Aster (Rakete)

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Aster

MBDA Aster p1220947.jpg

Allgemeine Angaben
Typ: Flugabwehrrakete
Hersteller: MBDA und Thales
Entwicklung: 1986
Indienststellung: 2002
Technische Daten
Länge: Dart: 2,6 m
Aster 15: 4,20 m
Aster 30: 4,90 m
Durchmesser: Dart: 180 mm
Aster 15: 320 mm (Booster)
Aster 30: 380 mm (Booster)
Gefechtsgewicht: Dart: 110 kg
Aster 15: 310kg
Aster 30: 450 kg
Spannweite: Dart: 360 mm
Aster 15: 790 mm
Aster 30: 850 mm
Antrieb: Feststoffraketentriebwerk
Geschwindigkeit: Aster 15: 1.000 m/s
Aster 30: 1.400 m/s
Reichweite: Aster 15: 1,7–30 km (offiziell)
Aster 30: 3–100 km (offiziell)
Ausstattung
Zielortung: aktives Ku-Band Radar
Gefechtskopf: 15-kg-Splittersprengkopf
Zünder: Aufschlag- und Näherungszünder
Waffenplattformen: SYLVER, SAMP/T
Listen zum Thema

Die Aster ist eine europäische Flugabwehrrakete, die vom EUROSAM-Konsortium hergestellt wird. Das Konsortium ging aus der Zusammenarbeit zwischen MBDA und der Thales Group hervor. Der Name bezieht sich auf das griechische Wort aster (ἀστήρ), was Stern bedeutet. Ursprünglich nur von Italien und Frankreich vorangetrieben, kamen später das Vereinigte Königreich und Spanien hinzu. Spanien verließ die Entwicklung 1992 wieder, sodass die Aster heute nur im trinationalen Rahmen gefertigt wird.

Die Aster wurde als Anti-Alles-Rakete zur Abwehr von massierten Salven aus verschiedenen Richtungen unter schweren elektronischen Gegenmaßnahmen konzipiert. Zu den Bedrohungen zählen schnelle, manövrierfähige Fluggeräte mit Stealth-Eigenschaften, ballistische Raketen (mit Aufwuchspotential), Anti-Radar-Raketen und überschallschnelle, tieffliegende Seezielflugkörper, die im Zickzack-Flug angreifen.[1][2][3] Die Aster ist zweistufig, bestehend aus Booster und einem Kill Vehicle (Dart) an der Spitze. Es existieren zwei Versionen, beide unterscheiden sich nur in der Größe der Booster.

Geschichte[Bearbeiten]

Frankreich veröffentlichte zum Jahreswechsel 1980/1981 im Alleingang ein Request for Proposal für eine gemeinsame europäische Boden-Luft-Lenkwaffe. 1986 wählte Frankreich die Aster gegenüber der konkurrierenden SAMAT aus. Der erste Test des PIF-PAF-Systems wurde am 17. Juni 1987 durchgeführt.[2][4] Im Februar 1987 einigten sich Frankreich und Italien auf die Entwicklung eines „Family of Anti-Air Missile Systems“ (FAMS) für Landbatterien und Schiffe. In Juni wurde ein Letter of Intent zwischen den Rüstungsindustrien der Länder unterzeichnet, im November folgte dasselbe zwischen den Verteidigungsministerien. Das System sollte nahe und mittlere Entfernungen abdecken. Im April 1988 einigte sich die Industrie auf einen Rahmenvertrag zur Zusammenarbeit, welcher im Oktober von den Verteidigungsministern unterzeichnet wurde.[1][2] Mitte 1988 unterzeichneten Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien ein Memorandum of Understanding für eine zwölfmonatige Studie, das FAMS für die NFR-90 zu nutzen, als Konkurrenz zum US-dominierten NATO Anti Air Warfare System (NAAWS). Ferner unterzeichneten im Oktober 1987 Belgien, Frankreich, Westdeutschland, Italien, Niederlande, Norwegen, Spanien und das Vereinigte Königreich eine Einjahresstudie über ein zukünftiges gemeinsames europäisches Luftverteidigungssystem (Medium-range Surface-to-air Missiles, MSAM) für Landbatterien.[5]

