Archetypus

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Dieser Artikel erläutert psychologische und geisteswissenschaftliche Aspekte; für weitere Bedeutungen des Begriffs siehe Archetyp.

Als Archetypus oder geläufiger Archetyp bezeichnet die Analytische Psychologie die dem kollektiven Unbewussten zugehörigen Grundstrukturen menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster. (Das Wort stammt aus griechisch archē = "Ursprung" mit zugehörigem Präfix archi- = Ur-/Ober-/Haupt und typos = Schlag/Abdruck (nach typein = schlagen) und bedeutet also wörtlich etwa "Ur-" oder "Grundprägung". Oft wird "Archetyp" sprachlich ungenau mit "Urbild" übersetzt, da er sich auch in symbolischen Bildern zeigt. Begrifflich eher zutreffend ist deutsch "Urform"; Mehrzahl: Archetypen.)

Archetypen sind nach der analytischen Psychologie psychische (auch psychophysische) Strukturdominanten, die als unbewusste Wirkfaktoren das menschliche Verhalten und auch sein Bewusstsein beeinflussen. Auch zum Bewusstsein selbst und zu seiner Entwicklung zeigt die Kulturgeschichte archetypische Bilder, wie zum Beispiel die Himmelslichter, besonders auch die Sonne als Tagesgestirn (auch in Verbindung mit Vorstellungen von lichtbringenden, also symbolisch verstanden bewusstseinsbringenden Gottheiten). Einige Archetypen entsprechen Ur-Erfahrungen der Menschheit wie z. B. weiblich/männlich, Geburt, Kindheit, Pubertät, Wandlung und Tod. Auch die Vielfalt religiöser Erfahrung kann angesehen werden als nach archetypischen Mustern strukturiert, welche interreligiös anzutreffen sind. Das tiefenpsychologische Konzept der Archetypen geht auf den Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung zurück, der die Analytische Psychologie entwickelte. Es ist ein offenes Konzept, das keine exklusiven Definitionen von Archetypen und keine bestimmte Anzahl derselben enthält.

Ein Archetyp als solcher ist unanschaulich und unbewusst, er ist in seiner Wirkung aber u.a. in symbolischen Bildern erfahrbar, wie beispielsweise in Träumen, Visionen, Psychosen, künstlerischen Werken, Märchen und Mythen. Carl Gustav Jung leitete das Vorkommen von Archetypen vorwiegend aus dem Vergleich von Motiven aus Träumen besonders auch bei Kindern, Märchen, Sagen und astrologischen Vorstellungen sowie vergleichender Religionswissenschaft und Mythologie ab. Auch die Motivik der Alchemie lieferte viel Vergleichsmaterial. Damit handelt sich um ein induktives Konzept, wobei allgemeine Aussagen bzw. Thesen aus Gemeinsamkeiten empirischer Befunde abgeleitet werden.

Die "Archetypen" in der Psychologie C.G. Jungs[Bearbeiten]

Entwicklung des Konzepts[Bearbeiten]

Engel als archetypisches Symbol

Die Ursprünge von Jungs Theorie von "Archetypen" lassen sich bis auf seine Dissertation von 1902 "Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene"[1] verfolgen.[2] Als ausgearbeitete Theorie sprach Jung erstmals 1934 bei einem Vortrag bei der Eranos-Tagung im Südschweizer Ort Ascona von "Archetypen des kollektiven Unbewussten".[3] Den Begriff "Archetypus" hatte Jung in Kenntnis seiner Verwendung im 1/2. Jh. beim Übergang vom Hellenismus zu den Kirchenvätern wie auch in der spirituellen Alchemie im Europa des 17. Jahrhunderts gewählt.[4] Ausdrücklich nahm Jung in seinen frühen Werken auch auf Konzepte der Anthropologie und "Völkerpsychologie" des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Bezug. Für die Konzeptentwicklung des "Archetypus" waren inhaltlich Motiv-Vergleiche aus verschiedensten Quellen ausschlaggebend. Jung beobachtete in Träumen und Phantasien von Menschen "typische Mythologeme", von denen die betreffenden Personen nie etwas hätten aus ihrem Umfeld hören können.[5][6][7] Auch interkulturell träten archetypische Motive unabhängig von der Möglichkeit von Tradition und Migration auf.[8] Besonders auch, dass "gewisse archetypische Motive, die der Alchemie geläufig sind, auch in Träumen moderner Personen, welche keinerlei Kenntnisse der Alchemie haben, auftreten", hatte Jung von der Existenz allgemeiner Grundformen innerer Bilder überzeugt.

