argumentum ad verecundiam

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Ein argumentum ad verecundiam (lat. für ,Beweis durch Ehrfurcht‘) oder Autoritätsargument ist ein Argument, das eine These durch die Berufung auf eine Autorität beweisen will. Da Autorität als solche keine Garantie für Wahrheit ist, handelt es sich nicht um eine logische Schlussfolgerung.

Verwendung[Bearbeiten]

Eine Berufung auf Autoritäten kann in einem Disput eine aufwendige sachliche Begründung von Behauptungen ersetzen. Als allgemeine rhetorische Technik ist die Berufung auf fremde Expertise vor allem dann erfolgreich, wenn diese Expertise von allen Beteiligten anerkannt wird. Diese Anerkennung ist in der Moderne jedoch üblicherweise auf wissenschaftliche Expertise und praktische Erfahrung beschränkt. Als alternative Autorität kann aber auch eine bewährte Tradition, die öffentliche Meinung oder die geteilten Überzeugungen einer bestimmten Gruppe (je nach Sachlage) verwendet werden.

Ein in Europa bekannter Autoritätsbezug sind die Bibel und die Schriften der Patristik im theologischen Bereich; eine daraus abgeleitete Sammlung von Autoritätsargumenten bildet dann eine entsprechend gestaltete kirchliche Dogmatik.[1] In der Scholastik wurde die Berufung auf Autoritäten angewendet, um für eine Behauptung die Verträglichkeit mit oder die Begründung durch das christliche Dogma zu überprüfen. Wie die Autorität für die Behauptung argumentiert, ist dabei nur von beschränkter Bedeutung; wichtiger ist, dass ihr eine besondere Deutungshoheit oder eine entsprechend autoritative Rolle zugeschrieben wird. Tatsächlich konnten verschiedene Autoritäten gegeneinander ausgespielt werden, indem ihr Rang und ihre Relevanz für das Dogma verglichen wurden. Für den Rang der Autorität sind wiederum vor allem die Klarheit ihrer begrifflichen Argumentation und der vermutete Zugang zur göttlichen Offenbarung entscheidend.

Bewertung[Bearbeiten]

Ein Argument durch Autorität ist für sich allein ein Scheinargument, das zu einem Fehlschluss führen kann, wenn die Autorität sich irrt.

Ein Autoritätsargument muss, um zulässig zu sein, folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Die Autorität ist vertrauenswürdig, weil sie sich bewährt hat.
  • Die Autorität wird korrekt zitiert.
  • Die Autorität hat Sachkompetenz im relevanten Sachgebiet.
  • Die allgemeinen Regeln der Argumentation wurden eingehalten.
  • Autoritäten, die die Gegenansicht vertreten, werden, statt sie einfach zu ignorieren, ebenfalls zitiert und widerlegt.

Wo diese Punkte nicht erfüllt sind, wird die Autorität unberechtigt angeführt und der Verdacht, dass es sich um einen beabsichtigten Trugschluss oder Sophismus handelt, liegt nahe.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Lothar Kolmer, Carmen Rob-Santer: Studienbuch Rhetorik. UTB, 2002, ISBN 978-3-825-22335-9, S. 237, hier S. 202–205.

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas Walton: Appeal to Expert Opinion: Arguments from Authority, Pennsylvania State University Press, 1997.