Artikulation (Musik)

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Unter Artikulation in der Musik ist erstens die Art und Weise zu verstehen, wie der einzelne Ton stimmlich oder instrumental erzeugt und gebildet wird; zweitens, wie aufeinander folgende Töne ‚gelenkig’ miteinander verbunden werden (lat. articulus, das Gelenk). Diese Verbindung kann eng oder locker, der Zeitraum zwischen den Tönen also klangerfüllt oder durch sogenanntes Absetzen stumm sein.

Die Tonverbindungsarten sind ein starkes Ausdrucksmittel zur Charakterisierung der Melodiebewegung, ihres schreitenden, hüpfenden, springenden, tänzelnden Ganges. Die künstlerische Artikulation kann den Wendungen und Windungen der melodischen Linie mehr oder weniger streng folgen oder sie nach freiem Ermessen phantasievoll ausschmücken, ohne jedoch ihre formale Struktur und Gliederung anzutasten.

Tonverbindung[Bearbeiten]

Die grundlegenden Tonverbindungsarten werden mit legatissimo (verfließend), legato (gebunden), nonlegato (ungebunden), tenuto (gehalten), portato (getragen), staccato (abgesetzt, 'abgestoßen') und staccatissimo (stark abgesetzt, äußerst kurz) bezeichnet und mit den Schriftsymbolen Bogen, Querstrich, Punkt und Keil wie folgt notiert. Auch das senkrechte Strichlein (|) wird benutzt.[1] Hugo Riemann nennt in seiner Klavierschule noch mezzolegato und mezzostaccato (leggiero).

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Die nicht gebundenen Artikulationsarten können auch mit Hilfe von Pausen, sog. Luftpausen, geschrieben werden, z. B.

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Die Namen und Zeichen für die musikalische Artikulation können nicht exakt definiert werden. Sie variieren je nach Instrumentengattung, Spieltechnik und Musikstil. Ihre Geltung ist stark vom Tempo abhängig. Der Legatobogen muss auch für das Legatissimo herhalten. Das Tenutozeichen kann mit einem Bogen, das Staccatozeichen mit einem Querstrich kombiniert sein, usw. Unbezeichnete Noten sind nur dann nonlegato gemeint, wenn sie im Kontext von sorgfältig bezeichneten stehen, andernfalls muss für sie eine Bindungsart frei gewählt werden.

Beispiele[Bearbeiten]

Das Wesen der Artikulation kann nur an exemplarischen Vorbildern studiert werden, z. B. ist in der folgenden Melodie aus der Violinsonate B-Dur KV 378 von W. A. Mozart (erster Satz, allegro moderato, Takt 26-30) , das Legato, Nonlegato (im 5.Takt), Staccato, Portato und das Strichlein (im 2. Takt) angewandt. - Dem Beispiel kann auch entnommen werden, dass das Staccatozeichen keine akzentuierende Bedeutung hat.

Art MoVlSonB.tif

Wenn die Artikulation vom Komponisten nur rudimentär oder gar nicht vorgeschrieben ist, muss der Spieler eine eigene finden, die Stilkriterien der Zeit folgen sollte. Er kann sie aus Werken gewinnen, die vom Komponisten sorgfältig bezeichnet wurden. Das Kleine Präludium E-Moll von J. S. Bach, BWV 941, kann z. B. wie folgt artikuliert werden.

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Differenzierung des Begriffs[Bearbeiten]

