Asozialität

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Asozialität bezeichnet die Unfähigkeit zum Leben in der Gemeinschaft.

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der Begriff asozial ist als Gegenbegriff zu „sozial“ gebildet, wird jedoch oft im Sinne von „antisozial“ (= gemeinschaftsschädigend) verwendet. Beides sind Kunstworte, aus griech. „a-“ (deutsch „un-“) bzw. „anti-“ (deutsch „gegen-“) plus lat. „socialis“ (für „gemeinschaftlich“). „Asozial“ bezeichnet an sich ein von der geforderten oder anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Individualverhalten: Ein Individuum vollzieht seine persönlichen Handlungen ohne die geltenden gesellschaftlichen Normen und die Interessen anderer Menschen zu berücksichtigen. Der Begriff „asozial“ wird aber auch häufig auf Gruppen bezogen, die in ihren Verhaltensweisen von den geforderten gesellschaftlichen Normen (z. T. bewusst) abweichen (z. B. Hippies). Im Nationalsozialismus und in der DDR haben die Machthaber den Begriff „asozial“ zum Rechtsbegriff gemacht und daraus die Verfolgung von unangepassten sozialen Gruppen juristisch abgeleitet. Zur Zeit des Nationalsozialismus konnten Menschen aufgrund ihnen vorgeworfener Asozialität in Konzentrationslagern interniert werden.

Geschichte

Der Ausdruck „Asoziale“ war hauptsächlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine politisch genutzte Sammelbezeichnung für als minderwertig eingeschätzte Menschen aus der sozialen Unterschicht. Als „Asoziale“ wurden (und werden teilweise bis heute) insbesondere Bettler, Landstreicher, Obdachlose, Prostituierte, Zuhälter, Fürsorgeempfänger, Suchtkranke (z. B. Alkoholiker), Homosexuelle, Zigeuner und andere Unangepasste (z. B. Swingjugend) bezeichnet.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden sogenannte 'Asoziale' Opfer verschärfter Verfolgung. "Die Aktion 'Arbeitsscheu Reich' markiert den Höhepunkt der 'Asozialenverfolgung' im Nationalsozialismus. Seit 1938 drängten die Wohlfahrtsämter die Polizeibehörden geradezu zur Verhaftung von 'Asozialen'. An die Stelle der Schikanen und der Vertreibung von Bedürftigen traten ihre Erfassung und Vernichtung. Die Sozialutopie von der endgültigen Beseitigung abweichenden Verhaltens wurde in die Tat umgesetzt. Die Aktion 'Arbeitsscheu Reich' war dabei das bedeutendste Einzelereignis der NS-Politik gegen „Asoziale“. Nach dem Erlaß vom 26. Januar 1938 folgten eine Gestapoaktion am 21. April 1938 und eine Kriminalpolizeiaktion am 13. Juni 1938. Zirka 20.000 „Asoziale“ wurden in die Konzentrationslager eingeliefert. Straftäter, Trinker, Prostituierte und Heimzöglinge galten als 'asozial'. Sie trugen den schwarzen Winkel. Als „Asoziale“ standen sie ganz unten in der Hierarchie."[1]


In den 1960ern wurde der Begriff dann häufig herabsetzend auf Hippies (Gammler, Langhaarige), in den 1980ern auf Punks angewendet. Den so Bezeichneten wurde vorgeworfen, sie stellten sich außerhalb der Gemeinschaft, lebten nicht wie der „Mainstream“, seien verwahrlost und damit in unvertretbarem Maße unkultiviert.

Mit der aufkommenden Gesellschaftskritik in den 1970 und 1980ern wurde deshalb in den Sozialwissenschaften versucht den Begriff „dissozial“ einzuführen. Dieser wies darauf hin, dass Normen und das darauf bezogene Handeln relativ sind. Eine Sichtweise ist der anderen nicht überlegen. Damit war gemeint, dass bestimmte Normvorstellungen und Umgangsformen, die in einer sozialen Gruppe als normal, oder der Norm entsprechend, angesehen werden, es aus der Sicht einer anderen Gruppe durchaus nicht sein müssen. Sie werden auch nicht unbedingt als eine bewusste Verletzung der Normvorstellung anderer wahrgenommen. Der Begriff „dissozial“ hat sich im alltäglichen Sprachgebrauch jedoch nicht durchgesetzt.


In der DDR konnten Personen, die nach Ansicht der staatlichen Organe das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch gefährdeten, dass sie sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzogen oder der Prostitution nachgingen oder sich auf andere unlautere Weise Mittel zum Unterhalt verschafften, nach § 249 StGB-DDR zu Bewährungsstrafen oder Arbeitserziehung oder Haft- oder Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren verurteilt werden. Zusätzlich konnte auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.

Heute findet der Begriff im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs sowie in der gehobenen Umgangssprache kaum mehr Verwendung. Aufgrund seiner belasteten Geschichte gilt er vielen als problematisch, mit ungewollten Assoziationen bestückt und somit als politisch nicht korrekt. Menschen, die am unteren Rand als außerhalb der Gesellschaft stehend wahrgenommen werden, werden stattdessen oft z. B. als „Ausgegrenzte“ o. Ä. bezeichnet, damit geht auch eine andere Bewertung einher, die Ursache der Ausgegrenztheit wird somit nicht mehr nur beim betreffenden Individuum oder der betreffenden Gruppe gesehen, sondern auch oder vor allem in Prozessen der Gesellschaft.