Im November 1988 begann die französisch-italienische-Kooperation zur Entwicklung einer streitkräfteübergreifenden Flugabwehrlenkwaffe. Mit Großbritannien und Spanien wurden Gespräche über eine Zusammenarbeit geführt. Der Arbeitsanteil wurde zu gleichen Teilen zwischen Aerospatiale und Thompson-CSF sowie Italiens Selenia aufgeteilt. Zur Feuerleitung und Datenübertragung sollte das ARABEL bzw. EMPAR verwendet werden. Bereits damals wurde zwischen der Nahbereichsvariante Aster 15 und der weiter reichenden Aster 30 unterschieden. Konzeptionell sollte der Flugkörper ein Staustrahltriebwerk mit Schubvektorsteuerung und aerodynamischen Rudern kombinieren, um eine Manövrierfähigkeit von bis zu 50g zu erzielen. Der Flugkörper sollte mit einem Trägheitsnavigationssystem zum Ziel geführt werden, und dort mit seinem aktiven Ku-Band-Radarsucher übernehmen, welcher auf der MICA RF basiert.[3] Im Juni 1989 wurde das EUROSAM gegründet, mit Aérospatiale (25 %), Thompson-CSF (25 %) und Selenia (50 %) als Teilhaber. Im Juli wurde das Konzept von der Industrie eingereicht.[1] Am 8. Dezember 1989 verkündete Großbritannien, sich definitiv an der Family of Anti-Air Missile Systems (FAMS) zu beteiligen, um die Sea Dart zu ersetzen.[2] Nach Großbritannien traten nun auch Frankreich und Italien aus dem NFR-90-Projekt aus.[6] Mitte 1990 wurde das MoU über die 18-monatige Projektdefinitionsphase des Family of Anti-Air Missile Systems (FAMS) um vier Monate verzögert. Grund war die Unsicherheit Spaniens, welches sich nicht zwischen dem FAMS und dem NATO Anti-Air Warfare System (NAAWS) entscheiden konnte. Frankreich und Italien wollten voranschreiten, auch Großbritannien hatte im Dezember 1989 Zustimmung signalisiert. Die Aster 30 sollte dabei die Standard Missile ersetzen.[7] Im Dezember 1990 wurde das Flugkörperkonzept der Industrie formal genehmigt.[1] Italien und Frankreich gaben 1,8 Mrd. US-Dollar für die Entwicklung der Aster-Familie frei. Aérospatiale, Thompson-CSF und Selenia unterschrieben den Zehnjahresvertrag mit der Direction générale de l’armement (DGA), die im Auftrag der französischen und italienischen Verteidigungsministerien handelte. Die schiffsgestützte Aster 15 sollte dabei ab 1996 verfügbar sein, die Aster 30 für Schiffe und LKWs später. Die Briten wollten sich mangels Interesse nicht an der Finanzierung der Aster 15 beteiligen.[8] Spanien kam mit ins Boot,[1] stieg aber 1992 wieder aus.[2]