Archetyp und archetypisches Bild[Bearbeiten]

C.G. Jung unterschied anfangs wenig, später dann klar zwischen dem unanschaulichen "Archetyp" als angenommenem Strukturprinzip einerseits und den archetypischen Bildern und Vorstellungen andererseits: als konkrete Realisierungen von Archetypen zum Beispiel in den Träumen eines individuellen Menschen.[9] "Die archetypischen Vorstellungen, die uns das Unbewußte vermittelt, darf man nicht mit dem Archetypus an sich verwechseln."[10] Der "Archetyp" ist nicht eine konkrete Vorstellung, sondern "eine Tendenz, Vorstellungen zu erzeugen, die sehr variabel sind, ohne ihr Grundmuster zu verlieren."[11] Zur archetypischen Qualität einer solchen inneren Vorstellung gehört auch seine emotionale Aufladung: In der praktischen Erfahrung der Archetypen zeige sich: "... sie [die Archetypen] sind Bilder und gleichzeitig Emotionen. Man kann von einem Archetypus nur dann sprechen, wenn diese beiden Aspekte gleichzeitig vorhanden sind."[12]

Archetypische Symbole[Bearbeiten]

Ein archetypisches Symbol zeichnet sich dadurch aus, dass es das menschliche Bewusstsein in Kontakt mit dem kollektiven Unbewussten bringt, wenn es in einem Menschen aktuell "lebendig" bzw. funktional ist. Symbolbedeutungen sind meist mehrdeutig und vielschichtig und hängen auch vom konkreten Kontext eines Menschen oder Kulturkreises ab. Symbole lösen auch Assoziationen zu geistigen Ideen aus. Beispiele für archetypische Symbole können sein: Ein Kind, ein Krieger, ein Wanderer, ein Beschützer, ein Heilsbringer; Früchte, Hausbau, Feuer und Brand, ein Fluss, ein See oder Meer. An überpersönlichen Bedeutungen (und entsprechenden Assoziationen) können hier allgemeinmenschliche und kulturspezifische unterschieden werden. Dabei gibt es Grundassoziationen, die sich in vielen Kulturen stark ähneln.

Zum Beispiel: perfekte Kreise kennen alle Menschen von der Gestalt der Sonne und des Mondes wie auch von den Bahnen der Gestirne im Tageslauf. Mit diesen allgemeinmenschlichen Wahrnehmungen verbunden wurde der Kreis in den meisten Kulturen zu einem Symbol für die himmlische Sphäre und ihrer zeitlichen Kreisläufe (ihrer unendlichen Bewegung). Ringe, Kronen und Heiligenscheine oder im Daoismus der Kreis mit den Symbolen von Yin und Yang sind Beispiele konkreter Ausformungen des Kreises, mit symbolischen Bedeutungen von Unendlichkeit und Würde stiftender Verbundenheit mit einem umfassenden Ganzen. Ein gleichmäßiges Kreuz wird z. B. mit vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten oder vier Mondphasen (Wochen im Monat) assoziiert, die räumliche und zeitliche Orientierung bedeuten sowie die Anordnung von Gegensätzen um einen Mittelpunkt. In rechteckigen räumlichen Formen gestaltet werden meist die irdischen Wohnungen (Häuser) und Felder der Menschen. In der weltweit auftretenden Symbolgruppe des Mandalas wird häufig die Symbolik des Kreises und differenzierter Kreuzstrukturen kombiniert; beispielsweise in China, Indien, Tibet, in verschiedenen neolithischen Kulturen, bei den Platonikern und in der Alchemie. Ein Beispiel für ein archetypisches Symbol in Tiergestalt ist die Schlange. Sie tritt als religiöses Symbol zum Beispiel im Hinduismus und Christentum auf und erscheint in Träumen auch bei Mitteleuropäern furchtbar oder heilsam, auch wenn Schlangen in ihrer Lebenswelt nicht vorkommen und sie sich nicht bewusst mit ihnen befassen.

