Aristides de Sousa Mendes

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Aristides de Sousa Mendes

Aristides de Sousa Mendes (* 19. Juli 1885 in Cabanas de Viriato nahe Viseu; † 3. April 1954 in Lissabon) war portugiesischer Generalkonsul in Bordeaux. Er rettete im Zweiten Weltkrieg schätzungsweise 30.000 Menschen verschiedener Nationalitäten, darunter 10.000 Juden, das Leben. Er gilt als der „portugiesische Schindler“ und wird als einer der Gerechten unter den Völkern geehrt.

Leben[Bearbeiten]

Allgemeines[Bearbeiten]

Aristides de Sousa Mendes wurde am 19. Juli 1885 zusammen mit seinem Zwillingsbruder Cesar geboren. Die Familie de Sousa Mendes gehörte zur ländlich katholischen Aristokratie des nördlichen Portugals. Sein Vater war Richter am Berufungsgericht in Coimbra. Er wuchs in Aveiro auf und ging in Mangualde zur Schule. Sein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Coimbra schloss er 1907 mit dem Magister Diplom ab. 1908 heiratete er seine Frau Angelina, mit der er zwölf Kinder hatte. 1910 trat er in den diplomatischen Dienst ein, wurde Konsul zweiter Klasse in Britisch-Guayana und ein Jahr darauf Diplomat in Sansibar.
Wegen seiner angeblich republikfeindlichen Haltung wurde Aristides de Sousa Mendes 1919 in den einstweiligen Ruhestand versetzt, ein Jahr später rehabilitiert und nach San Francisco entsandt. Über Brasilien (1924) kehrte er 1926 nach Portugal zurück. Während des Militärputsches kurz darauf hielt er sich in Spanien auf. 1929 wurde er Generalkonsul in Antwerpen. Maurice Maeterlinck und der ehemalige spanische König Alfonso XIII zählten zu den damaligen Freunden der Familie. 1938 ernannte ihn die Regierung Salazar, die seit 1932 im Amt war, zum Generalkonsul in Bordeaux.[1]

Konsul in Bordeaux[Bearbeiten]

Nachdem 1940 der Großteil Mitteleuropas vom Deutschen Reich besetzt wurde, schwappte eine riesige Flüchtlingswelle in die noch nicht besetzten Gebiete Frankreichs. Portugal galt als eines der letzten Länder mit Chancen auf eine Zuflucht. Doch um Frankreich für die Durchreise durch das vom Diktator Franco beherrschte Spanien verlassen zu können, benötigte man ein portugiesisches Visum. Deshalb drängten Tausende zum Portugiesischen Konsulat in Bordeaux, um ein Visum zu beantragen.

Bereits am 13. November 1939 hatte der portugiesische Diktator Salazar in dem Rundschreiben „Circular 14“ allen portugiesischen Diplomaten verboten, Visa für „Ausländer, deren Nationalität unbekannt, verworfen oder rechtsstreitig ist; Staatenlose; Juden, die aus ihrem Herkunftsland oder wo sie untergekommen waren, vertrieben wurden“ auszustellen. Nachdem die Wehrmacht am 14. Juni 1940 Paris eingenommen hatte, verschärfte Salazar die Einreisevorschriften um den Zusatz, dass nur noch diejenigen, die ein Visum für ein außereuropäisches Land besaßen, einreisen durften.

Sousa Mendes ignorierte dieses Rundschreiben am 17. Juni 1940 erstmals und ließ durch den galizischen Rabbiner Chaim Kruger ausrichten, dass er ausnahmslos jedem ein Visum erteilen würde, „ungeachtet der Nationalität, Rasse oder Religion!“

Er ermöglichte den Flüchtlingen, über den einzigen durch Spanien genehmigten Fluchtweg zwischen Hendaye und Irun nach Portugal einzureisen. Diese hatten dadurch Zugang zu den portugiesischen Häfen und konnten so nach Übersee fliehen.[2]

Sousa Mendes hatte auch dem französischen Konsul in Toulouse eine Vollmacht zur Ausstellung von Visa erteilt und reiste persönlich zu einer Zweigstelle des portugiesischen Konsulats in Bayonne, wo er einem Beamten befahl, ebenfalls jedem Flüchtling Visa auszustellen. Auch Otto von Habsburg erhielt ein Visum von Sousa Mendes und konnte so über Portugal die Vereinigten Staaten erreichen.

In noch vorhandenen Dokumenten, versehen mit dem Siegel des Generalkonsulats der Portugiesischen Republik, heißt es: „Die portugiesische Regierung bittet die spanischen Behörden um die Gefälligkeit, dem Träger dieses Dokumentes die freie Durchreise durch Spanien zu gewähren. Der Betreffende ist Flüchtling vor dem europäischen Konflikt und befindet sich auf der Weiterreise nach Portugal.“

Unehrenhafte Entlassung[Bearbeiten]

Am 20. Juni 1940 erfuhr die portugiesische Regierung von Sousa Mendes’ Aktivitäten und forderte ihn auf, Bordeaux unverzüglich zu verlassen. Stattdessen wurde Teotónio Pereira, portugiesischer Botschafter in Madrid, nach Bordeaux geschickt.

Auf der Fahrt Richtung Heimat verteilte er auf der Straße weiterhin Visa und intervenierte persönlich bei den portugiesischen Behörden im französischen Grenzbahnhof bei Hendaye. Er brachte jüdische Flüchtlinge selbst in seinem eigenen PKW über die spanisch-französische Grenze. Das waren seine letzten offiziellen Diensthandlungen als Konsul, bevor Salazar ihn am 23. Juni des Amtes enthob.

