Assyrer (Gegenwart)

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Die Bezeichnung einer heutigen Volksgruppe von syrischen Christen als Assyrer bezieht sicht im engeren Sinn auf die Angehörigen der Assyrischen Kirche des Ostens, die unter Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV. als weltweit einzige Kirche katholischen Typs (neben protestantischen Gruppen) das „Assyrisch“ in ihren Namen aufgenommen hat (in der Metropolie von Indien gewöhnlich nicht benutzt). In einem weiteren Sinn werden als Assyrer alle Christen syrischer Tradition, d. h. einschließlich der assyrischen Altkalendarier (= Alte Kirche des Ostens unter Katholikos-Patriarch Addai II.), der Angehörigen der Chaldäisch-katholischen Kirche (ohne die Indischen „Thomaschristen“) der Syrisch-Orthodoxen Kirche und der Syrisch-Katholischen Kirche sowie der mit der Russisch-Orthodoxen Kirche unierten Gruppe assyrischer Christen bezeichnet. In der Summe werden die syrischen Christen auch „Aramäer“, „Assyro-Chaldäer“ und „Chaldo-Assyrer“ genannt. Im weitesten Sinn werden als Assyrer jene Christen bezeichnet, deren traditionelle Gottesdienstsprache das Aramäische ist, ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle, staatliche oder sonstige Zugehörigkeit (und zum Teil gegen den erklärten Willen einzelner Gruppen und Kirchenleitungen). Entsprechend der Bezeichnung als „Syrer“ werden sie von den Arabern Suriani oder Aschuri'in und von den Persern Asuri und den Türken Süryani genannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Bezeichnung einer heutigen Volksgruppe von Ostchristen als Assyrer soll wieder für den Zeitraum seit mindestens 1612 belegt sein. In der Chronik der karmelitischen Mission in Persien (Chronicle of the Carmelites in Persia) benennt Papst Paul V. in einem Brief an den persischen Schah Abbas I. (1571–1629) vom 3. November 1612 die syrisch-orthodoxen Jakobiten als Assyrer.

“Those in particular who are called Assyrians or Jacobites and inhabit Isfahan will be compelled to sell their very children in order to pay the heavy tax you have imposed on them, unless You take pity on their misfortune”

„Besonders jene, welche Assyrer oder Jakobiten genannt werden und in Isfahan leben, werden gezwungen sein, ihre eigenen Kinder zu verkaufen, um die von Ihnen auferlegte Steuerlast bewältigen zu können, wenn Sie sich ihrer nicht erbarmen.“

Papst Paul V.: Brief vom 3. November 1612. [1]

In ihrem weitesten Sinn ist die Bezeichnung Assyrer meist gleichbedeutend mit dem Begriff Aramäer und nicht weniger umstritten als dieser Begriff. Die bestehende Konkurrenz der Namen führt zu Auseinandersetzungen, da sie auch politisch und konfessionell eingefärbt ist. Die Spaltung der syrischen Christenheit in rivalisierende Konfessionen und Kirchenorganisationen wird von einigen ihrer Angehörigen zugleich als Teilung des einen mesopotamischen Christenvolkes erlebt. Die Anstrengungen um dessen Einigung und Festigung zeigen in Heimat wie Diaspora ein breites, nicht immer spannungsfreies Spektrum von religiös-kirchlichen bis politisch-säkularen Initiativen. Die Benennung von Christen als Assyrer kann mit allgemein- oder kulturpolitischen Zielen einhergehen und mit unterschiedlichen Hypothesen über die ethnische Herkunft dieser Personengruppe verbunden sein, wie die Ableitung von den Assyrern des Altertums.

Siehe auch: Assyrismus und Panmesopotamismus
Siehe auch: Schuraya
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Erster Weltkrieg und die Folgen[Bearbeiten]

Nachdem Shimun XXI., Katholikos-Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, im Ersten Weltkrieg ein Kriegsbündnis mit Russland geschlossen hatte, um die Unabhängigkeit der Assyrer-Stämme vom zerfallenden Osmanischen Reich zu erreichen, musste er mit zahlreichen Assyrern aus dem Gebiet von Hakkari in Südostanatolien zunächst in das Gebiet um Urmia (im Nordwesten des heutigen Iran) fliehen und, nach dem Rückzug der russischen Truppen von dort und dem Fall von Urmia, mit den Überlebenden 1918 in den Irak In den Kämpfen und Flüchtlingstrecks verloren Tausende ihr Leben. Die eine andere Politik verfolgende Chaldäisch-Katholische Kirche mit Abraham Shimonaya wurde von den Ereignissen in Mitleidenschaft gezogen, konnte sich in ihren traditionellen Siedlungsgebieten jedoch weithin halten.

