Arthur Gütt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Arthur Julius Gütt (* 17. August 1891 in Michelau, Kreis Rosenberg in Westpreußen; † 2. März 1949 in Stade) war ein deutscher Arzt und Eugeniker. In der Zeit des Nationalsozialismus stieg er binnen kurzer Zeit zu einem einflussreichen Medizinalbeamten auf. Er gilt als Schöpfer des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, der gesetzlichen Grundlage der nationalsozialistischen Zwangssterilisationspolitik.

Leben[Bearbeiten]

Studium, Beruf und Privates[Bearbeiten]

Der Sohn eines Gutsbesitzers studierte mit Unterbrechung zwischen 1911 und 1914 sowie von 1917 bis 1918 Medizin. Im Ersten Weltkrieg diente er als Feldarzt und wurde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Von November 1914 bis Dezember 1916 befand er sich in russischer Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Ab Dezember 1918 war Gütt als praktischer Arzt in Popelken tätig. 1919 promovierte er in Königsberg.

Politisches Engagement zeigte er, als er zwischen 1923 und 1925 Mitbegründer und Kreisleiter der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Labiau wurde. 1924 wurde er Kreisführer der Deutsch-völkischen Freiheitsbewegung.[1] Er gehörte auch zu den Mitbegründern des Frontkämpferbundes „Frontbann“.

1926 wurde Gütt Kreisarzt in Marienwerder und im Juli 1927 als Medizinalrat vollbeamtet. 1931 arbeitete er als Kreisarzt in Wandsbek.[1]

Im November 1932 trat er der NSDAP (Mitgliedsnr. 1.325.946) bei, nachdem er einige Jahre zuvor schon Mitglied gewesen, dann aber wieder ausgetreten war.

Der Journalist Dieter Gütt war sein Sohn.

Karriere im Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Ab dem 1. Mai 1933 war er im Reichsministerium des Innern, speziell im Amt für Volksgesundheit tätig, dessen Leitung er am 19. Februar 1934 übernahm. Ebenfalls 1933 wurde Arthur Gütt Mitglied des Kuratoriums des Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik.[1] Gütt galt als Vater des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (in Kraft getreten am 14. Juli 1933) und publizierte zusammen mit Ernst Rüdin und Falk Ruttke den Kommentar zu diesem Gesetz.[2] Als einer der Hauptbefürworter der nationalsozialistischen Erbgesundheitslehre veröffentlichte er zahlreiche Bücher und Aufsätze zur NS-Rassenhygiene.

Am 9. November 1933 wurde er SS-Untersturmführer (SS-Nr. 85.924)[3] und wechselte im Oktober 1934, seit April 1934 SS-Obersturmbannführer, als Ministerialrat zum Rasse- und Siedlungshauptamt.

Ab 1935 war er Abteilungsleiter für Volksgesundheit im Reichsministerium des Innern und Präsident der Staatsakademie des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Potsdam.[1] Unter Beförderung zum SS-Oberführer am 1. Juni 1935 wurde Arthur Gütt zum Chef des Amtes für Bevölkerungspolitik und Erbgesundheitslehre im Stab des Reichsführers-SS ernannt. Am 9. November 1938 erfolgte die Beförderung zum SS-Brigadeführer.

Im Jahre 1936 wurde er Mitglied im Reichsausschuss zum Schutze des deutschen Blutes und Mitherausgeber der Zeitschriften Volk und Rasse, Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie und Münchner Medizinischen Wochenschrift.[1] Noch im selben Jahr wurde er Mitglied des Lebensborns und 1939 als Staatssekretär a.D. Präsident der Staatsakademie des Öffentlichen Gesundheitsdienstes und Leiter des Reichsausschusses für den Volksgesundheitsdienst.

1939 erlitt Arthur Gütt bei einem Jagdunfall schwere Verletzungen.[1] Am 6. September 1939, fünf Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, schied Gütt offiziell aus eigenem Wunsch aus dem Reichsinnenministerium aus. Diesem Entschluss gingen interne Intrigen voraus. Sein Nachfolger wurde im September 1939 Leonardo Conti.[4] 1940 erfolgte seine Beförderung zum SS-Obergruppenführer.[5]

