Kernenergie

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Atomkraft ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Für die britische Musikgruppe siehe Atomkraft (Band)
Das weltweit erste wirtschaftlich genutzte Kernkraftwerk steht im russischen Obninsk
Weltweite Stromerzeugung in Kernkraftwerken 1995-2012 in TWh[1]

Kernenergie, Atomenergie, Atomkraft, Kernkraft oder Nuklearenergie ist die Technologie zur großtechnischen Erzeugung von Sekundärenergie mittels Kernspaltung. Diese Technologie wird seit den 1950er Jahren in großem Maßstab zur Stromproduktion genutzt. Das Hauptproblem bei Nutzung der Kernspaltung ist, dass dabei radioaktives Material, beispielsweise Uran, benötigt oder erzeugt wird.

Mit Stand März 2014 waren 435 Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von 372 GW in 31 Ländern in Betrieb. Weitere 72 Reaktorblöcke mit einer Gesamtleistung von 68,3 GW befinden sich in Bau.[2] Da parallel zu den Neubauten bisher auch schon 149 Kernkraftwerksblöcke abgeschaltet wurden, blieb die Zahl der Reaktoren wie auch die Stromerzeugung durch Kernenergie seit 1995 weitgehend stabil.[1][3] Durch einen weltweit steigenden Strombedarf sank der Anteil der Kernkraft an der globalen Stromerzeugung seit 1993 von 17 % auf 11 %.[4] Neben dem Einsatz in Kernkraftwerken sind zudem etwa 140 Schiffe mit Nuklearantrieb in Betrieb, auf denen 180 Reaktoren im Einsatz sind. [5] Die Sicherheit der zivilen Kernenergienutzung wird kontrovers diskutiert.

Nicht zum Thema dieses Artikels gehören Radionuklidbatterien, die beispielsweise Raumsonden mit Elektrizität und Wärme versorgen. In ihnen wird Energie nicht durch Kernspaltung und Kettenreaktionen, sondern durch radioaktiven Zerfall freigesetzt. Strom kann dabei z.B. durch Thermoelemente erzeugt werden.

Geschichte

Begriffsgeschichte

Als einer der ersten prägte der Physiker Hans Geitel 1899 den Begriff Atomenergie für die im Zusammenhang mit radioaktiven Zerfallsprozessen auftretenden Phänomene. Später kamen die Synonyme Atomkernenergie, Atomkraft, Kernkraft und Kernenergie hinzu.

Die Verwendung dieser Begriffe hat eine politisch-ideologisch motivierte Verschiebung erfahren. In den 1950er-Jahren war Franz Josef Strauß Bundesminister für Atomfragen. Eine 1955 in Genf abgehaltene Konferenz mit hochrangigen Wissenschaftlern trug den Titel International Conference on the Peaceful Uses of Atomic Energy und wurde in deutschen Medien als Atomkonferenz bekannt. In der Folge dieser Konferenz wurde 1957 die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) gegründet. Der Lobbyverband der an der Technik interessierten deutschen Unternehmen wurde 1959 als Deutsches Atomforum gegründet. In den folgenden Jahrzehnten distanzierten sich die Befürworter der Technik von der Vorsilbe Atom und verwendeten in Deutschland ausschließlich Kern. Parallel dazu geschah im englischen Sprachraum eine Verschiebung von atomic zu nuclear. Als Grund gilt die unerwünschte Assoziation mit dem zunehmend negativ besetzten Begriff der Atombombe. Kritiker behielten dagegen die Vorsilbe Atom sowohl in der Eigenbezeichnung Atomkraftgegner als auch in Slogans wie etwa „Atomkraft? Nein danke“ bei. Sie sprachen weiterhin von Atomenergie und Atomkraftwerken mit der Abkürzung AKW.[6]

Das Synonym Atomkernenergie wurde in der ersten Zeit der technischen Nutzung verwendet[7] (Namensänderung des Atomministerium in Bundesministerium für Atomkernenergie 1961) und bis heute als atomrechtlicher Begriff etwa beim Länderausschuss für Atomkernenergie.

Technikgeschichte

Hauptartikel: Entdeckung der Kernspaltung
Lise Meitner und Otto Hahn im Labor 1913

Um 1890 wurden erste Experimente zur Radioaktivität durchgeführt. Das Ziel Antoine Henri Becquerels, Marie und Pierre Curies und anderer war die Erforschung von Kernreaktionen.

1938 entdeckten Otto Hahn und Fritz Straßmann die induzierte Kernspaltung von Uran, die 1939 von Lise Meitner und Otto Frisch theoretisch erklärt wurde. Zusammen mit dem insbesondere von Frédéric und Irène Joliot-Curie erbrachten Nachweis, dass eine Kettenreaktion möglich ist, wurden die praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Kernspaltung klar.

Zuerst wurden diese Erkenntnisse für die militärische Forschung während des Zweiten Weltkrieges genutzt. Im Rahmen des Manhattan-Projekts gelang Enrico Fermi am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion in einem Kernreaktor in Chicago (Chicago Pile One). Während das Ziel des von Robert Oppenheimer geleiteten Manhattan-Projekts mit der ersten erfolgreich gezündeten Atombombe am 16. Juli 1945 (Trinity-Test) erreicht wurde, gelang es der deutschen Forschungsgruppe unter Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker bis zum Kriegsende nicht, einen funktionierenden Kernreaktor zu entwickeln (Uranprojekt).

Die vier Glühlampen im Forschungsreaktor EBR-I am 20. Dezember 1951

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die militärische Forschung fortgesetzt. So wurde am 31. Oktober 1952 die erste Wasserstoffbombe gezündet. Parallel wurde die zivile Verwendung der Kernenergie entwickelt. Ende 1951 erzeugte der Forschungsreaktor EBR-I im US-Bundesstaat Idaho erstmals elektrischen Strom aus Kernenergie und erleuchtete am 20. Dezember vier Glühlampen. Das erste Kraftwerk zur großtechnischen Erzeugung von elektrischer Energie wurde 1954 mit dem Kernkraftwerk Obninsk bei Moskau in Betrieb genommen. 1955 folgte das Kernkraftwerk Calder Hall in Nord-West England auf dem Gelände des Nuklearkomplexes Sellafield.

In Deutschland wurde 1957 mit dem Forschungsreaktor München in Garching der erste Forschungsreaktor in Betrieb genommen. 1961 wurde auf der Gemarkung der Gemeinde Karlstein am Main aus dem Kernkraftwerk Kahl mit einer Leistung von 15 MW zum ersten Mal elektrischer Strom aus Kernenergie in das westdeutsche Versorgungsnetz eingespeist. 1966 nahm in der DDR das Kernkraftwerk Rheinsberg seinen Betrieb auf. Der Ausbau der Kernenergie in Westdeutschland erfolgte dabei nicht marktgetrieben bzw. als Reaktion auf eine Energieknappheit. Stattdessen kam staatlichen Instanzen die Schlüsselrolle zu, während z.B. die Energieversorgungsunternehmen „lange der bremsende Faktor bei der Durchsetzung der Kernenergie“ waren.[8] Es wird sogar die Auffassung vertreten, dass in den Anfangsjahren der entscheidende Antrieb für das deutsche Kernenergieprogramm darin bestand, damit die Option auf eine Nuklearbewaffnung zu schaffen.[9] Während die deutsche Atompolitik in Fortsetzung des Atomprojekts während der NS-Diktatur zunächst auf den Schwerwasserreaktor setzte, übernahm man in den 60er Jahren das günstigere amerikanische Konzept des Leichtwasserreaktors, ein „Sieg der Ökonomen über die Techniker“.[10]

Mit dieser Nachahmung der Amerikaner ergaben sich für Deutschland spezifische Probleme: So waren die zivilen amerikanischen Reaktoren in Anbetracht des Status der USA als Atommacht derart gewählt, dass sie von den militärischen Uran- und Plutoniumanlagen profitierten, womit eine fließende Grenze zur Militärtechnik eine Grundvoraussetzung der dortigen Reaktorentwicklung war. Deshalb war die Eignung der amerikanischen Reaktortechnik für Deutschland insoweit fraglich, zumindest für den Fall, dass sich Deutschland für alle Zeiten als Nichtatommacht begriffen hätte. Zudem war die Sicherheitsphilosophie beiderseits des Atlantiks eine andere: In den USA war man sich bewusst, dass Leichtwasserreaktoren eine geringere inhärente Sicherheit boten als andere zu dieser Zeit diskutierte Reaktortypen. Deshalb war es weitgehend Konsens, dass man mit dem Schlimmsten rechnen müsse und Kernkraftwerke dementsprechend vorwiegend in dünnbesiedelten und leicht zu evakuierenden Regionen gebaut werden sollten. In der viel dichter besiedelten Bundesrepublik war dies dagegen nicht möglich, da man sonst kaum Reaktorstandorte hätte ausweisen können. Stattdessen wurde, um einen entsprechenden Sicherheitsabstand vermeiden zu können, überlegt, Kernkraftwerke unterirdisch zu errichten, was aber von der Atomindustrie vehement abgelehnt wurde. Andere Planungen sahen dagegen dezidiert Kernkraftwerke vor, die nahe der Großstädte Ludwigshafen am Rhein bzw. Frankfurt am Main liegen sollten, um die dort ansässige Chemieindustrie mit Prozesswärme zu versorgen; maßgeblich aus den Überlegungen heraus motiviert die besondere Zuverlässigkeit deutscher Kernkraftwerke zu beweisen.[11]

In den 1960er Jahren wurden zahlreiche weitere Kernkraftwerke mit deutlich höherer Leistung gebaut. So hatte das 1966 in Betrieb gehende Kernkraftwerk Gundremmingen eine Leistung von 250 MW. 1968 wurde der Erzfrachter „Otto Hahn“ als nuklear betriebenes Forschungsfrachtschiff in Betrieb genommen; nach dem Ende des nuklearen Betriebs 1979 wurde es wieder auf Dieselantrieb umgerüstet.

