Astolphe de Custine
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Astolphe Louis Léonor, Marquis de Custine (* 18. März 1790 in Niderviller, Moselle; † 25. September 1857 in Paris) war ein französischer Reiseschriftsteller.
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[Bearbeiten] Leben
Astolphe war das zweite Kind von Armand de Custine und Delphine de Sabran sowie ein Enkel des 1793 hingerichteten Generals Adam-Philippe de Custine. Er trat in den diplomatischen Dienst ein, wo er unter anderem an der Seite von Talleyrand am Wiener Kongress teilnahm. 1821 heiratete er Léontine de Saint-Simon de Courtomer. Er bereiste 1811–22 England, Schottland, die Schweiz und Kalabrien, ging 1835 nach Spanien, später nach Russland und starb im September 1857.
Seine weiten Reisen lieferten ihm den Stoff zu mehreren Schriften, besonders zu dem Werk La Russie (Paris 1843, 4 Bände). Außerdem schrieb er Novellen und Romane und eine Tragödie in Versen: Béatrix Cenci (1833). Seine Lettres à Varnhagen d'Ense et Rahel Varnhagen d'Ense erschienen in Paris 1870.
[Bearbeiten] Russland im Jahre 1839
Astolphe de Custine hat im Sommer des Jahres 1839 eine Reise nach Russland unternommen. Die Aufzeichnungen dieser Fahrt wurden in Form einer Briefsammlung 1843 herausgegeben. Im gleichen Jahr erschien auch schon die deutsche von Adolph Diezmann übersetzte Ausgabe in Leipzig. In Russland war das Buch bis 1917 verboten.
Im Deutschen steht mit „Russische Schatten“ (1985) eine gekürzte Fassung aus der Reihe Die Andere Bibliothek zur Verfügung. Die Zitate entstammen diesem Band.
In seinem Buch entwirft Custine ein sehr negatives Bild vom Russland seiner Zeit. Bereits die Einreise, er wählte die Schiffsroute von Lübeck nach Sankt Petersburg, konfrontiert ihn mit ausufernder Bürokratie. Mit ihm reisende russische Fürsten werden bevorzugt behandelt, während er bei den Behörden eher Misstrauen hervorzurufen scheint.
Auch landschaftlich ist die Gegend um Petersburg eine Enttäuschung für ihn. Die Stadt sticht kaum aus der sumpfigen Gegend hervor. Er sieht Petersburg zwar als ein Weltwunder an, kann sich aber mit der Stadt nicht anfreunden, zu sehr erkennt er überall eine Künstlichkeit, die allein durch den Willen des Zaren Peter I., eine Trutzburg gegen Schweden und ein „Tor zur Welt“ zu schaffen, bestimmt ist.
Custine lernt auch Zar Nikolaus I. kennen und sieht ihn relativ positiv. Dies ändert sich erst, als er die Geschichte der Fürstin Trubetzkoi hört. Die Fürstin hatte sich entschieden, ihrem Mann, der als einer der Führer des Dekabristenaufstandes verurteilt wurde, in die Verbannung zu folgen. Zwei Gnadengesuche innerhalb von vierzehn Jahren, die die Ausbildungsmöglichkeit ihrer Kinder betrafen, wurden von Nikolaus empörenderweise abgelehnt.
Von Petersburg fährt Custine nach Moskau. Die ewige Gleichförmigkeit Russlands wird Custine dabei immer wieder betonen, allerdings nicht nur landschaftlich, sondern auch menschlich. Die Despotie unterdrückt die freie Entfaltung der Menschen, alle sind Knechte und gerade Fremden gegenüber werden sie vorsichtig und geheimniskrämerisch. Ein Feldjäger, der Custine begleitet, erscheint ihm als zumindest potentieller Spion.
Moskau selbst bedeutet für Custine vor allem der Kreml, den er wegen seiner ursprünglichen russischen Bauweise bewundert. Hier sieht er ein Vorbild für die russische Entwicklung, die sich zu sehr an westlichen Baustilen orientiert und nicht auf die russischen Bedürfnisse eingeht.
Vor seiner Rückreise besucht Custine schließlich noch das Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, fährt an die Wolga und besucht Nischni Nowgorod, wo er die damals sehr wichtige Messe besucht und als einen Treffpunkt zwischen Europa und Asien schildert.
Neben zahlreichen Beschreibungen von Sehenswürdigkeiten, Besonderheiten, Sitten und Trachten, aber auch über die Lebensumstände als Reisender, der sich mit erschreckendem Schmutz und Ungezieferplagen in den Herbergen konfrontiert sieht, stehen vor allem die politischen und sozialen Bedingungen Russlands im Mittelpunkt.
Auf den ersten Blick erscheint Russland Custine als ein zivilisiertes Land, doch sehr schnell bemerkt er, dass dies vor allem auf Fassaden aufbaut. Die gerühmte Gastfreundschaft etwa ist vor allem eine Möglichkeit der Präsentation und mangelt wahrhaft empfundener Herzlichkeit und die große Höflichkeit wandelt sich schnell um bis zu roher Gewalt, wenn die soziale Position des anderen nur gering ist. Auffällig ist Custine dabei die allgemeine Ergebenheit und der Fatalismus, der aber plötzlich, wie er zu hören bekommt, bei Aufständen auch in äußerste Brutalität umschlagen kann.
