Augsburger Siegesaltar

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Als Augsburger Siegesaltar wird ein römischer Weihealtar für die Siegesgöttin Victoria bezeichnet, der anlässlich des Sieges eines römischen Aufgebotes über den Stamm der Juthungen in der Nähe der rätischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum aufgestellt wurde. Die Erwähnung des Gegenkaisers Postumus datiert die Aufstellung des Steines auf den 11. September 260.[1] Der Stein wird im Römischen Museum Augsburg aufbewahrt.

Augsburger Siegesaltar
Augsburger Siegesaltar

Altar und Inschrift[Bearbeiten]

Der Altar aus Jurakalkstein (Höhe 1,56 m, Breite 0,79, Tiefe 0,75) wurde 1992 bei Bauarbeiten in der Augsburger Jakobervorstadt (Gänsbühl) in einem ehemaligen Lecharm, knapp 400 m außerhalb des ehemaligen römischen Stadtareals, gefunden. Es wird vermutet, dass er ursprünglich in unmittelbarer Nähe des Fundortes an einem Lechübergang aufgestellt war. Der Stein trug wahrscheinlich auch das Standbild einer Victoria, das heute jedoch verloren ist; erhalten blieb dagegen (am selben Fundort) die Basisplatte.

Wie oft in dieser Zeit hat man sich eines älteren Denkmals bedient. Von der ersten Verwendung zur Zeit des Severus Alexander (222–235 n. Chr.) stammt die Weiheformel für das Kaiserhaus oberhalb des eigentlichen Textfeldes, die erhalten bleiben konnte, weil sie unter einem Stülpdeckel verborgen war, ebenso wie Bearbeitungsspuren an den seitlichen Kehlen des Gesimses.

Die Inschriften des Steines lauten übersetzt:

Die ältere Inschrift:

„Zu Ehren des göttlichen (Kaiser-)Hauses für das Heil des Herrschers Severus Alexander Augustus“[2]

Die jüngere Inschrift:

„Der geheiligten Göttin Victoria, weil die Barbaren des Stammes der Semnonen oder Juthungen am 8. und 7. Tag vor den Kalenden des Mai niedergemacht und in die Flucht geschlagen wurden von den Soldaten der Provinz Raetien, aber auch von in Germanien stationierten (Soldaten) sowie Landsleuten, wobei ihnen viele tausende gefangene Bewohner Italiens entrissen wurden, hat − nach Erreichung seiner Wünsche − Marcus Simplicinius Genialis, Ritter, handelnd in Stellvertretung des Statthalters, mit demselben Heer freudig und nach Gebühr (diesen Altar) aufgestellt. Geweiht am 3. Tag vor den Iden des September, als der Kaiser, unser Herr Postumus Augustus, und Honoratianus Konsuln waren.“[3]

Die Zeilen 10 und 11 mit den Namen des rätischen Statthalters und der Herrscher des gallischen Sonderreiches wurden später getilgt. Der Name des Usurpators Postumus scheint mit einem spitzen Hammer unkenntlich gemacht und die restlichen Buchstaben ausgekratzt worden zu sein. Dennoch blieb genügend erhalten, um den ursprünglichen Text wieder vollständig rekonstruieren zu können.

Historischer Kontext[Bearbeiten]

Im Herbst/Winter 259 überschritten die zu den Sueben zählenden Juthungen den Limes und fielen in Italien ein (Limesfall). Während Kaiser Gallienus im Jahr 260 germanische Invasoren bei Mailand schlagen konnte, hatten sich im Frühjahr desselben Jahres bereits Iuthungen mit Tausenden von gefangenen Italikern und gewiss reicher Beute wieder nach Norden abgesetzt. Der Inschrift des Siegesaltars ist weiters zu entnehmen, dass diese in der Nähe der rätischen Provinzhauptstadt von regulären römischen Truppen und einem Provinzaufgebot gestellt und in einer zweitägigen Schlacht (24./25. April) bezwungen und in die Flucht geschlagen wurden. Dieser Umstand war bis zur Auffindung des Altars nicht bekannt.

Über die Kenntnis dieses Ereignisses hinaus trägt die Inschrift noch zur Klärung über Ausdehnung und Chronologie des so genannten Gallischen Sonderreichs bei. Bisher war durch keine Quelle bekannt, dass es auch die Provinz Rätien miteinbezog, offenbar hatte es sich auch schon früher etabliert als bisher angenommen.