Siehe auch: Shimun XXII. und Yosip Khnanisho

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Nach dem Krieg siedelte Großbritannien assyrische Flüchtlinge in den irakischen Städten Mosul und Kirkuk sowie bei Bagdad wieder an. Mehr noch, aus vertriebenen Assyrern gebildete Hilfstruppen, die Levi Rifles, halfen der britischen Armee und der Royal Air Force im Krieg, in der Hoffnung auf Wiedergründung eines autonomen assyrischen Staates in den alten Siedlungsgebieten oder deren Nähe. Als wichtigstes Anhängsel der britischen Mandatsmacht waren Assyrer nach der formalen Unabhängigkeit Iraks 1932 und dem Abbau der britischen Truppenpräsenz verstärkt der Verfolgung durch die muslimischen Völker Iraks ausgesetzt. Viele assyrische Familien flohen nach Syrien, wurden aber von der dortigen Mandatsmacht Frankreich wieder zurückgeschickt. Der zurückkehrende Flüchtlingszug wurde 1933 in Kirkuk von der irakischen Armee überfallen, hunderte Assyrer (auch Frauen und Kinder) getötet. Daraufhin kam es zu aufstandsähnlichen Unruhen in Mosul und Kirkuk, die Assyrer griffen zu den Waffen und griffen ihrerseits die irakischen Truppen an. Die irakische Armee unter ihrem Oberbefehlshaber Bakr Sidqi schlug in einer nationalistischen Kampagne den Aufstand im Sommer 1933 nieder, Großbritannien griff nicht ein. Die städtische arabische Bevölkerung begrüßte diese Abrechnung. Der Irak-Experte Sluglett gab jedoch zu bedenken, dass „die meisten (Assyrer), die 1933 in den gegen die gerichteten Operationen der Armee getötet wurden, Untergebene der Levies und nicht die Levies selbst“ waren. Der größte Erfolg der Armee sei im Grund ein Massaker an unbewaffneten Dorfbewohnern gewesen, die in der Polizeistation von Semile (Provinz Dahuk) Schutz gesucht hatten[2]. Seitdem befindet sich in Semile (Sumail) eine assyrische Märtyrerkirche, die an das Massaker von Semile erinnert.

Katholikos-Patriarch Shimun XXIII. der Assyrischen Kirche des Ostens und ein Teil der assyrischen Anführer forderten, unter anderem vor dem Völkerbund in Genf, ein geschlossenes Siedlungsgebiet für ihr Volk mit weitreichender Autonomie, kamen mit ihrer Forderung jedoch nicht durch. Der Patriarch musste mit seiner Familie den Irak verlassen, ließ sich in den USA nieder und konzentrierte sich schließlich auf seine kirchlichen Aufgaben.

Gegenwart[Bearbeiten]

Die heutigen assyrischen Christen leben zumeist im Irak und Iran, in Syrien, im Libanon oder in der westlichen Diaspora (insbesondere in Europa und Amerika). In den alten Siedlungsgebieten in Hakkari und im Tur Abdin in der heutigen Türkei gibt es wegen starker Ab- und Auswanderung kaum noch syrische Christen. Doch im Nordirak, in der Ebene von Mosul und in der Region Bagdad sowie in Nordost-, Zentral-Syrien und drei Dörfern in der Umgebung von Damaskus, darunter Maalula, lebt noch immer eine große Anzahl.

In jüngster Zeit sind die Assyrer in ihrer Heimat wieder verstärkt in Konflikt mit den Kurden geraten. Kurdenführer Barzani hatte ihnen 1971 vorgeworfen, in Kirkuk die vom irakischen Regime forcierten Ansiedlungen von Arabern zu unterstützen, um die dortige Kurden zu unterminieren (Le Monde, 25. Mai 1971) Seit den Siegen der US-Alliierten und kurdischer Hilfswilliger über das irakische Regime 1991 und 2003 klagen Assyrer in Kirkuk über eine Vertreibungspolitik der Kurden, die Kirkuk zur Hauptstadt ihrer autonomen Region machen wollen. Nach Angaben assyrischer politischer und gesellschaftlicher Organisationen sowie christlicher Kirchen leiden chaldo-assyrische Christen auch in der Ninive-Ebene (in der sie die Bevölkerungsmehrheit darstellen) und in der Stadt Mosul in der Provinz Ninawa unter ähnlichen Repressalien.