Custine versucht, die Besonderheiten aus der Geschichte Russlands heraus zu verstehen. „Peter I. und Katharina II. haben der Welt eine große und nützliche Lehre gegeben, welche Rußland bezahlen mußte; sie zeigten uns, daß der Despotismus nie mehr zu fürchten ist, als wenn er Gutes schaffen will, denn dann glaubt er seine empörendsten Handlungen durch seine Absichten rechtfertigen zu können, und das Schlechte, das sich als Heilmittel ausgiebt, hat keine Grenzen mehr.“ Vor allem Peter I. wird von ihm dabei äußerst kritisch gesehen. Er würdigt zwar dessen Leistungen und die Kraftanstrengungen, sieht aber zugleich, dass das Gute dieser Reformen sich verflüchtigt hat, während sich das Schlechte weiter verstärkt.
Zar Nikolaus I. hat nach Custine zwar die richtigen Ideen der Veränderung, doch muss ein einzelner Mensch – und sei er noch so mächtig – an den vielfältigen, aber nötigen Reformen verzweifeln. Zar Nikolaus ist dabei zu sehr auf sich selbst fixiert und baut zu wenig auf die Unterstützung anderer, als dass er die Fülle der Aufgaben wirklich bewältigen könnte. „Die Menschenfreunde haben hier nicht gegen den Tyrannen, sondern gegen die Tyrannei zu kämpfen. Es würde ungerecht sein, wenn man dem Kaiser das Unglück des Reiches und die Fehler der Regierung zur Last legen wollte; die Kraft eines Menschen ist der Aufgabe des Souverains nicht gewachsen, der mit einem Male menschlich über ein unmenschliches Volk herrschen wollte.“
Auffällig ist ihm auch die Diskrepanz von nationaler Eitelkeit und übertriebener Nachahmungssucht westlicher Künste und Moden, die sich auch auf Peter I. begründet und von den nachfolgenden Zaren weiter verfestigt wurde. „Wenn man die Form einer Gesellschaft nachahmt, ohne auch den Geist sich anzueignen, der sie belebt, wenn man Unterricht in der Civilisation, nicht von den alten Lehrern des Menschengeschlechts, sondern von Fremden verlangt, die man um ihre Reichthümer beneidet, ohne ihren Character zu achten, wenn die Nachahmung feindselig ist und zu gleicher Zeit kindisch wird, wenn man einem Nachbar, den man verachten will, abguckt, wie er sein Haus eingerichtet hat, wie er sich kleidet, wie er spricht, so wird man ein Echo, ein Widerschein und existiert nicht mehr durch sich selbst.“ Die Nachahmungssucht und die mangelnde Selbständigkeit sind dabei eine direkte Folge der fehlenden Freiheit. Die Einförmigkeit Russlands ist nicht allein durch die extremen Wetterverhältnisse begründet, sondern ist von dem despotischen Willen der Kontrolle und der Einheitlichkeit bestimmt.
Von seiner katholischen Konfession heraus kritisiert Custine zudem auch die orthodoxe Kirche und macht sie wegen ihrer Abhängigkeit vom Zaren mitverantwortlich für die Zustände in Russland.
Die Zukunft Russlands sieht Custine vor allem davon abhängig, ob es gelingt, eine Mittelklasse aufzubauen, denn bisher bestünde das Volk nur aus dem Kaiser und Leibeigenen, die zum Teil wieder Leibeigene besitzen.
Custine hat sich nur vier Monate in Russland aufgehalten, um so bewunderungswürdiger ist sein sehr genauer und kritischer Blick auf die russischen Zustände seiner Zeit, die geprägt sind von Despotie, Menschenverachtung und Bürokratie. Wer Russland kennt, so sein Fazit, dem wird es überall sonst gefallen.
In dem Film Russian Ark von Alexander Sokurow spielt Sergej Dreiden den Marquis de Custine. Er begleitet den Ich-Erzähler auf eine Zeitreise durch die Eremitage in Sankt Petersburg. Seine Anschauungen über Russland finden sich hier wieder, wenn er etwa das Kopieren westlicher Kunst anklagt, Peter I. als Tyrannen bezeichnet, der von den Russen trotzdem verehrt wird, oder die Hauptstadtverlegung nach Moskau begrüßt.
[Bearbeiten] Werke
- La russie en 1839. 4 Bände. Paris: Amyot 1843
- Rußland im Jahre 1839 Leipzig: Berger 1843
- Beatrice Cenzi: tragédie en cinq actes et en vers. Paris: Fourier 1853
- Lettres à Varnhagen. Paris: Fourier 1870
- Russische Schatten: Prophetische Briefe aus dem Jahr 1839. Nördlingen: Greno 1985. (Die Andere Bibliothek 12). ISBN 3-921568-43-9
[Bearbeiten] Literatur
- Albert Marie Pierre de Luppé: Astolphe de Custine. Monaco: Éditions du Rocher 1957
- Julien Frédéric Tarn: Le marquis de Custine, ou, Les malheurs de l'exactitude. Paris: Fayard 1985
- Francine-Dominique Liechtenhan: Astolphe de Custine: voyageur et philosophe. Paris: Champion 1990. ISBN 2-05-101094-3
- Anka Muhlstein: Astolphe de Custine 1790–1857: le dernier marquis. Paris: Grasset 1996. ISBN 2-246-49211-4
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Custine, Astolphe de |
| ALTERNATIVNAMEN | Custine, Astolphe Louis Léonor Marquis de (voller Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Reiseschriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 18. März 1790 |
| GEBURTSORT | Niderviller |
| STERBEDATUM | 25. September 1857 |
| STERBEORT | Paris |