Dieser Kampf hatte im Frühjahr stattgefunden, als Kaiser Gallienus noch der unangefochtene Alleinherrscher im Reich war. Doch wird nicht er auf dem Altar genannt, sondern, bei der Datierung im Herbst, schon der Gegenkaiser Postumus. Dessen Usurpation hatte man ursprünglich erst für den Herbst des Jahres 260 angenommen, Postumus muss aber schon einige Zeit vor September dieses Jahres die Macht an sich gerissen haben, wahrscheinlich im Juni oder Juli. Naturgemäß war dann die Nennung des früheren Herrschers undenkbar, auch wenn wir bis heute nicht wissen, aus welchen Gründen Genialis die Seiten gewechselt hat.

Jedoch änderten sich die politischen Verhältnisse rasch wieder. Vielleicht schon 262/263, spätestens aber ab 265, zählte Rätien wieder zum Machtbereich des Gallienus. Nun verfielen Angehörige und Anhänger des Postumus der damnatio memoriae. Auf dem Augsburger Siegesaltar wurden die Namen von Genialis und der Konsuln sowie die Erwähnung des Heeres aus der Inschrift entfernt (eradiert); wahrscheinlich wurden sie aber nur mit Stuckgips überdeckt und blieben daher deutlich lesbar.

Die römischen Truppen[Bearbeiten]

Auch die Zusammensetzung der an diesem Kampf beteiligten römischen Streitkräfte ist typisch für die damalige Zeit. In dieser Streitmacht, angeführt von Marcus Simplicinius Genialis, einem Offizier aus dem Ritterstand, wird keine reguläre Einheit der rätischen Provinzarmee wie z. B. die legio III Italica genannt, die seit ca. 170 in Regensburg (Castra Regina) stationiert war, sondern ein wohl in aller Eile versammeltes Aufgebot aus Germaniciani (Angehörige obergermanischer Einheiten), milites provinciae Raetiae (mutmaßlich Auxiliartruppen) und sogar populares, womit eigentlich nur bewaffnete Zivilisten (eventuell Veteranen) gemeint sein können. Vermutlich waren Letztere eine Art Bürgerwehr, die sich aus Bewohnern der Provinzhauptstadt und ihrer Umgebung zusammensetzte und dementsprechend hoch motiviert war, die plündernden Germanen zu verjagen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Lothar Bakker: Das Siegesdenkmal zur Juthungenschlacht des Jahres 260 n. Chr. aus Augusta Vindelicum. In: Das Archäologische Jahr in Bayern. Jahrgang 1992 (1993). S. 116–119.
  • Lothar Bakker: Raetien unter Postumus. Das Siegesdenkmal einer Juthungenschlacht im Jahre 260 n. Chr. aus Augsburg. In: Germania 71 (1993), S. 369–386.
  • Lothar Bakker: Der Augsburger Siegesaltar. In: Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hrsg.): Imperium Romanum. Römer, Christen, Alamannen. Die Spätantike am Oberrhein. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1954-0, S. 96–101 (mit 3 großformatigen Abbildungen; das Textfeld ist gut lesbar).
  • Lothar Bakker: Objektbeschreibung. In: Alexander Demandt (Hrsg.): Konstantin der Große. Ausstellungskatalog Rheinisches Landesmuseum Trier. von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3688-8, Katalog Nr. I.3.2 (auf der CD-ROM).
  • Egon Schallmayer (Hrsg.): Der Augsburger Siegesaltar – Zeugnis einer unruhigen Zeit. Saalburgmuseum Bad Homburg v. d. H. 1995, ISBN 3-931267-01-6 (Saalburg-Schriften 2).

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Erstveröffentlichung: Lothar Bakker: Das Siegesdenkmal zur Juthungenschlacht des Jahres 260 n. Chr. aus Augusta Vindelicum. In: Das Archäologische Jahr in Bayern. Jahrgang 1992 (1993), S. 116–119.
  2. Lateinischer Originaltext (AE 1993, 1231, Z. 1–3): In h(onorem) d(omus) d(ivinae) / [pro sal(ute) imp(eratoris)] Sev[er]i / [Alexandri Aug(usti)].
  3. Lateinischer Originaltext (AE 1993, 1231: Deae sanctae Victoriae / ob barbaros gentis Semnonum / sive Iouthungorum die / VIII et VII Kal(endarum) Maiar(um) caesos / fugatosque a militibus prov(inciae) / Raetiae sed et Germanicianis / itemque popularibus excussis / multis milibus Italorum captivor(um) / compos votorum suorum / [[M(arcus) Simplicinius Genialis v(ir) p(erfectissimus) a(gens) v(ices) p(raesidis)]] / [[cum eodem exercitu]] / libens merito posuit / dedicata III Idus Septemb(res) Imp(eratore) d(omino) n(ostro) / [[Postumo Au]]g(usto) et [[Honoratiano co(n)s(ulibus)]].