Im April 1942 war er Assistenzarzt der Reserve a. D. und arbeitete ab April 1944 im Stab des Reichsführers-SS. Seinem Wunsch auf Wiederverwendung entsprach Himmler allerdings nicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Gütt kurzzeitig interniert.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Die einfachen und kombinierten Lähmungen des Nervus recurrens. In: Zeitschrift für Laryngologie. Bd. 8 (1919), S. 511-545
  • Vorwort zu Otto Helmut: Volk in Gefahr: Der Geburtenrückgang und seine Folgen für Deutschlands Zukunft. Lehmann, München 1933[6]
  • Die Bedeutung von Blut und Boden für das deutsche Volk. Reichsdruckerei, Berlin 1933
  • mit Ernst Rüdin und Falk Ruttke (Bearbeiter, Erläuterungen): Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933. Mit Auszug aus dem Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung vom 24. November 1933. Lehmann, München 1934.
  • Dienst an der Rasse als Aufgabe der Staatspolitik. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1934; Sonderausgabe für das Rassenpolitische Amt der NSDAP: Junker & Dünnhaupt, Berlin 193; 2. Auflage 1938.
  • Ausmerzung krankhafter Erbanlagen: Eine Übersicht über das Erbkrankheitsgesetz mit den Texten. Beyer, Langensalza 1934; 2. Auflage: Verhütung krankhafter Erbanlagen: Eine Übersicht über das Erbkrankheitsgesetz mit Texten. 1934.
  • Aufbau und Aufgaben des Reichsausschusses für Volksgesundheitsdienst beim Reichs- und Preußischen Ministerium des Innern. Reichsdruckerei, Berlin 1935.
  • Leibesübungen im Dienst der Rassenpflege. Beyer, Langensalza 1935; 2. Auflage 1936.
  • Der Aufbau des Gesundheitswesens im Dritten Reich. Junker & Dünnhaupt, Berlin 1935; 3., überarbeitete Auflage 1937; 4., überarbeitete Auflage 1938.
  • mit Erich Moebius: Der öffentliche Gesundheitsdienst. Heymann, Berlin 1935.
  • Einführung zu Der öffentliche Gesundheitsdienst: Textausgabe des Gesetzes über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens vom 3. Juli 1934 nebst Durchführungsverordnungen, Reichsgebührenordnung und Erläuterungserlassen. Heymann, Berlin 1935; 2., völlig neu bearbeitete Auflage: Der öffentliche Gesundheitsdienst: Erläuterungen zum Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens vom 3. Juli 1934 nebst Durchführungsverordnungen, Gebührenordnungen und Anhängen mit Erlassen. 1939.
  • Bevölkerungs- und Rassenpolitik. Spaeth & Linde, Berlin 1935; 2., neubearb. Auflage 1938.
  • Der Amtsarzt. Ein Nachschlagewerk für Medizinal- und Verwaltungsbeamte. Fischer, Jena 1936.
  • mit Wilhelm Frick: Nordisches Gedankengut im Dritten Reich. 3 Vorträge. Lehmann, München 1936 (darin von Arthur Gütt: Gesundheits- und Ehegesetzgebung im Dritten Reich sowie Aufartung durch Familienpflege).
  • mit Herbert Linden und Franz Massfeller: Blutschutz- und Ehegesundheitsgesetz: Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre und Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes nebst Durchführungsverordnungen sowie einschlägigen Bestimmungen. Lehmann, München 1936.
  • als Herausgeber: Handbuch der Erbkrankheiten. 6 Bände. Thieme, Leipzig 1937–1942. Redigiert von Ernst Rüdin. Beiträge von Berthold Kihn („Schizophrenie“), Hans Heinze („Irresein“), Max Schwarz (HNO); Fred Dubitscher („Asoziale“, „Schwachsinn“); Max Bücklers (Augen) und Klaus Conrad („Fallsucht“).
  • Die Rassenpflege im Dritten Reich. Vortrag. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1940.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Dissertation im FB Medizin, Universität Hamburg, 2007, S. 255, Archiv DNB (Kurzbiografie).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Universität Hamburg, Dissertation im FB Medizin, 2007, S. 255.
  2. Gisela Bock: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus, Opladen 1986, S. 84 ff.
  3. Nach Maibaum wurde er im November 1933 SS-Obersturmführer, vgl. Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, a.a. O., S. 255.
  4. Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, a.a.O., S. 243.
  5. Nach Maibaum wurde er 1940 SS-Brigadeführer, vgl. Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, a.a. O., S. 255.
  6. Otto Helmut war das Pseudonym. Er war ein Schwiegersohn der Verlegers Lehmann