Art déco

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Art déco (kurz für französisch art décoratif „dekorative Kunst“)[1] ist eine Bewegung in der Designgeschichte von etwa 1920 bis 1940, die die Formgebung von Gegenständen in allen Lebensbereichen wie Architektur, Möbeln, Fahrzeugen, Kleidermode, Schmuck oder Gebrauchsartikeln umfasste.

Merkmale[Bearbeiten]

Modezeichnung, Paul Poiret, Paris 1908

Dem Art déco fehlt ein eindeutiges, zugrundeliegendes Stilmerkmal oder eine stilbildende Anschauung, was vor allem durch die im Gegensatz zu etwa dem Jugendstil („Art nouveau“) erst in den 1960ern definierte Zusammenführung zu einer Stilrichtung erklärt wird.[2] Vielmehr handelt es sich, inmitten des generellen Aufbruchs der klassischen Moderne, um eine gestalterische Verbindung von Eleganz der Form, Kostbarkeit der Materialien, Stärke der Farben und Sinnlichkeit der Thematik. Vieles davon war schon im Jugendstil angelegt – vor allem im französischen, wo man im Überflüssigen das Notwendigste sah: „le superflu, chose la plus nécessaire“.

Der Name zielt auf die Dominanz dekorativer Elemente und Gestaltungsabsichten des Art déco ab.[2] Charakteristisch für den Art déco ist die stilisierte und flächige Darstellung floraler und organischer Motive. Dieses Fehlen von Schatten und Natürlichkeit vermittelt den modernen und oft plakativen Eindruck der Kunst jener Epoche. Die industrielle Fertigung sowie die unbeschwerte, eklektische Mischung von Stilelementen unterschiedlicher Herkunft sind wichtige Voraussetzungen.

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten]

Anfänge des Art déco und Wurzeln im Jugendstil[Bearbeiten]

Einer der Ursprünge des Art déco findet sich in der Gründung der Wiener Werkstätte durch die Secessionskünstler Josef Hoffmann und Koloman Moser und den Industriellen Fritz Wärndorfer im Jahre 1903. Ihrerseits beeinflusst durch die geradlinigen Formen des englischen und schottischen Jugendstils um Charles Robert Ashbee, Charles Rennie Mackintosh und Mackay-Hugh Baillie-Scott, nahmen Hoffmann und Moser mit ihren orthogonalen Entwürfen für elegante Inneneinrichtungen vieles von dem vorweg, was noch in den späten 1920er- und 1930er-Jahren als modern gelten konnte. Mit dem Eintritt von Dagobert Peche im Jahre 1915 war der Weg der Wiener Werkstätte hin zum Art déco endgültig festgelegt.

Zeitgleich entwickelten sich verschiedene funktionalistische Kunstrichtungen in Europa wie etwa der Esprit Nouveau in Frankreich, De Stijl in den Niederlanden oder Bauhaus in Deutschland. Diese traten mit dem Art déco zwar teilweise in Wechselwirkung, stellten grundsätzlich jedoch gegensätzliche Bewegungen dar.[3]

Höhepunkt des Art déco in Frankreich[Bearbeiten]

Das Zentrum des Art déco und der Impulsgeber war jedoch ohne Frage die Metropole Paris. Im Jahre 1925 wurde eine Ausstellung in Paris unter dem Namen Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes durchgeführt. Die ursprüngliche Ausstellung ging zurück auf eine Initiative führender französischer Künstler, die 1901 die „Société des artistes décorateurs“ gegründet hatten, und war ursprünglich, durch den Ersten Weltkrieg verzögert, schon für 1915 geplant. Die großen Couturiers wie Jacques Doucet und Paul Poiret machten durch innovative Modeentwürfe die Vorgaben und wirkten vor allem mäzenatisch durch ihre Sammlungen und die Vergabe von Inneneinrichtungsaufträgen.

Seine Ideen bzw. Anregungen bezog der Art déco aus allen, auch den ihm entgegengesetzten, Entwicklungsrichtungen der Moderne, die in Paris wie an keinem anderen Ort gebündelt waren: die Farben der Fauves um Henri Matisse; das Aufsplittern der Formen im Kubismus von Georges Braque und Pablo Picasso; die Verehrung der Technik durch die Futuristen um Umberto Boccioni; und sogar den auf Ornamente verzichtenden Funktionalismus. In Frankreich und damit in Europa erlebte der Art déco seinen Höhepunkt in den Jahren von 1924 bis 1928 und sein Einfluss ging durch die Weltwirtschaftskrise ab 1930 deutlich zurück.[3]

Paul Iribe und andere führten den Art déco in den USA ein, wo er sich über die Architektur, das Musical und den Film rasch entfaltete.

Politische Hintergründe[Bearbeiten]

Die Entstehung des Art déco und vor allem seine Entwicklung und sein Höhepunkt in den 1920er und 1930er Jahren sind geprägt durch den Ersten Weltkrieg und Verarmung vor allem in Deutschland und den angeschlossenen Ländern zum Ende der 1910er Jahre sowie der Ausbreitung eines politischen Totalitarismus in Europa mit dem Erstarken von Diktatoren wie Adolf Hitler in Deutschland und Österreich, Benito Mussolini in Italien und Josef Stalin in Russland zum Ende der 1920er und Beginn der 1930er Jahre.[4]

In den so genannten Roaring Twenties schufen sich die Menschen Illusionen einer besseren Zukunft auf der Basis des technischen Fortschritts und insbesondere unter den Priviligierten wurde das Lebensgefühl entsprechend des Art déco durchgestylt. Zugleich boomte die Wirtschaft in den so genannten „Siegermächten“, bevor diese Euphorie in der Weltwirtschaftskrise 1929 mit einer zunehmenden Inflation gebrochen wurde.[4] Zugleich etablierten sich spätestens mit der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt und dem unter ihm geschlossenen New Deal die Vereinigten Staaten zur neuen Welt- und Wirtschaftsmacht und lösten damit die europäischen Nationen ab.[4]

Namensgebung[Bearbeiten]

Nach einer späteren Neuauflage der Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes als Retrospektive unter dem Titel Les Années 25 wurde die Bezeichnung Art déco auf den dort vorherrschend gezeigten Stil angewendet. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Bezeichnungen wie Style Moderne, Französischer Stil und Style 25 gebräuchlich.[2]

Der Name Art déco tauchte erstmals 1966 als Titel eines Artikels von Hilary Gelson in der Zeitung The Times auf, kurz danach wurde er von Osbert Lancaster im Titel eines Buches verwendet. Durch das Buch Art déco von Bevis Hillier wurde die Bezeichnung im Jahr 1968 im englischen Sprachraum vollständig etabliert und konnte sich etwa gegen Jazz Age und Modern Style durchsetzen.[2]

Bereiche des Art déco[Bearbeiten]

Gebrauchsgegenstände und Industrielles Design[Bearbeiten]

Chrysler Airflow sedan; Design von Carl Breer, 1934

Vor allem im Bereich des Kunst- und Antiquitätenhandels setzte sich die Bezeichnung Art déco rasch durch und bezeichnete einen Stil, der vor allem in den 1920er und 1930er Jahren geprägt wurde und sich gegenüber den vorhergehenden Stilrichtungen, vor allem dem Jugendstil, absetzte.[5] Kennzeichnend für Objekte dieses Stils waren vor allem die gestalterischen Elemente und ein abstrahierendes Dekor, die durch die Verwendung von hochwertigen oder auch neuen und damit exotischen Materialien einhergingen. Aus dem Industriedesign wurden Materialien verfügbar, die aufgrund der Massenherstellung preisgünstig waren, vor allem Kunststoffe sowie verchromte Metalle.[5] Hinzu kamen vereinfachte Gestalteigenschaften, die sich beispielsweise in stromlinienförmigen Fahrzeugen oder entsprechend geformten Küchengeräten der Zeit wiederfinden.[5]

In Frankreich selbst wurde der Stil nicht nur über umfassende Ausstellungen, sondern über neu gegründete Einrichtungshäuser und die Entwurfsabteilungen einiger Warenhäuser wie Desny, Dominique und die Société DIM (Décoration Intérieure Moderne) verbreitet. Bei den qualitativ anspruchsvollsten Werken, etwa denen des großen französischen Möbeldesigners und Perfektionisten Jacques-Émile Ruhlmann, oder denen der berschmiede Jean Puiforcat und Tétard, hält sich die Ornamentierung zugunsten klarer Formen und der reinen Oberflächenwirkung der Materialien zurück. Bei Porzellan- und Keramikdekoren, Stoffen, Plakaten und auch bei Bucheinbänden kontrastieren starke, reine Farben miteinander.

Architektur[Bearbeiten]

Beispiele für eine geschlossene Stadtanlage im Stil des Art déco sind Reims, das nach der Zerstörung im Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren wieder aufgebaut wurde, oder Napier (Neuseeland) mit dem Wiederaufbau nach dem Hawke’s-Bay-Erdbeben von 1931. Bekannt ist auch das Art-déco-Viertel in Miami Beach. Weniger bekannt ist dagegen, dass in der Hauptstadt West-Javas, Bandung, seinerzeit auch deswegen „Paris von Java“ genannt, zahlreiche sehenswerte Art-déco-Gebäude wie zum Beispiel die Villa Isola (Architekt: C. P. Wolff Schoemaker) oder das Hotel Savoy Hohmann gebaut wurden. Auch zahlreiche Neubauten in Bandung orientieren sich noch heute an den Art-déco-Bauten der Stadt.

Auch die Hauptstadt von Eritrea, Asmara, wurde in den 1930er-Jahren im Art-déco-Stil erbaut.

Das Berliner Renaissance-Theater ist das einzige vollständig erhaltene Art-déco-Theater Europas.[6] Der letzte große Kinosaal im Art-déco-Stil in Deutschland im denkmalgeschützten Metropol in Bonn ist Vergangenheit, nachdem ein neuer Besitzer das Gebäude 2005 erworben hat und 2010 nach Abriss der Art-Déco-Inneneinrichtung zu einer Buchhandlung umgebaut hat. Einer der wenigen Museumsbauten im Stil des Art Déco ist der Komplex des Grassimuseums in Leipzig, dessen Pfeilerhalle einen der bedeutendsten Innenräume dieser Architektur darstellt.[7] Auch die fünftgrößte Kirche der Welt, die Nationalbasilika des Heiligen Herzens in Brüssel, ist im Art-déco-Stil gebaut.[8] Eines der wenigen Gebäude in Asien, das im Stil des Art déco errichtet wurde, ist das Gebäude des Manila Metropolitan Theaters.[9]

Nachwirkung[Bearbeiten]

Dem Art déco setzte der Zweite Weltkrieg in Europa ein jähes Ende; die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit entsprach nicht einem solchen Luxus. Am ehesten überdauerte der Stil in den USA, vor allem in Hollywood und New York, und floss noch in das Design der 1950er-Jahre mit ein, sichtbar auch in der Gestaltung von Automobilen und Motorrädern.

Museen[Bearbeiten]

  • Das Berliner Bröhan-Museum zeigt Möbel, Porzellan, Glas, Keramik und Metallarbeiten aus der Epoche des Jugendstils und des Art déco.
  • Die Casa Lis – Museo de Art Nouveau y Art Déco in Salamanca
  • Das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zeigt neben dem sehr typischen Gebäude des Art déco eine umfangreiche Sammlung der angewandten Kunst, mit einer Abteilung zum Art déco.
  • Das Museum Clockarium in Brüssel zeigt Standuhren aus Steingut im Art-déco-Stil.
  • Das Museum für angewandte Kunst, MAK Wien zeigt Kunsthandwerk aus der Epoche des Jugendstils und des Art déco.

Vertreter[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Claus Bernet: Jugendstil, Secession, Art nouveau, Norderstedt 2013, ISBN 978-3-7322-4026-5.
  • Wolfgang Hocquél, Jill L. Muessig: Art Déco in Leipzig. Schnell & Steiner, 2007
  • Bernd Sikora, Bertram Kober: Bauhaus und Art Déco. Architektur der Zwanzigerjahre in Leipzig. Edition Leipzig, 2008
  • Christoph Rauhut, Niels Lehmann: Modernism London Style. Hirmer München, 2012
  • Norbert Wolf: ART DECO. Prestel Verlag, München 2013, ISBN 978-3-7913-4763-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Art déco – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Bettina Vaupel: Die Kunst der sinnlichen Strenge. Art Déco in Deutschland. In: Monumente Online 2.2012

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden online: Art déco
  2. a b c d Stil oder Mode? In: Norbert Wolf: Art Deco. Prestel Verlag, München 2013; S. 22. ISBN 978-3-7913-4763-9.
  3. a b „Art Déco“ In: Harald Olbrich (Hrsg.): Lexikon der Kunst. Architektur, Bildende Kunst, Angewandte Kunst, Industrielle Formgestaltung, Kunsttheorie. E. A. Seemann Verlag, 1987-1994. Digitale Ausgabe: Directmedia Publishing GmbH 2004, ISBN 3-89853-443-X
  4. a b c Der politische Hintergrund. In: Norbert Wolf: Art Deco. Prestel Verlag, München 2013; S. 33. ISBN 978-3-7913-4763-9.
  5. a b c Kult des Dokarativen In: Norbert Wolf: Art Deco. Prestel Verlag, München 2013; S. 22-25. ISBN 978-3-7913-4763-9.
  6. monumente-online.de
  7. Lexikon: Grassi-Museum. In: Berliner Zeitung, 15. Juli 2005
  8. Official website of the National Basilica of the Sacred Heart in Koekelberg
  9. Geschichte der Manila Metropolitan TheaterVorlage:Webarchiv/Wartung/Nummerierte_Parameter