Der derzeitige Krieg im Irak macht nach Mitteilung chaldäisch-katholischer Bischöfe die dortige Lage der Christen immer bedrohlicher. Nach Schätzung des Weihbischofs Andreos Abouna sind von vormals 1,4 Millionen Christen nur noch 600.000 in ihrer irakischen Heimat verblieben. Erzbischof Louis Sako von Kirkuk teilte mit, lediglich im Kurdengebiet sei die Situation noch erträglich. „Es gibt dort Städte. in denen sich die Zahl der Christen innerhalb von drei Jahren verdoppelt hat“.[3]

Assyrische Flagge[Bearbeiten]

Die assyrische Flagge

Die assyrische Flagge hat ihren Ursprung in der Darstellung des assyrischen Sonnengottes Schamasch, auf der die Sonnenscheibe auf einem Altar steht. Der goldene Kreis in der Mitte stellt die Sonne dar, die mit ihren Flammen Hitze und Licht erzeugt um die Lebewesen der Erde aufrechtzuerhalten. Der Stern, der die Sonne umgibt, symbolisiert das Land, die hellblaue Farbe symbolisiert Gelassenheit. Die wogenden Streifen repräsentieren die drei Hauptflüsse des assyrischen Heimatlandes: der Tigris, der Euphrat und der große Zab. Die dunkelblauen Streifen stehen für den Euphrat. Der assyrische Name für den Euphrat ist „Frot“ oder „Prat“ was Überfluss heißt. Die roten Streifen stehen für Courage, Herrlichkeit und Stolz, sie repräsentieren den Tigris. Die weißen Linien zwischen diesen zwei großen Flüssen repräsentieren den großen Zab, die weiße Farbe symbolisiert Frieden. Einige interpretieren die roten weißen und blauen Streifen als die Wege, die die zerstreuten Assyrer zurück zu ihrem Heimatland ihrer Ahnen zurückführen werden.

Über der assyrischen Flagge ist der Gott der Assyrer Aschur aus vorchristlicher Zeit zu sehen.

Der assyrische Adler[Bearbeiten]

Die Assyrer führten früher auch den assyrischen Adler ein, welcher allerdings anstatt der Sonne den Kopf des assyrischen Gottes Assur zeigt. Sehr oft wird dabei im Hintergrund ein Stern dargestellt, was oft als „Geistiges Kreuz“ interpretiert wird und den Namen Jesu repräsentiert.

Liste von einigen Persönlichkeiten mit assyrischem Hintergrund[Bearbeiten]

Schauspieler und Filmschaffende[Bearbeiten]

Sportler[Bearbeiten]

Politiker[Bearbeiten]

  • Erol Dora, türkischer Politiker, Abgeordneter und Anwalt, gewählt in der Provinz Mardin
  • Anna Eshoo, US-amerikanische Senatorin, Mitglied des US-Kongresses

Im Nahen Osten[Bearbeiten]

Religiöse Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Musiker[Bearbeiten]

Wissenschaftler[Bearbeiten]

Schriftsteller[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. H. Chick: A Chronicle of the Carmelites in Persia. London 1939, S. 100.
  2. P.& M. Sluglett: Der Irak seit 1958 - von der Revolution zur Diktatur. Suhrkamp, Frankfurt 1991, S. 25 u. 295f, ISBN 3-518-11661-4
  3. Christ in der Gegenwart. Freiburg 2006,58,S. 370. ISSN 0170-5148

Literatur[Bearbeiten]

  • Abrohom Mirza: Dokumentation über Ermordungen und Verfolgungen der assyrischen Christen in der Türkei 1976-2007. ADO, Frauenfeld 2007, ISBN 3-931358-12-7.
  • Gabriele Yonan: Assyrer heute. Gesellschaft für bedrohte Völker, Hamburg 1978, ISBN 3-922197-00-0.
  • Michel Chevalier: Les montagnards chrétiens du Hakkâri et du Kurdistan septentrional. Dépt. de Géographie de l'Univ. de Paris-Sorbonne, Paris 1985, ISBN 2-901165-13-3.
  • Burchard Brentjes: The Armenians, Assyrians and Kurds: Three Nations, one fate?. Richi Press, Campbell 1997, ISBN 0-9659623-1-8.
  •  Salâhi R. Sonyel: The Assyrians Of Turkey Victims Of Major Power Policy. I. Auflage. Türk Tarih Kurumu, Ankara 2001, ISBN 975-16-1296-9, S. 226.
  • Kenan Araz: Verfolgung, Flucht, Asyl. Flüchtlingsgespräche, Flüchtlingsinterviews mit Assyrern. Ars Una, Neuried 2001. ISBN 3-89391-110-3
  • James Farwell Coakley: The Church of the East and the Church of England. Clarendon Press, Oxford 1992. ISBN 0-19-826744-4
  • P.& M. Sluglett: Der Irak seit 1958 - von der Revolution zur Diktatur. Suhrkamp, Frankfurt 1991. ISBN 3-518-11661-4
  • Wolfgang Gockel: Iraque - sumerische Tempel, Babylons Paläste und heilige Stätten des Islam im Zweistromland. Dumont Kunst-Reiseführer. Du Mont, Köln 2001. ISBN 3-7701-4949-1
  • Gabriele Yonan: Ein vergessener Holocaust, Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei. Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen 1989. ISBN 3-922197-25-6
  • H. Chick: A Chronicle of the Carmelites in Persia. 2 Bde. London 1939.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Assyrer (Gegenwart) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien