Audismus

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Unter Audismus (von engl. audism) wird die Geisteshaltung beschrieben, die gegen taube und schwerhörige Personen gerichtet ist, woraus verschiedene Formen von systematischen Diskriminierungen gegen sie kommen können.

Beschreibung[Bearbeiten]

Die Geisteshaltung beinhaltet die hohe Wertschätzung des Gehörs und Sprechens und bewertet taube Menschen als bedauernswerte Menschen mit dem Defekt des Hörens und Sprechens, der medizinisch und elektrotechnisch durch Hörgerät oder Cochlea-Implantat behoben werden sollte. Auch werden dadurch die von tauben Menschen geschaffenen Gebärdensprachen, die damit verbundene Kultur und ihre Lebensweise abgewertet.

Taube Menschen werden durch ihre Gehörlosigkeit stigmatisiert; sie fühlen sich diskriminiert und unterdrückt. So schenken Hörende den Bedürfnissen Betroffener nicht die nötige Beachtung und lassen zu, dass taube und schwerhörige Personen benachteiligt werden.

Aus Sicht Betroffener ist beispielsweise die fehlende Nutzung der Gebärdensprache in der allgemeinen Gesellschaft, die taube Menschen behindert macht, nicht deren Hörunfähigkeit. Die Gesellschaft im Gegensatz betrachtet die Hörunfähigkeit als das Problem überhaupt, das es zu berichtigen gilt. Nach ihr heißt es, sie leiden an Taubheit; die Gesellschaft müsse sich nicht in Verhalten und Betrachtungsweise gegenüber ihnen ändern und sie müssen an deren Konventionen und Normen sich anzupassen lernen. Das geschieht seit dem Beginn der Surdopädagogik. So wird der taube Mensch beispielsweise gezwungen, nur die Lautsprache zu lernen, was viel Unterrichtszeit für die deutliche Artikulation der Lautsprache zum Nachteil der Allgemeinbildung erfordert. Die Gebärdensprache wird unterdrückt. Das geht in der Geschichte unter dem Terminus „(reiner) Oralismus“ einher. Als dessen Endeffekt werden viele taube Menschen zu Halbgebildeten und funktionellen Analphabeten in der Sprache der Majorität und deswegen wird ihr Leben in vielen Bereichen fremdbestimmt.

Audismus kann unangenehm ausarten, wie der obenerwähnte Oralismus, Eugenik, Diskriminierungen in Rede und Tat im Beruf und allgemeinem Leben, Missachtung von den Institutionen (Staat, Presse, Fernsehen, Politik, Medizin, Technik, Sprache unter anderen). Er kann auch bei manchen tauben und schwerhörigen Personen zum Vorschein kommen, wenn sie die Mentalität ihres hörenden Umfelds internalisieren.

Überlegungen, wie der Audismus in der Gesellschaft reduziert werden kann, werden in der Diskussion um Audismus gestellt. Dies kann als „Anti-Audismus“ begriffen werden.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff wurde 1975 in der nicht veröffentlichten Doktorarbeit von Tom Humphries Audism: The Creation of a Word eingeführt und zwar definiert als „Sich-besser-Dünken“-Verhalten gegenüber tauben Menschen von Menschen, die besser hören und sprechen können als sie. Erst seit 1992 wird der Begriff auch von anderen Autoren aufgegriffen und untersucht. Er wird auch danach extensiv in Foren und Blogs in vielen Ländern diskutiert und in einigen Filmen dargestellt.

Der erste Autor nach Tom Humphries, Harlan L. Lane, erweitert den Begriff auf Diskriminierungen gegen taube und schwerhörige Menschen und Herabsetzung der Gehörlosenkultur durch Hörende. Nach ihm seien taube Personen keine Menschen mit Defekt, sondern bildeten eine eigenartige ethnische Gruppe. Sie hätten eine Kultur sui generis, eigene Riten und kulturelle Praktiken und würden untereinander heiraten. Lane lehnt Cochlea-Implantation aus diesem Grund ab.[1][2][3][4]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harlan L. Lane: The Mask of Benevolence: Disabling the Deaf Community. Neuauflage 2000. Dawn Sign Press (dt.: Die Maske der Barmherzigkeit. Unterdrückung von Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft. Hamburg: Signum 1994)
  2. H.-Dirksen L. Bauman: Audism. Exploring the Metaphysics of Oppression. In: Journal of Deaf Studies and Deaf Education. Bd. 9, Nr. 2, 2004, S. 239–246, PMID 15304445
  3. Paddy Ladd: Understanding Deaf Culture, in Search of Deafhood. Clevedon: Multilingual Matters Ltd., 2003
  4. deafzone: Deafpedia Audismus DGZ-Ausgabe (DGZ 5/2007), Autorin Brigitte Beutel.

Weblinks[Bearbeiten]