Im Juni 1995 unterzeichneten Italien und Frankreich ein Abkommen für die Vorserienproduktion. Im August wurde eine Aster 30 ohne Sucher (mit Uplink) gegen ein Luftziel abgefeuert.[2] Im Dezember 1995 erzielte eine Aster 30 im Centre d’Essais des Landes einen Direkttreffer gegen eine tieffliegende überschallschnelle Lenkwaffe.[9] Im darauf folgenden Jahr schlug EUROSAM Großbritannien vor, sein Programm zur Abwehr von taktischen ballistischen Raketen (TBM) mit Italien und Frankreich abzustimmen, um die Aster dafür zu ertüchtigen. Zeitgleich wurde der Phase-2-Vertrag ausgearbeitet, um mit einer weiteren Milliarde US-Dollar die Aster zur Serienreife zu führen.[10] Eine C.22-Drohne, die in 10 m Höhe über dem Meer anflog, wurde im April 1997 von einer Aster 15 abgeschossen, die aus einer Senkrechtstartanlage an Land abgefeuert worden war.[11] Ende des Jahres wurde eine C.22-Drohne, welche im Tiefflug wieder einen Seezielflugkörper simulierte, von einer Aster 15 ohne Gefechtskopf abgeschossen. Der Einschlag erfolgte so dicht, dass die Flügel der Lenkwaffe die Tragflächen der Drohne abschnitten. Die Besonderheit war, dass die Drohne durch einen Abstandsstörer gedeckt wurde. Im selben Monat wurde eine hochfliegende C.22-Drohne von einer Aster 30 abgeschossen.[12]

Die Operationszentrale der RSS Supreme feuert eine Aster ab

Im April 1998 wurde zwischen Frankreich, Italien und Großbritannien um die Arbeitsanteile gefeilscht. Ferner sollte die Integration in die Zerstörer der Horizon- und Daring-Klasse besprochen werden. Mangels geeigneter Zieldrohnen konnte bis zu diesem Zeitpunkt noch kein Abschuss gegen einen Überschall-Seezielflugkörper erfolgen, allerdings wurde der Gefechtskopf gegen eine reale SS-N-22 Sunburn erprobt. Studien zur Abwehr von TBMs mit Aster wurden erstellt.[13] Mitte des Jahres 1999 wurde ein Vertrag über £ 1,3 Mrd. unterzeichnet, welcher Aster, SAMPSON, EMPAR, S1850M und die SYLVER-Senkrechtstartanlage zu einem System verbinden sollte.[14] Im Jahr 2000 beauftragten die Regierungen Frankreichs und Italiens die Block-1-Variante der Aster 30, welche zusammen mit Softwareänderungen am ARABEL-Radar die SAMP/T-Landbatterien zur TBM-Abwehr befähigt. Am 30. Oktober 2001 wurden die Testkampagnen der Aster 15 auf der Île d'Oléron (A610) abgeschlossen.[4] 2002 konnte die Aster 15 in Dienst gestellt werden, und Teststarts gegen ballistische Raketen mit der Aster 30 Block 1 begannen auf dem Erprobungsgelände Salto di Quirra. Erster Nutzer der Aster 15 war der nukleare Flugzeugträger Charles de Gaulle (R 91). Ferner konnte Saudi-Arabien als erster Exportkunde gewonnen werden. Durch die Fusion von Aérospatiale und Selenia zu MBDA wird der Flugkörper ausschließlich dort gefertigt, Thales liefert nur das Radar. EUROSAM hat die Konstruktionsverantwortung und tritt als Auftragnehmer gegenüber den Kunden und OCCAR auf.[15]