  • Mit dem Artikulationsbegriff ist die Vorstellung einer sinnlichen Tonqualität wie laut–leise, hart–weich, spitz–rund verbunden. Das sollte aber nicht dazu verführen, ein Artikulationszeichen zu einem stimm- oder instrumentaltechnischen Ausführunszeichen umzudeuten, z. B. das Staccatissimo als Akzent aufzufassen. Die Akzentuation eines Tones gehört zur Dynamik und in einem Tonverbund zur Metrik.
  • Die sprachliche Lautbildung (it. articolare = aussprechen) und die instrumentale Tonbildung (Ansatz, Anschlag, Bogenstrich) beziehen sich auf die technisch-physiologische Erzeugung der einzelnen Laute bzw. Töne. Hier nimmt der Artikulationsbegriff seinen Anfang. Im Gesang, wo sowohl Laute wie Töne erzeugt werden (Phonation), wird der Artikulationsbegriff auch auf die Klarheit und Deutlichkeit der erzeugten Laute und Töne bezogen (it. articolare = deutlich aussprechen). Diese Laut- und Tonbildung muss von der künstlerischen Artikulation im Rezitieren und Musizieren strikt unterschieden werden. Es ist bezeichnend, dass Gesangsnoten nur sehr selten Artikulationszeichen tragen.
  • Der Bogen, der das artikulatorische Binden und Absetzen der Töne anzeigt, wird seit der Frühromantik auch zur Bezeichnung der Phrase und sogar des Motivs verwendet, er wird dann zum ‚Phrasierungsbogen’, so dass der Spieler seitdem genötigt ist, jeden Bogen auf seine jeweilige Funktion zu untersuchen.

Artikulation und Phrasierung[Bearbeiten]

Die immer noch häufig vertretene Auffassung, die Artikulation diene der Phrasierung, dürfte auf die weitere Bedeutung von articulus = Glied, Satzteil, Abschnitt zurückzuführen sein. Diese Begriffe sind eindeutig solche der formalen Gliederung, für die in der Musik die Begriffe Figur, Motiv, Phrase, Thema, Periode, Satz, u. a. zur Verfügung stehen. Die Elementarformen, die wegen ihrer individuellen Geschlossenheit ‚Gestalten‘ genannt werden, sind das Motiv und die aus Motiven gebildete Phrase. Diese ‚musikalischen Gedanken‘ bilden den Sinngehalt der Musik, der kein begrifflicher sondern ein tonkünstlerischer ist.

Wie die formalen Melodieglieder aus dem Notenbild herauszulesen und wie sie zu definieren sind, wie sie sich zu größeren Formen zusammenschließen, usw. wäre Sache der Formenlehre, wenn diese sich nicht vorwiegend mit der Bestimmung der äußeren, messbaren Formgrößen (‚Formate‘) und der Beschreibung der Formgattungen (z. B. der Fuge) begnügen würde.

Da Mozart den Phrasierungsbogen noch nicht kennt, kann seine obige, sehr sorgfältig artikulierte Melodie herangezogen werden, um auch ihre Formbildungen aufzuzeigen. Für diese gibt es in der Notenschrift keine allgemein gültigen Zeichen. Zu Lehrzwecken werden eckige Klammern oder Gliederungsstriche benutzt, allerdings ohne nähere Bestimmung. Man kann damit deutlich machen, dass Artikulation und Phrasierung ein gemeinsames Objekt haben, die Melodie, aber ihren je eigenen Aspekt bewahren: den der Charakterisierung und den der Formgestaltung. „Nur wenn sich die praktische Ausführung der Phrasierung mit der Artikulation nicht berührt, können beide nebeneinander bestehen und unabhängig von einander durchgeführt werden.“[2]

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Die Ausführung der Phrasierung setzt eine formale und metrische Analyse voraus. Eine Einführung in die theoretische und praktische Metrik findet man unter dem Lemma Metrum (Musik). Der Versuch, die Motive und Phrasen mit Hilfe des Bogens zu notieren, führt zur Korruption der subtilen Artikulation Mozarts:

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Die Lehre von der Artikulation ist Bestandteil der Allgemeinen Musiklehre (Hermann Grabner u. a.). Auch in kommentierten Urtextausgaben findet man hilfreiche Hinweise.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Keller: Phrasierung und Artikulation. Kassel 1955.
  • Gotthold Frotscher: Aufführungspraxis alter Musik. Wilhelmshaven 1963. Seite 74-80
  • Nikolaus Harnoncourt: Musik als Klangrede. Kassel 1982. Seite 48-63
  • Egon Sarabèr: Methode und Praxis der Musikgestaltung. Clausthal-Zellerfeld 2011. Seite 201-264

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. siehe dazu: Paul Mies, Die Artikulationszeichen Strich und Punkt bei Wolfgang Amadeus Mozart, in: Die Musikforschung 1958, S. 428–455
  2. Riemann, Musiklexikon, Art. ‚Phrasierung‘