Artifizieller Sphinkter

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Der artifizielle Sphinkter („künstlicher Schließmuskel“, andere Bezeichnungen: Künstlicher Blasensphinkter, Künstlicher Harnsphinkter, Künstlicher Harnröhrensphinkter, Künstlicher Harnblasenschließmuskel, Harnblasenschließmuskel-Prothese) ist ein Verfahren zur Behandlung der Harninkontinenz bei Männern und Frauen. Dabei wird eine über einen hydraulischen Mechanismus auffüllbare Manschette so um die Harnröhre platziert, dass sie die Funktion des Harnröhrenmuskels (Blasensphinkters) weitgehend übernehmen kann.

Aufbau[Bearbeiten]

Der artifizielle Sphinkter besteht aus drei wesentlichen Komponenten:

  1. Einer Manschette (Cuff), die um die Harnröhre platziert wird,
  2. einer Kontrollpumpe, die in einem Hodenfach implantiert wird sowie
  3. einem druckregulierenden Flüssigkeitsreservoir, das innerhalb oder auch außerhalb des Bauchraumes eingebracht wird.[1][2]

Funktion[Bearbeiten]

Der wesentliche Mechanismus zur Wiedererlangung der Kontinenz besteht darin, dass die Manschette die Harnröhre von außen zusammendrückt und so verhindert, dass ungewollt Urin abgeht.

Das ganze Implantat wird mit isotonischer Kochsalzlösung befüllt, so dass dessen Innendruck bei etwa 50-90 (61-70) cm Wassersäule liegt. Wird der Füllflüssigkeit ein Röntgenkontrastmittel zugesetzt, kann das eine zu einem späteren Zeitpunkt gegebenenfalls nötige Diagnostik von Fehlfunktionen erleichtern.[1][2]

Das druckregulierende, aus einem Ballon bestehende Flüssigkeitsreservoir drückt die Flüssigkeit in die Manschette, die auf diese Weise die Harnröhre mit einem kontrollierten Druck verschließt. Will der Patient die Harnblase entleeren, drückt er auf einen Schalter der Kontrollpumpe. Dann entweicht die Flüssigkeit aus der Manschette und fließt in das Reservoir. Die Blockierung der Harnröhre ist aufgehoben und der Urin kann abfließen. Ist die Blase leer, fließt die Flüssigkeit aus dem Behälter automatisch zurück in die Manschette und diese blockiert erneut die Harnröhre.

Die Operation beim Mann[Bearbeiten]

Die Einpflanzung erfolgt in der Regel in Allgemeinnarkose. Der Eingriff dauert im Durchschnitt ca. 60 Minuten. Nach Rasur und Desinfektion des Operationsfeldes wird zunächst ein Katheter in die Harnröhre eingelegt. Nach einem Schnitt im Dammbereich oder an der Stelle, wo der Penis in den Hodensack übergeht, wird die Harnröhre freigelegt. Die Manschette wird um die Harnröhre gelegt, die Kontrollpumpe in den Hodensack eingelegt und der druckregulierende Ballon in den Unterbauch gelegt. Die Komponenten werden durch Schläuche miteinander verbunden. Die Operationswunde wird verschlossen. Der artifizielle Sphinkter wird erst mehrere Wochen nach dieser Operation nach kompletter, auch innerer Wundheilung aktiviert. So lange ist der Patient weiterhin inkontinent.[3]

Auch bei Frauen ist dieses seit 1972 bekannte Verfahren eine mögliche Option.[1] Bei der schweren Belastungsinkontinenz des Mannes gilt es als Goldstandard des operativen Vorgehens.[2]

Resultate[Bearbeiten]

Die bisherigen Ergebnisse sind gut[1][2], jedoch besteht ein hohes Risiko von bis 50 % in den ersten fünf Jahren, dass erneute Eingriffe notwendig werden. Risiken sind Harnwegsinfektionen, eine Störung und Erosion der Harnröhre im Bereich der Manschette, sowie mechanische Probleme des Systems. Die Bedienung der Kontrollpumpe bedarf zudem einer ausreichenden Einsicht und Geschicklichkeit des Patienten. Unter optimalen Bedingungen kann man von einer durchschnittlichen Haltbarkeit von fünf bis zehn Jahren ausgehen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Hofmann R., e.a.: Inkontinenz- und Deszensuschirurgie der Frau, Springer Verlag, 2008, S.219ff., ISBN 3540799370, hier online
  2. a b c d Zwergel U.: Facharztprüfung Urologie: In Fällen, Fragen und Antworten, Urban&FischerVerlag, 2008, S.243, ISBN 3437245104, hier online
  3. artifizieller Sphinkter - die Operation

Literatur[Bearbeiten]

  • Christof Börgermann, Albert Kaufmann, Herbert Sperling, Manfred Stöhrer, Herbert Rübben: Therapie der Belastungsinkontinenz beim Mann: Teil 2 der Serie Inkontinenz, Deutsches Ärzteblatt (9. Juli 2010)
  • Daniel Meyer, Jürg Müller: Der artifizielle Harnröhrensphinkter AMS 800™ zur Therapie der Postprostatektomieinkontinenz Schweiz Med Forum 2007;7:820–823 PDF