Ähnliche Archetypen in allen Kulturkreisen[Bearbeiten]

Die Mythologien bzw. religiösen Systeme unterschiedlicher Kulturkreise weisen viele ähnliche oder gleiche Strukturen, Muster und symbolische Bilder auf. Dies kann als Beleg für einen gemeinsamen Hintergrund archetypischer Strukturen in der menschlichen Psyche gedeutet werden. Ein Beispiel ist das weltweite Vorkommen von Mythen einer Großen Göttin oder "Mutter" (sog. Mutterarchetyp). Bereits altsteinzeitliche Venusfigurinen können ein Hinweis darauf sein. Bekannte Gestalten der Religionsgeschichte wie beispielsweise die sumerische Inanna, die ägyptische Nut und Hathor, die indische Shakti, die germanische Freya und die japanische Amaterasu stellen eine "Große Göttin" dar - wobei diese oft auch in verschiedene Aspekte (Göttinbilder) aufgefächert erscheint: z.B. als Demeter, Kore und Persephone in der altgriechischen Religion. Im Christentum sind dem Bild der Maria auf recht unkanonische Art Eigenschaften aus dem Archetyp einer "Großen Mutter" zugewachsen. Ein neueres Beispiel für die Verwirklichung dieser archetypischen Struktur der Vorstellung in religiösen Bewegungen mag auch das Wicca-Heidentum sein.

Ein weiteres Beispiel ist der Archetyp des Helden und seiner (manchmal auch göttlichen) Widersacher. Beispiele für den Archetyp des Helden sind der sumerische Gilgamesch, der ägyptische Re (in seiner "Inkarnation" im Pharao), der germanische Donar/Thor, der griechische Perseus und Herakles. Im Christentum wird dieser Archetyp besonders durch die Drachentöter Sankt Michael und St. Georg wie auch alttestamentlich in den "himmlischen Heerscharen" dargestellt und in die religiösen Vorstellungen integriert. Heldengestalten im Märchen (hier erscheint diese Gestalt auch öfters weiblich als Heldin) können archetypische Grundlagen eines sich behauptenden Ichbewusstseins darstellen, wie auch ihren Widersachern auf persönlicher Ebene (Schattenaspekte) der Persönlichkeit entsprechen.[13]

Auch der Baum ist ein sehr bekanntes archetypisches Motiv in der Kultur- und Religionsgeschichte wie auch im Traumleben der Menschen. Beispiele hierfür sind Vorstellungen von einem Weltenbaum oder Lebensbaum (in der Kabbala, als Bäume des Lebens und der Erkenntnis im Alten Testament, dann der Kreuzigung Christi in christlicher Ikonographie und Mystik). Andere Beispiele sind der Weltenbaum Yggdrasil in der germanischen Mythologie, der Yaxche-Baum der Maya, der Baum mit den Früchten der Unsterblichkeit in China, oder heilige Bäume wie die Eiche des Zeus oder des Donar oder in druidischen Kulthandlungen, die Sykomore als ein Ort der Göttin Hathor bei den Ägyptern und der Bodhibaum im Buddhismus.