Zunehmend findet der Begriff asozial zur Kennzeichnung von allgemein gesellschaftlich destruktivem Verhalten Verwendung, beispielsweise für Menschen an der Spitze der Gesellschaft, die sich gegenüber dem Allgemeinwohl, ihren Mitarbeitern, ihren Kunden, ihren Wählern etc. un-sozial verhalten. Im Zuge der Steueraffäre in Deutschland 2008 bezeichnete der SPD-Generalsekretär Hubertus HeilSteuersünder“ wiederholt als „Neue Asoziale“. [2]

Erklärungsversuche

Eine soziologische Erklärungsmöglichkeit für antisoziales Verhalten basiert auf der Anomietheorie nach Émile Durkheim: Unter „Anomie“ wird in diesem Fall Normlosigkeit verstanden. Eine weitere Theorie zur Erklärung delinquenten Handelns wäre die Theorie nach Robert K. Merton. Er sieht die Ursache abweichendem Verhaltens in der Diskrepanz zwischen den kulturellen Zielen (z. B. Status, Prestige, Materielles, …), die Akteure erreichen möchten, und den ihnen dafür zur Verfügung stehenden Mitteln.

Der Psychoanalytiker August Aichhorn versuchte das Verhalten sogenannter 'verwahrloster' Jugendlicher u.a. mit deren Überichentwicklung zu erklären.

Aus konstruktivistischer und diskursanalytischer Sicht ist die soziale Konstruktion der 'Asozialität' durch Behörden, Politiker, Sozialwissenschaftler, Journalisten und durch den Alltagsdiskurs nicht weniger erklärungsbedürftig als das vermeintlich 'asoziale' Verhalten selbst.

Umgangssprache

In der einfachen Umgangssprache findet der Begriff allerdings weiterhin als abwertende, diskriminierende Bezeichnung oder als Schimpfwort Verwendung. In leicht gemilderter Form fungiert hier stattdessen zum Teil auch der Begriff „Proll“: Im Gegensatz zu den Begriffen „asozial“ oder „asi“ (siehe unten), die Lebensformen und Verhaltensmuster assoziieren, die schon jenseits des in der Gesellschaft tolerierten stehen, assoziiert „Proll“ in einer seiner Bedeutungsfacetten Lebensformen und Verhaltensweisen am äußersten unteren Rand des gesellschaftlichen Spektrums. Umgangssprachlich wird die Attributierung asozial auch für Situationen und Dinge eingesetzt, die in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes schlicht „unsinnig“ sind. Der Sinnbezug auf gemeinschaftliches Zusammenleben wird dabei häufig zugunsten eines Bezuges auf eine ästhetisch sehr unangenehme Erscheinung aufgegeben, die vom Verwender des Begriffs meist als peinlich, manchmal sogar als ekelerregend empfunden wird.

Im umgangssprachlichen Gebrauch werden darüber hinaus oft die Kurzformen Asi (Substantiv) oder asi (Adjektiv) benutzt. Das Substantiv Asi wird oft für Proleten, Unruhestifter, usw. verwendet. Entsprechend ist das Adjektiv asi auf asoziale Verhaltensweisen oder Gegebenheiten, auch ohne Bezug auf ein menschliches Verhalten, bezogen.

Kritik

Der Begriff der Asozialität unterliegt immanent einer Kontradiktion, sofern Gesellschaft als solches sich immer als Ganzes konstituiert. Diese tritt dadurch in Erscheinung, dass jenes, welches dem Begriff nach partikular herausgestellt als asozial erscheinen soll bereits als Implikation ihrer Konstitution (als Ganzes) vorausgesetzt ist. Somit steht der Begriff für einen willkürlichen Akt einer die konstituierenden Bedingungen von Gesellschaft verkennenden bzw. verleugnenden Hybris sich majoresk gebärdender Vertreter von Partikularinteressen, -weltbildern, -ansichten bzw. -meinungen.

Nachweise

  1. http://marginalisierte.de/flyer_deckblatt
  2. Telepolis: Die neuen Asozialen

Literatur

  • Wolfgang Ayaß: 'Asoziale' im Nationalsozialismus, Stuttgart: Klett-Cotta , 1995, ISBN 3608917047
  • Sven Korzilius: "Asoziale" und "Parasiten" im Recht der SBZ/DDR. Randgruppen im Sozialismus zwischen Repression und Ausgrenzung,

Köln:: Böhlau Verlag, 2005 Rezension

  • Christa Schikorra: Kontinuitäten der Ausgrenzung : "asoziale" Häftlinge im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, Berlin : Metropol, 2001 Rezension
  • Joachim Windmüller: Ohne Zwang kann der Humanismus nicht existieren ... - "Asoziale" in der DDR, Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 2006

Weblinks

Siehe auch

Einzelbelege

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