Am 24. Juni gab Salazar bekannt, dass sämtliche von Sousa Mendes ausgestellte Visa nichtig sind. Des Weiteren instruierte er die Botschaften in Frankreich, nur noch Visa an „gente limpa“ (wörtlich „reine Leute“, gemeint sind „nichtjüdische“ Menschen) auszustellen.

In Portugal angekommen wurde Sousa Mendes im Disziplinarverfahren für schuldig befunden. Das Urteil bedeutete nicht nur die Suspendierung aus dem Diplomatenamt, das Streichen der Pension und den Entzug der Rechtsanwaltslizenz, sondern auch die gesellschaftliche Ächtung seiner Familie.

Die finanzielle Situation der Familie verschlechterte sich drastisch, vom reich ausgestatteten Herrensitz der Familie in Cabanas de Viriato (Viseu) wurde nach und nach alles verkauft. Später wurde die Familie von der jüdischen Gemeinde in Lissabon unterstützt, die einigen seiner Kinder ein Studium in den USA ermöglichte. Zwei seiner Söhne nahmen an der Operation Overlord teil.

Nach Ende des Krieges beanspruchte Salazar für sich das Verdienst, Tausenden von Flüchtlingen durch unkomplizierte Visaerteilung das Leben gerettet zu haben. Mehrere Gesuche von Aristides Zwillingsbruder Cesar, der ebenfalls im diplomatischen Dienst war, Aristides zu rehabilitieren, blieben von Salazar unbeantwortet. Durch einen Schlaganfall war Sousa Mendes körperlich beeinträchtigt. Er lebte zurückgezogen und isoliert in seinem Haus. 1948 starb seine Frau, ein Jahr später heiratete er Andrée Cibila, mit der er bereits zu Lissaboner Zeiten ein Kind hatte.[1]

Tod und Rehabilitierung[Bearbeiten]

Straße in Wien

1952 erlitt Sousa Mendes erneut einen Schlaganfall und musste sich einer Operation unterziehen. Von da an war er halbseitig gelähmt. Am 3. April 1954 starb Sousa Mendes an den Folgen eines erneuten Schlaganfalls und einer Lungenentzündung im Krankenhaus des „Ordem Terceira“ in Lissabon. Wenn auch die Inschrift auf seinem Grabstein seine Verdienste mit den Worten „Wer ein Leben rettet, rettet die Welt“ anerkennt, führte sein Tod zu keinerlei Information oder Kommentar in der Presse und wurde von der damaligen faschistischen Diktatur ignoriert.

Seine Kinder waren es, die als erste die Rehabilitation ihres Vater beschritten. Auf ihr Betreiben erschien 1954 eine erste Würdigung in einem französischen Provinzblatt. In der Folge erschienen in verschiedenen internationalen Blättern wie Jewish Life, Readers Digest u. a. Artikel über das Leben des Konsuls. Die Gedenkstätte Yad Vashem ließ 1966 eine Gedenkmedaille prägen. In der Negev-Wüste wurde ein Wald mit 10.000 Bäumen nach ihm benannt. 1986 wurde eine Petition zu seiner Rehabilitation in der New York Times veröffentlicht und an die portugiesischen Behörden geschickt. Im gleichen Jahr bestand eine amerikanische Handelsdelegation bei einem Aufenthalt in Lissabon darauf, dass Sousa Mendes in Portugal geehrt würde. Am 24. Mai 1987 verlieh Mário Soares, der damalige Präsident Portugals, Aristides de Sousa Mendes posthum den Freiheitsorden. Und am 13. März 1988 wurde Sousa Mendes offiziell vom portugiesischen Parlament rehabilitiert.[1] Dem Antrag auf Reintegration in das diplomatische Corps wurde einstimmig von allen Fraktionen stattgegeben.

Rezeption[Bearbeiten]

In Portugal widmet sich die Fundação Aristides de Sousa Mendes der Erinnerung an den honorigen Generalkonsul.

In Joshua Sobols Theaterstück Alma tritt Aristides de Sousa Mendes als Gesprächspartner von Alma Mahler-Werfel auf. Das Stück wurde 2003 auch in Lissabon aufgeführt.

Der gemeinnützige Verein „ViVer – Vision und Verantwortung e.V.“ hat seit 2008 in Deutschland eine Ausstellung konzipiert, in der Leben und Wirken von Aristides de Sousa Mendes dargestellt werden.[3]

Seit 2012 versucht eine Initiative, das vom Verfall bedrohte ehemalige Anwesen von Aristides de Sousa Mendes zu retten und zu einem Menschenrechtszentrum auszubauen.[4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Júlia Nery: Der Konsul. Aus dem Portugiesischen von Verena Grubenmann Schmid. Ed. Epoca, Zürich 1997, ISBN 3-905513-07-2.
  • Jose-Alain Fralon: Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte. Aus dem Franz. von Manfred Flügge. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-8251-7768-3.

Film[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c José-Alain Fralon, Der Gerechte von Bordeaux. Wie Aristides de Sousa Mendes 30000 Menschen vor dem Holocaust bewahrte. Verlag Urachhaus, Stuttgart, 2011, aktualisierte und überarbeitete Neuausgabe; ISBN 978-3-8251-7768-3
  2. Michael Berger: Der Schindler von Portugal. Wie der Diplomat Aristides de Sousa Mendes im Zweiten Weltkrieg 30.000 Menschen das Leben rettete.
  3. Vision und Verantwortung e.V.
  4. http://www.causes.com/causes/488807-aristides-de-sousa-mendes/actions/1143345

Weblinks[Bearbeiten]