In den 1970er Jahren wurde insbesondere nach der ersten Ölkrise 1973 der Bau von Kernkraftwerken forciert. Diese Kernreaktoren, wie etwa der Block B des Kernkraftwerks Biblis, leisten etwa 1,3 GW (= 1300 MW). Im Zuge der Proteste der Anti-Atomkraft-Bewegung gegen den Bau des Kernkraftwerks Wyhl 1975 in Deutschland entstand eine größere Opposition gegen die zivile Nutzung der Kernenergie. In Österreich wurde 1978 in einer Volksabstimmung beschlossen, das bereits fertig gebaute Kernkraftwerk Zwentendorf nicht in Betrieb zu nehmen.[12] Die Kritik an der Kernkraft verstärkte und verschärfte sich insbesondere durch das schwere Reaktorunglück im Kernkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg (USA) am 28. März 1979, bei dem es erstmals zu einer partiellen Kernschmelze kam.

1983 wurde in Hamm-Uentrop der Thorium-Hochtemperaturreaktor (Kernkraftwerk THTR-300) in Betrieb genommen. Er geht auf die Entwicklungen durch Rudolf Schulten zurück. Dieser Prototyp eines Kugelhaufenreaktors wurde sechs Jahre später nach mehreren technischen Störungen, langen Stillstandsphasen und nur 14 Monaten Volllastbetrieb stillgelegt. Die Stilllegung war notwendig geworden, da die Anlage 1989 am Rande der Insolvenz stand und keine Einigung über die Übernahme der auch weiterhin zu erwartenden hohen Betriebsverluste erzielt werden konnte. Der THTR wurde in den Sicheren Einschluss überführt.

Am 26. April 1986 ereignete sich die Katastrophe von Tschernobyl, bei der nach einer Kernschmelze auch in Westeuropa große Mengen von Radioaktivität niedergingen. In der Folge nahm insbesondere in Europa die Kritik an der Nutzung der Kernenergie deutlich zu. Im Jahr 2000 wurde in Deutschland auf Druck der Bundesregierung der Ausstieg aus der kommerziellen Nutzung der Kernenergie bis etwa 2020 beschlossen.[13] In diesem Rahmen wurden bis 2005 zwei Kernkraftwerke vom Netz genommen. 2010 beschloss die schwarz-gelbe Koalition Kabinett Merkel II eine Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke um 8 bzw. 14 Jahre. Dieser Beschluss war politisch und gesellschaftlich stark umstritten (erst recht seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima in Japan seit März 2011). Der schwere Unfall in Fukushima hat gezeigt, dass der weltweit verbreitete Leichtwasserreaktor mit Mark-I Containment von General Electric den Ansprüchen an Sicherheit nicht abschließend genügt, zumal die Gründe für den Unfall in Fehlentscheidungen des Betreibers (Wirtschaftlichkeit vor Sicherheit) und Nachlässigkeit der Behörden lagen. Als Reaktion darauf verkündete die Bundesregierung im März 2011 zunächst ein dreimonatiges Atom-Moratorium, schließlich wurde im Atomkonsens der Ausstieg bis zum Jahr 2022 beschlossen, die acht ältesten Kernkraftwerke wurden sofort stillgelegt.

Internationale Perspektive

Hauptartikel: Kernenergie nach Ländern
Zeitliche Entwicklung der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung.
(Leistung aller neu installierten Kernkraftwerke [durchgezogener Rahmen] bzw. aller zerstörten oder permanent stillgelegten Kernkraftwerke [gepunkteter Rahmen] – aufgeschlüsselt nach Jahren und Ländern. Die Legende gibt die ISO-3166-1-Kodes der Länder an. Quelle:[2])

Laut IAEA/PRIS sind die Anzahl der Kernkraftwerke und die installierte Leistung seit 1995 mit geringfügigen Schwankungen nahzu konstant geblieben. Die Anzahl der Kraftwerke änderte sich von 434 auf 437, die verfügbare Leistung von 341 GW auf 373 GW.[14] Im Jahr 2011 waren laut IAEA 65 Reaktoren weltweit im Bau sowie 114 in Planung.[15] Nach dem Unfall von Fukushima wurden jedoch zahlreiche Neubaupläne revidiert. Beispielsweise stoppte China vorübergehend sämtliche Neubaupläne.[16]

In den USA kündigte Präsident Barack Obama den Bau einer „neuen Generation sicherer, sauberer Atomkraftwerke“ an und bietet dafür staatliche Kreditgarantien in der Höhe von 38,6 Mrd. Euro.[17] Mit Stand November 2013 befinden sich in den USA fünf Atomkraftwerke in Bau.[18]

Die französische Regierung bekräftigte unlängst, dass die Kernenergie der Grundpfeiler der seit 40 Jahren andauernden Politik der Energieunabhängigkeit bleiben werde.[19] Der im Mai 2012 neugewählte Präsident Hollande hat im Wahlkampf mit den Grünen vereinbart, 24 der 58 französischen Reaktoren abschalten zu wollen.

In Indien werden mit Stand November 2013 sechs Kernkraftwerke gebaut.[20] Es ist vorgesehen, bis 2050 25 % der Elektrizitätsbedarfs durch Kernenergie zu decken.[19]

In China befinden sich mit Stand November 2013 30 Kernkraftwerke in Bau, etwa 148 weitere Reaktorblöcke befinden sich in Planung.[21] Im März 2011 setzte die Regierung die Genehmigung neuer Kernkraftwerke vorübergehend aus. Bis 2020 ist eine Verachtfachung der installierten Leistung auf insgesamt 80 GW vorgesehen.[22] Im Juli 2011 wurde berichtet, dass China wieder auf einen rasanten Ausbau der Kernenergie setzen würde. Die Atomkatastrophe von Fukushima habe daran nicht viel geändert.[23]

Russland betreibt mit Stand November 2013 33 Reaktoren und baut 10, 31 befinden sich in Planung.[24]

Südkorea treibt die Kernenergie ebenfalls voran, derzeit sind 5 Reaktoren im Bau und weitere geplant.[19]

Italien hat nach einem Volksentscheid, in dem sich 95 % der Bürger gegen den Wiedereinstieg entschieden, den von der Regierung Berlusconi geplanten Wiedereinstieg ad acta gelegt.[25]

Deutschland entschied sich bereits unter der Regierung Schröder für einen Atomausstieg bis ca. 2020/21. Die Regierung Merkel verlängerte zunächst die Laufzeiten, leitete jedoch nach dem Reaktorunfall von Fukushima einen beschleunigten Atomausstieg bis 2021 ein.[26]

In Japan gingen bis zum 5. Mai 2011 sukzessive alle Reaktoren aus Wartungsgründen vom Netz. Für die Wiederanfahr-Erlaubnis sind die lokalen Parlamente zuständig, die bisher alle Anträge abschlägig beschieden haben. Mitte September 2012, eineinhalb Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima, beschloss die japanische Regierung den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie bis spätestens 2040.[27]

Technologie

Physikalischer Hintergrund

Heutige Kernkraftwerke wandeln die Energie aus neutroneninduzierter Kernspaltung in Wärmeenergie und diese in elektrische Energie um. Stromerzeugung aus der bei der Kernfusion freiwerdenden Energie ist das Ziel der Kernfusionsreaktor-Entwicklung.

Unabhängig von dieser großtechnischen Gewinnung von Energie in Kernreaktoren oder Fusionsreaktoren wird die thermische Energie aus bestimmten radioaktiven Kernzerfällen genutzt, um in Radionuklidbatterien elektrische Energie zu erzeugen. Derartige Batterien können wartungsfrei über viele Jahre Energie liefern und werden u.a. in Raumsonden eingesetzt, sofern diese aufgrund zu großer Entfernung von der Sonne nicht ausreichend Strom über Solarzellen erzeugen können.

Kernspaltung

Hauptartikel: Kernspaltung

Bei der induzierten Kernspaltung zerfallen die Atomkerne von schweren Uran-, Thorium- oder Plutonium-Isotopen in (meist) zwei leichtere Kerne, nachdem sie ein Neutron absorbiert haben. Die Differenz zwischen der Masse des Ursprungkerns und der Summe der Massen der Spaltprodukte, auch als Massendefekt bekannt, wird dabei entsprechend der Äquivalenz von Masse und Energie in kinetische Energie umgesetzt. Pro Spaltung sind dies etwa 200 MeV. Zu den Spaltprodukten zählen auch 2–3 prompte Neutronen, die bei jeder Spaltung freigesetzt werden. Diese können weitere Kernspaltungen bewirken und führen so zu einer Kettenreaktion. Die durch radioaktiven Zerfall der Spaltprodukte entstehenden verzögerten Neutronen ermöglichen es, die Kettenreaktion in einem Kernreaktor technisch zu steuern (siehe Kritikalität).

Der Energieausbeute von rund 200 MeV pro Spaltung entspricht eine thermische Energie von etwa 0,96 MWd (Megawatt-Tagen) pro Gramm Uran-235 oder Plutonium-239. Die gleiche thermische Energie kann durch Verbrennen von 2,8 t Steinkohle, 10 t Braunkohle oder 1,9 t leichtem Heizöl gewonnen werden.[28]

Kernfusion

Hauptartikel: Kernfusionsreaktor

Bei der als Energiequelle zu nutzenden Kernfusion verschmelzen zwei leichte Atomkerne, die Wasserstoff-Isotope Deuterium und Tritium, zu einem Helium-4-Atomkern. Da Atomkerne positiv geladen sind, muss dafür die Coulomb-Kraft, die eine Abstoßung der Kerne bewirkt, überwunden werden. Dazu sind ein hoher Druck und sehr hohe Temperatur – etwa 100 Millionen Kelvin – erforderlich. Wie bei der Kernspaltung wird durch den Massendefekt ein Teil der Kernbindungsenergie, je nach Reaktion in der Größenordnung von etwa 3–18 MeV pro Fusion, freigesetzt. Das benötigte Tritium, das in der Natur nur selten vorkommt, soll zunächst mit Kernspaltung aus Schwerwasserreaktoren (Bauart CANDU) gewonnen werden. Später soll Tritium durch weitere Kernreaktionen im Blanket von Fusionskraftwerken erbrütet werden. Ein Kernfusionsreaktor hätte voraussichtlich deutliche Vorteile bei Sicherheit und entstehendem Abfall,[29] seine Machbarkeit ist aber bisher noch nicht erwiesen.[30]

Kernkraftwerk

Hauptartikel: Kernkraftwerk

Kernkraftwerke führen gesteuerte Kettenreaktionen von Kernspaltungen in Kernreaktoren durch, um Hitze zu erzeugen, die mittels Dampf in Turbinen elektrischen Strom erzeugt. Kernfusionsreaktoren befinden sich seit Langem im Stadium der Forschung und Entwicklung. Weiterhin sind im militärischen Bereich einige Flugzeugträger, Atom-U-Boote und wenige Atomkreuzer mit Kernenergieantrieb ausgestattet; im zivilen Bereich hat sich dieser Antrieb lediglich für Atomeisbrecher durchgesetzt (siehe auch: Liste ziviler Schiffe mit Nuklearantrieb).

