhin Beziehungen zwischen den Vertragspartnern dergestalt bestehen, dass ein Vertragspartner, der Arbeitgeber, weitgehende Verfügungsrechte über den anderen, den Arbeitnehmer, erwirbt.

Der Zusammenschluss der Arbeitnehmer zu Gewerkschaften und das Arbeitsrecht als Schutzrecht für die Arbeitnehmer sind als Konsequenzen der „Macht-Asymmetrie“ (Claus Offe)[4] auf den Arbeitsmärkten und des Charakters des Arbeitsverhältnisses als „Herrschaftsverhältnis“ (Max Weber)[5] zu verstehen.

Die Arbeitsnachfrage lässt sich im Zusammenhang mit dem Grenzprodukt der Arbeit (1. Ableitung der Produktionsfunktion) errechnen (siehe hier).

Formen des Arbeitsmarktes[Bearbeiten]

Es wird unterschieden zwischen dem

  • ersten Arbeitsmarkt, der den betriebswirtschaftlich begründeten Bedarf nach Arbeitskräften (Arbeitsplatzangebote) von Unternehmen (Arbeitgeber) mit einer Nachfrage geeigneter freier Arbeitskräfte (Arbeitnehmer) zusammenführt, und dem
  • zweiten (staatlich geförderten) Arbeitsmarkt, der über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zusätzliche Anreize für Arbeitgeber schafft, Arbeitsplätze anzubieten, um damit einen Marktausgleich von Angebot und Nachfrage herbeizuführen.
Erwerbstätige und Beschäftigungsstruktur in Deutschland 1997

Der Arbeitsmarkt entwickelte sich im Zuge der fortschreitenden Arbeitsteilung.

Wichtige Kennzahlen des Arbeitsmarktes sind die Erwerbsquote sowie die Arbeitslosenquote. Sie wird oft regional oder nach Wirtschaftssektoren getrennt dargestellt.

Man kann den Arbeitsmarkt für Analysezwecke unterschiedlich strukturieren:

  • nach dem Alter der Beteiligten
  • nach Geschlecht der Beteiligten
  • nach den Produkten und Dienstleistungen (Wirtschaftszweige)
  • nach dem Arbeitsinhalt (Berufe, Tätigkeiten)
  • nach der Stellung im Arbeits- und Verwertungsprozess (Eigentümer = Unternehmer oder Kapitalgeber, Manager = Entscheider (aber nicht Eigentümer), Beschäftigter = Ausführender)
  • nach dem Technisierungsniveau der Arbeit

Die volkswirtschaftliche Statistik der Bundesrepublik unterscheidet zwischen so genannten

Theoretische Grundlagen[Bearbeiten]

Angebots- und Nachfragekurve im klassischen Arbeitsmarktmodell

Im Standardmodell der neoklassischen Theorie lässt sich der Arbeitsmarkt wie auf einem Gütermarkt durch steigende Angebotskurven und fallende Nachfragekurven charakterisieren: Je höher der Lohn, desto höher ist das Arbeitskraftangebot und desto geringer die Arbeitskraftnachfrage. Hierbei wird ein repräsentativer Akteur unterstellt, was auf sehr einfache Weise die Übertragung einzelwirtschaftlicher Beobachtungen auf die gesamtwirtschaftliche Analyse ermöglicht.[6] Die dem Modell zugrunde liegende Annahme vollkommener Markttransparenz sowie die Unterstellung des Faktors Arbeit als homogen schränken seine Anwendbarkeit aus Sicht moderner Theorien des Arbeitsmarktes allerdings ein.[7]

Die klassische Lehre nimmt Löhne als flexibel an und erklärt dadurch eine Markträumung. Arbeitslosigkeit existiert in dieser Betrachtungsweise nicht. In der Realität sind Löhne allerdings nicht flexibel, denn sie werden in der Regel tariflich auf einen Zeitraum bestimmt. Tatsächlich sind sie nach unten sogar meist starr.[8]

Weitere Arbeitsmarkttheorien:[9]

Zu internen Arbeitsmärkten:

Arbeitnehmer als Dienstleistungserbringer[Bearbeiten]

Es ist in der deutschen Sprache üblich, denjenigen, der die Arbeit gibt (verrichtet), den Arbeitnehmer zu nennen, während der, der die Arbeit nimmt (Arbeitsleistung entgegennimmt), Arbeitgeber genannt wird.

Die Dienstleistungen, die auf dem Arbeitsmarkt gehandelt werden, unterscheiden sich von anderen Dienstleistungen (z. B. einem Haarschnitt beim Friseur) vor allem in diesen Punkten:

  • Der Arbeitnehmer bringt kein eigenes Sachkapital (Büros, Computer usw.) ein, sondern lediglich seine Fähigkeiten und Fertigkeiten; das notwendige Sachkapital wird vom Unternehmer gestellt.
  • Der Arbeitnehmer hat in der Regel nur einen Vertragspartner, den Unternehmer.

