Arnulf Baring

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Arnulf Baring (2002)

Arnulf Martin[1] Baring (* 8. Mai 1932 in Dresden) ist ein deutscher Jurist, Publizist, Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Autor. Er ist emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin.

Werdegang[Bearbeiten]

Arnulf Baring stammt aus einem deutschen Zweig der deutsch-britischen Bankiersfamilie Baring. Geboren wurde er als Sohn des späteren Senatspräsidenten beim Bundesverwaltungsgericht in Berlin, Martin Baring. Seit 1986 ist er verheiratet mit Gabriele Baring geborene Oettgen. Baring ist Vater von vier Kindern, die Töchter Juliane und Susanne entstammen der ersten Ehe, Anna und Moritz der zweiten Ehe.

Arnulf Baring besuchte das Gymnasium in Berlin-Zehlendorf. Nach dem Abitur studierte er Jura und politische Wissenschaft in Hamburg, Berlin, Freiburg im Breisgau, New York, Speyer und Paris. In dieser Zeit war er Stipendiat des Evangelischen Studienwerks Villigst.[2] Von 1956 bis 1958 war er Assistent am Institut für Staatslehre, Staats- und Verwaltungsrecht der Freien Universität Berlin, wo er 1958 auf Basis der Dissertation Der Vertreter des öffentlichen Interesses im deutschen Verwaltungsprozeß zum Dr. jur. promoviert wurde.[3] Im Anschluss war Baring Lehrbeauftragter an der Deutschen Hochschule für Politik. Zwischen 1960 und 1962 gastierte er an der Fondation Nationale des Sciences Politiques der Universität Paris. Von 1962 bis 1964 war er Redaktionsmitglied des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Zwischen 1966 und 1968 war Baring wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, wo er nach den alten Regeln vor der Reform an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät 1968 habilitiert wurde. Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt auf Einladung Henry Kissingers am Center for International Affairs der Harvard University wurde er im Herbst 1969 zum ordentlichen Professor für Politikwissenschaft an der FU Berlin berufen. Dort übernahm er am Otto-Suhr-Institut einen Lehrstuhl für Theorie und vergleichende Geschichte der politischen Herrschaftssysteme, den er bis zu seinem Wechsel auf den Lehrstuhl für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen (Friedrich-Meinecke-Institut) im Jahr 1976 innehatte. Seit 1998 ist Baring emeritiert.

Von 1976 bis 1979 war er im Bundespräsidialamt tätig. 1983 wurde Baring, weil er Hans-Dietrich Genscher im Bundestagswahlkampf unterstützt hatte, aus der SPD ausgeschlossen, bei der er seit 1952 Mitglied gewesen war.[4] Heute steht er keiner Partei nahe, unterstützt aber Stiftungen wie die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung, die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.[5]

In den 1990er Jahren wurde Baring mit seinen Büchern Scheitert Deutschland? und Es lebe die Republik, es lebe Deutschland! außerhalb der Wissenschaft mit liberalen und patriotischen Anschauungen bekannt. Als Hochschullehrer öffnete er sein Haus vielen begabten Studenten, die teilweise kostenfrei bei ihm wohnen konnten. 1992/1993 war Baring Mitglied (Member) des Institute for Advanced Study in Princeton und 1993/1994 Fellow am St Antony’s College in Oxford.

Er engagiert sich für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, seit 2003 ist er Gründungsmitglied des Fördervereins der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.[6]

Außerdem ist er Unterstützer des Zentrums gegen Vertreibungen[7][8] und Mitglied im Beirat der Atlantischen Initiative.[9]

Baring ist als gefragter Gesprächspartner des Öfteren zu Gast bei Talkshows wie Anne Will, hart aber fair sowie Menschen bei Maischberger. Im Juli 2009 hielt Baring eine Festtagsrede beim Deutschen Atomforum, für die er von der Lobbyagentur Deekeling Arndt bezahlt wurde. Er trat als „unparteiischer, aber leidenschaftlich engagierter Bürger“[10] für die Atomkraft ein. Auf Nachfrage sagte er, die Agentur habe ihm vorher zugearbeitet und Informationen geliefert.[11]

Positionen und Kontroversen[Bearbeiten]

Arnulf Baring setzte sich während seiner gesamten Laufbahn mit der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland auseinander. Dabei sorgte er mehrmals für umstrittene Diskussionen.