Brennstoffkreislauf

Hauptartikel: Brennstoffkreislauf
Brennstoffkreislauf mit Versorgung, Entsorgung und Wiederaufarbeitung

Für die Gesamtheit der Arbeitsschritte, die zur Versorgung von Kernreaktoren mit Brennelementen dienen, einschließlich der notwendigen Maßnahmen zur Entsorgung des radioaktiven Abfalls ist der Oberbegriff Brennstoffkreislauf üblich. Dieser Begriff wurde ursprünglich in der Diskussion um die Errichtung der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf bekannt. Mit „Kreislauf“ ist nicht eine vollständige Wiederverwertung des Materials gemeint; jedoch war geplant, den gebrauchten Brennstoff nach Entnahme aus dem Reaktor chemisch in seine Bestandteile zu zerlegen und nach Abtrennung der nicht spaltbaren Anteile als Rohmaterial für neue Brennelemente zu verwenden.

Gewinnung und Anreicherung

Hauptartikel: Urananreicherung
Hauptartikel: Uranbergbau

In den Brennelementen der Kernreaktoren werden derzeit hauptsächlich Uran und in Mischoxid-Brennstäben zusätzlich Plutonium als Kernbrennstoff verwendet. Seltener wird Thorium verwendet.

Etwa die Hälfte der Uranförderung findet derzeit in dünn besiedelten Gebieten Kasachstans, Kanadas und Australiens statt. Uran und Thorium werden zumeist im Bergbau auf andere verbreitetere Metalle gewonnen, so bei Olympic Dam in Australien. Der Urangehalt derzeit genutzter Lagerstätten schwankt mit 0,03 bis 18 Prozent erheblich. Historisch und für die Waffenproduktion bedeutend war der Uranabbau in der ehemaligen DDR namentlich bei der Wismut.

Weltweit werden etwa 7800 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr in Kohlekraftwerken verbrannt. In der anfallenden Asche ist mit einem Urananteil von etwa 10.000 Tonnen Uran, einem Viertel der Bergbau geförderten Menge zu rechnen.[31] Die Rohstoffversorgung mit Kernbrennstoff gilt als auf Jahrhunderte gesichert.[32] Zudem entsteht Plutonium beim Betrieb von Kernreaktoren durch die Bestrahlung von Uran mit Neutronen. Es wird bei der Wiederaufbereitung aus dem Abbrand gewonnen und kann erneut für Brennelemente verwendet werden. Eine weitere, derzeit bedeutende Quelle stellen Uran und Plutonium aus ehemaligen Kernwaffen dar.

Uran wird im Bergbau aus Uranerz gewonnen, das meist im Tagebau abgebaut wird. Das Erz wird gemahlen und das Uran chemisch – üblicherweise als Triuranoctoxid (U3O8) – extrahiert. Anschließend wird das U3O8 in Uranhexafluorid (UF6) umgewandelt. Während in Schwerwasserreaktoren und in Brutreaktoren Uran mit der natürlichen Isotopenverteilung von 99,3 % 238U zu 0,7 % 235U verwendet werden kann, benötigen die weitverbreiteten Leichtwasserreaktoren angereichertes Uran mit einem Anteil von bis zu etwa 6 % 235U. Die Anreicherung von 235U erfolgt üblicherweise mittels Gasdiffusion oder Ultrazentrifugen. Das Uran wird dann als Urandioxid, eventuell zusammen mit Plutoniumdioxid als Mischoxid, zu Brennstäben verarbeitet. Mehrere Brennstäbe werden dann zu Brennelementen zusammengefasst.

Zwischenlagerung

Hauptartikel: Zwischenlager (Kerntechnik)

Bei der Kernspaltung entstehen radioaktive Isotope. Daher sind verbrauchte Brennelemente stark strahlend und ihr Material darf nicht in die Umwelt gelangen. Direkt nach dem Einsatz ist die Strahlung so stark, dass eine weitere Verarbeitung nicht möglich ist. Die Brennelemente werden aus diesem Grund für einige Monate oder Jahre im Zwischenlager des Kernkraftwerks in einem Abklingbecken gelagert. Nach dieser Zeit sind kurzlebige Isotope weitgehend zerfallen. Es verbleiben jedoch langlebige Isotope, die die Brennelemente weiterhin hoch radioaktiv machen. Ein Teil dieser Isotope ist spaltbar und lässt sich nach chemischer Abtrennung im Prinzip als Kernbrennstoff verwenden. Der Rest muss gelagert werden, bis er durch radioaktiven Zerfall unschädlich geworden ist.[33]

Für den Abtransport und die Lagerung der Brennelemente außerhalb des Abklingbeckens verwendet man spezielle Behälter, beispielsweise Castor-Behälter. Abgebrannte, nicht wiederaufgearbeitete Brennelemente und radioaktiver Abfall aus Wiederaufarbeitungsanlagen werden in Lagerungsbehältern in Zwischenlagern so lange gelagert, bis die Wärmeentwicklung so weit abgeklungen ist, dass eine Endlagerung möglich ist. Dies dauert einige Jahrzehnte.

Endlagerung

Hauptartikel: Endlagerung

Der radioaktive Abfall eines Kernkraftwerks strahlt auch nach Jahrzehnten noch stark. Erst nach einigen Tausend bis einigen Hunderttausend Jahren (je nachdem, was man als ungefährlich einstuft) ist diese weitgehend abgeklungen. Zudem sind einige im Atommüll enthaltene Elemente auch sehr giftig. Deshalb muss der radioaktive Abfall dauerhaft so gelagert werden, dass er von der Biosphäre ferngehalten wird. Für diesen Zweck anzulegende Lager nennt man Endlager. Hochradioaktiver Abfall (High Active Waste) erzeugt viel Zerfallswärme; deshalb werden die stählernen Aufbewahrungsbehälter – zum Beispiel Castoren – stehend gelagert und haben Kühlrippen.

Bislang (2013) gibt es weltweit kein einziges Endlager für hoch radioaktiven Abfall.

Transmutation

Eine Möglichkeit zur Umwandlung langlebiger radioaktiver Abfälle besteht in der Transmutation dieser Abfälle in Isotope, die entweder stabil sind oder deren Radioaktivität in wenigen hundert Jahren auf ein unschädliches Maß abgeklungen ist.[34] Diese Anlagen sind zurzeit in der Forschung und Entwicklung und werden auf europäischer Ebene durch das Eurotrans-Projekt gefördert. Technisch bestehen diese Anlagen aus einem Protonenbeschleunigersystem und einem Target, in dem schnelle Neutronen erzeugt werden. Einige der problematischen Isotope können durch den Beschuss mit schnellen Neutronen in unproblematischere Isotope umgewandelt werden. Allerdings erfordert die Transmutation mehrfache, komplexe Wiederaufarbeitung. Die erste Versuchsanlage soll 2020 im Rahmen des Myrrha-Projekts[35] in Belgien entstehen.

Wiederaufarbeitung

Hauptartikel: Wiederaufarbeitung

In Wiederaufarbeitungsanlagen – wie etwa die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Frankreich – können die in abgebrannten Brennelementen enthaltenen 95 % Uran und 1 % Plutonium von den 4 % Spaltprodukten und höheren Aktiniden getrennt werden. Vom abgetrennten Uran können nach erneuter Anreicherung (z. B. in Sewersk, Russland) ca. 10 % wiederverwendet werden. Das bedeutet, in der Summe sind bei einer Wiederaufbereitung insgesamt 1 % bis 10 % des Materials wieder zu verwenden, 90 % bis 99 % sind zum Teil hoch radioaktiver Abfall. Des Weiteren werden in La Hague jährlich ca. 0,5 Mrd. Liter radioaktiv kontaminiertes Abwasser in den Ärmelkanal geleitet sowie radioaktiv kontaminierte Abluft über Europa freigesetzt.[36] Besonders signifikant ist der Anteil von radioaktivem Krypton (85Kr) in der Abluft (ca. 90000 Bq pro Kubikmeter Luft).[37]

In Deutschland war eine Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf in Bau, wurde aber aus finanziellen Gründen und aufgrund des starken Widerstands aus der Bevölkerung nicht fertiggestellt.[38]

Umweltaspekte

Ökobilanz

Anleitung: Neutraler Standpunkt Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite. Weitere Informationen erhältst du hier.

Auf der Datenbasis von 2001 lagen die spezifischen Treibhausgasemissionen bei 15 Kilotonnen pro Terawattstunde und damit deutlich günstiger als etwa Kohle (rund 1.000 kt/TWh) oder Öl (778 kt/TWh). Windenergie lag bei 9 kt/TWh und Photovoltaik bei 13 kt/TWh. Laufwasserkraft hat mit 2 kt/TWh das niedrigste Potenzial.[39] Nach einer Studie des Paul-Scherrer-Instituts aus dem Jahr 2005 produzierten Kernkraftwerke während ihres gesamten Lebenszyklus (Herstellung, Betrieb, Rückbau) ähnlich viel CO2 wie Windenergie und weniger als Photovoltaik (Solarstrom).[40] „Speziell die Werte für Nuklearkraftwerke könnten in ähnliche Höhen klettern wie für die Photovoltaik, wenn die Urananreicherung nicht effizient betrieben wird“, räumen die PSI-Fachleute ein. „Auch das Ausweichen auf weniger ergiebige Uranquellen könne die CO2-Bilanz der Kernkraft in Zukunft verschlechtern.“[41]

Die Schwefeldioxid-Emissionen liegen bei 3 Tonnen pro Terawattstunde und deutlich günstiger als bei Öl (8013 t/TWh) und Kohle (5274 t/TWh). Windkraft lag 2001 bei 69 t/TWh, Photovoltaik bei 24 t/TWh. Die niedrigsten Emissionen hat die Fluss-Wasserkraft mit 1 t/TWh.[39]

Die direkten Flächenansprüche der Kernenergie liegen bei 0,5 Quadratkilometern pro Terawattstunde. Windkraft lag 2001 bei 72 km²/TWh (hier wurde die (zum größten Teil weiter nutzbare) Abstandsfläche zwischen den Anlagen berücksichtigt, nicht die reine Standfläche), Photovoltaik bei 45 km²/TWh (ohne Berücksichtigung, dass in der Realität hauptsächlich schon bebaute Flächen/Dächer genutzt werden). Die Kernenergie hat bei dieser Betrachtung von allen Energieformen die geringsten Flächenansprüche.[39]

Der Erntefaktor, also das Verhältnis von gewonnener zu aufgewendeter Energie, liegt für Photovoltaik bei 3 bis 7 und für Windkraft bei 16 bis 25. Wasserkraft hat standortabhängig einen Erntefaktor von 10 bis 270. Der Erntefaktor der Kernenergie liegt in einer Bandbreite von 5 bis 15, für optimierte neue Anlagen bis 24.[42][43][39][44] Eine kürzliche Veröffentlichung sieht tendenziell ungünstigere Erntefaktoren für erneuerbare Energien, gibt aber für konventionelle Kernkraftwerke Erntefaktoren von 75 bis 106 an und hält für zukünftige Kernkraftwerke sogar Werte von 2000 für möglich.[45] In dieser Studie wird optimistisch eine AKW-Laufzeit von 60 Jahren mit einer Arbeitsverfügbarkeit von 91,3 % angenommen (2009: gemittelt 74,2 % in Deutschland[46]).

Kohlenstoffdioxid-Emissionen

Kernkraftwerke erzeugen im laufenden Betrieb kein CO2. Jedoch ist der Energieeinsatz bei der Herstellung der Kraftwerke, bei ihrem Betrieb (bei Kernkraftwerken einschließlich Brennstoffbeschaffung und Abfallentsorgung) und bei ihrem Abriss grundsätzlich mit CO2-Freisetzungen verbunden. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages[47] kommt durch Vergleich unterschiedlicher Quellen zum Schluss, dass zwischen 16 und 23 Gramm CO2 pro erzeugter kWh Atomstrom freigesetzt werden. Das ist außerordentlich wenig im Vergleich zu Kohlekraftwerken: Gegenwärtig beträgt der CO2-Ausstoß bei Steinkohle ca. 950 g/kWh und bei Braunkohle ca. 1150 g/kWh. Ein Kohlekraftwerk erzeugt etwa 50-mal mehr Kohlendioxid pro erzeugter Energieeinheit als ein Kernkraftwerk.

Die insgesamt über den gesamten Lebenszyklus freigesetzte CO2-Menge ist bei Kernkraftwerken also deutlich geringer als bei Erzeugung der gleichen Strommenge mittels konventioneller (fossil gefeuerter) Kraftwerke. Bessere CO2-Reduktionsfaktoren können mit Windkraft- und Wasserkraftwerken erreicht werden, während andere Erneuerbare Energien, insbesondere die Fotovoltaik, nur etwas kleinere CO2-Reduktionsfaktoren erreichen.

Die CO2-Emissionen bei Kernenergie hängen vom Urangehalt des Erzes – pro Tonne Uranoxid fallen derzeit zwischen 1000 und 40.000 Tonnen Abraum an – und dem gewählten Verfahren der Urananreicherung ab. Die Begrenztheit des Urans bedingt, dass zunehmend Erze mit immer geringerem Urangehalt als Brennstoffe aufbereitet werden. Damit steigen bei Verwendung nicht CO2-neutraler Energiequellen für Uranabbau und -anreicherung die CO2-Emissionen pro kWh Strom. Zu bedenken ist, dass keine der Studien vollständig die CO2-Emissionen vor und während der Stromerzeugung sowie danach, bei Entsorgung und Lagerung bilanziert. Weiter ist anzumerken, dass keine der zitierten Studien die Verbesserung der Abbrandparameter neu konzipierter Kernkraftwerke, wie z. B. des EPR, berücksichtigt, die zu einer Senkung des Uraneinsatzes bei gleichbleibender Leistung führt.

Nicht alle Kraftwerke erzeugen im Betrieb CO2, jedoch entsteht bei der Herstellung, beim Betrieb und bei ihrem Abriss grundsätzlich auch klimaschädliches CO2. Die insgesamt (über den gesamten Lebenszyklus) freigesetzte Menge ist sehr unterschiedlich, wie die folgende Tabelle zeigt. Die rot unterlegten Felder zeigen, dass in Deutschland die Kohlekraftwerke nur 47 % der gesamten elektrischen Energie erzeugen, aber 80 % des dabei erzeugten Kohlendioxids CO2 verursachen. Der CO2-Anteil, den Kernkraftwerke bei 22,6 % Stromerzeugungsanteil indirekt beitragen, ist mit 0,7 % sehr gering. In den beiden rechten Spalten ist die aktuelle Verteilung im Nachbarland Frankreich gegenübergestellt.

Vergleich Deutschland und Frankreich (Quellen: Süddeutsche Zeitung 2007,[47] Bundesministerium BMWI, World Nuclear Association[48])
Kraftwerksart CO2-Emissionen pro kWh in Gramm[49] Anteil an der gesamten Bruttostromerzeugung (2009) in Deutschland[50] Anteil an der CO2-Erzeugung aller Kraftwerke in Deutschland Anteil der gesamten elektr. Energie (2007) in Frankreich Anteil an der CO2-Erzeugung aller Kraftwerke in Frankreich
Wasserkraft 10-40 3,2 % 0,06 % 8,8 %[51] 1,2 %
Windenergie 10-40 6,4 % 0,12 % 0 %
Kernkraftwerk 10-30 22,6 % 0,7 % 86,6 %[52] 27,8 %
Photovoltaik 50-100 1,0 % 0,1 % 0 %
Erdgas (400–550) 12,9 % 8,1 %
Erdöl 890[47] 2,1 % 1,9 %
Steinkohle 790–1080 18,3 % 35,3 % 4,6 %[53] 71 %
Braunkohle 980–1230 24,6 % 44,9 %
andere (Müll, Biomasse, …) 8,7 % 8,9 %
Strom-Mix in Deutschland (2007) 604

Welche Einsparungen durch politische Vorgaben möglich sind, zeigt der Vergleich der Kraftwerkparks der Nachbarländer Frankreich und Deutschland: Obwohl auch in Frankreich CO2 durch die 15 Kohlekraftwerke freigesetzt wird, ist die Gesamtmenge erheblich geringer, wie die folgende Tabelle zeigt. Nach Angaben der EDF[54] werden 95 % der elektrischen Energie in Frankreich CO2-frei erzeugt. Bei fast gleicher elektrischer Gesamtenergie produziert man in Frankreich nicht einmal 10 % des in Deutschland freigesetzten Klimagases CO2. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Energiewirtschaft nur weniger als die Hälfte des anthropogenen CO2-Ausstosses ausmacht. Im Pro-Kopf Ausstoss liegt Frankreich daher nur etwa um ein Drittel niedriger als Deutschland (2008).

Staat Gesamterzeugung
aller Kraftwerke
in TWh
Strom-Mix g pro kWh Gesamt-CO2
in Milliarden kg
Anzahl der großen fossil-
thermischen Kraftwerksblöcke
Anzahl der
Kernkraftwerksblöcke
Deutschland 636,5 604 384 ≈ 70 17
Frankreich[52] 610,6[54] 061 037 15 58

Staatliche Regulierung

Rechtsgrundlagen

Flagge der IAEO

Die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) soll die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung der Kernenergie und der Anwendung radioaktiver Stoffe fördern und gleichzeitig den Missbrauch dieser Technologie (insbesondere die Proliferation von Kernwaffen) durch Überwachungsmaßnahmen verhindern. Diverse internationale Verträge wie der Atomwaffensperrvertrag und das Atomhaftungsübereinkommen geben entsprechende Richtlinien vor.

In Deutschland ist die Rechtsgrundlage der zivilen Verwendung der Kernenergie das deutsche Atomgesetz (Gesetz über die friedliche Verwendung der Kernenergie und den Schutz gegen ihre Gefahren).[55]

In der Schweiz war bis 2005 das schweizerische Atomgesetz (Bundesgesetz über die friedliche Verwendung der Atomenergie) Rechtsgrundlage, seither ist es das Kernenergiegesetz.

In Österreich dagegen gibt das Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich dem Verbot der kommerziellen Nutzung von Kernreaktoren nach einem nationalen Referendum seit 1999 Verfassungsrang.

Weitere Verordnungen, wie die Atomrechtliche Deckungsvorsorge-Verordnung (AtDeckV), setzen internationale Richtlinien in Deutschland um. Die Deckungsvorsorge für ein Kernkraftwerk beträgt 2,5 Milliarden Euro, die zu einem Teil als Haftpflichtversicherung und zum anderen Teil als Solidarvereinbarung unter den Kernkraftwerksbetreibern abgesichert sind.