Im November 2002 wurde die Aster 15 zum ersten Mal von einem Kriegsschiff gestartet. Der Träger Charles de Gaulle feuerte eine Aster 15 auf ein Flugziel, welches in etwa 6 km Entfernung zerstört wurde.[16] Im November 2003 schloss OCCAR mit EUROSAM im Auftrag von Frankreich, Italien und Großbritannien einen Vertrag über 3,4 Mrd. US-Dollar über die Lieferung von 1400 Aster-15- und Aster-30-Flugkörpern sowie 18 SAMP/T-Batterien ab.[17] 2005 wurde die Einsatzbereitschaft des SAMP/T unter Beweis gestellt, als eine C.22-Drohne durch eine Batterie mittels Direkttreffer vernichtet wurde. Das Zusammenspiel von ARABEL-Radar, Feuerleitstand, Starter und Flugkörper wurde so demonstriert.[18] Einige Monate später wurde im Oktober eine Aster 30 auf zwei Mirach-100-5-Drohnen abgefeuert. Damit sollte die Abwehr einer Salve von Seezielflugkörpern demonstriert werden, wobei der Sucher zwischen beiden Zielen diskriminieren musste und nur das ihm zugewiesene angreifen sollte.[19] Im Oktober 2010 wurde ein Ziel, das eine ballistische Mittelstreckenrakete simulierte, von einer SAMP/T über Biscarosse vernichtet, wodurch der Einsatz von ARABEL-Radar, Feuerleitstand und Aster 30 Block 1 gegen TBMs demonstriert wurde.[20] Im April 2012 wurde ein GQM-163A Coyote Supersonic Sea Skimming Target (SSST), eine Drohne die bis zu Mach 4 erreicht und Mach 2,5 in unter 5 m Höhe, von der D620 Forbin mit einer Aster 30 abgewehrt.[21] Im März 2013 wurde eine weitere ballistische Rakete von einer SAMP/T zerstört. Die Batterie war dabei über Link 16 an das NATO Ballistic Missile Defense Operations Center (BMDOC) in Ramstein angebunden. Eine israelische F-15C, die vom Militärflugplatz Cazaux gestartet war, feuerte eine ballistische Black-Sparrow-Rakete vom Atlantik aus auf das französische Festland in das Raketentestgelände Biscarrosse. Es war das zweite Mal in 13 Testschüssen, dass die Aster 30 Block 1 einen Direkttreffer erzielte.[22]

Zur Zeit ist eine verbesserte Variante Aster 30 Block 1 NT (neue Technologie) im Gespräch. Sie soll einen verbesserten Booster, und einen neuen Ka-Band-Sucher erhalten. Durch größere Energiereserven sollen ballistische Raketen mit bis zu 1000 km Reichweite abgefangen werden. Die ebenfalls angedachte Variante Aster 30 Block 2 ist de facto eine komplette Neuentwicklung. Dabei handelt es sich um eine Zweistufenrakete mit separierbarem exoatmosphärischem Kill Vehicle mit IR-Sensor, um ballistische Raketen mit bis zu 3000 km Reichweite im Weltraum zu treffen. Beide Effektoren sollen von einem SYLVER A50 (bzw. SAMP/T) startbar sein.[23] Bei der Entwicklung der NT-Version soll auch Großbritannien eingebunden werden, um diese in die Daring-Klasse einsetzen zu können.[24]

Technik[Bearbeiten]

Allgemein[Bearbeiten]

Die Aster ist eine zweistufige Lenkwaffe, bestehend aus einem Flugkörper (Dart) und einem Booster. Der Dart hat einen Durchmesser von 180 mm und eine Länge von 2,6 Metern, eine Masse von 110 kg und eine Flügelspannweite von 36 cm.[25] Die Varianten Aster 15 und Aster 30 verwenden denselben Dart, lediglich die Größe der Feststoffbooster ist unterschiedlich. Der kleinere Feststoffbooster wiegt über 200 kg und beschleunigt den Dart auf 1000 m/s, der größere Booster wiegt 340 kg und beschleunigt den Dart auf 1,4 km/s.[25][2] Der große Booster brennt 3,5 Sekunden lang,[25] die Aster 30 erreicht dabei Hyperschallgeschwindigkeit.[26] Die Gesamtlänge und -masse beträgt somit 4,2 m und 310 kg für Aster 15 und 5,2 m und 450 kg für Aster 30.[27]

Der Dart,[28] manchmal auch als Kill Vehicle bezeichnet,[26] besteht im Prinzip aus vier Teilen, von vorn nach hinten: Dem Sucher mit Elektronik, dem Gefechtskopf, den Schubdüsen in der Mitte der Rakete und dem Marschtriebwerk mit Düse und Rudern. Um Sättigungsangriffe durch massierte Salven zu vermeiden, werden die Lenkwaffen durch ein Trägheitsnavigationssystem mit Laserkreisel und einen Datenlink an das Ziel herangeführt, bis der Sucher übernimmt.[25] Der aktive AD4A-Radarsucher wurde von der MICA übernommen,[3][2] und arbeitet im Ku-Band mit Puls-Doppler-Radar im Frequenzbereich zwischen 12–18 GHz. Gegenüber dem AD4 der MICA wurde der Tastgrad angepasst, um die Sendeleistung zu erhöhen, und die maximale Annäherungsgeschwindigkeit des Kontaktes sowie die Entfernungsauflösung erhöht. Die Aufschalt- und Verfolgealgorithmen wurden modifiziert. Neben Clutter-Unterdrückung verfügt der Sucher auch über Home-on-jam.[25] Sobald der Sucher das Ziel erfasst hat, wird es per Proportionalnavigation angeflogen.[29] Die gesamte Software des Flugkörpersystems ist in Ada geschrieben,[1] wobei während der Entwicklung über 150.000 Zeilen Fortran-Code für die Kinematiksimulation nötig waren.[28]

Die Aster wurde als Hit-To-Kill-Waffe ausgelegt, d.h. das Ziel wird in der Regel durch einen Direkttreffer vernichtet.[27] Entsprechend klein ist der Gefechtskopf, der nur 15 kg wiegt.[2][4] Der Gefechtskopf ist fokussierbar,[27] wobei der Vernichtungsradius je nach Quelle 2 m[2] oder 5 m beträgt.[12] Es werden zwei Arten von Splittern erzeugt, wobei die leichtesten vier Gramm schwer sind. Neben Direkttreffern kann der Splittergefechtskopf auch durch einen Ku-Band Abstandszünder aktiviert werden. Dieser sendet mit einer pseudozufälligen phasenkodierten Wellenform.[25]

Das PIF-PAF-System des Kill Vehicle

Als Besonderheit verfügt die Aster über das PIF-PAF-System. PIF-PAF steht für Pilotage en Force / Pilotage Aerodynamique Fort (Steuerung durch Kraft / Steuerung [durch] kräftige Aerodynamik), und beschreibt das Zusammenspiel aus Schubsteuerung in der Mitte des Flugkörpers, und den vier aerodynamischen Steuerflächen am Ende der Waffe,[25][1] welche aus einer superplastisch verformten Titanlegierung gefertigt sind.[28] Die vier Schubdüsen befinden sich nahe des Schwerpunktes der Waffe. Diese sind in den Tragflügeln angeordnet und blasen durch die Flügelspitzen aus.[25] Auf Befehl des Steuerungscomputers können diese laterale Schubkräfte erzeugen, um die Waffe durch seitliche Verschiebung näher an das Ziel zu führen. Ferner wird die Reaktionszeit gegenüber einer aerodynamischen Steuerung von einer zehntel Sekunde auf eine hundertstel Sekunde reduziert.[29] Die Gase für die Schubdüsen werden durch einen zweiten integrierten Raketenmotor erzeugt, der nur über die vier Düsen abblasen kann und sich vor dem Marschtriebwerk befindet.[30] In älterer NATO-Fachliteratur ist dieser zweiteilig, um eine Verschiebung des Schwerpunktes beim Abbrand zu vermeiden.[31] In modernen Zeichnungen, siehe links, ist dieser nur einteilig dargestellt. Durch das PIF-PAF-System soll die Trefferquote gegen hochmanövrierfähige Ziele wie moderne Seezielflugkörper verbessert werden.[30] Regelungstechnisch gesehen kann durch das PIF-System der Dynamikfehler der aerodynamischen Steuerung ausgeglichen werden (PAF), was die Fehldistanz reduziert. Ferner können damit auch bei geringen Geschwindigkeiten und großen Höhen hohe g-Kräfte erflogen werden.[31] Der Dart kann Lastvielfache von 60g rein aerodynamisch erfliegen sowie bis zu 12g durch Schubdüsen gewinnen.[25][27]

