Argentinische Literatur

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Die argentinische Literatur ist Teil der hispanoamerikanischen Literatur und - unter Einbeziehung der portugiesischsprachigen brasilianischen Literatur - Teil der lateinamerikanischen Literatur. Da die spanischsprachigen Länder Mittel- und Südamerikas sich einem gemeinsamen kulturellen Erbe verpflichtet fühlen (hispanidad), ist die argentinische Literatur immer im Kontext der hispanoamerikanischen Literatur zu sehen. Andererseits gibt es spezifische Besonderheiten der argentinischen Kultur, die eine Betrachtung einer genuin argentinischen Literatur sinnvoll erscheinen lassen: Dazu zählt das Fehlen einer indigenen, präkolumbischen Schriftkultur in Argentinien, da die hier lebenden Indios auf einer relativ niedrigen Zivilisationsstufe standen, sowie der starke europäische, insbesondere französische Einfluss auf die argentinische Kultur seit der Kolonialzeit.

Identitätssuche und Gaucholiteratur (ca. 1820–1900)[Bearbeiten]

Seit der Errichtung des Vizekönigreichs Río de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Aires (1776) gewinnt Argentinien ein eigenes kulturelles Profil. Die Oberschicht des Landes orientiert sich stark an Europa und nimmt kulturelle Strömungen von dort auf. Insbesondere Frankreich und dessen Hauptstadt Paris ist prägend, Französisch ist erste Bildungssprache.

Im 19. Jahrhundert kommt es zu einer Zurückweisung des Französischen durch die Bewegung des criollismo und zu einer Suche nach eigener nationaler Identität in der Phase der Unabhängigkeitsbewegung. Der prototypische Vertreter der heroischen Freiheitsbestrebungen des Argentiniers ist der Gaucho, der zur zentralen Figur der argentinischen Literatur im 19. Jahrhundert wird.

So wird der Mythos vom Gaucho in der Erzählung El matadero des Schriftstellers und Politikers Esteban Echeverría (1805–1851) beschworen: Die Szenerie der endlosen Weite der argentinischen Pampa wird als prägend für den Charakter des Gaucho dargestellt, der den argentinischen Menschen repräsentiert.

Soziokultureller Hintergrund der Gaucholiteratur sind mündlich überlieferte Geschichten über die Abenteuer der Rinder- und Pferdehüter der argentinischen Steppe. Ihre weite Verbreitung und ihren populären, volkstümlichen Charakter erhalten sie aber erst, als der Gaucho aufgrund veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse in seiner ursprünglichen Lebensform schon nicht mehr existiert. Der Einfluss der Romantik, einer der literarischen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts, fordert eine Hinwendung zu den Wurzeln des Volkes und trägt zu einer Verklärung und Idealisierung der Vergangenheit bei.

Wegweisend für die Gaucholiteratur ist Fausto (1866) von Estanislao del Campo, eine Verssatire des gleichnamigen Werks von Charles Gounod. Ihren Höhepunkt erreicht die Gaucholiteratur dann mit dem Versepos El gaucho Martín Fierro (1872/1879) von José Hernández (1834–1886), das als bedeutendstes Werk der lateinamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt. Mit Martín Fierro wird der freie, unabhängige Charakter des Gaucho als repräsentativ für den argentinischen Volkscharakter gerühmt. Gauchoromane spielen in der Folgezeit noch bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Rolle, erwähnenswert ist hier Don Segundo Sombra (1926) von Ricardo Güiraldes.

Ein weiteres wichtiges Thema der Literatur des 19. Jahrhunderts ist der Gegensatz zwischen Zivilisation und Barbarei. Es wird vor allem in dem wortgewaltigen Roman Barbarei und Zivilisation. Das Leben des Facundo Quiroga (1845) des Schriftstellers und Politikers Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888) behandelt, der in den Jahren 1868-1874 Präsident von Argentinien wird. Facundo, ein grundlegendes Werk der argentinischen Literatur im 19. Jahrhundert, ist eine romantische Erzählung vom Leben des autokratischen Provinzfürsten (caudillo) Facundo Quiroga und zugleich eine kulturtheoretische Betrachtung über den Gegensatz zwischen ländlicher Barbarei und Rückständigkeit einerseits und zivilisatorischem Fortschritt in der Stadt andererseits. Sarmiento ergreift Partei für Zivilisation und Stadtleben und übt hier auf literarischem Terrain Kritik am aktuell herrschenden Diktator Juan Manuel de Rosas.