Schon früh, im Jahre 1997, warnte Baring in seinem Buch Scheitert Deutschland? vor einer Währungsunion und der „Aufnahme Griechenlands in die Europäische Union. Und er sagte voraus, was jetzt tatsächlich eingetreten ist: Deutschland drohe finanzpolitisch erpresst zu werden; und weil wir Währungsdisziplin fordern, würden die anderen Länder uns für deren Probleme verantwortlich machen. Damit riskierten die Deutschen, als Wirtschaftspolizisten in Verruf zu geraten und einmal mehr zum bestgehassten Volk in Europa zu werden.“[12]

„Die Währungsunion wird daher am Ende auf ein gigantisches Erpressungsmanöver hinauslaufen. Man wird uns sagen: Wenn ihr wollt, dass die Währungsunion funktioniert und uns Europa nicht um die Ohren fliegt, dann müssen wir künftig Transferzahlungen leisten. Deshalb sind die Steuern zu erhöhen, ist unsere Konkurrenzfähigkeit gegenüber Drittländern entsprechend zu reduzieren.“

Arnulf Baring: Scheitert Deutschland?, 1997, S. 210

Durch die seit 2009 andauernde Eurokrise sieht Baring sich in seinen Prognosen bestätigt und hält die Währungsunion für die größte Fehlentscheidung Deutschlands nach 1945.[13]

Im November 2002 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein vielbeachteter Artikel mit dem Titel Bürger auf die Barrikaden,[14] in dem Baring das „erstarrte Parteiensystem“ für die Reformschwäche der Bundesrepublik verantwortlich macht. Weiter heißt es in diesem Artikel: „Wir dürfen nicht zulassen, dass alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen.“

2003 verteidigte Baring öffentlich den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der mit dem Vorwurf, eine antisemitische Rede gehalten zu haben, aus der CDU ausgeschlossen werden sollte.

2006 wurde eine angebliche Äußerung Barings über den Holocaust kritisiert. Bei einem Auftritt während einer CDU-Veranstaltung soll er laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau vom 9. September 2006 die Auffassung geäußert haben, die Darstellung der Judenvernichtung als „einzigartiges und unvergleichbares Verbrechen“ sei übertrieben. SPD und Grüne warfen ihm daraufhin Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus vor.[15] Baring wies die Vorwürfe zurück, seine Äußerung, die einer frei gehaltenen Rede entnommen wurde, sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Man versuche ihn in die „rechtskonservative Ecke“ zu stellen.[16] Der kritisierte Passus lautete wörtlich und im Zusammenhang so:

„Natürlich ist vollkommen klar, dass die zwölf Jahre Hitler mit uns sein werden, solange es Deutsche gibt. Auch wenn wir selber geneigt wären, einen Schlussstrich zu ziehen, wird uns dieser zwölf Jahre lange Zeitraum immer anhängen. Das ist eine Katastrophe gewesen, und die Verbrechen haben uns anhaltend beschädigt. Aber es ist ebenso wahr, dass diese zwölf Jahre und die verbrecherischen Züge dieser Zeit nicht das Ganze unserer Geschichte ausmachen, dass dies eine beklagenswerte Entgleisung gewesen ist, dass wir im Grunde genommen nur mit Trauer an diese Phase zurückdenken, dass dies eben eine Vergangenheit ist, die nicht vergehen will, dass eben doch die deutsche Geschichte nicht in dieser Phase kumuliert, sonders dass es lange Jahrhunderte deutscher Tüchtigkeit und deutscher Friedlichkeit vorher gegeben hat. […] Auch dies ist ein Teil dieser Geschichte, zu der wir uns bekennen sollten.“[17]

Im Oktober 2008 kritisierte Susanne Gaschke in der Zeit das „dröhnende Schweigen“ Barings und anderer Vertreter des Wirtschaftsliberalismus wie Friedrich Merz, Meinhard Miegel und Hans-Werner Sinn zur Finanzkrise ab 2007. Jahrelang hätten Baring und andere alle Schuld an Fehlentwicklungen dem Staat und den Politikern angelastet. Jetzt, wo sich das Verhalten von Bankiers und Spekulanten als viel größere Krisenursache entpuppt habe, schwiegen die „Neunmalklugen“, so Gaschke.[18]

