argumentum ad verecundiam

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Ein argumentum ad verecundiam (lat. für ,Beweis durch Ehrfurcht‘) oder Autoritätsargument ist ein Argument, das eine These durch die Berufung auf eine Autorität beweisen will. Da Autorität als solche keine Garantie für Wahrheit ist, handelt es sich nicht um eine logisch zwingende Schlussfolgerung.

Verwendung[Bearbeiten]

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Begriffsgeschichtlich dürfte der Ausdruck „Argumentum ad verecundiam“ ursprünglich von John Locke in seinen Essays concerning human understanding (publiziert 1690, dort Buch 4, Kap. 17) formuliert worden sein und wird dann in späteren Logik-Handbüchern als ein Unterfall der Fehlschlüsse angeführt.[1]

Oftmals müssen Meinungen gebildet oder aufrechterhalten werden, ohne dass alle deren Geltungsvoraussetzungen im Einzelnen von einem Wissenssuchenden überprüfbar sind. In solchen Fällen kann es gerechtfertigt sein, z.B. Äußerungen von "Experten" als Wissen bzw. gerechtfertigte wahre Meinung zu akzeptieren. Davon zu unterscheiden ist eine bloß rhetorische Ausflucht zu "Autorität", wo eine spezifische Rechtertigung einer strittigen Überzeugung zu leisten wäre.

Eine soziale Bedingung einer Berufung auf fremde Expertise ist deren Anerkennung durch weitere Beteiligte. In Kontexten der Moderne können etwa wissenschaftliche Expertise oder praktische Erfahrung solche Anerkennung ermöglichen. Je nach Kontext können z.B. auch bewährte Traditionen in Frage kommen.

Unter die verschiedenen Spezialfälle zählt auch die religiöse Erkenntnistheorie. Bereits im Rahmen der Konstitution einer christlichen Theologie als universitärer Wissenschaft im europäischen 12.-13. Jahrhundert wird für die Wissenschaftstheorie der Theologie über Methodenfragen einer Berufung auf "Autorität" diskutiert. Die wirkungsgeschichtlich wichtigsten Systematisierungen, z.B. des Thomas von Aquin, sehen die formale Autorität von Glaubens- und Offenbarungswahrheiten in Gott begründet und durch Glaubensartikel vermittelt, wie sie insb. das apostolische Glaubensbekenntnis explizit formuliert und implizit mitenthält. Unter Heranziehung u.a. aristotelischer Epistemologie, insbesondere der aristotelischen Topik, werden näherhin Quellen theologischer Erkenntnisgewinnung systematisiert und hierarchisiert. Schon früh wird demgegenüber auch eine unabhängige Kriteriologie und Urteilsinstanz eingefordert und diskutiert, beispielsweise prominent bei Abaelard.

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Ein Autoritätsargument muss, um zulässig zu sein, folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Die Autorität ist vertrauenswürdig, weil sie sich bewährt hat.
  • Die Autorität wird korrekt zitiert.
  • Die Autorität hat Sachkompetenz im relevanten Sachgebiet.
  • Die allgemeinen Regeln der Argumentation wurden eingehalten.
  • Autoritäten, die die Gegenansicht vertreten, werden, statt sie einfach zu ignorieren, ebenfalls zitiert und widerlegt.

Wo diese Punkte nicht erfüllt sind, wird die Autorität unberechtigt angeführt und es handelt sich um ein Scheinargument. Der Verdacht, dass es sich zudem um einen beabsichtigten Trugschluss oder Sophismus handelt, liegt nahe.

Rekonstruktionsvorschläge[Bearbeiten]

In seiner Logikeinführung rekonstruiert Wesley C. Salmon die Struktur von Autoritätsargumenten als Fall eines „statistischen Syllogismus“, also als ein Argument, das seine Konklusion zumindest wahrscheinlich macht:

Die überwältigende Mehrheit der Behauptungen, die x über S trifft, ist wahr.
p ist eine Aussage von x über S
' p ist wahr.

In dieser Form ist der Schluss korrekt, aber nicht unbedingt wahrheitserhaltend. Salmon stellt zudem die Forderungen auf, dass die Autorität korrekt zitiert werden muss, dass es sich tatsächlich auch um eine fachliche Autorität (und nicht nur um eine Berühmtheit) handeln muss, dass S tatsächlich das Feld der Expertise der Autorität zu sein hat, dass die Autorität tatsächlich um die Wahrheit von p wissen könnte, wenn p wahr ist und dass keine gleichermaßen geeigneten Autoritäten p widersprechen. Wo die Forderungen nicht erfüllt sind, liegt für ihn ein klarer Missbrauch der Argumentform vor.

Die Figur Consensus gentium wird von Salmon als Sonderfall des Argumentum ad verecundiam behandelt, der denselben Bedingungen unterliegt.[2]

Die jüngere systematische Erkenntnistheorie behandelt Kriterien epistemischer Rechtfertigung für die Akzeptanz "autoritativer" Äußerungen, insb. von "Experten", v.a. im Rahmen der sozialen Epistemologie.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Douglas Walton: Appeal to Expert Opinion: Arguments from Authority, Pennsylvania State University Press, University Park, Pennsylvania 1997, 52ff.
  2. Wesley C. Salmon: Logic, 1984, Kapitel 3.

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas Walton: Appeal to Expert Opinion: Arguments from Authority, Pennsylvania State University Press, 1997.

Weblinks[Bearbeiten]