Modernismo und Avantgarde (ca. 1880–1930)[Bearbeiten]

Um die Jahrhundertwende vollzieht sich ein grundlegender soziokultureller Wandel. Aufgrund eines starken Zustroms an Einwanderern entwickelt sich der vorherrschende ländliche Charakter Argentiniens hin zur Urbanität, und Buenos Aires wird zur Metropole Südamerikas. Wirtschaft und Gesellschaft des Landes erfahren einen Modernisierungsprozess. Damit einher geht eine Entwicklung hin zu einer kosmopolitischen Literatur.

In der Literatur hat der aus Nicaragua stammende Rubén Darío (1867–1916), der längere Zeit in Buenos Aires lebt, maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung neuer literarischer Formen. Sein im Gedichtband Prosas profanas (1896) ausgedrückter Ästhetizismus und Symbolismus begründen eine völlig neue Ästhetik. Darío gilt als Begründer der Literaturepoche Modernismo in ihrer lateinamerikanischen Ausprägung.

Der Lyriker und Essayist Leopoldo Lugones (1874–1938), der stark von Darío beeinflusst ist, wird zu den bedeutendsten Vertretern des Modernismo in Argentinien gerechnet. In seinem Werk ist ein üppiger lyrischer Stil vorherrschend. Auf politischem Gebiet beeinflusst sein Anarchismus den argentinischen Nationalismus und unterstützt den Staatsstreich von 1930. Weitere wichtige Literaten des Modernismo sind Enrique Banchs, Baldomero Fernández Moreno und Alfonsina Storni.

Die ab den 1920er Jahren aufkommenden Avantgarde-Bewegungen lassen sich in zwei gegensätzliche Lager einteilen. Die Grupo Florida (Gruppe Florida), benannt nach der aristokratischen Straße La Florida, huldigt einem Ästhetizismus und fordert die Auflösung traditioneller Syntax und Metrik sowie die Schaffung neuer Ausdrucksweisen. Ihre Haltung wird von vielen als snobistisch empfunden. Literarische Plattform der Gruppe Florida, die vom spanischen Ultraísmo beeinflusst ist, wird die Zeitschrift Martín Fierro. Die Angehörigen der Gruppe werden daher auch oft als Martinfierristas bezeichnet. Der Gruppe gehören u.a. Jorge Luis Borges, Oliverio Girondo, Norah Lange, Raúl González Tuñón und Francisco Luis Bernárdez an.

Im Gegensatz dazu steht die Grupo Boedo (Gruppe Boedo), bezeichnet nach dem Arbeiterviertel Boedo, als eine Gruppierung politisch aktiver und sozialkritischer Autoren, die vor allem vom russischen Realismus beeinflusst sind. Ihr bedeutendster Repräsentant ist der Romancier, Dramatiker und Journalist Roberto Arlt (1900–1942). Seine berühmte Kolumne Aguafuertes porteñas, die ab 1928 in der Zeitung El mundo erscheint, beschreibt das tägliche Leben in Buenos Aires. Herausragend sind die Romane El juguete rabioso (1926), Los siete locos (1929), Los lanzallamas (1931) und El amor brujo (1932). Die letzten Jahre seines Lebens widmet Arlt ganz dem Theater, für das er zahlreiche Stücke schreibt. Der ländliche Realismus kommt im Werk von Juan Laurentino Ortiz (1896–1978) zum Ausdruck. Ortiz verewigt die landschaftlichen Eigenheiten der Flussprovinz Entre Ríos in poetischer Form. Wichtige Vertreter der Gruppe Boedo sind außerdem Ricardo Güiraldes, Horacio Quiroga und Roberto Payró.

Kosmopolitismus und phantastische Literatur (ca. 1930–1960)[Bearbeiten]

Die 1930er und 1940er Jahre erheben einen kosmopolitischen Anspruch, in dem die Stellung Argentiniens in der Welt thematisiert wird. Victoria Ocampo gründet 1931 die Zeitschrift Sur mit dem Ziel, argentinische Autoren im Ausland bekannt zu machen und umgekehrt neue europäische Strömungen in Argentinien zu verbreiten.

Im (vor allem europäischen) Ausland bekanntester argentinischer Dichter ist Jorge Luis Borges, der bereits früh viele Jahre in Europa verbracht hat. Mit ihm entwickelt sich die phantastische Literatur in eine neue Richtung und gewinnt suggestive Kraft, die in den Erzählsammlungen Ficciones (1944) und El Aleph (1949) gipfelt. Zusammen mit Adolfo Bioy Casares und Silvina Ocampo schreibt Borges phantastische und kriminalistische Literatur, gemeinsam geben sie die Krimireihe El séptimo círculo heraus. Ernesto Sábato ist ein weiterer Autor, dessen Roman El túnel (1948) in Europa begeistert aufgenommen wird.

In der Lyrik entwickelt sich das Deskriptive und das Nostalgisch-Rückbesinnliche bei Vicente Barbieri, Olga Orozco, León Benarós oder Alfonso Sola Gonzáles. In der Erzählliteratur finden sich sowohl Autoren des Idealismus, u. a. María Granata, Adolfo Bioy Casares, Manuel Mujica Láinez, als auch des Realismus, u. a. Ernesto L. Castro, Ernesto Sábato, Abelardo Arias.

In den 1950er Jahren formiert sich die Avantgarde neu in der Zeitschrift Poesía Buenos Aires. Julio Cortázar veröffentlicht seine ersten Erzählungen. Später geht er nach Paris. Mit seinem metaliterarischen Experimentalroman Rayuela (1963) übt er großen Einfluss auf die lateinamerikanischen Autoren des Boom aus: z. B. Gabriel García Márquez (Kolumbien), Juan Rulfo (Mexiko) oder Mario Vargas Llosa (Peru). In dieser Zeit werden schreibtechnische Erneuerungen erprobt. Juan Gelman pflegt einen neuen umgangssprachlichen Ton in der Literatur. Insgesamt kommt es zu einer breiten Auffächerung des Spektrums literarischer Stile vom Sozialen über das Existenzielle bis hin zum Phantastischen.

Als Vordenker des Neohumanismus, die neue Überlegungen nach dem Zweiten Weltkrieg anstellen, sind Raúl Gustavo Aguirre, Edgar Bayley und Julio Llinás zu nennen. Zu den Existenzialisten sind José Isaacson, Julio Arístides und Miguel Ángel Viola zu rechnen. Eine Mittlerstellung zwischen beiden Strömungen mit regionalem Einschlag nehmen Alfredo Veirabé, Jaime Dávalos und Alejandro Nicotra ein.

Boom und Post-Boom (ab ca. 1960)[Bearbeiten]

In den 1960er Jahren kommt eine neue Generation von Autoren zum Zuge, die von Sartre, Camus und Éluard beeinflusst ist. Daneben bestimmen weiterhin bereits bekannte, etablierte Autoren wie Borges, Arlt, Cortázar oder Marechal das Bild.

Als Tendenzen lassen sich feststellen: das Nachspüren von metaphysischer Zeit und Historizität, vor allem im Werk von Horacio Salas, Alejandra Pizarnik und Ramón Plaza, und die Verarbeitung urbaner und sozialer Erschütterungen, etwa bei Abelardo Castillo, Marta Lynch, Marta Traba oder Manuel Puig.