Aktuelle Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt[Bearbeiten]

Erwerbstätige und Arbeitslose

In Deutschland[Bearbeiten]

Seit 2005 werden auf dem Arbeitsmarkt drei Arbeitsverhältnisse unterschieden:

Dazu abgestuft werden entsprechend Sozialversicherungsbeiträge und Steuern eingezogen. Die Neuregelung beruht auf dem Hartz-Konzept und soll die Zahl der Arbeitsverhältnisse erhöhen.

Arbeitsmarktforschung[Bearbeiten]

Arbeitsmarkt- und Berufsforschung befasst sich mit der theoretischen und empirischen Untersuchung von Arbeitsmarkt, Berufsgruppen- und Branchenentwicklung etc. in wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen. Für diese Disziplin wurde 1968 an der damaligen Bundesagentur für Arbeit das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegründet. Hier wird das Forschungsfeld interdisziplinär von Soziologen, Ökonomen und Ökonometrikern untersucht.

Die Forschung unterscheidet zwischen Ländern mit liberalem (Bsp. USA), konservativem (Bsp. Bundesrepublik Deutschland) und sozialdemokratischem (Bsp. Schweden) Wohlfahrtsstaatsmodell und deren spezifischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Analysiert man diese Modelle z. B. anhand ihrer Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis im Arbeitsmarkt, ergibt sich folgendes Bild: Im liberalen Modell findet eine allgemein positive Entwicklung der Geschlechtergleichheit auf dem Arbeitsmarkt weitgehend zu Lasten gering verdienender Frauen statt. Im konservativen Modell ist v. a. eine hohe vertikale Segregation – d. h. geringe Aufstiegschancen von Frauen – zu beobachten. Das sozialdemokratische Modell produziert im Gegenzug eine starke horizontale Segregation, also eine Teilung des Arbeitsmarktes in spezifische Frauen- und Männerberufe.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sven Rahner: Architekten der Arbeit: Positionen, Entwürfe, Kontroversen.: edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014, ISBN 978-3-89684-156-8.
  • Wolfgang Franz: Arbeitsmarktökonomik. 6. Auflage. Springer, Berlin 2006, ISBN 3-540-32337-6.
  • Carroll Haak: Wirtschaftliche und soziale Risiken auf den Arbeitsmärkten von Künstlern. VS Verlag, Wiesbaden 2008.
  • Michael Krätke: Arbeitsmarkt. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 1, Argument-Verlag, Hamburg 1994, Sp. 525–545.
  • Günther Schmid: Gleichheit und Effizienz auf dem Arbeitsmarkt. Überlegungen zum Wandel und zur Gestaltung des „Geschlechtervertrags“. Internet http://web.fu-berlin.de/gpo/guenther_schmid.htm (abgerufen am 21. Februar 2009).
  • Robert M. Solow: The Labor Market as a Social Institution. Blackwell, Cambridge 1990.
  • Thomas Wagner, Elke Jahn: Neue Arbeitsmarkttheorien. 2. Auflage. Lucius und Lucius/UTB, Stuttgart 2004, ISBN 3-8282-0253-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerhard Brinkmann: Ökonomik der Arbeit. Band 1: Grundlagen. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, S. 225.
  2. Robert M. Solow: The Labor Market as a Social Institution. Blackwell, Cambridge 1990, S. 3. Hier zitiert nach Richard Swedberg: Grundlagen der Wirtschaftssoziologie. VS Verlag, Wiesbaden 2009, S. 178.
  3. Gerhard Brinkmann: Ökonomik der Arbeit. Band 1: Grundlagen. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, S. 226.
  4. Claus Offe: „Arbeitsgesellschaft“. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Campus, Frankfurt am Main 1984, S. 50.
  5. Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Studienausgabe, Kiepenheuer und Witsch, Köln/ Berlin 1964, S. 158,
  6. Vgl.  Thomas Wagner, Elke Jahn: Neue Arbeitsmarkttheorien. 2. Auflage. Lucius und Lucius/UTB, Stuttgart 2004, ISBN 3-8252-8258-9., S. 41.
  7. Vgl.  Werner Sesselmeier, Gregor Blauermel: Arbeitsmarkttheorien. Ein Überblick. 2. Auflage. Physica, Heidelberg 1998, ISBN 3-7908-1057-6., S. 61.
  8. Vgl.  Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Pearson Studium, München 2003, ISBN 3-8273-7076-0., S. 152 ff.
  9. Werner Sesselmeier, Gregor Blauermel: Arbeitsmarkttheorien. Physica-Verlag, 1997, ISBN 3-7908-1057-6.