Im Prinzip erfolgt die Steuerung wie bei dem Multiple Kill Vehicle oder dem Kill Vehicle der SM-3 durch Schubdüsen im Schwerpunkt, nur dass Ziele innerhalb der Erdatmosphäre bekämpft werden. Da der Aufbau des Flugkörpers modular ist, kann die Raumaufteilung zwischen PIF-PAF-Gasgenerator und Marschtriebwerk geändert werden. Das Optimum hängt dabei von der Art des Zieles ab; die gegenwärtige Konfiguration ist dabei auf die Bekämpfung von atmosphärischen Zielen optimiert. Allerdings wurde der Dart auch in simulierten Höhen von über 20 km getestet.[28] In älterer NATO-Fachliteratur stellte Aérospatiale auch eine Variante des Dart vor, der ein Ramjet als Marschtriebwerk hat, für große Reichweiten in der Atmosphäre.[31]

HMS Diamond (D34) startet eine Aster

Die Marschtriebwerke und Booster werden von Avio hergestellt.[26] Das Marschtriebwerk ist ein Feststoffraketenmotor, welcher der Aster 15 eine mittlere Marschgeschwindigkeit von 800 m/s garantiert. Bei der Aster 30 sind es 950 m/s.[2] Das Triebwerk verbrennt Hydroxyl-terminiertes Polybutadien (HTPB), wobei der Motor innen aus Hitzeschutzgründen mit Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk (EPDM) ausgekleidet ist. Die Booster werden aus CFK-Prepregs hergestellt und mit Titan-Einlagen versteift. Das Feststoffraketentriebwerk des Boosters erzeugt durch zwei vollbewegliche Schubvektordüsen die Antriebs- und Steuerkräfte, wobei hier auch Graphiteinlagen eingesetzt werden. Die Flügel der Booster sind ausklappbar und bestehen aus CFK-Haut auf Metallgerippe.[26]

Reichweite[Bearbeiten]

Die Reichweite der Aster unterlag seit dem Projektstart einer ausgeprägten Desinformationskampagne: 1988 wurden für die Aster 15 etwa 10 km Reichweite gegen Ziele mit Mach 2,5 und 16g-Manövern angegeben, und 30 km für die landgestützte Aster 30 sowie 55 km für die seegestützte Version.[3] 1991 wurde die Reichweite der Aster 15 mit „über 8 km“ angegeben, und über 25 km, über 40 km und über 10 km für die Aster 30, jeweils mit unterschiedlichen Startplattformen.[1] 1997 wurde die Reichweite der Aster 15 gegen ein Ziel mit Mach 2,5 und 15g-Manövern mit 10 km angegeben, sowie 17 km Reichweite gegen Flugzeuge. Für die Aster 30 wurden 30 km gegen Lenkwaffen und 70 km gegen Flugzeuge angegeben.[2] Inzwischen wird die Reichweite meist mit 30 km für Aster 15 und 70, 100 oder 120 km für Aster 30 angegeben.

Bei nüchterner Betrachtung fällt auf, dass die Aster 15 mit 310 kg ein höheres Startgewicht als die ESSM (280 kg) und die Barak 8 (275 kg) hat. Die Gefechtskopfmasse ist mit 15 kg dennoch geringer als bei ESSM (39 kg) und Barak 8 (60 kg). Zwar kommt noch die Masse des PIF-PAF-Systems hinzu, auf Schnittzeichnungen nimmt es aber maximal 1/3 des Volumens ein und es wird geschätzt, dass es deshalb nicht schwerer als 35 kg ist. Die Nutzlast aus Sucher und Gefechtskopf (und PIF-PAF) ist also etwa identisch. Besonders der Vergleich mit dem Zweistufensystem Barak 8 liegt nahe, da hier ebenfalls eine dünne Lenkwaffe mit aktivem Radarsucher mit einem dicken Booster kombiniert wird. Die Reichweite der Barak 8 wird meist mit 60 bis 70 km angegeben. Daraus kann geschlossen werden, dass auch die Reichweite der schwereren Aster 15 bei etwa 60–80 km liegt.

