Aribert Heim

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche

Aribert Ferdinand Heim (* 28. Juni 1914 in Bad Radkersburg, Österreich; † mutmaßlich am 10. August 1992 in Kairo [1]) war ein Arzt und ehemaliges Mitglied der nationalsozialistischen Organisationen SA und SS. Er steht auf der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus des Simon-Wiesenthal-Zentrums an erster Stelle.[2]

Ihm wird angelastet, als Lagerarzt im KZ Mauthausen zahlreiche Häftlinge ermordet zu haben; von Zeitzeugen wurde er auch als „Dr. Tod“ und „Schlächter von Mauthausen“ bezeichnet. Seit 1962 war er flüchtig und wurde per internationalem Haftbefehl gesucht. Im Juli 2008 wurde berichtet, dass Heim in Argentinien gesehen worden sei.[3] Allerdings berichteten das ZDF und die New York Times nach einer gemeinsamen Recherche am 4. Februar 2009 von seinem Tod im Jahre 1992 in Kairo. Dort soll Heim unter dem Namen Tarek Farid Hussein gelebt haben. Seit 1976 hatte Heim mehrmals Kontakt zu seinem Sohn Rüdiger.[4]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Heim wurde als Sohn eines Polizeibeamten und einer Hausfrau geboren. Er studierte in Graz Medizin, promovierte in Wien zum Doktor der Medizin, seine ärztliche Bestallung erfolgte im Januar 1940. Bereits 1935 war Heim in die zu dieser Zeit in Österreich illegale NSDAP und die SA eingetreten. Nach dem „Anschluss” Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich wurde Heim am 1. Oktober 1938 Mitglied der SS, in der er 1944 den Rang eines SS-Hauptsturmführers erreichte.

[Bearbeiten] Kriegsverbrechen als Lagerarzt

Im April 1940 meldete sich Heim freiwillig zur Waffen-SS. 1940 war er Lagerarzt im KZ Sachsenhausen, dann im Juni und Juli 1941 im KZ Buchenwald. Seit April 1941 wurde Heim beim Inspekteur der Konzentrationslager (IKL) geführt. Ab 1. Oktober 1941 war er Lagerarzt im KZ Mauthausen. Eigenhändige Einträge im Mauthausener Operationsbuch dokumentieren seine Tätigkeit im Oktober und November 1941.[5] Nach Zeugenaussagen eines Revierschreibers und eines Operationsgehilfen soll Heim gemeinsam mit dem Lagerapotheker Erich Wasicky hundertfach Juden durch intrakardiale Giftinjektionen, etwa mit Phenol, ermordet haben. Zudem soll Heim zu Übungszwecken, aus Langeweile oder Sadismus Häftlingen bei Operationen Organe entnommen haben. Nach einigen Wochen wurde Heim in ein SS-Lazarett in Wien versetzt.

Nach dem vom ZDF im Februar 2009 veröffentlichten handschriftlichen Lebenslauf hatte er vom 22. Oktober 1941 bis zum 31. Dezember 1944 eine Verwendung an der Ostfront als Truppenarzt bei der 6. SS-Gebirgs-Division „Nord“ und nahm mit dieser 1945 an der Westfront in den Vogesen an Kämpfen zum Zeitpunkt der Ardennenoffensive teil.

[Bearbeiten] Nachkriegszeit

Am 15. März 1945 wurde Heim von US-amerikanischen Militärs festgenommen und im Kriegsgefangenenlager Ludwigsburg interniert. 1947 arbeitete er im Bürgerhospital im hessischen Friedberg, gleichzeitig spielte er in der Saison 1947/48 Eishockey für den VfL Bad Nauheim. Schon 1938 und auch während seiner Tätigkeit im KZ Mauthausen hatte Heim für Wiener Clubs Eishockey gespielt.

Heim heiratete, ließ sich 1949 als Arzt in Mannheim nieder und bemühte sich mehrfach vergeblich darum, seine österreichische Staatsangehörigkeit abzulegen, um die deutsche zu erlangen.[6] Ab 1954 praktizierte er als Gynäkologe in Baden-Baden.

[Bearbeiten] Haftbefehl und Flucht

Kurz vor der Vollstreckung eines 1961 in Wien ausgestellten Haftbefehls[7] tauchte Heim 1962 unter.

1979 wurde Heim von der Spruchkammer in Berlin zu einer Geldstrafe von 510.000 DM verurteilt, da er durch die Morde im KZ Mauthausen die Herrschaft des Nationalsozialismus in besonderer Weise gefördert habe. Die Verurteilung erfolgte nach dem nur in Berlin aufgrund der damals de facto fortbestehenden Alliierten Kontrollratshoheit gültigen Zweiten Gesetz zum Abschluss der Entnazifizierung. Zur Begleichung der Geldstrafe wurde ein Wohnhaus im Berliner Stadtteil Moabit zwangsversteigert, das sich seit 1958 im Eigentum Heims befunden hatte und dessen Mieteinnahmen bislang dem Flüchtigen zugeflossen waren.

[Bearbeiten] Internationale Suche

Heim wurde aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichtes Baden-Baden international gesucht. Für seine Ergreifung hatte der deutsche Generalbundesanwalt 1995 eine Belohnung von umgerechnet 130.000 Euro ausgesetzt,[7] ein amerikanischer Geschäftsmann zusätzliche 130.000 Euro.[8] Laut BKA gehörte Heim zu den meistgesuchten Personen in Deutschland. 2007 hatte auch das österreichische Justizministerium erstmals 50.000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Ausforschung, Ergreifung und Verurteilung Heims führen.[9]

Im Rahmen der Operation Last Chance, bei der die letzten noch lebenden Kriegsverbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus gefasst werden sollen,[10] suchte das Simon Wiesenthal Center nach ihm. Im Oktober 2005 tauchten Hinweise auf, dass er an der spanischen Mittelmeerküste nahe Denia leben solle. Über einen Freund der Familie flossen wiederholt größere Beträge in diese Region sowie auch nach Dänemark, angeblich zu Investitionszwecken. Es gab Hinweise, dass Heim Ende Oktober 2005 über Madrid nach Südamerika geflüchtet sein solle. Anfang 2006 wurde er in Chile vermutet, wo seine Tochter Waltraud seit Beginn der 1970er Jahre lebt. Im April 2008 legte das Simon Wiesenthal Center eine neue Liste vor, auf der SS-Arzt Aribert Heim als der weltweit meistgesuchte nationalsozialistische Kriegsverbrecher geführt wurde.[11][12]

Im Juli 2008 gab das Simon-Wiesenthal-Zentrum an, Heim sei noch von wenigstens vier Zeugen in Argentinien lebend gesehen worden. Der Leiter des Zentrums in Jerusalem, Efraim Zuroff, reiste daraufhin nach Argentinien, um den Hinweisen nachzugehen. Das Wiesenthal-Zentrum zeigte sich davon überzeugt, dass sich Heim in der Region zwischen dem chilenischen Puerto Montt und Bariloche in Argentinien versteckt gehalten habe.[13]

[Bearbeiten] Tod

Am 4. Februar 2009 gaben das ZDF und die New York Times bekannt, in gemeinsamer Recherche herausgefunden zu haben, dass Heim bereits am 10. August 1992 an Darmkrebs in Kairo gestorben sei.[14] Anfang der 1980er Jahre sei er zum Islam konvertiert und habe seitdem den Namen Tarek Farid Hussein getragen. Zuvor habe er dort unter seinem zweiten Vornamen als Ferdinand Heim gelebt. In seiner Zeit in Ägypten hatte Heim wiederholt Kontakt zu Angehörigen in Europa, so 1976 erstmals zu seinem Sohn Rüdiger. Der Sohn gab in einem Interview mit dem ZDF an, bis zum Jahre 1979 lediglich gewusst zu haben, dass sein Vater per Haftbefehl wegen NS-Verbrechen gesucht wird. Erst im Jahre 1979 habe er im Rahmen des Sühneprozesses in Berlin en Detail von den Vorwürfen gegen seinen Vater erfahren. Rüdiger Heim erklärte, dass er auch nach 1979 seinen Vater mehrmals in Ägypten besucht habe; zuletzt habe er seinen Vater vor dessen Tod sechs Monate lang in Kairo gepflegt. Laut Efraim Zuroff, dem Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem, habe Rüdiger Heim bis zum Bekanntwerden der ZDF-Recherchen stets geleugnet, etwas über den Verbleib von Aribert Heim zu wissen.[15] Das LKA ermittelt weiterhin, da sein Tod nicht zweifelsfrei erwiesen ist.[16]

Am 18. März 2009 erstattete das Simon Wiesenthal Center wegen des Verdachts auf eine falsche uneidliche Aussage eine Strafanzeige gegen einen Rechtsanwalt, der gegenüber dem Berliner Finanzgericht am 8. Juni 2001 angeben hatte lassen, Kontakt zu Aribert Heim zu haben.[17]

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,605603,00.html
  2. Spiegel Online: Deutsche Ermittler prüfen Tod von Aribert Heim vom 5. Februar
  3. Aribert Heim in Argentinien gesehen
  4. Meistgesuchter Nazi-Verbrecher seit 1992 tot
  5. Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer., Frankfurt am Main, 1997, S. 37f.
  6. Susanne Räuchle: „Dr. Tod“ wohnte in O 7, 1, morgenweb: Nachrichtenportal Rhein Neckar
  7. a b Gerhard Freihofner: Kopf(los)geld nach 62 Jahren, Wiener Zeitung, 20. Juli 2007
  8. Fahndung nach KZ-Arzt in Der Spiegel 31/2007, 30. Juli 2007, S. 17
  9. Auslobung, Bundesministerium für Justiz, Wien, Juli 2007 (Seite abgerufen am 20. August 2007)
  10. http://www.operationlastchance.org/ABOUT.htm
  11. Simon-Wiesenthal-Zentrum. „Dr. Tod“ ist der meistgesuchte Nazi-Verbrecher 30. April 2008, Die Welt.
  12. Simon-Wiesenthal-Zentrum. „Dr. Tod“ ist der meistgesuchte Nazi-Verbrecher 30. April 2008, Der Spiegel.
  13. Aribert Heim in Argentinien gesehen
  14. http://www.welt.de/politik/article3149022/KZ-Arzt-Aribert-Heim-ist-schon-lange-tot.html
  15. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,605603,00.html
  16. Zweifel am Tod von KZ-Arzt Heim
  17. juedische.at: Wiesenthal Center erstattet Anzeige beim Berliner Oberstaatsanwalt: Wer sagt im Fall Heim die Unwahrheit?. 18. März 2009


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen