Aschkenasim

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Als Aschkenasim (hebräisch ‏אַשְׁכֲּנָזִים‎, Plural von Aschkenasi) oder aschkenasische Juden (יְהוּדֵי אַשְׁכֲּנָז), seltener auch als Aschkenasen, werden im Judentum mittel-, nord- und osteuropäische Juden und ihre Nachfahren bezeichnet. Sie bilden die größte Gruppe der heute lebenden Juden.

Die Bezeichnung stammt vom biblischen Personen- und Gebietsnamen Aschkenas (Gen 10,3; 1 Chr 1,6; Jer 51,27). Eingewanderte Juden übertrugen ihn im 9. Jahrhundert auf das deutschsprachige Gebiet und die dort lebenden Juden. Mit deren Verbreitung ging der Name auf alle europäischen Juden über, außer den iberischen: Diese gehören zu den Sephardim. Beide Bezeichnungen stehen auch für verschiedene Kulturkreise im Judentum. Von etwa 1200 bis 1945 war Jiddisch die Sprache vieler Aschkenasim, vor allem der Ostjuden.

Geschichte[Bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten]

Seit etwa 200 v. Chr. bestand eine von palästinischen Juden gegründete jüdische Gemeinde in Rom. Infolge der Niederlagen im jüdischen Krieg (70 n. Chr.) und im Bar-Kochba-Aufstand (130) gelangten viele weitere palästinische Juden als Sklaven nach Italien.[1] Viele ihrer Nachfahren wanderten später in Gebiete nördlich der Alpen aus, andere kehrten nach der islamischen Eroberung Jerusalems im 7. Jahrhundert nach Palästina zurück. Bis etwa 1000 lebten die meisten Juden unter islamischer Herrschaft.[2]

Die Gemeinde von Köln ist 321 die erste belegte jüdische Gemeinde im deutschsprachigen Raum. In Paris und Orléans sind vor 500 erstmals Synagogen belegt. Ob diese Gemeinden durchgehend bestanden, ist ungewiss. 825 gewährte Ludwig der Fromme gegen kirchlichen Widerstand jüdischen Händlern seines Reichs Lebensschutz, Steuerbefreiung, freie Religionsausübung, rabbinische Gerichte und Schutz ihrer Sklaven vor Zwangstaufen.[3]

Nach der Familienchronik (1220) von Rabbi Eleasar ben Juda ben Kalonymos brachte Karl der Große seine Vorfahren, die Kalonymiden, von Lucca nach Mainz.[4] Die Gemeinden in Mainz (ab 917), Speyer und Worms (ab 980) im Rheinland gelten als Beginn des aschkenasischen Judentums: Ihre Talmudschulen (Jeschiwot) wurden im 10. Jahrhundert für die jüdische Rechtsprechung im Gebiet Aschkenas zuständig.[5]

Eine andere Hypothese führt die mittel- und osteuropäischen Aschkenasim überwiegend auf Zuwanderung aus dem ehemaligen Reich der Chasaren in Südosteuropa und der Kaukasusregion zurück, die großenteils von Konvertiten abstammten. Für beide Herkunftshypothesen gibt es verschiedene genetische Studien mit jeweils umstrittener Methodik und Aussagekraft.[6]

Hochmittelalter[Bearbeiten]

Speyer, Worms und Mainz waren von Römern gegründete Städte an alten Handelswegen. Ihre Judengemeinden bildeten vom 11. bis 13. Jahrhundert den Bund der SCHUM-Städte, den die Kalomyniden lenkten.[7] Die Schutzbriefe Ludwigs des Frommen wurden im 11. Jahrhundert zum Vorbild für Schutzbriefe von Reichsstädten für lokale Judengemeinschaften, die deren Aufschwung ermöglichten.[8]

Die Kalomyniden begründeten eine einflussreiche Schule zur jüdischen Dichtkunst, Halacha, Werken von Saadia Gaon, etwa seinen Kommentar zum Sefer Jetzira, und Merkaba-Literatur. Sie prägten die aschkenasische Mystik, aus der seit etwa 1150 der mittelalterliche Chassidismus entstand.[9]

Beim ersten Kreuzzug (1096) zerstörten christliche Kreuzfahrer die Judengemeinden des Rheinlands, ermordeten die meisten Mitglieder oder versuchten, sie zwangszutaufen. Dem kamen manche jüdische Gemeinden durch Gruppenselbsttötung zuvor, die sie als Heiligung des Gottesnamens (Kiddusch Haschem) verstanden.[10]

Ab etwa 1200 entstand Jiddisch, eine Art mittelhochdeutscher, mit vielen Hebraismen angereicherter und hebräisch geschriebener Dialekt. Diese Sprache breitete sich mit den Aschkenasim zunächst nach Osteuropa, später in die ganze Welt aus, trug entscheidend zu ihrer eigenen Kultur bei und ist bis heute erhalten.[11]

