Aton

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Dieser Artikel befasst sich mit dem altägyptischen Gott Aton. Zum Unternehmen siehe Aton GmbH; zu Personen siehe Bernard Aton.
Aton in Hieroglyphen
Mittleres Reich
M17 X1
N35
N5

Aton
Jtn
(Die) Sonnenscheibe
Aten.svg

Aton war eine altägyptische Gottheit, die in ihrer Erscheinung als Sonnenscheibe verehrt wurde. Unter der Herrschaft des Königs (Pharao) Echnaton stieg Aton in seiner Funktion als Sonnengott zum obersten göttlichen Wesen als Weiterentwicklung des Re auf. Die bisherigen Gottheiten büßten damit zunächst an Bedeutung ein, existierten aber noch in untergeordneten Rollen weiter (Monolatrie).[1]

Mit zunehmender Regierungsdauer von Echnaton verloren einige Gottheiten im theologischen Konzept ihre Funktionen, weshalb Echnaton ihre Existenz durch Tilgung ihrer Namen ebenso rigide zerstörte wie ihre Kulte und Kultstätten. Diese Vernichtung konzentrierte sich in allererster Linie und mit der nachhaltigsten Konsequenz auf die thebanische Götterdreiheit Amun, Mut und Chons. Insbesondere fällt Echnatons Bestreben auf, Amun-Re als „Götterkönig“ zu beseitigen, was ihm auch letztlich gelang.[2]

Im weiteren Verlauf der Regierungszeit von Echnaton wurden nicht alle Götter beseitigt; beispielsweise blieben Gottheiten wie die Maat oder die beiden Kronengöttinnen Wadjet (Uto) und Nechbet in ihrer Existenz erhalten. Zudem ist nicht nachweisbar, ob sich Echnatons Kult auf das gesamte Staatsgebiet des damaligen Ägyptens hat ausdehnen können. Aus diesen Gründen wird in der Ägyptologie seit Jahrzehnten eine kontroverse Diskussion hinsichtlich der Frage geführt, ob die anfängliche Monolatrie zu einem Monotheismus geführt habe.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten]

Von Anbeginn der altägyptischen Zivilisation an spielte die Sonne und ihre mythische Metaphorik eine zentrale Rolle. In der Anfangsphase setzten die Ägypter die Sonnenscheibe mit Horus gleich. Mit dem in der 4. Dynastie einsetzenden Re-Kult galt die sichtbare Sonnenscheibe dann als das rechte „Auge des Re“, jedoch ohne dass die Sonnenscheibe an sich als Gottheit betitelt wurde. Erst im Mittleren Reich kam zu Zeiten des Königs (Pharao) Mentuhotep II. (11. Dynastie) der Name Aton für die Bezeichnung der Sonnenscheibe als Gottheit und als Erscheinungsform des Re auf. Insofern wurde die Sonnenscheibe in ihrer Eigenschaft als Himmelskörper und Gleichsetzung mit Re als „Thron des Re“ verstanden. Es folgten weitere Beinamen des Re, die den Sonnengott mit der Sonnenscheibe verglichen: „Re, der in seiner Scheibe ist“.[1]

Mit Beginn der 18. Dynastie (Neues Reich) wird Re nun auch gelegentlich als „Re, die Sonnenscheibe“ bezeichnet. In den theologischen Anschauungen Ägyptens kam es anschließend zu einem Paradigmenwechsel, der als „Neue Sonnentheologie“ in die Literatur Eingang gefunden hat. Bedeutsamster Ausdruck dieser Entwicklung war die Erhebung des Amun-Re zum „Götterkönig“.[3] Unter dem Vorzeichen des wirtschaftlichen und politischen Erstarkens der thebanischen Amun-Priesterschaft vollzieht sich das zunächst noch versteckte, später immer offener vorgetragene Bestreben, diesen Gott nicht nur in Form dieser monarchischen Zuspitzung des ägyptischen Pantheons[4] herauszuheben, sondern ihn gar in die göttliche Alleinherrschaft und Ausschließlichkeit zu setzen.