C.G. Jung hat neben vielen anderen besonders intensiv zu folgenden archetypischen Motiven geforscht und an ihnen seine Theorien entwickelt: Den archetypischen Grundlagen der "Anima", des "Animus" und des "Selbst" als Bereichen der Seele;[14] dem Archetyp des Kindes,[15] des Mädchens (der Kore),[16] der Mutter,[17] des Mandala,[18][19] der Gestalt des Tricksters,[20] des Wotan,[21] archetypischer Aspekte im christlichen Trinitätsdogma,[22] des Baumes,[23] der Gegensätze und ihrer Vereinigung (z.B. in der Symbolik von "Sonne" und "Mond"[24] wie auch von "König" und "Königin"[25]). In der analytischen Psychologie enthält das kollektive Unbewusste die Gesamtheit der Archetypen.

Archetyp, Trieb und Instinkt[Bearbeiten]

Archetypen beruhen aus biologischer Sicht auf einer Instinktgrundlage. "Trotz oder gerade wegen der Verwandtschaft mit dem Instinkte stellt der Archetypus das eigentliche Element des Geistes dar".[26] In der von Jung metaphorisch als Farbspektrum dargestellten Bandbreite des Psychischen sei die Triebdynamik sozusagen am infraroten Ende, die archetypischen Bilder und ihre Dynamik am ultravioletten Ende, und diese Gegensätze berührten sich in den typischen, instinktiven Verhaltensmustern des Menschen.[27] In ihrem biologischen Aspekt verstanden, haben Archetyp, Trieb und Instinkt evolutionär entwickelt als "Niederschlag alles menschlichen Erlebens", welches auch die Kultur und Bewusstseinsentwicklung des Menschen prägte.[28] Beispiele für ein solches instinktgeprägtes Verhalten sind verschiedene Lebensphasen wie Kindheit und Jugend oder zwischenmenschliche Beziehungen wie das Mutter-Kind-Verhältnis oder die Partnerwahl, jedoch auch das Erforschen der Umwelt, Erlernen der Sprache, Teilnahme am wirtschaftlichen Leben, Verhältnis zur Religion und die Übernahme sozialer Verantwortlichkeit.

Archetypische Grundlagen der Struktur der menschlichen Psyche[Bearbeiten]

Jung erkannte in Träumen als Hauptkategorien von archetypischen Symbolen, die mit der Struktur der menschlichen Psyche zusammenhängen, unter anderem:

  • den Schatten, welcher der Ich-Sphäre zuzurechnen ist und unterdrückte oder verdrängte Persönlichkeitsanteile enthält, bzw. den „dunklen Doppelgänger“, der die verdrängte Seite der Persönlichkeit symbolisiert und in den Träumen den Helden oder die Heldin verfolgt als Zeichen, dass die unterdrückten Teile der Persönlichkeit integriert werden müssen
  • Die Anima, z. B. die Sirene, Liebesgöttin oder Sophia, und der Animus, die eigenen gegengeschlechtlichen psychischen Anteile der Persönlichkeit, fordern beim Auftreten im Traum jeweils zur Ergänzung der jeweils andersgeschlechtlichen Eigenschaften im Leben auf
  • den alten Weisen oder die alte Weise, die "Weisheitsschicht" der Psyche und ein Ausdruck des Archetyps des Selbst, welcher sowohl Ich als auch Unbewusstes umfasst, Zentrum und Umfang der Gesamtpsyche darstellt und die zentrale Selbststeuerungs- und Entwicklungsinstanz der Psyche ist.

Wenn ein archetypisches Verhalten unterdrückt wird, so kann dies zu Neurosenbildung führen, zeigt sich aber auch in Aktivitäten des persönlichen Schattens: "Selbst solche Tendenzen, die einen höchst heilsamen Einfluß ausüben können, verwandeln sich in wahre Dämonen, wenn sie verdrängt werden. Deshalb haben viele wohlmeinende Leute sehr zu Recht Angst vor dem Unbewußten und nebenbei auch vor der Psychologie."[29] Darauf bezugnehmend weiter: "... je mehr sie verdrängt werden, desto stärker durchdringen sie die gesammte Persönlichkeit in Form einer Neurose."[30]