Während der Pestepidemie von 1349 kam es im französischen und deutschen Sprachraum erneut zu zahlreichen Pogromen gegen die aschkenasischen Gemeinden. Viele Überlebende flohen, vor allem nach Polen-Litauen, wo sie willkommen waren und beim Aufbau der Wirtschaft mitwirkten.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Um 1500 waren die meisten Aschkenasim aus West- und Mitteleuropa nach Osteuropa vertrieben worden. Einige lebten noch in manchen deutschen und italienischen Städten, der Großteil lebte im Königreich Polen-Litauen. 70 Prozent der polnischen Aschkenasim lebten in Städten gleichrangig neben Nichtjuden. Viele adeligen Grundbesitzer förderten jüdische Händler, weil diese hohe Preise auf landwirtschaftliche Produkte zahlten, gute Auslandsverbindungen hatten und sich politisch loyal verhielten. Das bewirkte einen Aufschwung vieler polnischer Ortschaften und deren Judengemeinden. Daraus entstanden die polnischen Städtl, in denen Aschkenasim die Bevölkerungsmehrheit stellten, vorwiegend das Ortszentrum bewohnten und eine eigene soziale Organisation ausprägten. Sie bildeten auch in von nichtjüdischen Königsbeamten verwalteten und von christlichen Gilden und Zünften dominierten Städten Polens einflussreiche, aber als Konkurrenz abgelehnte Minderheiten. Im 18. Jahrhundert dominierten sie den Handel und das Handwerk in Polen.[12]

Ab 1600 begannen osteuropäische Aschkenasim und ehemalige spanische Marranen infolge von Pogromen und im Zuge des Dreißigjährigen Krieges sich erneut vermehrt in mittel- und westeuropäischen Handelszentren anzusiedeln. Um 1650 gab es insgesamt geschätzt weniger als 500.000 Aschkenasim.[13]

Zurückwandernde Aschkenasim aus Osteuropa gründeten im 17. und 18. Jahrhundert die meisten neuen jüdischen Gemeinden in großen Städten Mittel- und Westeuropas. In deutschen Gebieten erlaubte der jeweilige Herrscher zunächst einem Hofjuden und seinen Bediensteten den Zuzug. Daraus entstand eine Judengemeinde. Der jeweilige Hofjude war meist auch ihr Vertreter (Schtadlan) und gab sein Amt oft an seine Söhne weiter. Die deutschen Behörden verlangten von diesen Zuwanderern hohe Zahlungen für Ansiedlungsrechte, beaufsichtigten ihre Erwerbsquellen, begrenzten ihre Bewegungsfreiheit und griffen auch in ihre Rechtsprechung ein. Dadurch gerieten die neuen Gemeinden in starke Abhängigkeit von der Gunst der Behörden. Versuche der führenden Juden, autonome Organisationsformen in Übereinkunft mit den jeweiligen Herrschern zu bewahren, verstärkten oft die Distanz zwischen reicheren und ärmeren Juden und das Misstrauen von Nichtjuden.[14]

20. Jahrhundert bis heute[Bearbeiten]

In Folge von antisemitischen Pogromen emigrierten zwischen 1881 und 1924 etwa zwei Millionen Aschkenasim aus dem Russischen Kaiserreich sowie aus Mittel- und Osteuropa vor allem in die USA, nach Südafrika und Australien. Der 2. Weltkrieg und der Holocaust lösten weitere umfangreiche Flüchtlingswellen in die USA, nach Südamerika und vor allem in das neu geschaffene Israel aus. Laut einer Studie der Hebräischen Universität von Jerusalem leben in Israel derzeit 2,8 Millionen Aschkenasim, in den USA sind geschätzte 90 Prozent der 6 Millionen dort lebenden Juden Aschkenasim. In Deutschland leben etwa 200.000 aschkenasische Juden. Das heutige Judentum besteht zu etwa 80 Prozent und entsprechend 10 Millionen Menschen aus Aschkenasim.[15] Derzeit sind New York City, London, Antwerpen, Manchester und zunehmend wieder Berlin die zahlenmäßig und kulturell bedeutendsten Metropolen aschkenasischen Wirkens.

Die kulturelle Kluft zwischen Aschkenasim und anderen jüdischen Gruppen hinsichtlich politischen Einflusses, Brauchtum, Glaubensvorstellungen, Bildung, Gewohnheiten und Sprache ist vor allem im von aschkenasischen Juden gegründeten Israel unübersehbar. In anthropologischer Hinsicht unterscheiden sich die Aschkenasim im Gegensatz zu allen anderen jüdischen Gruppen durch etwa 10 Prozent sog. hellfarbiger (blond, blauäugig) Elemente.[16]

Familiennamen[Bearbeiten]