Mythische Bedeutung und Darstellung[Bearbeiten]

Der Aton, wie ihn Echnaton konzipiert und durchsetzen will, „ist wirklich die Sonne und nichts als die Sonne, die durch ihre Strahlen Licht und Wärme und durch ihre Bewegung die Zeit erschafft, und die, indem sie auf diese Weise ständig die gesamte sichtbare und unsichtbare Wirklichkeit hervorbringt, die Annahme anderer Götter überflüssig macht.“[5]

Noch in den ersten Regierungsjahren des Echnatons wird der Gott in der traditionellen Weise des Re-Harachte als Mensch mit Falkenkopf und bekrönender Sonnenscheibe dargestellt. Danach wandelt sich das Bild radikal: Aton erscheint jetzt als blanke Sonnenscheibe, von der Strahlen abgehen, die in der Form menschlicher Hände auslaufen (Strahlen-Aton). Zumindest in den späten Darstellungen halten diese Hände regelmäßig Anch-Zeichen.

Der lehrhafte Name des Aton[Bearbeiten]

 Alter Lehrhafter Name des Aton (ab 4. Regierungsjahr)
S34 G9 N27
N27
V28 D36
Z4
Y1
Aa15
N27

Anch-Heru-achti-chai-em-achet
ˁnḫ-Ḥr-3ḫtj-ḫˁj-m-3ḫt

Es lebe der horizontische Horus (Re-Harachte), der im Lichtland (am Horizont) jubelt

Aa15
D21
N35
I9
Aa15
H6 G43 N5 N35
X1 Z4
Aa15
M17 X1
N35
N5

Em-ren-ef-Schu-neti-em-Aton
M-rn.f-Šw-ntj-m-Jtn

in seinem Namen als Schu, der in der Sonnenscheibe (Aton) ist


In dem frühen Stadium des Echnatonschen Aton-Kultes wird der sogenannte „lehrhafte Name“ als programmatische Formel geläufig. An diesem unternimmt der König später mehrere, mehr oder weniger gewichtige Modifizierungen, welche in dieser Weise, „Markensteinen gleich ..., den Weg seines Denkens“ nachvollziehen lassen.[6]

Die Namen des Gottes waren in Kartuschen gesetzt, womit die Gottkönigsrolle des Aton versinnbildlicht wurde.

 Neuer Lehrhafter Name des Aton (ab 9. Regierungsjahr)
S34 N5 S38 N27
N27
V28 D36
Z4
Y1
Aa15
N27

Anch-Re-heka-achti-chai-em-achet
ˁnḫ-Rˁ-ḥq3-3ḫtj-ḫˁj-m-3ḫt
Es lebe Re, der horizontische Herrscher, der im Lichtland (am Horizont) jubelt
Aa15
D21
N35
I9
Aa15
N5
X1
M17 M18 Aa15 M17 X1
N35
N5

Em-ren.ef-it-Re-ii-em-Aton
M-rn.f-jt-Rˁ-jj-m-Jtn

In seinem Namen als Re, der Vater, der als Sonnenscheibe (Aton) kommt


Nachdem jedoch spätestens ab dem achten Regierungsjahr um der Ausschließlichkeit des Aton willen die weitgehende Abschaffung und radikale Unterdrückung der traditionellen Gottheiten vollzogen ist, korrigiert Echnaton diesen „lehrhaften Namen“ entscheidend.

In dieser letzten Bezeichnung dürfte, so steht zu vermuten, der Name Re nicht mehr für den originären Sonnengott, sondern nur noch für das Prinzip der Sonne gestanden haben, von dem dann im „Sonnenhymnus“ die Rede ist.

Neben der unter dem zweiten Kartuschenpaar (siehe nebenstehende Tabelle) angebrachten Übersetzung für die offenbar endgültige Form des „lehrhaften Namens“ findet sich in der Literatur auch diese: Es lebt Re, der Herrscher der beiden Horizonte, der frohlockt in seinem Lichtland (Horizont) in seinem Namen als Vater des Re, der (wieder)gekommen ist als Aton[7]

Theologische Konsequenzen[Bearbeiten]

In mehreren Einzelgräbern jener Periode finden sich meist kürzere, teils fragmentarische Inschriften. Deren umfangreichste Version steht jedoch im Grab des Eje. Dieser „Sonnenhymnus des Echnaton“ (und nicht wie oft falsch wiedergegeben: „Sonnenhymnus des Aton“) wird heute als das Glaubensbekenntnis des Echnaton angesehen.[8] Zwar ist nicht nachzuweisen, ob das Weihegedicht von König Echnaton selbst verfasst wurde, doch wird dies immerhin für möglich gehalten.

