Aufschreibesystem

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Als Aufschreibesystem bezeichnet Friedrich Kittler in seiner Medientheorie primär technische Einrichtungen, die dem Speichern von Daten dienen, aber auch „das Netzwerk von Techniken und Institutionen […], die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben“.[1]

Phasen[Bearbeiten]

Mediengenealogisch unterscheidet Kittler dabei vor allem drei Phasen, die er als Aufschreibesysteme 1800 und 1900 bezeichnet. Die nachfolgende Phase, die man vielleicht als "Aufschreibesystem 2000" bezeichnen könnte, blieb bei Kittler ohne Namen.

Aufschreibesystem 1800[Bearbeiten]

Das typografische Aufschreibesystem mit dem Buch als Leitmedium reicht von Johannes Gutenbergs Erfindung (1440/1454) bis Ende des 19. Jahrhunderts (etwa 1880). Texte und Partituren bilden die einzigen verfügbaren Zeitspeicher.

Charakteristisch sind die typischen Merkmale der Gutenberg-Galaxis wie die Entwicklung der Konzepte von Autorschaft und Urheber, die Herausbildung von Hilfsmitteln wie Adressierung von Büchern durch Nennung des Autors, Ausgestaltung des Titelblatts und Paginierung sowie Mechanisierung, Standardisierung, Normierung und schließlich beginnende Automatisierung der Prozesse und Verfahren, die Veränderung des Lautlesens zum Stilllesen, das Einsetzen der Bildungsrevolution mit allgemeiner Alphabetisierung, die Veränderung des Denkens hin zu Linearität, die damit verbundene Ausdifferenzierung der Wissenschaften und die Entwicklung der wissenschaftlichen Methodik, die Veränderung der Sprache durch Herausbildung von Nationalsprachen, die wiederum zur Entstehung von Nationalstaaten führten.

Charakteristisches und prägendes Merkmal des Aufschreibesystems 1800 im Speziellen ist das alphabetische Monopol mit der Autorität der Autorschaft, prägenden Persönlichkeiten wie dem „Dichterfürsten“ Goethe, die Paarung von Schöpfernarzissmus und Lesergehorsam und der Relektüre.

Aufschreibesystem 1900[Bearbeiten]

Partielle Medienverbünde ab Anfang des 20. Jahrhunderts mit den „technischen Urmedien“ wie Phonograph und Grammophon, Kinetoskop bzw. Film sowie der Typewriter bzw. die Schreibmaschine und später Fernsehen, Radio, Tonband und Post charakterisieren das Aufschreibesystem 1900. Das alphabetische Monopol wird gebrochen, prägende Wissenschaftszweige sind die Psychophysik, Psychotechnik und die Physiologie, die auch die ersten errechneten Bilder hervorbringt.

Die erstmals mögliche Speicherung von Schrift, Bild und Ton leitet das Ende der Gutenberg-Galaxis ein, das bei anderen Medientheoretikern etwas später angesetzt und beispielsweise als McLuhan-Galaxis (Manuel Castells) oder – mit einem noch späteren Beginn – als Turing-Galaxis (Volker Grassmuck, Wolfgang Coy) bezeichnet wird.

"Aufschreibesystem 2000"[Bearbeiten]

Das mögliche Nachfolgestadium ist der „totale Medienverbund auf Digitalbasis“;[2] durch die Digitalisierung werden beliebige Manipulationen der Datenflüsse wie Modulation, Transformation, Synchronisation, Verzögerung, Speicherung, Umtastung, Scrambling, Scanning und Mapping möglich.

Der Computer wird zum alles integrierenden Leitmedium: „Statt Techniken an Leute anzuschließen, läuft das absolute Wissen als Endlosschleife“.[2] Alle Medien der Neuzeit implodieren im Computer. Es kommt zur universalen Medienkonvergenz.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Zur Gutenberg-Galaxis:

Zum Ende der Gutenberg-Galaxis:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 519
  2. a b Grammophon Film Typewriter, S.8