Siehe auch: Traumdeutung

Archetypen als Gegenstand verschiedener Wissenschaftsbereiche[Bearbeiten]

In vielen wissenschaftlichen Disziplinen wurde mittlerweile erforscht, inwiefern die menschliche Spezies von arttypischen unbewussten Strukturen geprägt wird. Solche Strukturen wurden unter anderem in der Ethologie, der Anthropologie, der Linguistik, der Hirnforschung, der Soziobiologie, der Psychiatrie, der Kognitionspsychologie, der Evolutionspsychologie und in der experimentellen Traumforschung postuliert. In diesen Bereichen entstanden für archetypische Strukturen Ausdrücke wie angeborene Auslösemechanismen, Verhaltenssysteme, Tiefenstrukturen, psychobiologische Reaktionsmuster, tief homologe neurale Strukturen, epigenetische Regeln und Darwinsche Algorithmen.

Der Archetypus in der Philosophie und Biologie[Bearbeiten]

Der Begriff verweist in der philosophischen Verwendung zuerst auf Platon und seinen Begriff der Idee, der damit die metaphysische Wesenheit meint, an der die sinnlich wahrnehmbaren Dinge teilhaben. Nach Platon ist die Idee bzw. die abstrakte, metaphysische Gestalt das Wahre, da sie allein ewig, identisch und vollkommen ist. Solche allgemeinen Urbilder findet man heute z. B. in den Darstellungen der Biologiebücher als Urpflanze (Goethe) als einheitlicher Bauplan oder Typus aller Blütenpflanzen mit den Bestandteilen Wurzel, Stiel, Blätter und Blüte oder als Grundmuster eines Insekts, eines Wirbeltiers etc. Es handelt sich dabei um ein idealtypisches Bild aller Insekten, aller Wirbeltiere etc., also jeweils um ein Urbild. Lebewesen (Pflanzen oder Tiere) mit gleichem Bauplan werden auch als homolog bezeichnet. Jeder Bauplan stellt zwar ein formales, anatomisch bzw. histologisch nachweisbares Kriterium dar, ist aber auch an einen bestimmten spezifischen Leistungsplan gebunden.[31][32]

Archetypen werden demnach als Noumenon (Verstandesding) angesehen im Gegensatz zum Phainomenon (Sinnesding). Archetypen sind im Allgemeinen unanschaulich, nicht empirisch und daher eher dem intuitiven Denken zugehörig.

Archetypus wurde als Terminus von René Descartes und John Locke in die Philosophie eingeführt. Die Urbilder (Archetypi) sind die Grundlage für Vorstellungen.

Bei Locke existieren die Urbilder auch außerhalb des erkennenden Subjekts (in: Versuch über den menschlichen Verstand). Der subjektive Idealist George Berkeley dagegen erkennt den Archetypus außerhalb des erkennenden Subjekts nicht an, da man nicht beweisen kann, dass es diesen auch gibt. Die Frage ist, ob wir die Welt wahrnehmen wie sie ist, oder nur wie wir sie uns konstruieren.

Immanuel Kant verwendete den Begriff Archetypus im Zusammenhang mit „natura archetypa“. Er bezeichnete damit die urbildliche Natur, die der Mensch bloß in der Vernunft erkennt und deren Gegenbild in der Sinnenwelt die nachgebildete (natura ectypa) darstelle (in: Kritik der praktischen Vernunft). - In der Kritik der reinen Vernunft wird der Begriff im Sinne der göttlichen Vernunft (intellectus archetypus) verwendet im Gegensatz zur menschlichen Vernunft (intellectus ectypus). Durch die göttliche Anschauung und durch das Selbstverständnis Gottes seien alle Gegenstände selbst gegeben (KrV B 68, 72, 135, 138 f., 145, 159, 723). Die menschliche Vernunft (intellectus ectypus) sei nur diskursiv (begrifflich), nicht anschauend (Prolegomena § 57). „Das Ideal [der reinen Vernunft] ist ihr [der Vernunft] das Urbild (Prototypon) aller Dinge, welche insgesamt als mangelhafte Kopien (ectypa) den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen … (B 606).“