In den 1970er Jahren, die vom Staatsterror der Militärdiktatur geprägt sind, werden viele Autoren ins Exil getrieben, Beispiele sind Juan Gelman, Antonio di Benedetto, Alicia Kozameh, Tununa Mercado, Mempo Giardinelli, Luisa Valenzuela, Diana Raznovich, Luisa Futoransky, Cristina Feijoo, Susana Szwarc und Reina Roffé.

Herausragend in der Lyrik sind Agustín Tavitiány, Antonio Aliberti, Diana Bellessi und Susana Thenon, in der Epik Osvaldo Soriano, Fernando Sorrentino, César Aira, Héctor Tizón, Juan José Saer, Ana María Shua, Rodolfo Fogwill und Rodrigo Fresán, im Drama Griselda Gambaro, Ricardo Talesnik, Roberto Mario Cossa, Carlos Somigliana, Ricardo Halac, Eduardo Pavlovsky, Osvaldo Dragún, Diana Raznovich, Mauricio Kartun, Eduardo Rovner, Carlos Gorostiza und Susana Torres Molina, im Essay Ricardo Herreray und María Rosa Lojo. Wichtige Einflüsse in dieser Zeit bilden Éluard, Eliot, Montale und Neruda.

Der Romancier und Drehbuchautor Manuel Puig demonstriert sexuelle und politische Unterdrückung in seinem Roman El beso de la mujer araña (1976) (dt. Der Kuss der Spinnenfrau). Der Romandiskurs öffnet sich zur Popkultur: Kitschromane, Trivialfilme, Kinowelt und moderne Massenkultur finden Eingang in die Erzählliteratur.

In den 1990er Jahren erfolgt eine Rückbesinnung auf solche Literatur, die den inneren Verhältnissen Argentiniens besondere Beachtung schenkt, sie wurde aufgrund des traditionellen Zentralismus von Buenos Aires und der kulturellen Abhängigkeit von Europa lange vernachlässigt. In diesem Zusammenhang sind Juan Laurentino Ortiz, Alberto Alba, Juan Bautista Zalazar, Ricardo Piglia, Tomás Eloy Martínez und Luis Franco als Autoren zu nennen. Hinzu kommt die Aufarbeitung der Diktatur und das Phänomen der Verschwundenen, d.h. der in der Diktatur Verschleppten. In der Dokumentarliteratur (im Spanischen "Testimonio") werden diese Themen unter anderem von Alicia Partnoy und Nora Strejilevich behandelt.

Das 21. Jahrhundert[Bearbeiten]

In neuester Zeit ist die Entstehung neuer Autorengruppen in der argentinischen Literaturszene bemerkenswert, die sich in Galerien, alten Fabrikhallen, Kulturzentren und Diskotheken versammelt und unabhängige Zeitschriften sowie das Internet als Publikationsorgane nutzt. Vielversprechende neue Erzähler sind z.B. Washington Cucurto, Fabián Casas, Félix Bruzzone, Alejandro López, Pedro Mairal und Alan Pauls. Im deutschsprachigen Raum bekannt wurden die Erzählungen des heute in Uruguay lebenden Carlos María Domínguez (*1955) und die Romane Claudia Pineiros (*1960). Auch die Lyrikszene erfuhr in den vergangenen Jahren ein Aufschwung, u.a. durch Verlage wie Ediciones del Diego, Siesta, Eloísa Cartonera und Festivals wie das lateinamerikanische Poesiefestival von Buenos Aires Salida al Mar und das 1993 gegründete Festival Internacional de Poesía de Rosario.

Argentinien war 2010 Gastland der Frankfurter Buchmesse.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Florian Müller: Schadensbilanz einer Kulturpolitik. Die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 führte nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Bücher Krieg, in "Zwischenwelt. Literatur, Widerstand, Exil," Zs. der Theodor Kramer Gesellschaft, Jg. 28, H. 4, Jänner 2012 ISSN 1606-4321 S. 49 - 52
  • Volkmar Hölzer: Argentinische Volksdichtung : ein Beitrag zur hispano-amerikanischen Literaturgeschichte. Velhagen & Klasing, Bielefeld 1912 (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten]