Athabasca-Ölsande

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karte der drei Ölsandlagerstätten in Alberta

Athabasca-Ölsande bezeichnet eine Ölsandlagerstätte im Bezirk Wood Buffalo in der Provinz Alberta im Westen Kanadas. Namensgeber ist der Fluss Athabasca River, größte Stadt Fort McMurray.

Beschreibung[Bearbeiten]

Die Ölsande in Alberta sind ein Gemisch bestehend aus durchschnittlich 83 % Sand, 10 % Bitumen, 4 % Wasser und 3 % Ton.[1] Der Sand besteht zu 92 % aus Quarz, die restlichen 8 % werden durch Bestandteile wie Glimmer, Pyrit, Rutil, Zirkon und Turmalin gestellt. Da Quarz relativ hydrophil ist, befindet sich das Wasser als ein sehr feiner Film zwischen den einzelnen Sandkörnern und deren Bitumenummantelung.

Der Bitumenanteil in den Sanden beträgt zwischen 1 % und 18 %. Ölsand mit einem Bitumengehalt von unter 6 % kann abgebaut werden, wird jedoch zurzeit als wirtschaftlich unrentabel betrachtet. Im Durchschnitt benötigt man 2 Tonnen Ölsand, um ein Barrel (1 Barrel = 159 Liter) Rohöl herzustellen. In der Provinz Alberta befinden sich etwa 1,7 Billionen Barrel Bitumen, wovon 173 Milliarden Barrel als förderbar gelten (Stand 2006) [2]. Darüber hinaus gibt es noch 1,6 Milliarden Barrel Erdöl. 2006 wurden täglich 1,26 Millionen Barrel Bitumen aus den Ölsanden gewonnen. Davon wurden 660.000 Barrel in Rohöl bzw. Destillate raffiniert. Zusätzlich wurden 466.000 Barrel Bitumen verkauft. Damit entfielen 2006 bereits 42 Prozent der kanadischen Ölproduktion auf Ölsand, in Alberta selbst waren es sogar 62 Prozent. Bis 2016 rechnet man mit einer Steigerung auf 86 Prozent.[3] Das potentielle Abbaugebiet umfasst eine Fläche von etwa 140.000 km² und besteht aus drei Hauptgebieten: Athabasca, Cold Lake und Peace River.[1]

Die oftmals verwendete Bezeichnung „tar sand“ (zu deutsch „Teersand“) ist inkorrekt. Teer ist eine künstlich aus der Destillation von organischem Material hergestellte Substanz. Bitumen ist hingegen eine in der Natur vorkommende sehr schwere Ölart.

Geologie[Bearbeiten]

Die Athabasca-Ölsandmine aus dem Weltraum, NASA Earth Observatory (EO)-1 – Team. Der Fluss Athabasca River befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft des großen Klärschlammbeckens

Die Ölsandlagerstätten befinden sich im Western Canada Sedimentary Basin, einem Vorlandbecken, und werden von bis zu 800 m Sediment überdeckt. Das abbauwürdige Bitumen lagert in Reservoirgesteinen der unterkretazischen McMurray Formation die sich durch dickbankige Quarzsandsteine (92 % SiO2) und Siltsteine sowie zwischengeschaltete Silt-Ton-Lagen in oberen Teilen aufbaut. Die Sedimentationsräume wurden als fluvial (Lower McMurray), deltaisch und als Schelfmilieu (Upper McMurray) interpretiert. Die Auffaltung der Rocky Mountains drängte das Öl aus den vermutlich karbonatischen primären Speichergesteinen in darüberliegende unzementierte kretazische Sandablagerungen.

Abbau und Gewinnung[Bearbeiten]

Tagebau in den Athabasca-Ölsanden in Alberta
Hauptartikel: Ölsand#Abbau und Gewinnung

In den Regionen, wo die Ölsande aufgeschlossen beziehungsweise von weniger als 75 m Sediment bedeckt sind, kann man sie ohne größere technische Probleme per Tagebau fördern. Dies betrifft immerhin 20 % der Athabasca-Lagerstätte, besonders um den Hauptort Fort McMurray herum. Der Abraum wird unter anderem im Syncrude Tailings-Damm abgelagert.