Die Haftungshöchstgrenze bei Schäden, die unmittelbar auf Handlungen eines bewaffneten Konfliktes, von Feindseligkeiten, eines Bürgerkrieges, eines Aufstandes oder auf eine schwere Naturkatastrophe außergewöhnlicher Art zurückzuführen sind, liegt bei ebendiesen 2,5 Milliarden Euro. Für Schäden aus anderen Ursachen haften die Betreiber theoretisch unbegrenzt, de facto ist die Haftung durch das Eigenkapital der Betreiber begrenzt. Andere Versicherungen, wie z. B. Kasko-Autoversicherungen, schließen die Abdeckung von Schäden, die durch Kernenergieunfälle verursacht werden könnten, in aller Regel ausdrücklich aus.

Subventionen und andere Förderungen

Europa

Seit der Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft 1957 wird die Kernenergie politisch und wirtschaftlich gefördert. Für die Durchführung des siebten Rahmenprogramms im Zeitraum 2007–2011 standen nach Angaben der EU-Kommission Mittel in Höhe von insgesamt 3 Milliarden Euro zur Verfügung.

Im EU-Haushalt 2012 sind ca 1,3 Mrd. Euro Forschungsgelder für die Kernenergie vorgesehen, vor allem für die Kernfusion. Auf alle anderen Energieformen zusammen entfallen 355 Mio. Euro, wobei insbesondere die fossilen Energien gefördert werden. Die Windenergie wird mit lediglich 24 Mio. Euro gefördert.[56][57]

Einem internen Bericht der EU-Kommission zufolge wurde die Kernenergie in den EU-Staaten im Jahr 2011 mit 35 Mrd. Euro subventioniert. Damit lagen die Subventionen der Kernenergie höher als die Subventionen für Erneuerbare Energien (30 Mrd.) und für fossile Energien (26 Mrd.); für Effizienzmaßnahmen wurden 15 Mrd. ausgegeben. Aufgrund geringer Transparenz sind die genauen Förderkosten für die Kernenergie in Europa derzeit unklar.[58][59] Nach Einschätzung von Radkau und Hahn besteht die größte Subvention der Kernenergie im Verzicht auf eine Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckungssumme, was der Zusage einer weitgehenden Übernahme der Folgekosten schwerer Reaktorunfälle durch den Staat gleichkommt.[60]

Da derzeit (2012) kaum Unternehmen bereit sind, die sehr hohen Investitionskosten beim Bau von Kernkraftwerken zu tragen, fordern laut Süddeutscher Zeitung Großbritannien, Frankreich, Polen und Tschechien Subventionen für die Stromerzeugung mittels Kernenergie. Demnach sollen unter anderem Einspeisevergütungen analog der Förderung von Erneuerbaren Energien für Atomstrom eingeführt werden und Kernkraftwerke als „emissionsarme Technologien“ den Erneuerbaren Energien gleichgestellt werden. Auch der Bau der Kraftwerke selbst soll subventioniert werden. Der Energiekommissar der EU, Günther Oettinger, kündigte bereits seine Bereitschaft an, „verschiedene Optionen zu diskutieren“. Zuvor waren mehrere geplante Projekte für Kernkraftwerke aus finanziellen Gründen abgesagt worden, der Bau der beiden Kernkraftwerke Flamanville 3 in Frankreich und Olkiluoto 3 hatte sich stark verteuert.[61][62]

Deutschland

Ende der 1950er Jahre plante RWE seinen ersten Kernreaktor „um den Anschluss an die Technologie nicht zu verlieren“. Die zugehörige Bestellung erfolgte allerdings erst 1969 mit dem Kernkraftwerk Biblis.[63]

Am 21. Oktober 1955 war Franz Josef Strauß Atomminister geworden; er propagierte die Kernenergie energisch (und bis zu seinem Tod 1988). Am 13. November 1960 ging das Kernkraftwerk Kahl als Versuchreaktor mit 15 MW in Betrieb, mit US-amerikanischer Reaktortechnik von General Electric.[64] In den Anfangsjahren glaubte man: „Kein AKW in Deutschland könne jemals mit einem Kohlekraftwerk konkurrenzfähig sein“.[65] Deshalb wurde sowohl der Bau der ersten Kernreaktoren als auch der eingespeiste Strom staatlich subventioniert.[65]

Forschungsausgaben auf Bundesebene im Bereich Energie

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kam in einer Studie aus dem Jahr 2007 zu dem Ergebnis, dass sich allein die deutschen Ausgaben des Bundes und der Länder für nukleare Energieforschung und -technologie von 1956 bis zum Jahr 2006 auf mindestens 50 Mrd. Euro belaufen.[66] Nicht enthalten sind darin unter anderem öffentliche Ausgaben für die innerdeutsche Uranerzbergbausanierung (6,6 Mrd. €) und Anteile an Stilllegung/Rückbau kerntechnischer Anlagen (2,5 Mrd. €).[67]

Addiert man diese Kosten und bezieht sie auf die bis Ende 2006 mittels Kernenergie erzeugte Strommenge von rund 4100 TWh,[66] ergibt sich eine durchschnittliche Unterstützung von 1,5 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh). Betrachtet man nur die im Jahr 2006 wirksame Summe aller quantifizierten Effekte (soweit Angaben vorliegen, einschließlich vereinigungsbedingter Lasten und internationaler Projekte) zur Förderung der Kernenergie, beträgt die Geldmenge 3,7 Mrd. Euro (Währungswert von 2006).[68] Dies entspricht einer Unterstützung (167,4 TWh[69] Strom aus Kernenergie im Jahr 2006 in Deutschland) von 2,2 ct/kWh (Währungswert von 2006). Die Werte sind dabei als untere Grenze zu verstehen, da sich viele Kosten der Kernenergie kaum oder gar nicht konkret beziffern lassen und die Zahlen „längst noch nicht alle öffentlichen Ausgaben zugunsten der Atomenergie“[66] enthalten. Beispielsweise sind Schäden durch Kernenergie in keiner privaten Hausratversicherung abgedeckt,[57] die Kosten weder für den Salzstock Gorleben noch für die Stilllegung der Schachtanlage Asse II bezifferbar.[70]

2010 erstellte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace eine umfangreiche Studie: „Staatliche Förderungen der Atomenenergie“ (2010).[71] Diese ermittelte eine Gesamtsumme der Fördermittel von 203,7 Milliarden Euro für den Zeitraum von 1950 bis 2010, was 4,3 ct/kWh entsprechen würde. Dies beinhaltet Steuervergünstigungen, die Stilllegungen von Meilern, Forschung inklusive Kernfusionsforschung, Mitgliedschaft in internationalen Organisationen wie Euratom sowie die Sanierung der Uranbergbauanlagen in der ehemaligen DDR. Zudem wäre sie um bis zu 2,70 Euro pro kWh teurer, falls bei Kernkraftwerken die gleichen Haftungsregeln gelten würden wie in allen anderen Wirtschaftsbereichen.[72]

In dieser weitgehenden Befreiung von einer Haftpflichtversicherung sehen die beiden Volkswirtschaftler Peter Hennicke und Paul J. J. Welfens eine versteckte Subvention der Atomstromwirtschaft, die „absurde Investitionsanreize schafft, den Wettbewerb in der Strom- bzw. Energiewirtschaft grotesk verzerrt und völlig unnötige Risiken für Milliarden Menschen befördert“. So übertreffe die „Schattensubvention“ bei Atomstrom prozentual alle anderen Sektoren der Wirtschaft.[73]

Nach Berechnungen von Finanzmathematikern würde eine Haftpflichtpolice für ein Atomkraftwerk 72 Mrd. Euro jährlich kosten. Der Strompreis eines Atomkraftwerks könnte damit auf mehr als das Vierzigfache steigen.[74]

Für den Rückbau von Kernkraftwerken müssen die Betreiber in Deutschland (und in der Schweiz) eine Rückstellung von etwa 500 Millionen Euro je Kraftwerk bilden. Diese Rückstellungen bleiben in Deutschland über den gesamten Zeitraum steuerfrei und dürfen auch inverstiert werden um zum Beispiel Unternehmensbeteiligungen zu erwerben oder am eigenen Kraftwerk eingesetzt werden.[75] Kritiker sehen in den Rückstellungen, die mittlerweile insgesamt mehrere zehn Milliarden Euro betragen, „die Bank der Stromkonzerne“.[76]

Frankreich

Hauptartikel: Kernenergie in Frankreich

In Frankreich gab der Premierminister François Fillon im Mai 2011, neun Wochen nach dem Beginn der Nuklearkatastrophe von Fukushima, dem Obersten Rechnungshofes in Frankreich den Auftrag, die Kosten der Kernenergie und des erzeugten Stroms zu ermitteln. Der Rechnungshof legte den Bericht am 31. Januar 2012 vor. Damit wurde erstmalig versucht, alle französischen Forschungsaufwendungen auf dem Gebiet der Stromerzeugung aus Kernenergie seit 1957 zu ermitteln. Demnach kosteten die Erforschung, Entwicklung sowie der Bau der 58 französischen Kernkraftwerke insgesamt etwa 188 Mrd. Euro (in Kaufkraft von 2010). Diese Kosten konnten durch den Verkauf der Elektrizität bislang zu etwa 75 % amortisiert werden (Zusammenfassung, Seite 12 unten).

Allerdings wurden bislang für Rückbau und Atommüllzwischen- und Endlagerung bei weitem nicht die erforderlichen Summen zurückgestellt.[77]

Der französische Industrieverband Uniden forderte im März 2014 von der französischen Regierung eine Preisbegrenzung für Atomstrom, da die Stromkosten für große industrielle Abnehmer in Deutschland bald um 35% niedriger lägen als in Frankreich.[78]

Großbritannien

Die britische Regierung plant (2014), den Ausbau der Atomkraft durch ein Festpreissystem wirtschaftlich zu machen. Über 35 Jahre hinweg sollen demnach gesetzlich garantierte Einspeisevergütungen für Atomstrom mit vollem Inflationsausgleich sowie mit Vergütungssätzen deutlich über der deutschen Solarstromvergütung festgeschrieben werden. Die EU-Kommission prüft das britische Anliegen als unzulässige Beihilfe. [79]

Vereinigte Staaten

Der 2005 verabschiedete Energy Policy Act beinhaltete Subventionen und staatliche Garantien, um die Kernenergie auszubauen. Aufgrund dieses Gesetzes wurden 32 Anträge für den Neubau von Reaktoren bei der Nuclear Regulatory Commission bis Januar 2008 eingereicht.

Kritik

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Hauptartikel: Anti-Atomkraft-Bewegung
Transparent des deutschen Umweltministeriums zum Atomausstieg2004

Die Nutzung der Kernenergie zur Erzeugung von elektrischem Strom wurde in Deutschland zunächst von der Anti-Atomkraft-Bewegung abgelehnt. Unter den politischen Parteien lehnten zunächst die Grünen, später auch die SPD die Fortsetzung der friedlichen Nutzung ab. Je nach Umfrageergebnissen und ihrer Interpretation war in den Jahren 2006–2008 etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung gegen Kernenergie.[80][81][82] Die Kritiker sind der Auffassung, dass der Betrieb von Kernkraftwerken sowie die Endlagerung des abgebrannten Kernbrennstoffs unverantwortliche Sicherheitsrisiken (siehe auch Restrisiko) bergen.

Unfallgefahr (Risiko einer Kernschmelze)

Hauptartikel: Kernschmelze

In der ersten „Deutschen Risikostudie“ aus dem Jahr 1979, erstellt durch die Gesellschaft für Reaktorsicherheit, werden mögliche Unfallfolgen von bis zu 14.500 Soforttoten und 104.000 späteren Todesfällen angegeben. Auch könnte laut der Gesellschaft für Reaktorsicherheit eine Fläche bis zu 5600 Quadratkilometern so stark kontaminiert werden, dass 2,9 Millionen Menschen evakuiert und umgesiedelt werden müssten. In der Risikostudie Phase B wurde für den Druckwasserreaktor Biblis B eine Wahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Kernschmelze von 3,6 x 10⁻⁶ pro Jahr ermittelt. Das entspricht in etwa einem Unfall alle 280.000 Betriebsjahre.

Bei der Katastrophe von Tschernobyl, dem bis dahin größten Nuklearunfall der Geschichte, wurden 1986 große Landflächen – auch in Deutschland – mit radioaktiven Nukliden kontaminiert. Die WHO kommt zu dem Schluss, dass 31 Menschen direkt an den Folgen der hohen Strahlung gestorben sind und weitere ca. 9000 Todesfälle infolge von durch die Strahlung induzierten Krebs bis 2006 aufgetreten sind.[83][84] Andere Organisationen schätzen eine weit höhere Anzahl Opfer: Greenpeace nennt 200.000 zusätzliche Tote als Folge des Unfalls, die IPPNW ermittelte eine Anzahl von 50.000 bis 100.000 Toten und 540.000 bis 900.000 Invaliden bis zum Jahr 2006, und der TORCH-Report nennt 30.000 bis 60.000.[85]

Die Schäden eines Unfalls mit erheblicher Freisetzung von Radioaktivität bezifferte eine Studie der Prognos AG 1992 mit 5 bis 12 Billionen DM (2,6 bis 6,1 Billionen €), entsprechend dem drei- bis vierfachen des damaligen jährlichen deutschen Bruttosozialproduktes.[86]

Im Mai 2012 erschien eine Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie, nach der das Risiko katastrophaler Kernschmelzen wie in Tschernobyl und Fukushima wesentlich höher ist als bisher abgeschätzt,[87] und zwar einmal in 10 bis 20 Jahren bzw. 200-mal häufiger als bisher angenommen.[88]

Umwelt- und Gesundheitsrisiken

Belastungen durch den Uranbergbau

Hauptartikel: Uranbergbau#Risiken

Uran wird vorwiegend im Tage- und Untertagebau abgebaut. Damit einher gehen Flächeninanspruchnahme, Wasserverbrauch- und Verschmutzung[89] sowie generelle Umweltverschmutzung und gesundheitliche Gefährdung für Minenarbeiter und die betroffene Bevölkerung. Spezifisch für die Urangewinnung ist die dadurch verursachte Freisetzung von und Belastung durch Radioaktivität, die in der Geschichte des Uranbergbau zu vermehrten (Lungen-) Krebsfällen geführt hat. Von Atomkraftgegnern wird kritisiert, dass die CO2-Emissionen im Uranbergbau in Betrachtungen zur Ökobilanz der Kernenergie nicht berücksichtigt werden.

In Australien sind Aborigines in der Nähe von Uran-Abbaustätten auffällig häufig von Krebs betroffen.[90][91][92] Auch der Uranabbau in Deutschland (in der ehemaligen DDR, zur Wiedervereinigung 1990 eingestellt; siehe Wismut) führte zu Erkrankungen von Minenarbeitern und ehemaligen Minenarbeitern. Durch Berichte, medizinische Dossiers und Prozessakten (nach dem Fall der Mauer klagten zahlreiche Erkrankte vor Gerichten gegen die WISMUT) gilt dieser Uranbergbau als der weltweit am besten dokumentierte.[93]

Belastungen aus dem Normalbetrieb

Eine Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz aus dem Jahr 2007 belegt eine statistisch signifikant erhöhte Leukämiehäufigkeit bei Kindern, die weniger als fünf Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt aufgewachsen sind. Danach erkrankten von 1980–2003 im Fünf-Kilometer-Umkreis um die Kernkraftwerke in Deutschland 37 Kinder neu an Leukämie – im statistischen Mittel wären es 17 Kinder gewesen. Die Ursachen für diese Korrelation sind bis heute nicht geklärt, nach derzeitigem Kenntnisstand ist der Zusammenhang nicht strahlenbiologisch erklärbar.[94][95][96][97][98]

Über die Interpretation dieses Befundes herrscht keine Einigkeit. Während die Autoren der Studie der Auffassung sind, dass die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung wegen der um ein vielfaches höheren natürlichen Strahlenbelastung nicht als Ursache in Betracht kommt,[97] gelangt das externe Expertengremium des BfS zur KiKK-Studie zur Überzeugung, dass aufgrund des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden Daten zu Emissionen von Leistungsreaktoren dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden kann.[99] Andere Studien sind dagegen kontrovers. Sie zeigen keinen bis hin zu einem deutlichen Zusammenhang zwischen dem Wohnen in der Nähe eines Kernkraftwerkes und dem Auftreten von Krebsfällen.[95][100][101][102] Es wird auch darauf verwiesen, dass 'viele eventuell miteinander kombinierte Faktoren … als Krankheitsursache denkbar (sind) und … möglicherweise in der Umgebung deutscher Kernkraftwerke gehäuft auf(-treten)', es sich also nicht um noch unbekannte Emissionen von Leistungsreaktoren handelt.[103]

Plutonium und noch nicht verbrauchtes Uran sowie weitere radioaktive Wertstoffe (zum Beispiel Americium), die in abgebrannten Brennstäben enthalten sind, werden in der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague und im britischen Sellafield gewonnen; die verbleibenden Reststoffe werden für die Endlagerung konditioniert. Bei diesem Verfahren entsteht in La Hague täglich 400 Kubikmeter radioaktives Abwasser; dieses wird in den Ärmelkanal geleitet. Dies („direkte Einleitung“) ist legal; das Versenken von Fässern mit Atommüll im Meer ist seit 1993 verboten.[104]

Ungelöste Entsorgung

Die Entsorgung der hoch radioaktiven Brennelemente bzw. der Rückstände aus der Wiederaufarbeitung ist noch immer ungesichert, da bisher keine zugelassenen, sogenannten Endlager vorhanden sind. Faktisch behilft man sich seit Jahrzehnten mit einer Vielzahl sogenannter Zwischenlager sowie "Versuchslagern" wie der bekannten Schachtanlage Asse im Salzstock Gorleben, um die bisher angefallenen radioaktiven Abfälle zu lagern. Am 27. Juli 2013 trat ein neues Standortauswahlgesetz (StandAG) in Kraft, nachdem bis Ende 2015 neue Vorschläge zu Sicherheitsanforderungen sowie zu geologischen Ausschluss- und Auswahlkriterien erarbeitet werden sollen. Erst im Anschluss daran erfolgt eine neue Standortsuche.[105] Weil einige der anfallenden Nuklide sehr große Halbwertszeiten haben (239Pu beispielsweise 24.000 Jahre), sind die Anforderungen im Besonderen an die geologische Langzeitstabilität dementsprechend hoch. Zwar könne die Halbwertszeit durch Wiederaufarbeitung und Transmutation auf wenige hundert Jahre gesenkt werden; dies erhöhe jedoch gleichzeitig die gegenwärtige Strahlenbelastung, die mit solchen Verfahren verbunden sei.

Nach Ansicht diverser Organisationen und Experten sind auch Atommülltransporte wegen möglicher Unfälle nicht sicher. Bei der Wiederaufarbeitung extrahiertes Plutonium könne zur Herstellung von Kernwaffen verwendet werden. Außerdem gäbe es insbesondere zur Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield Medienberichte, dass dort unkontrolliert Radioaktivität ausgetreten sei und die benachbart wohnenden Familien mit einigen Fällen von darauf zurückzuführenden Leukämie-Erkrankungen ihrer Kinder und Senioren konfrontiert seien.[106]

Bis in die 1970er Jahre wurden rund 100.000 Fässer mit radioaktiven Abfällen auf hoher See verklappt, zum Teil in Fischfanggebieten. Die Folgen für Ökologie und menschliche Ernährung sind ungewiss.[107]

Vergleich mit anderen Gefahrenquellen

Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge liegt die Zahl der Todesfälle durch Unfälle in der Öffentlichkeit in Europa bei 0,003 und bei Beschäftigten im Kernenergiesektor bei 0,019 (jeweils pro erzeugter Terawattstunde). Todesfälle durch Luftverschmutzung liegen bei 0,052, schwere Erkrankungen durch Luftverschmutzung bei 0,22. Im Vergleich dazu liegt die Zahl der Todesfälle durch Elektrizitätsgewinnung mit Braunkohle bei 0,02 (Unfälle in der Öffentlichkeit), 0,1 (Unfälle bei Beschäftigten), 32,6 (Luftverschmutzung) bzw. 298 (schwere Erkrankungen).[108] Diese Einschätzung wurde auch nach den Nuklearkatastrophe von Fukushima u.a. von James E. Hansen bestätigt. Er verglich in einer 2013 erschienenen Studie die Risiken verschiedener Energieträger und sprach sich dabei für die Kernenergie als deutlich risikoärmere und emissionsärmere Technologie aus.[109]

Gefahren für Frieden und Sicherheit

Proliferation von Kernwaffen - Missbrauch

Gegner der Kernkraft argumentieren, dass es nicht möglich sei, zivile und militärische Nutzung faktisch zu trennen. Die Kernenergie trage zur Verbreitung von Technologie und Material zur Herstellung von Atomwaffen bei, insbesondere die Anreicherungs- und Wiederaufbereitungsanlagen, bei denen waffenfähiges Plutonium produziert wird. Indien, Nordkorea und Südafrika begannen zivile Atomprogramme mit speziellen Forschungsreaktoren. Ob waffentaugliches Plutonium in diesen hergestellt wurde oder in speziellen Anlagen, ist umstritten. Südafrika gab seine Kernwaffen zwischenzeitlich auf; der Iran strebt offenbar das Ziel an, waffentaugliches Uran herzustellen. Der Iran sowie Israel besitzen in jüngster Zeit keine Kernkraftwerke zur kommerziellen Energiegewinnung. Südafrika nahm sein bisher einziges kommerzielles Kernkraftwerk in Betrieb, lange nachdem es Kernwaffen erworben hatte. John Large, ein führender Atomenergie-Experte Großbritanniens meint: Jedes zivile Nuklearprogramm eignet sich per se dazu, ein Waffenprogramm zu verbergen […] In vielen Bereichen ist die militärische von der zivilen Nutzung kaum zu unterscheiden.[110]

Anlagen zur 235Uran-Anreicherung, wie die deutsche Urananreicherungsanlage Gronau, könnten auch zur Herstellung von kernwaffenfähigem Material, mit einem Anteil von 80 % 235U, verwendet werden.

Während der Herstellung nuklearer Brennstäbe muss der Anteil des spaltbaren Uran-Isotops 235 zur Verwendung in den meisten Reaktortypen (nicht aber in Schwerwasserreaktoren und einigen graphitmoderierten Reaktorbauarten) vom natürlichen Anteil von 0,7 % auf etwa 4 % erhöht werden („Uran-Anreicherung“), damit es in der Lage ist, eine Kettenreaktion hervorzurufen. Kernkraftgegner befürchten, dass Anlagen zur Uran-Anreicherung jederzeit so umgebaut werden könnten, dass man dort waffenfähiges Uran mit etwa 80 % Uran-235-Gehalt produzieren könnte. Die in Wiederaufarbeitungsanlagen eingesetzten Techniken eignen sich prinzipiell auch zur Gewinnung von Plutonium aus abgebrannten Brennstäben, das ebenfalls zur Energiegewinnung in MOX-Brennelementen verwendet werden kann. Die Waffentauglichkeit des gewonnenen Plutoniums sinkt zwar mit zunehmendem Abbrand der Brennelemente. Aber aus Plutonium hoch abgebrannter Brennelemente lässt sich noch ein Nuklearspengsatz geringerer Effizienz herstellen.[111]

Viele Technologien, die im Zusammenhang mit der zivilen Kernenergie stehen, sind gleichzeitig relevant für die Entwicklung und Herstellung von Kernwaffen. Daher können zivile Kernenergieprogramme, falls es ein Staat so will, als Deckmantel für ein geheimes militärisches Kernwaffenprogramm genutzt werden. Das iranische Atomprogramm ist eines der prominenten Beispiele dafür.[112]

Ein grundlegendes Ziel nationaler und weltweiter Sicherheitsbestreben besteht darin, das Proliferationsrisiko zu minimieren, welches mit der weltweiten Nutzung und dem Ausbau der zivilen Kernenergienutzung einher geht. Sofern die Entwicklung "schlecht umgesetzt wird oder die Maßnahmen zur Eindämmung des Poliferationsrisikos fehlschlagen, wird es in Zukunft gefährlich". [112] Das Global Nuclear Energy Partnership ist ein Ansatz, um Staaten mit Bedarf nach Kernbrennstoff eben solchen günstig zur Verfügung zu stellen. Als Gegenleistung verpflichten sich die Staaten, auf eigene Programme zur Urananreicherung zu verzichten.

Benjamin K. Sovacool zufolge haben einige "hohe Offizielle, sogar innerhalb der vereinten Nationen, argumentiert, dass sie wenig unternehmen können, um Staaten davon abzuhalten, Kernreaktoren für die Herstellung von Kernwaffen zu nutzen". Ein Report der Vereinten Nationen von 2009 besagt:

"Das wiedererstarkte Interesse an der Nutzung der Kernenergie könnte zur weltweiten Verbreitung von Technologien zur Urananreicherung und Wiederaufbereitung führen. Dies stellt ein klares Proliferationsrisiko dar, da diese Technologien Spaltmaterial erzeugen können, die direkt in Kernwaffen eingesetzt werden können."[113]

Auf der andern Seite können Leistungsreaktoren dazu verwendet werden, Kernwaffenarsenale zu reduzieren. Im Zuge des Megatonnen zu Megawatt Programms wurden bisher 425 Tonnen Hochangereichertes Uran aus ehemaligen Kernwaffen zu Kernbrennstoff für Reaktoren verarbeitet. Dies entspricht etwa 17.000 Nuklearsprengköpfen. Damit ist dies das bisher erfolgreichste Anti-Proliferationsprogramm.[114]

Professor Matthew Bunn meint dazu: "Russland ist nicht weiter daran interessiert, das Programm nach 2013 fortzusetzen. Wir hatten es so eingerichtet, dass es sie mehr kostet und sie weniger davon profitieren, als wenn sie einfach neuen Reaktorbrennstoff herstellen. Es gibt aber andere Möglichkeiten, die das Ganze profitabler machen und auch ihren strategischen Interessen, ihre Nuklearexporte auszuweiten, dienen würde." [115]

Im April 2012 gab es in 31 Ländern Kernkraftwerke.[116] 2013 sagte Mark Diesendorf, dass die Regierungen Frankreichs, Indiens, Nordkoreas, Pakistans, Englands und Südafrika Leistungs- und Forschungsreaktoren dazu verwendet haben, Kernwaffen zu entwickeln oder Kernwaffenbestände aus militärischen Reaktoren zu erweitern.[117]

Die Entwicklungen von neuen Reaktorsystemen und zugehörigen Brennstoffkreisläufen durch das Generation IV International Forum haben explizit das Ziel, ein Entnehmen von kernwaffenfähigem oder terroristisch einsetzbarem Material so unattraktiv wie möglich zu machen.[118]

Gefahr von Terroranschlägen

Ein Terroranschlag auf ein Kernkraftwerk, wie z. B. ein gezielter Flugzeugabsturz, könnte katastrophale Folgen haben.[119] Kerntechnische Anlagen sind generell gegen Flugzeugabstürze ausgelegt, jedoch wird von den Kritikern angezweifelt, ob sie auch dem Aufprall eines großen Passagierflugzeugs standhalten würden.[120] Auch die Bundesregierung hat bestätigt, dass das Kernkraftwerk Biblis A nicht gegen den Absturz eines Militärflugzeuges gesichert sei.[121] Verschiedene Sicherheitsexperten[122] befürchten zudem den Bau „schmutziger Bomben“ durch Terroristen, für die beliebige radioaktive Abfälle oder das für Kernkraftwerke angereicherte Uran ausreichen würden.

Abdul Qadir Khan betrieb einen Schwarzhandel mit Atomtechnologie.[110]

Wirtschaftliche Erwägungen

Wirtschaftlichkeit

Kritiker halten die Kernenergie für unwirtschaftlich, weil die hohen Kapitalkosten durch die niedrigen Brennstoffkosten nicht aufgewogen werden können. Oft wurden in der Vergangenheit Entsorgungsaufwände nicht den verursachenden Stromkonzernen in Rechnung gestellt, sondern vom Steuerzahler bezahlt. Kosten für die Kernenergie in Deutschland werden in Milliardenhöhe durch den Staat übernommen z. B. für die Stilllegung von Forschungsreaktoren oder die Sanierung von Forschungsendlagern wie die Asse. In einer Studie der Citibank wurde der Neubau von Kernkraftwerken ohne staatliche Subventionierung als zu risikoreich und wirtschaftlich nicht darstellbar festgestellt: „New Nuclear – The Economics Say No“.[123] Für den Bau neuer Kernkraftwerke in Großbritannien fordert Vincent De Rivaz, England-Chef des französischen Stromriesen EDF einen Garantiepreis von gut 11,5 Cent für jede eingespeiste Kilowattstunde - über 35 Jahre, zuzüglich eines Inflationsausgleichs. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) errechnete 10,9 Cent pro Kilowattstunde für Atomstrom. Damit wäre Strom aus Kernenergie ab Ende 2013 teurer als Strom aus neuen Freiflächenanlagen mit Photovoltaik.[124] Nach dem Subventionsbericht der EU-Kommission erhalten Atom- und Kohlekraftwerke mehr Subventionen als alle erneuerbaren Energien insgesamt.[125]

Beim Bau des neuen Europäischen Druckwasserreaktors kommt es sowohl beim Reaktor Olkiluoto 3 in Finnland (statt ursprünglich 3,0 Mrd. € nun 8,5 Mrd.€[126]) als auch beim französischen Kernkraftwerk Flamanville (statt 3,3 Mrd. nun 8,5 Mrd. €[127]) zu massiven Überschreitungen der zunächst geplanten Baukosten (siehe Druckwasserreaktor) und Verzögerungen im Bauablauf um Jahre (Kernkraftwerk Olkiluoto derzeit 7 Jahre verzögert). Die betriebswirtschaftliche Rentabilität wird daher infrage gestellt.[128]

„Weder in Europa, noch an einem anderen Ort dieser Welt ist jemals ein Atomkraftwerk unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gebaut worden“, sagt der Forschungsdirektor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christian von Hirschhausen. Nur die Arten der staatlichen Subventionierung wären unterschiedlich. „Übliche Kostenschätzungen für Atomkraft beinhalten oft nicht den Rückbau der Anlagen sowie die Endlagerung des Atommülls, ganz zu schweigen von den enormen Kosten möglicher Großunfälle wie in Fukushima oder Tschernobyl.“ Das finanzielle Risiko wird nur vom Staat, d. h. von den Steuerzahlern getragen, sagt von Hirschhausen.[129][130]

In Großbritannien wird für ein neu zu bauendes Kernkraftwerk (Baubeginn 2013, Fertigstellung 2023) eine auf 35 Jahre garantierte Einspeisevergütung von 92,50 Pfund/MWh (umgerechnet 11 Ct/kWh[131]), doppelt so hoch wie der aktuelle Marktpreis, zzgl. Inflationsausgleich berechnet. Der Staat bürgt zu 65 Prozent für die Baukosten.Auf eine Haftpflichtversicherung für das Kernkraftwerk wird verzichtet.[132]

Strom aus bestehenden abgeschrieben deutschen Kernkraftwerken ist hingegen wettbewerbsfähig. Im Jahr 2008 wurde in einer Studie des Öko-Instituts, das aus der Anti-Atomkraft-Bewegung hervorgegangen ist,[133] von Betriebskosten in Höhe von 1,7 Cent pro Kilowattstunde ausgegangen.[134]

In einem Interview im März 2014 meinte der E.on-Chef Johannes Teyssen: "Ich gehe nicht davon aus, dass mit der konventionellen Stromerzeugung künftig noch nennenswert viel Geld verdient werden kann."[135]

In einer wissenschaftlichen Studie wurde bereits im Jahr 2010 festgestellt, dass die Stromgestehungskosten für Solarstrom unterhalb der Stromgestehungskosten aus neuen Kernkraftwerken liegen.[136]

Volkswirtschaftliches Schadensrisiko und unzureichende Haftpflichtversicherung

Im Falle eines nuklearen Unfalls sind in Deutschland die Folgekosten bis zu einer Höhe von 2,5 Mrd. € im Rahmen der Haftpflicht versichert. Die Summe ist im Atomgesetz festgelegt. Darüber hinaus haften die Betreiber mit ihrem ganzen Vermögen für weitere Kosten.[137] Dieses Vermögen beziffert sich auf 5 bis 40 Mrd. €. Reicht dies nicht aus, müsste der Staat für zusätzliche Kosten aufkommen. Kritiker bemängeln, dass der Staat den deutlich größeren Anteil an der Risikoabsicherung übernimmt, da das Schadensvolumen eines Super-GAUs in Deutschland nach Studien die 5 Bio. € überschreiten kann und somit weit über dem von der Privatwirtschaft abgesicherten Betrag liegt.[138] Eine französische Regierungsstudie, die vom französischen Institut für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit (IRSN) erstellt wurde, veranschlagt die volkswirtschaftlichen Schäden eines katastrophalen Unfalls in einem französischen Kernkraftwerk auf 430 Mrd. €, was einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes entspricht.[139] Bei privaten Versicherungen der Bürger (Hausratversicherung, Gebäudeversicherung) werden Risiken aus Kernenergie generell ausgeschlossen.

Auch wer die Kosten für den Rückbau stillgelegter AKW bei Insovenz der Betreiber trägt, ist offen. Im Entwurf der Arbeitsgruppe Umwelt für den neuen Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es: „Zur Sicherstellung der Finanzierung der nuklearen Entsorgung könnte ein öffentlich-rechtlicher Fonds in Betracht kommen“. Die Koalitionäre erwägen, die Rücklagen der AKW-Betreiber für Stilllegung und die Endlagerung in einem solchen Fonds zu bündeln. Befürchtet wird, dass die Steuerzahler im Fall von Insolvenzen auf Kosten sitzen bleiben. Bislang konnten e.on, RWE, EnBW und Vattenfall 32,6 Milliarden Euro Rückstellungen bilden und das Geld sofort in Kraftwerke und Netze investieren. Staatlich kontrollierte Fonds werden schon seit längerem gefordert.[140]

Strompreis

Der Einsatz von Kernenergie zur Stromerzeugung senkt laut Verbraucherschützern den Strompreis für den Privatverbraucher praktisch nicht, da für einen Durchschnittshaushalt die monatlichen Belastungen durch Strom aus Kernenergie im Schnitt nur um 50 Cent sinken.[141]

Die geringe Steuerungsflexibilität von Atomkraftwerken tragen zum Zustandekommen negativer Strompreise bei. So wurden in Zeiten negativer Börsenstrompreise Atomkraftwerke mit bis zu 96 % der installierten Leistung gefahren. Die minimale Auslastung lag bei 49 %. Ein Abregulieren für diese kurzen Zeiträume (36 Stunden im gesamten 1. Halbjahr 2013) war aufgrund ihres schwerfälligen Anfahrverhaltens wirtschaftlich nicht sinnvoll, da die Brennstoffkosten bei Atomkraftwerken mit etwa 5 Euro pro MWh (Stand: Juni 2013) nur eine untergeordnete Rolle spielen.[142][143]

Unvollständiger Wettbewerb

Auf den europäischen Strommärkten herrscht trotz aller Bemühungen um Liberalisierung und Regulierung unvollständiger Wettbewerb, der zu überhöhten Preisen führt. Dies gilt vor allem auch für die Verhältnisse in Deutschland. Im Kraftwerksbereich dominieren hier die vier großen Unternehmen RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall, auf die rund 85 % der gesamten Kapazitäten entfallen.[68]

Durch überhöhte Preise aufgrund von unvollständigem Wettbewerb steigen die Energieausgaben der Verbraucher zu Gunsten der Erzeuger.

Kapitalintensive Kraftwerkstypen wie Kernkraftwerke, die auch große Energiemengen produzieren, sichern ihren Betreibern dabei eine starke Position auf dem Markt. Für den deutschen Strommarkt liegen mehrere aktuelle Studien vor, die den Einfluss unvollständigen Wettbewerbs empirisch belegen.[68] Der Einfluss durch die marktbeherrschende Stellung der großen Energiekonzerne auf den Börsenpreis von Strom wird dabei mit etwa 0,69 ct/kWh[68] angegeben.

Die Mehreinnahmen durch die Kernenergie aufgrund des unvollständigen Wettbewerbs werden im Jahr 2003 mit 1,8 Mrd. Euro angegeben.[68]

Gewinne der Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland bei der Abfallbeseitigung

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Weitere Gewinne erzielen die Kernkraftwerksbetreiber in Deutschland durch die Beteiligung an der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) (DBE)[144][145]. An diesem, ursprünglich 100% mittelbaren, bundeseigenen Unternehmen, ist heute die Gesellschaft für Nuklear-Service mbH mit 75% beteiligt.[146] Die GNS wiederum gehört den vier Kernkraftwerksberteiber E.ON Kernkraft (48 %), RWE Power (28 %), Vattenfall Europe (5,5 %) und EnBW über das Gemeinschaftunternehmen „Südwestdeutsche Nuklear-Entsorgungs-Gesellschaft“ mit E.ON (18,5 %).[147] Bei der Entsorgung nuklearer Abfälle erzielen diese vier Energiekonzerne aufgrund der Vertragslage angeblich sichere Gewinne.[144][145][148][149][150] Diese betragen als Gewinnaufschlag auf die nachgewiesenen Selbstkosten[150]:

  • Kooperationsvertrag (1979): 3,25 Prozent auf Eigen- und Fremdleistungen (bis Juni 1984)
  • Kooperationsvertrag (ab 1984): 1,5 Prozent auf die Fremdleistungen und 3,25 Prozent auf die Eigenleistungen
  • Betriebsführungsvertrag Morsleben (1991): 1,5 Prozent auf Eigen- und Fremdleistungen

Der Jahreüberschuss der DBE für das Geschäftsjahr 2012 belief sich auf EUR 2,5 Mio (2011: EUR 2,5 Mio) bei einem Umsatz von EUR 139 Mio.[151]

Begrenzte Verfügbarkeit von Kernbrennstoff

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Ähnlich wie fossile Brennstoffe, sind die Vorräte an Kernbrennstoffen auf der Erde begrenzt. Laut einem Info-Brief der 'Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages' beträgt die statische Reichweite der weltweiten Uran-Reserven 25 Jahre (bei Preisen von 40 US-$/kg) bzw. 47 Jahre (bei Preisen bis 130 US-$/kg); schließt man „geschätzte zusätzliche Vorräte“ mit ein, erhöht sich der Wert auf bis zu 67 Jahre.[152] (Zurzeit (4/2012) liegt der Uranpreis bei ca. 120 $/kg.[153]) Weitere gesicherte Vorkommen wären nur mit deutlich höherem Aufwand zu fördern. Die Versorgung mit Kernbrennstoff unterliegt politischen und wirtschaftlichen Risiken, da er in der BRD nicht in nennenswerten Mengen vorhanden ist.

Verweise

Siehe auch

 Portal: Kernenergie – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Kernenergie

Literatur

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  • Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945–1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse. Hamburg 1983. ISBN 3-499-17756-0
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Weblinks

 Wikinews: Kategorie: Kernenergie – in den Nachrichten
 Commons: Kernenergie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  9. siehe Radkau/Hahn in Literaturliste
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  11. Joachim Radkau, Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute. Frankfurt/New York 2008, S. 360.
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