Armée de l’Est

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Die Bourbaki-Armee legt ihre Waffen nieder. Ausschnitt aus dem Bourbaki-Panorama in Luzern
Die Bourbakis – zeitgenössisches Bild französischer Soldaten von Albert Anker (1871)

Armée de l’Est (deutsch Ostarmee; auch Zweite Loirearmee; inoffizielle Bezeichnung: Bourbaki-Armee, nach General Charles Denis Sauter Bourbaki, ihrem ersten Kommandeur) war die offizielle Bezeichnung für eine französische Armee im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Sie wurde erst gegen Ende des Krieges aus Einheiten der Loirearmee, Freischärlern und frisch rekrutierten Truppen gebildet.

Geschichte[Bearbeiten]

Aufgabe der Armee sollte die Entsetzung der belagerten Festung Belfort und die Unterbrechung der deutschen Nachschublinien sein. Sie erlitt jedoch eine Niederlage vor Belfort in der Schlacht an der Lisaine. Der Rückzug Richtung Süden verlief chaotisch und langsam, die Armee wurde im Großraum Pontarlier eingekesselt. General Bourbaki wurde daraufhin seines Amtes enthoben und unternahm einen Selbstmordversuch. Der neue General Justin Clinchant bat in der Schweiz um militärisches Asyl. Vom 1. bis zum 3. Februar 1871 übertraten 87.000 Mann bei Les Verrières die schweizerisch-französische Grenze und wurden für sechs Wochen interniert. Der schweizerische General Hans Herzog (1819-1894), Oberbefehlshaber z. Z. der Grenzbesetzung 1870/71, nahm den Grenzübertritt der geschlagenen Bourbaki-Armee entgegen. Der Übertritt der Bourbaki-Armee ist dargestellt auf dem Bourbaki-Panorama in Luzern.

Zwar hatte General Herzog so gut es ging Truppen-Kontingente seiner teils bereits demobilisierten Armee an die Orte des Grenzübertrittes abkommandiert, die sich zum guten Teil im Kanton Neuenburg befanden. Dennoch wären diese Einheiten wohl gegen einen Angriff der den Franzosen nachsetzenden deutschen Truppen General Edwin von Manteuffels ohne große Siegeschancen geblieben. Und es hätte theoretisch durchaus ein Motiv für einen solchen Angriff bestanden: Preußen hatte im Neuenburgerhandel von 1856/57 nach Vermittlung der europäischen Mächte ohne die eigentlich vorgesehene Kriegshandlung gegen die Schweiz auf die Oberhoheit über das vormalige preußische Fürstentum Neuenburg verzichtet. Dass die Deutschen im Februar 1871 die Verwirrung an der Schweizer Grenze nicht für einen Schlag auf Neuenburg nutzten, kann verschiedene Gründe haben:

  • König Friedrich Wilhelm IV. hatte im Vertrag von 1857 ausdrücklich auch im Namen seiner Nachkommen Verzicht auf Neuenburg geleistet; ein Gebot, dem man nun in Berlin nicht gut zuwiderhandeln konnte[1] .
  • Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck zettelte Kriege für die Erreichung konkreter politische Ziele an und beendete sie dann wieder zeitig, bevor die Verluste ausuferten und bevor die britische Regierung sich genötigt fühlen konnte, zur Wahrung des Gleichgewichts der Kräfte (Balance of Power[2]) Gegner Preußens militärisch zu unterstützen. Der Deutsch-Französische Krieg diente dazu, die süddeutschen Fürsten an Preußen zu binden und so das Deutsche Reich als klar umrissenes Hegemonialgebiet Preußens zu begründen. Diese Ziele wären durch einen Konflikt mit der Schweiz gefährdet worden.
Eine Gruppe internierter französischer Soldaten in Walenstadt
Ein inzwischen ziemlich verwittertes Denkmal für in Rorschach verstorbene Soldaten der Bourbaki-Armee
Grabstein für Bourbaki-Soldaten in Mels

Die von Generalstabschef Rudolf Paravicini organisierte Aufnahme von 87.000 durch Hunger und Kälte gezeichnete Soldaten (3 % der damaligen Schweizer Bevölkerung), die untergebracht, verpflegt, medizinisch betreut und bewacht werden mussten, stellte extreme Anforderungen an den noch jungen Schweizer Bundesstaat. Viele der Soldaten mussten mit neuer Kleidung und neuem Schuhwerk ausgerüstet werden. Die Internierten wurden auf 190 Ortschaften verteilt in allen Kantonen außer dem Tessin, da es für die Internierten nicht zumutbar schien, im Januar den verschneiten Gotthard zu überqueren – der Gotthardtunnel wurde erst 1882 eröffnet. Neben Militär, Behörden und Hilfsorganisationen setzte sich auch die Zivilbevölkerung in einer breiten Welle der Hilfeleistungen bei der Betreuung ein. Die Internierung dauerte schließlich 6 Wochen. 1700 der internierten Soldaten sind in dieser Zeit an Erschöpfung, an ihren Wunden oder an mitgeschleppten Krankheiten gestorben. Sie wurden in der Schweiz beigesetzt. An mehreren Orten, an denen Internierte beigesetzt sind, wurden Denkmäler errichtet.

Die Internierung blieb nicht ganz ohne Probleme: Als Anfang März deutsche Bürger in der (alten) Tonhalle in Zürich feierten, drangen französische Offiziere in den Festsaal ein und zettelten eine Schlägerei an. In den als Tonhallekrawall bekannten Unruhen starben in der Folge fünf Personen und die Armee musste aufgeboten werden, um die Lage zu beruhigen.

Die Bewältigung einer humanitären Aufgabe, wie sie die Internierung der Bourbaki-Armee war, trug zum Selbstbewusstsein und zur Identitätsfindung des jungen Schweizer Bundesstaates bei.

Vom schlechten Zustand dieser Soldaten abgeleitet ist noch heute innerhalb der Schweizer Armee gelegentlich die Rede von einem Bourbaki-Tenue, wenn eine besonders abenteuerliche Uniformtragart eines Armeeangehörigen kritisiert werden soll.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Emile Davall: Les troupes françaises internées en Suisse à la fin de la guerre franco-allemande en 1871, Rapport rédigé par ordre du Département militaire fédéral sur les documents officiels déposés dans ses archives, Bern 1873
  • Patrick Deicher: Die Internierung der Bourbaki-Armee 1871. Bewältigung einer humanitären Herausforderung als Beitrag zur Bildung der nationalen Identität, 3. überarbeitete Auflage, Selbstverlag, Luzern 2009
  • Jacky Edouard: L’occupation des frontières suisses en 1870-71 et l’entrée en Suisse de l’armée françaises de l’est, Neuenburg 1914
  • Jezler Peter R./Jezler Elke/Bosshard Peter, Asyl für 87'000. Der Übertritt der Bourbaki-Armee in die Schweiz 1871, Zürich 1986
  • Bernhard von Arx: Konfrontation - Die Wahrheit über die Bourbaki-Legende. Verlag NZZ, Zürich 2010, ISBN 3-03823-618-7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. F. Schaffer: Abriss der Schweizer Geschichte, 1972
  2. Skript der Uni Münster zur britischen Balance-of-Power-Politik