Friedrich Nietzsche hat dem entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkt der archetypischen Bilder in Träumen Rechnung getragen mit dem Wort: „Im Schlafe und Traume machen wir das ganze Pensum früheren Menschentums durch.“ (Nietzsche[33])

Henri Bergson betrachtete die Archetypen als „les éternels incréés“ (die ewig Ungeschaffenen).[34]

Der Archetypus in der Dramaturgie[Bearbeiten]

In Film und Theater bieten sich Archetypen an, um die einzelnen Rollen und ihre jeweilige Funktion zu charakterisieren. Durch Archetypen kann ein Konsens zwischen Darstellern und Publikum hergestellt werden, da man beim Zuschauer die verwendeten Schablonen als bekannt voraussetzen kann. Die meisten Archetypen entwickelten sich aus den Mythologien, die ihrerseits zur Verbreitung auf dramaturgische Mittel angewiesen waren und sind. Die wichtigsten Archetypen sind der Held (und, daraus entwickelt, der Antiheld) und demgegenüber der Widersacher. Für Romanzen ist der Liebhaber zuständig, der häufig zugleich die Rolle des Helden übernimmt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Archetypus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carl Gustav Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter occulter Phänomene. Eine psychiatrische Studie. Diss. Univ. Zürich (Medizinische Fakultät). Mutze Verlag, Leipzig 1902. Neu herausgegeben in Jung: Psychiatrische Studien, in: Gesammelte Werke Band 1, §1-150.
  2. Lilly Jung-Merker und Elisabeth Rüf: Vorwort zum Bd. 1 von C.G. Jung: Gesammelte Werke Bd. 9/1. Walter Verlag, Solothurn, Düsseldorf 1995, S. 10.
  3. Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. Eranos-Jahrbuch 1934, Rhein-Verlag, Zürich 1935, S. 179-229. In bearbeiteter Fassung 1954 publiziert als Von den Wurzeln des Bewußtseins. Studien über den Archetypus in: Carl Gustav Jung: Gesammelten Werken Band 9/1, Rascher Verlag, Zürich 1954, §1-86.
  4. Carl Gustav Jung: Gesammelte Werke Band 9/1, §5.
  5. Carl Gustav Jung: Zur Psychologie des Kindarchetypus, Gesammelte Werke Band 9/1, § 259 (geschrieben 1940, überarbeitet 1951).
  6. Carl Gustav Jung: Die Struktur der Seele, in: Gesammelte Werke Band 8, § 317-325 (geschrieben 1931, überarbeitet 1959).
  7. Carl Gustav Jung: Symbole und Traumdeutung, in: Gesammelte Werke Band 18/1, § 531 (geschrieben 1961).
  8. Carl Gustav Jung: Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus in: Gesammelte Werke Band 9/1, §153 (geschrieben 1939, überarbeitet 1954).
  9. Carl Gustav Jung: Von den Wurzeln des Bewußtseins. Studien über den Archetypus. In: Gesammelte Werke Band 9/1, §5f. (Jungs teilweise überarbeitete Erstpublikation zu Archetypen von 1935 mit später eingefügter Fußnote 8 zur klaren Unterscheidung von Archetypen und archetypischen Vorstellungen.)
  10. Carl Gustav Jung: Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen. In: Gesammelte Werke Band 8, § 417 (geschrieben 1946, überarbeitet 1954).
  11. Carl Gustav Jung: Symbole und Traumdeutung. In: Gesammelte Werke Band 18/1, § 523 (geschrieben 1961).
  12. Carl Gustav Jung: Symbole und Traumdeutung. In: Gesammelte Werke Band 18/1, § 589 (geschrieben 1961).