Im September 2010 äußerte sich Baring in Fernsehsendungen bei Frank Plasberg und Anne Will zur Diskussion um Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Das Werk selbst erscheine ihm nach der Lektüre „eines großen Teils“ als ein „sehr seriöser, ernsthafter, nachdenklicher, gut belegter Essay in einer Frage, die wir seit Jahrzehnten vor uns herschieben“.[19] Dass die Kanzlerin das Buch ohne genaue Kenntnis verurteilt und die Bundesbank dazu gedrängt habe, Sarrazins Entlassung anzubahnen, schließlich nach wenigen Tagen äußerte, die Bundesbank habe in voller Souveränität entschieden, bezeichnete Baring als „Verhöhnung der Bundesbank“ und der Bürger insgesamt.[20]

Baring, der zuvor Sympathisant von Karl-Theodor zu Guttenberg gewesen war, kritisierte diesen aufgrund dessen plagiierter Dissertation[21] und warf ihm charakterliche Mängel vor.[22]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Baring ist seit 1998 Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.[23] Weiterhin ist Baring Träger des Europäischen Kulturpreises für Politik.[24] 2011 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz.

Werke[Bearbeiten]

  • Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie: Bonns Beitrag zur europäischen Verteidigungsgemeinschaft. Oldenbourg, München 1969.
  • Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982, ISBN 3-421-06095-9.
  • Scheitert Deutschland? Der schwierige Abschied von unseren Wunschwelten. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997, ISBN 3-421-05095-3.
  • Es lebe die Republik, es lebe Deutschland! Stationen demokratischer Erneuerung 1949–1999. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05194-1.
  • Kanzler, Krisen, Koalitionen. Siedler, Berlin 2002, ISBN 3-88680-762-2.
  • Der Unbequeme. Autobiografische Notizen. Europa Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-944305-12-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arnulf Baring im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
  2. Arnulf Baring: Der Unbequeme. Autobiografische Notizen. Europa Verlag, Berlin 2013, S. 135.
  3. Katalog Deutsche Nationalbibliothek,
    Katalog Österreichischer Bibliothekenverbund.
  4. focus.de
  5. www.arnulf-baring.de: Links
  6. Homepage des Fördervereins der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Gründung
  7. Unterstützer Überblick
  8. Stellungnahmen zur Motivation
  9. Mitglieder und Beirat. Atlantische Initiative e.V., abgerufen am 20. August 2012.
  10. Die Geheimpapiere der Atomlobby. In: taz. 28. Oktober 2011, abgerufen am 23. November 2011.
  11. Stimmungswandel im Auftrag der Atomlobby. In: Frankfurter Rundschau. 1. November 2011, abgerufen am 23. November 2011.
  12. Achim Stoltenberg: Arnulf Baring rät zum Auszug aus der Eurozone. Berliner Morgenpost, 26. Juli 2012, abgerufen am 24. Dezember 2013.
  13. Achim Stoltenberg: Arnulf Baring rät zum Auszug aus der Eurozone. Berliner Morgenpost, 26. Juli 2012, abgerufen am 24. Dezember 2013.
  14. Arnulf Baring: Bürger, auf die Barrikaden! Deutschland auf dem Weg zu einer westlichen DDR
  15. hr-online vom 9. September 2006 Empörung über Historiker-Rede auf CDU-Veranstaltung (Version vom 10. Oktober 2009 im Internet Archive)
  16. „Das ist widerwärtig“ focus, 25. September 2006
  17. „Eine Katastrophe.“ Mitschnitt der Rede Barings über die deutsche Geschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 19. September 2006.
  18. Susanne Gaschke: Neoliberalimus – Die Neunmalklugen. Die Zeit vom 16. Oktober 2008.
  19. Hart aber fair, Sendung vom 1. September 2010.
  20. Anne Will (Fernsehsendung) vom 12. September 2010.
  21. „Guttenberg ist ein Mogelpeter vor dem Herrn“, Arnulf Baring im Interview mit der Welt am Sonntag
  22. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKarl-Theodor zu Guttenberg – Der Mogelpeter. Handelsblatt, 28. Dezember 2011, abgerufen am 28. Dezember 2011.
  23. Berliner Kurier vom 12. März 1998 Hoher Orden für Professor Arnulf Baring (Version vom 3. Juni 2009 im Internet Archive)
  24. Die Europäischen Kulturpreisträger (Version vom 8. Oktober 2008 im Internet Archive)