Für die Aster 30 gibt es kein vergleichbares Gegenstück. Interessant ist allerdings, dass der Dart mit 110 kg etwa gleichviel wiegt wie der Gefechtskopf einer SM-2 MR mit 113 kg. Das Startgewicht der Aster 30 ist mit 450 kg geringer als das der SM-2 MR mit 708 kg, allerdings hat der Dart noch ein Marschtriebwerk. Nimmt man nur die Endgeschwindigkeit der Booster für eine Wurfparabel zum Vergleich, so müsste der Dart bei 1,4 km/s (Aster 30) etwa doppelt so weit fliegen wie bei 1 km/s (Aster 15) Spitzengeschwindigkeit. Der Luftwiderstand und das Marschtriebwerk werden dabei ausgeklammert. Die Reichweite der Aster 30 müsste demnach bei 120 bis 160 km liegen. Die in der Fachliteratur genannten 120 km sind deshalb durchaus realistisch,[28] wenn auch konservativ.

Varianten[Bearbeiten]

  • Aster 15: Flugabwehrlenkwaffe für den Nachbereich. Kombiniert das Kill Vehicle mit einem kleinen Booster.[2]
  • Aster 30: Flugabwehrlenkwaffe für mittlere Entfernungen. War ursprünglich die Bezeichnung für die Land-Luft-Variante. Der Booster ist für hohe Beschleunigung optimiert.[2] Die Variante Block 1 besitzt verbesserte Sucher, Zünder und Signalverarbeitung, und einen Gefechtskopf mit schwereren Splittern.[25] Die Aster 30 kann taktische ballistische Raketen mit bis zu 600 km Reichweite vernichten.[17] Die angedachte Variante Block 1 NT soll einen verbesserten Booster, und einen neuen Ka-Band-Sucher erhalten. Durch größere Energiereserven sollen ballistische Raketen mit bis zu 1000 km Reichweite abgefangen werden.[23]
  • Aster 30 Block 2: De facto eine komplette Neuentwicklung. Zweistufenrakete mit separierbarem exoatmosphärischem Kill Vehicle mit IR-Sensor, um ballistische Raketen mit bis zu 3000 km Reichweite im Weltraum zu treffen.[23]
  • Aster 45: Fiktive Flugabwehrlenkwaffe für mittlere Entfernungen. War ursprünglich die Bezeichnung für die See-Luft-Variante der Aster 30. Sollte einen anderen Booster nutzen, der für hohe Reichweiten optimiert sein sollte.[2]
  • Aster 60: Hypothetische, spezialisierte Variante zur Abwehr von ballistischen Raketen.[2]

Nutzer[Bearbeiten]

Die zur Zeit einzige Anwendung an Land ist der Einsatz von sechs Starterfahrzeugen mit je acht Aster 30 bei den SAMP/T-Batterien (sol-air moyenne portée / terrestre). Maritime Nutzer benötigen mindestens eine Senkrechtstartanlage für Flugkörper vom Typ SYLVER A43 für Aster 15. Die längere Variante A50 kann auch Aster 30 aufnehmen, die längste Version A70 ebenfalls.[4]