In dieser Eulogie an Aton wird in überaus lyrischer Form dessen schöpferische und lebenserhaltende Kraft gefeiert, die allein durch ihre Anwesenheit am Himmel, durch die ausgesendete Wärme und das helle Licht ihre einzigartige und unvergleichliche Wirkung vollbringt, während Atons Abwesenheit mit Dunkelheit und Tod, Ohnmacht und dem Erwachen des Bösen gleichgesetzt wird. Infolge seiner Bewegung über das Firmament bringt Aton, dieser Gottessicht zufolge, zugleich die Zeit hervor. Neu ist zudem, dass Atons Wirken nicht auf Ägypten und die Ägypter beschränkt bleibt, sondern alle Länder, Menschen und Rassen des damals bekannten Erdkreises einbegreift.

Bei alledem versteht der Hymnus den Aton ausschließlich als eine Gottes-Naturerscheinung, die ihren Willen und ihre Beziehungen zu den Menschen ausschließlich durch den Pharao artikuliert und kultisch verwirklicht. Dennoch war der Aton-Kult keine Naturlehre im Sinne späterer griechischer Philosophen, sondern er verfolgte, worüber heute inzwischen weitgehend Konsens besteht, einen radikalen, wenngleich nicht vollkommen konsequenten Monotheismus. Damit war die mit Aton verbundene Theologie zugleich „in ihrer unerbittlichen Konsequenz die einfachste und klarste Religion, die jemals geformt wurde!“[9] Im Übrigen ist der Aton-Kult möglicherweise die erste Stiftungsreligion der Menschheitsgeschichte.

Wirkungen des Aton-Kultes[Bearbeiten]

Echnaton hat, mindestens seit er in den ersten Regierungsjahren bezüglich des Aton-Kultes und seiner theologischen, politischen und wirtschaftlich-sozialen Konsequenzen heftige Gegenwehr durch die traditionellen Gotteskulte verspürte, die Durchsetzung seiner Religionsabsichten auf außerordentlich radikale Weise vollzogen. Nicht nur wurden die Tempel der anderen Götter, besonders die des vormaligen Reichsgottes Amun (Amun-Re), geschlossen und deren Vermögen den Atontempeln oder dem Königsschatz übereignet, sowie die Namen dieser Gottheiten, ja selbst die Pluralform „Götter“ aus bildlichen Darstellungen getilgt, sondern es wurden zumeist auch deren Repräsentanten, Priester und Beamte ihrer Stellung und vielfach ihres Besitzstandes enthoben. Allein das musste zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen führen.

Dies umso mehr, als dem ägyptischen Volke aus seiner ethischen Vorstellungswelt die Götter, die Gutes belohnen und Böses verfolgen, ebenso verbannt waren, wie die Gelegenheiten der Hinwendung an diese Götter. Weiterhin versanken mit der konsequenten Ächtung der traditionellen Götter auch die jahrtausendealten Vorstellungen von der präexistenten Urzeit und der Weltschöpfung. Und schließlich sahen sich die Menschen der Vorstellungen von dem unterweltlichen Königtum des Osiris (Duat) und des mit dieser verbundenen Wissens um die Erlangung des Ewigen Lebens beraubt. Der Totenkult folgte zwar noch den tradierten Ritualen, war aber seines überlieferten Sinns entkleidet. Das Leben nach dem Tode spiele sich in der diesseitigen Welt ab. Gleich den Lebenden wurden die Bas der seligen Toten alltäglich von den ersten Strahlen Atons geweckt. Zu ihrer Versorgung wurden sie von ihm in die Tempel gerufen, wo sie an den Opfern Anteil hatten.

Nachwirkungen des Aton-Kultes[Bearbeiten]

Zeitgleich mit dem Tod Echnatons geriet der Aton-Kult in seine Niedergangsphase. Unter Echnatons unmittelbaren Nachfolgern Tutenchamun, Semenchkare und Eje scheint es Phasen halbherziger Bewahrungsversuche gegeben zu haben, die aber schließlich scheiterten und zur Wiedereinsetzung der alten Götter führten. Erst mit Haremhab, der vermutlich schon unter Echnaton, bestimmt aber unter seinen Nachfolgern Oberbefehlshaber des ägyptischen Heeres und unter Tutenchamun sogar eine Art Königsstellvertreter war, setzte eine konsequentere Überwindung des Aton-Kultes ein. Diese wurde noch von Sethos I. und Ramses II. zielstrebig betrieben.

Vielfach findet man vor allem in der populärwissenschaftlichen Literatur die Behauptung, es wären auf diese Weise wieder jene Zustände zurückgekehrt, die vor Echnaton bestanden hätten. Das ist insofern nicht richtig, als die Nachwirkungen des theologischen Konzeptes des Aton-Kults wie auch seine politischen Konsequenzen recht wirksam in die künftige Geschichte strahlten. So scheint das bis dahin außer jeder Kritik stehenden Königtum allein schon deshalb in eine tiefe Krise gebracht worden zu sein, als Echnaton am Ende seiner Zeit als Lügner und Ketzer gebrandmarkt war. In ein ähnliches Dilemma war auch das Prinzip der Maat und der mit dieser verbundenen „konnektiven Gerechtigkeit“ geraten. Und schließlich hatte die gesamte Theologie und Frömmigkeit des alten Ägyptens neue, auf einen Henotheismus hinauslaufende Impulse erhalten, womit der alte Polytheismus zwar nicht überwunden wurde, in denen monotheistische Vorstellungen aber latent waren.

Als sehr wahrscheinlich muss jedoch gelten, dass die mit dem Aton-Kult in das menschliche Denken gebrachte Idee des Monotheismus Einfluss auf dessen Aus- und Fortentwicklung in anderen Weltgegenden hatte. Eine unmittelbare Wirkung auf die Herausbildung des jüdischen Monotheismus, wie sie Sigmund Freud zu erkennen glaubte, indem er davon ausging, der Religionsstifter Mose habe seiner Exodus-Schar „die vergeistigte Aton-Religion“ nahegebracht,[10] ist – sofern man Mose als historische Persönlichkeit und den Exodus als reales geschichtliches Ereignis sieht – insofern zwar möglich, jedoch keinesfalls nachzuweisen.

Kultstätten[Bearbeiten]

Literarische Aufarbeitung[Bearbeiten]

Neben einer Vielzahl von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werken, hat sich auch die Belletristik des Themas vielfach angenommen und sich mit dem Aton-Kult und seinen Protagonisten literarisch auseinandersetzt. Zu nennen wären hier in jüngerer Zeit unter anderen Pauline Gedge: Pharao, Christian Jacq: Nofretete und Echnaton, Andreas Schramek: Im Lande das Falkengottes oder Nagib Machfus: Echnaton: Der in der Wahrheit lebt, Siegfried Obermeier: Echnaton - Im Zeichen der Sonne.

Die wahrscheinlich bekannteste literarische Betrachtung dieser besonderen Phase der menschlichen Kultur- und Religionsgeschichte findet sich bei Thomas Mann, im 4. Band seiner Josephs-Tetralogie. Mit dieser hat sich jüngst Jan Assmann kritisch auseinandergesetzt. Insbesondere widerspricht Assmann der Darstellung, Echnaton habe mit dem Aton-Kult den Schritt vom immanenten zum transzendenten Gott vollzogen. Vielmehr sei die physikalische Erscheinung und Wirkung des Himmelskörpers Sonne zum alleinigen Gott erklärt und damit das Götterwesen Altägyptens insgesamt entmystifiziert worden. Somit weist Assmann nach, warum das von Thomas Mann hinter Aton gesetzte Gottesprinzip (dort: „Herr des Aton“ genannt) eine unzutreffende Darstellung ist.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Aton – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Hermann Schlögl: Das Alte Ägypten: Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54988-8, S. 227.
  2. Dominic Montserrat: Akhenaten: History, Fantasy and ancient Egypt. S. 38.
  3. Christian Leitz u.a.: Lexikon der ägyptischen Götter und Götterbezeichnungen. Bd. 1: 3 - y. Peeters, Leuven 2002, ISBN 2-87723-644-7, S. 335–336.
  4. H. Bonnet: Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte. S. 60.
  5. Assmann: Thomas Mann und Ägypten. S. 155.
  6. H. Bonnet: Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte. S. 60
  7. so H. Bonnet: Lexikon der Ägyptischen Religionsgeschichte. S. 63, nach Kurt Sethe: Der Name Ilh-N-itn. In: Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. (ZÄS) = (ÄZ) Bd. 44, S. 117.
  8. Gardiner: Geschichte des alten Ägypten. Augsburg 1994, S. ???.
  9. E. Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichts. Düsseldorf/ Zürich 2001, S. 104.
  10. Sigmund Freud und Lou Andreas-Salomé: Briefwechsel. S. 223 (zitiert nach Assmann: Thomas Mann. S. 190)