Artilleriegranate

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Artilleriegranate im Park von Casale Monferrato, Italien.

Eine Artilleriegranate ist eine Granate, welche von der Artillerie verschossen wird.

Geschichte[Bearbeiten]

Die ersten mit einer Sprengladung gefüllten Hohlgeschosse der Artillerie tauchten vereinzelt im 14. Jahrhundert auf. Zur Zeit der bis in das 19. Jahrhundert hinein üblichen glatten Geschütze hießen Granaten die aus Haubitzen und Granatkanonen, Bomben die aus Mörsern geworfenen mit einer Sprengladung versehenen Geschosse. Sie unterschieden sich nicht in ihrer technischen Ausführung. Es handelte sich meist um eiserne Hohlkugeln, die separat mit einer Lunte gezündet wurden.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ließ man sie durch die Treibladung entzünden. Dabei unterschied man zunächst zwischen Bomben, die mit Mörsern geworfen, und Granaten, die aus Haubitzen verfeuert wurden. Obwohl beide die Form einer Kugel hatten, unterschieden sich Bomben und Granaten zunächst auch dadurch, dass die schweren Bomben eine gleichmäßige Wandstärke hatten und darüber hinaus Ösen besaßen, mit denen sie auf die Treibladung gesetzt werden konnten, während die Granaten der Haubitzen einen verstärkten Boden gegenüber dem Brandloch besaßen, wodurch ihre Flugbahn sehr unregelmäßig wurde.[1] Ihre Konstruktion näherte sich an, als dann beide mit Hilfe von „Treibspiegeln“ abgefeuert wurden. Daher wurde später allgemein der Begriff Granate auf kleinere Geschosse eingegrenzt und nur noch schwerere (d.h. großkalibrigere) Geschosse wurden als Bomben klassifiziert.[2]

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts sind verschiedene Experimente mit konisch geformten Langgeschossen durchgeführt worden.[3] Die allgemeine Einführung konisch geformter Granaten, die vier- bis sechsmal schwerer waren als runde Kugeln, wurde jedoch erst nach der durchgehenden Einführung von gezogenen Rohren und der Erfindung zuverlässiger Granatzünder allgemein möglich. Die moderne Form der Langgranate entstand nach 1850, als die Artillerie endgültig von den Vorderladern zu den gezogenen Hinterladern überging. Dabei erhielt der Mantel der Geschosses mehrere Führungsringe aus einem weichen Metall (zuerst Blei, später Kupfer), über die es durch die Züge im Geschützrohr in eine rasche Rotation (Drall) um die Längsachse versetzt wird.[4]

Geschosse für Granatwerfer (Mörser) mit glattem Rohr sind dagegen meist flügelstabilisiert.

Brisanzgranaten, die um 1890 aufkommenden Sprenggranaten, waren mit einem brisanten Sprengstoff gefüllt. Zum Einsatz kamen z. B. Pikrinsäure und Zellulosenitrat (Nitrozellulose, Schießbaumwolle). Sie hatten erhebliche Auswirkungen auf die Kriegsführung, da klassische Festungsanlagen mit Wällen aus Mauerwerk und Erde den neuen Granaten nicht widerstehen konnten.

Auch gemauerte Festungen konnten zerschossen werden. Dies zeigte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs z. B. bei der Belagerung von Maubeuge.

Typen[Bearbeiten]

Der Sprengstoff wird heutzutage meist von vorne eingebracht. Auf diese Weise kann man die Granate mit einem geschlossenen Boden fertigen, was ein Durchschlagen der Verbrennungsgase der Treibladung zuverlässig verhindert. Die Innenseite der Geschosshülle wird meist lackiert, um zum einen eine zuverlässige Haftung zwischen Sprengstoff und Hülle zu gewährleisten und zum anderen unerwünschte chemische Reaktionen zwischen Hülle und Sprengstoff auszuschließen.

Eine Sprenggranate mit Kaliber 155 mm enthält beispielsweise 7 kg Sprengstoff bei 42 kg Gesamtgewicht. Übertrifft der Sprengstoffanteil 20 % des Gesamtgewichtes, so spricht man auch von Minengranaten. Diese enthalten einen Sprengstoffanteil von bis zu 35 %. Dadurch erhöht sich die Wirkung des Gasschlages, allerdings sinkt die Durchschlagsleistung und die Splitterwirkung, auf Grund des geringeren Geschossgewichtes ist die Genauigkeit auf größere Entfernungen jedoch schlechter.

Es wurden auch Hartgussgranaten entwickelt, die als Panzergranaten zum Beschuss von gepanzerten Zielen eingesetzt werden konnten.

Zur Reichweitensteigerung können Artilleriegranaten am hinteren Ende als Base-Bleed-Geschoss ausgebildet werden.

Im Ersten Weltkrieg wurden Gasgranaten benutzt, die aber nach dem Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention geächtet sind.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hoyer: Allgemeines Wörterbuch der Artillerie. 1804, s.v. Granate; Poten: Handwörterbuch der gesamten Militärwissenschaften. 1879, s.v. Granate; Ortenburg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Kabinettskriege. 1986, S. 68–75.
  2. Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. [1]
  3. Engels in: The New American Cyclopædia. 1859, s.v. Über gezogene Kanonen
  4. Ortenburg: Waffe und Waffengebrauch im Zeitalter der Einigungskriege. 1990, S. 76–94.