ARABEL-Radar des SAMP/T-Systems
SAMP/T-Starter mit acht Aster 30
AlgerienAlgerien Algerien
FrankreichFrankreich Frankreich
ItalienItalien Italien
  • Träger Cavour, nur Aster 15
  • Horizon-Klasse
  • FREMM-Fregatten
  • 6 SAMP/T
MarokkoMarokko Marokko
Saudi-ArabienSaudi-Arabien Saudi-Arabien
SingapurSingapur Singapur
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: MBDA Aster – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Flightglobal: EUROSAM TAKES AIM. 2. Januar 1991, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p  Norman Friedman: The Naval Institute Guide to World Naval Weapons Systems, 1997-1998. US Naval Inst Pr, 1997, ISBN 1557502684, S. 355.
  3. a b c d Flightglobal: Anti-missile missile co-production begins. 26. November 1988, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  4. a b c d  Norman Friedman: The Naval Institute Guide to World Naval Weapons Systems. US Naval Inst Pr, 2006, ISBN 1557502625, S. 300.
  5. Flightglobal: Europe explores anti-air systems. 2. Juli 1988, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  6. Flightglobal: UK turns to Europe for missile. 13. Dezember 1989, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  7. Flightglobal: FAMS to suffer four-month delay. 13. Juni 1990, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  8. Flightglobal: France and Italy launch Aster. 27. Juni 1990, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  9. Flightglobal: Aster a hit. 20. Dezember 1995, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  10. Flightglobal: Eurosam courts UK as BMD partner. 3. Juli 1996, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  11. Flightglobal: Aster intercepts. 23. April 1997, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  12. a b Flightglobal: Aster 15 hits sea-skimming target drone in test. 24. Dezember 1997, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  13. Flightglobal: Participants push for PAAMS project production progress. 8. April 1998, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  14. Flightglobal: PAAMS contract signed. 18. August 1999, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  15. Flightglobal: Sons of SAAM. 11. Juli 2002, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  16. Flightglobal: Aster makes first operational platform launch. 12. November 2002, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  17. a b Flightglobal: Eurosam to produce SAMP/Ts and missiles for armed forces. 18. November 2003, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  18. Flightglobal: SAMP/T scores hit in first complete test. 9. August 2005, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  19. Flightglobal: MBDA test-fires Aster 30. 13. Oktober 2005, abgerufen am 8. September 2014 (englisch).
  20. Defense Update: SAMP/T Successful on First European Missile Defense Intercept Test. 26. November 2010, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  21. Naval Technology: French Navy frigate successfully intercepts supersonic sea-skimming missile. 12. April 2012, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  22. Defense Update: SAMP/T Successful on a Franco-Italian Missile Defense Test. 7. März 2013, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  23. a b c MBDA: Sustaining the UK Industrial Base: An Industry Perspective on the Potential of Type 45. Mai 2010, abgerufen am 27. September 2014 (englisch).
  24. DefenseNews: MBDA Positioned to Score Big in 3 Deals. 13. Mai 2013, abgerufen am 27. September 2014 (englisch).
  25. a b c d e f g h i j Army Technology: Aster 30 SAMP/T – Surface-to-Air Missile Platform / Terrain. 9. September 2014, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  26. a b c d AVIO: ASTER 30. 9. September 2014, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  27. a b c d EUROSAM: ASTER hit-to-kill Missile Interceptors. 9. September 2014, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  28. a b c d e  Pierre Pascallon: LA GUERRE DES MISSILES: Missiles et antimissiles tactiques balistiques et non-balistiques. HARMATTAN, 2013, ISBN 2296272932, S. 180-193.
  29. a b Gerard Selince (Societe Nationale Industrielle Aérospatiale): Lateral acceleration control method for missile and corresponding weapon systems US 4465249 A. 17. August 1984, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  30. a b OCCAR: Aster. 9. September 2014, abgerufen am 9. September 2014 (englisch).
  31. a b c  G. SELINCE (AEROSPATIALE): UN NOUVEAU CONCEPT DE PILOTAGE DES MISSILES APPLICATION AUX SOL-AIR. NATO AGARD-LS-135, 1984, ISBN 92-835-0353-8, S. 5-1 bis 5-12.