Aschkenasische Juden hatten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts meist noch keine festen Familiennamen. In aller Regel wurde der Name des Vaters als zweiter Name (Patronym) benutzt, also beispielsweise Jakob ben Nathan = Jakob, Sohn des Nathan. Grund dafür ist u. A. die Verordnung von Rabbenu Tam (Jacob ben Meir) aus dem 12. Jahrhundert, dass in einer Scheidungsurkunde nur von Juden unter Juden verwendete Namen (d. h. Eigen- und Vatersnamen) verwendet werden durften, aber nicht von Juden ausschließlich im Verkehr mit Nichtjuden verwendete Beinamen. Diese Anweisung wurde danach bei vergleichbaren Verträgen, z. B. Ehe- und Geschäftsverträgen, adäquat angewendet. Bis heute bestehen jüdische Namen aus dem Vornamen und dem Vornamen des Vaters, wobei ein ben („Sohn von“) bzw. bat („Tochter von“) dazwischengeschoben wird. Im religiösen Bereich wird der Name besonders zu rituellen Zwecken benutzt, so bei Jungen erstmals bei der Beschneidung sowie bei der Bar Mitzwa anlässlich des Aufrufs zur Toralesung. In der Regel steht dieser Name auch auf dem Grabstein eines Juden.

Es gab viele Ausnahmen von dieser Regel. Am wichtigsten war der Brauch, eine rabbinische Dynastie mit einem – meist vom Herkunftsort des Gründers abgeleiteten – Familiennamen zu bezeichnen, z. B. von Katzenelnbogen (damals in Hessen) oder Emden. Diese Nachnamen dienten teils als Familiennamen, teils sozusagen als Markennamen. Schwiegersöhne, die Rabbiner wurden, erbten oft den Namen, und Söhne, die nicht Rabbiner wurden, trugen ihn meistens nicht.

Die Sippen- oder Stammnamen Kohen und Levi (mit vielen Varianten) wurden von Vater auf Sohn weitergetragen und erschienen in fast allen jüdischen Urkunden, Grabsteinen usw., wenn ein dort erwähnter Mann (oder der Vater oder Ehemann einer Frau) dem Stamm zugehörte. In den absolutistisch regierten Staaten Mitteleuropas wurde Ende des 18. Jahrhunderts damit begonnen, jüdische Bewohner als Bedingung für erweiterte Bürgerrechte zur Annahme eines unveränderbaren Familiennamens zu zwingen. Zuerst geschah dies 1787 in den Habsburgischen Erbländern, es folgten weitere Staaten und Städte. Nach und nach führten dann alle Staaten Europas ähnliche Regelungen ein.

Die aschkenasischen Juden konnten ihre neuen Namen nicht immer frei wählen. So kam es in vereinzelten Fällen zu erniedrigenden oder beleidigenden Nachnamen (Trinker, Bettelarm, Maulwurf), die allerdings später meist wieder geändert werden durften. Aber die österreichischen und französischen Gesetze ließen keine neuen Namen zu, die den jüdischen Hintergrund des Trägers deutlich herausstellten (z. B. Namen aus dem Alten Testament oder alttestamentliche Städtenamen). Die jüdischen sollten sich von deutschen Familiennamen möglichst nicht unterscheiden, um die Integration der Juden zu fördern, die in dieser Zeit zunächst meist beschränkte und später dann auch volle Bürgerrechte erhielten.

Hauptartikel: Jüdischer Name

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frank Kolb: Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike. Beck, München 2002, ISBN 3-406-46988-4, S. 622 f.
  2. Ingke Brodersen: Judentum: Eine Einführung. 2012, ISBN 978-3-10-400897-4, S. 40.
  3. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-57668-3, S. 103.
  4. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. München 2008, S. 101.
  5. Susanne Galley: Das Judentum. Campus, 2006, ISBN 3-593-37977-5, S. 99 f.
  6. Ingo Way: Genetik: Rheinland oder Kaukasus? In: Jüdische Allgemeine. 24. Januar 2013.
  7. Michael Brenner: Kleine jüdische Geschichte. München 2008, S. 102.
  8. Ivan G. Marcus: Ashkenaz (Yivo Encyclopedia of Jews in Eastern Europe)
  9. Theologische Realenzyklopädie Band 7 (Chassidismus), S. 706–708.
  10. S. 508–512.
  11. Marion Aptroot, Roland Gruschka: Jiddisch: Geschichte und Kultur einer Weltsprache. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-52791-3, S. 33–35. und 173
  12. Haim Hillel Ben-Sasson, Michael Brenner, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat: Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55918-1, S. 903.
  13. Haim Hillel Ben-Sasson, Michael Brenner, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat: Geschichte des jüdischen Volkes. München 2007, S. 895 f.
  14. Haim Hillel Ben-Sasson, Michael Brenner, Shmuel Ettinger, Abraham Malamat: Geschichte des jüdischen Volkes. München 2007, S. 951–953.
  15. Hebrew University Genetic Resource (HUGR): Ashkenazi Jews. In: The Hebrew University of Jerusalem (Projektseite).
  16. Georg Herlitz, Bruno Krischner (Hrsg.): Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Nachdruck der 1. Auflage. Athenäum Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-610-00400-2 (Bd. 1: „A–C“), S. 497.