Um die unterirdische Lagerstätte, die nach Südwesten hin abfällt, aufzuschließen, bedient man sich so genannter In situ-Methoden.

Internationale Beteiligung[Bearbeiten]

Anfang 2012 wurde eine Kooperation der Universität von Alberta mit der deutschen Helmholtz-Gemeinschaft namens Helmholtz-Alberta-Initiative installiert. Dafür stehen umgerechnet rund 25 Mio. Dollar aus deutschen Steuermitteln zur Verfügung [4] Aufgrund der öffentlichen Kritik an der Kooperation wurde diese 2013 eingeschränkt und beschäftigt sich fortan nur mit der Forschung im Bereich der Geothermie und der Abtrennung und Lagerung von CO2 im Untergrund. Die gemeinsame Forschung im Bereich der Ölsandförderung wurde eingestellt.[5]

Export, Verkauf[Bearbeiten]

Mindestens 65 Prozent des hier gewonnenen Erdöls gehen aufgrund einer Klausel des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta) in die Vereinigten Staaten.[6] Hierfür wurde 2010 die rund 4.000 km lange Keystone-Pipeline von hier bis Cushing (Oklahoma) (USA) gebaut. Ihre geplante 2.700 Kilometer lange Ergänzung und Verlängerung[7] von hier in den US-Bundesstaat Texas am Golf von Mexico (USA) namens Keystone XL, mit einem Durchmesser von nahezu einem Meter und einem Transportvolumen von ca. 700.000 Barrel Rohöl täglich, wurde zugunsten der Entwicklung einer Alternativplanung Ende 2011 vom amtierenden US-Präsidenten Barack Obama nach massiven Protesten von Umweltschützern sowie mehrerer Nobelpreisträger sowie prominenter Persönlichkeiten wie Desmond Tutu und des Dalai Lama bis auf Weiteres gestoppt.[8]

Weltwirtschaftskrise[Bearbeiten]

2008 stieg der Ölpreis über 140 US-Dollar pro Barrel, brach jedoch ab Anfang 2009 bis auf rund 35 Dollar ein. Darauf wurde die Förderung in Alberta zurückgefahren, da sie in den Ölsanden besonders teuer ist. Sie gilt erst ab rund 70 Dollar als rentabel, laut Merrill Lynch erst ab 80.[9] Der Ölpreis erholte sich erst im März 2010 wieder auf 80 US-$, während er seit Juni 2009 im Bereich von 65 bis 75 US-$ pendelte.[10] Das Gesamtvolumen der Explorationsinvestitionen wurde von 125 Milliarden auf 40 Milliarden zurückgeschraubt. Von den 2,75 Millionen Barrel Rohöl, die in Alberta täglich gefördert wurden, stammten bereits 1,2 Millionen aus Ölsand.[11] Im August 2009 einigten sich Obama und die kanadische Regierung auf den Bau einer Pipeline von Hardisty nach Superior in Wisconsin. Ende 2011 verlautete, dass die US-Regierung das Projekt voraussichtlich stoppen werde. Möglicherweise wird jedoch das Unternehmen TransCanada das Projekt neu beantragen.[12]

Wirkungen auf die Umwelt[Bearbeiten]

Aus der unkonventionellen Ölförderung hier werden seit über 50 Jahren giftige polyzyklische aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) freigesetzt; 2013 wurden erhöhte Werte davon bei einer Studie noch in 90 Kilometern Entfernung gefunden. Sie werden als erhebliche Belastung für die vorhandenen Ökosysteme betrachtet.[13]

Kritik[Bearbeiten]

Ölproduktion Kanadas ab 1960, Hochrechnung bis 2020; Daten des Canadian National Energy Board (NEB, Nationales kanadisches Energiebüro) und der Canadian Association of Petroleum Producers (CAPP, Vereinigung der kanadischen Ölproduzenten), Juli 2008

Die britische Tageszeitung The Guardian bezeichnete Kanada vor allem wegen seiner Ölpolitik als The dirty old man of the climate world (engl., dt. Der dreckige alte Mann der Klimawelt).