  13. Marie-Louise von Franz: Psychologische Märcheninterpretation. Eine Einführung. Kösel, München 1986. ISBN 3-466-34147-7. Überarbeitete Neuauflage von der Stiftung für Jung'sche Psychologie Küsnacht, 2012. ISBN 978-3-908116-72-1.
  14. Z.B. Carl Gustag Jung: Aion. Beiträge zur Symbolik des Selbst. In: Gesammelte Werke 9/2. (Geschrieben 1951).
  15. Z.B. Carl Gustav Jung: Zur Psychologie des Kindarchetypus. In: Gesammelte Werke 9/1, §259-305. Geschrieben 1940, überarbeitet 1951).
  16. Z.B. Carl Gustav Jung: Zum psychologischen Aspekt der Korefigur. In: Gesammelte Werke 9/1, §306-383. (Geschrieben 1941, überarbeitet 1951).
  17. Z.B. Carl Gustav Jung): Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus. In: Gesammelte Werke 9/1, §148-198. (Geschrieben 1939, überarbeitet 1954).
  18. Z.B. Carl Gustav Jung: Über Mandalasymbolik. In: Gesammelte Werke 9/1, § 627(mit vorangehenden Bilderseiten)-718. (Geschrieben 1950).
  19. Carl Gustav Jung: Über Mandalasymbolik. In: Psychologie und Alchemie. Gesammelte Werke 12, §122-331. (Geschrieben 1935/1936, überarbeitet 1952).
  20. Carl Gustav Jung: Zur Psychologie der Tricksterfigur. In: Gesammelte Werke 9/1, §456-488. (Geschrieben 1954. Vom Rhein-Verlag ohne Jungs Einverständnis zuerst unter dem Titel "Der Göttliche Schelm" publiziert.)
  21. Carl Gustav Jung: Wotan. In: Gesammelte Werke 10, §371-399. (Geschrieben 1936).
  22. Carl Gustav Jung: Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitätsdogmas. In: Gesammelte Werke 11, §169-295. (Geschrieben 1941, überarbeitet 1948 und 1953).
  23. Carl Gustav Jung: Der philosophische Baum. In: Studien über alchemistische Vorstellungen. Gesammelte Werke 13, §304-482. (Geschrieben 1945, überarbeitet 1954).
  24. Carl Gustav Jung: Sol, Luna. In: Mysterium Coniunctionis. Gesammelte Werke 14/1, §101-129 und 149-227. (Geschrieben 1954, überarbeitet 1968)
  25. Carl Gustav Jung: Rex und Regina. In: Mysterium Coniunctionis. Gesammelte Werke 14/2, §1-208. (Geschrieben 1954, überarbeitet 1968)
  26. Carl Gustav Jung: Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen. In: Gesammelte Werke Band 8, §406 (geschrieben 1947, überarbeitet 1954).
  27. Carl Gustav Jung: Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen. In: Gesammelte Werke Band 8, § 414.
  28. Carl Gustav Jung: Die Struktur der Seele. In: Gesammelte Werke Band 8, § 339 (geschrieben 1931, überarbeitet 1950).
  29. Carl Gustav Jung: Symbole und Traumdeutung. In: Gesammelte Werke 18/1. §580. (Geschrieben 1961)
  30. Carl Gustav Jung: Symbole und Traumdeutung. In: Gesammelte Werke 18/1, §591. (Geschrieben 1961)
  31. Schmeil, Otto: Lehrbuch der Botanik. Allgemeine Botanik. Band II. bearbeitet von A. Seybold, Quelle & Meyer, Heidelberg 571958, Begriff der Urpflanze, Seite 43
  32. Kühn, Alfred: Grundriß der allgemeinen Zoologie. (1959) Georg Thieme, Stuttgart 151964, Begriff des Bauplans, Seiten 5, 7
  33. Nietzsche, Friedrich: Menschlich-Allzumenschliches. Bd. II, Seite 27 ff.
  34. Jolande Jacobi: Die Psychologie von C. G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Mit einem Geleitwort von C. G. Jung. Fischer Taschenbuch, Frankfurt März 1987, ISBN 3-596-26365-4, Seite 50