Klagen von Umweltschutzverbänden und Verbänden der Ureinwohner gegen das „schmutzigste Öl der Welt“ sind anhängig, wie etwa gegen den Bau der Pipeline in die USA. Der Bau soll durch den Chippewa National Forest erfolgen, und ohne Genehmigung des Stammes das Gebiet der Leech Lake Band durchqueren.[14]

Im März 2010 nannten Umwelt- und Indianerverbände in Zeitungsanzeigen das Öl aus den Ölsanden von Athabasca „Canada's Avatar Sands“, in Anspielung auf den Film Avatar – Aufbruch nach Pandora.[15] Darin wird die Zerstörung einer Kultur (auf einem Mond eines anderen Planeten) geschildert, weil ein Rohstoffunternehmen dort nach dem Rohstoff Unobtainium suchen will.

Die Unternehmen Whole Foods Market und Bed Bath & Beyond sehen sich nach Alternativen zum Athabasca-Öl um. Damit reagieren sie auf eine Initiative von Forest Ethics, die sich an Unternehmen wendet. Umweltminister Jim Prentice forderte die Ölindustrie dazu auf, auf die Vorwürfe zu reagieren. Whole Foods hat sich von Marathon Oil abgewandt, das mit 20 % an den Ölsanden beteiligt ist.[16]

Anteilseigner von Shell wenden sich gegen die Beteiligung ihres Energieunternehmens an der Ausbeutung der Ölsande in Alberta.[17]

Immer wieder werden am Rande der Großbaustelle zur Pipeline Protestaktionen abgehalten. Anfang Dezember schlossen sich sogar zwei Demonstranten in einem Teilstück der Keystone-Pipeline ein, um so den Weiterbau zu stoppen.[18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Facts on Oil Sands (PDF; 248 kB)
  2. Alberta Department of Energy (Englisch) (PDF; 73 kB)
  3. Alberta Department of Energy (PDF; 73 kB)
  4. Silke Hasselmann: Deutsche Hilfe für umstrittenen Ölsandabbau in Kanada. In: dradio.de, Deutschlandfunk, Umwelt & Verbraucher, 2. März 2012 (3. März 2012)
  5. Ralf Nestler: Raus aus dem Ölsand. Online auf Der Tagesspiegel, „Wissen“ vom 21. März 2013. Abgerufen am 17. April 2013.
  6. Le Monde diplomatique, 9. April 2010: Die letzten Tropfen sind kostspielig
  7. FAZ online, Patrick Welter: Naturschutz obsiegt über Ölinteressen. In: faz.net, 11. November 2011 (3. März 2012)
  8. DLF, Klaus Remme: Obama lässt Bau einer Mega-Ölpipeline verschieben. In: dradio.de, Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 15. November 2011, (3. März 2012)
  9. Greenpeace study finds oil companies may be doomed, in: The Guardina, 27. Juli 2009
  10. Historische Ölpreise der Marke Brent
  11. Kanada: Die Ölsand-Industrie tritt auf die Bremse, in: Die Presse, 14. Januar 2009
  12. John M. Broder, Dan Frosch: Politics Stamps Out Oil Sands Pipeline, Yet It Seems Likely to Endure The New York Times, 23. Dezember 2011.
  13. Scinexx: scinexx.de: Ölsand-Gewinnung mit giftiger Fernwirkung (23. Dezember 2013); PNAS, 2013: doi:10.1073/pnas.1217675110
  14. Nach: U.S. State Department OKs Pipeline From Canada's Oil Sands, in: Environment News Service, 21. August 2009 und U.S. approves Alberta Clipper pipeline project, in: The Globe and Mail, 20. August 2009
  15. Canadian firms upset with oilsands-slamming ad in Variety, in: Edmonton Journal, 4. März 2010
  16. Two retailers avoiding fuel from oilsands, in: Edmonton Journal, 11. Februar 2010
  17. Shell faces shareholder revolt over Canadian tar sands project, in: The Guardian, 18. Januar 2010
  18. tarsandsblockade.org über die Protestaktion, abgerufen am 4. Dezember 2012

57.02-111.65Koordinaten: 57° 1′ 12″ N, 111° 39′ 0″ W