August Kraus

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August Kraus, gezeichnet von Heinrich Zille

August Friedrich Johann Kraus (* 9. Juli 1868 in Ruhrort; † 8. Februar 1934 in Berlin) war ein deutscher Bildhauer.

Leben[Bearbeiten]

Meisterschüler und Abhängigkeit von Begas [Bearbeiten]

August Kraus war der Sohn eines Kutschers. Die Kindheit verbrachte er in Ruhrort, bevor die Familie Kraus 1877 nach Baden-Baden umzog. Hier nahm er 1882 eine Lehre zum Steinbildhauer bei einem Grabsteinbildhauer auf. Nach dem Weiterzug der Familie nach Straßburg 1883 setzte er die Ausbildung bei Johann Rieger fort und besuchte bis 1887 parallel die Städtische Kunsthandwerkerschule. Von 1887 bis 1891 studierte er an der Berliner Akademie der Künste, wo er in den letzten Semestern Schüler von Ernst Herter war. Anschließend war er bis 1898 Meisterschüler im Atelier von Reinhold Begas, „aus dessen Schatten er bis 1900 nicht heraustrat“.[1]

Löwengruppe
Kraus in seinem Grunewalder Atelier an der Arbeit von Wedigo von Plotho, Heinrich Zille steht Modell
Der fertige Wedigo von Plotho alias Zille
Beim Auftraggeber Wilhelm II. durchgefallener Erstentwurf der Gruppe 32 von Begas
Siegesallee, Gruppe 32 mit Wilhelm I.

Zwar hatte Kraus neben weiteren Arbeiten 1898 das Iltis-Denkmal für Shanghai entworfen und ausgeführt und im Zuge seiner Arbeiten für die Berliner Siegesallee 1899 ein eigenes Atelier eingerichtet, dennoch stellte er seinem Meister Begas bis 1900 zwischendurch immer wieder seine Arbeitskraft zur Verfügung. Der zu diesem Zeitpunkt 31-jährige Bildhauer hatte eine vierköpfige Familie zu versorgen. Auch seine künstlerischen Vorstellungen ordnete er lange den materiellen Erfordernissen unter. Handwerklich versiert war er in der Lage, nach den Wünschen der Auftraggeber in den verschiedensten Stilarten zu arbeiten. Anders als Reinhold Felderhoff mit seiner modernen Auffassung der Denkmalgruppe 6 blieb Kraus bei seiner Siegesallee-Arbeit dem allgemeinen historisierenden Stil treu.

Eigener Stil und Präsident der Akademie der Künste [Bearbeiten]

Erst der große Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste für ein fünfjähriges Rom-Stipendium brachte ihm 1900 materielle und künstlerische Unabhängigkeit. In Rom entwickelte er seinen eigenen Stil, schloss „sich der neoklassizistischen Richtung Hildebrands [an] und [wurde] neben Tuaillon und Gaul zu den Wegbereitern der Moderne.[2] 1906 kehrte er nach Berlin zurück.

Der Bruch mit seiner künstlerischen Vergangenheit und mit der neobarocken Bildhauerschule seines Meisters Begas führte August Kraus konsequent in die Berliner Secession, deren Vizepräsident er zwischen 1911 und 1913 war.[3] Gemeinsam mit seinem Freund Heinrich Zille und anderen wechselte er anschließend in die Abspaltung Freie Secession. Zwischen 1914 und 1920 stand er dem Rauch-Museum als Direktor vor. Die Bildhauervereinigung Berlin wählte ihn zum 1. Vorsitzenden.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde er im November 1933 Präsidialrat der Reichskulturkammer.[4] Im selben Jahr wurde er Vorsitzender der Abteilung Bildende Kunst in der „gesäuberten“ Akademie der Künste, deren Vizepräsident er schon einige Zeit gewesen war. In dieser Funktion unterzeichnete er am 3. November 1933 eine Loyalitätserklärung gegenüber Adolf Hitler.[4] Von 1933 bis zu seinem Tode war er kommissarischer Präsident der Preußischen Akademie der Künste.[5]

August Kraus starb im Februar 1934 und liegt auf dem landeseigenen Friedhof Heerstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf begraben. Er erhielt ein Berliner Ehrengrab.

Ausgewählte Werke[Bearbeiten]

Arbeiten für die Siegesallee [Bearbeiten]

Bei aller Abhängigkeit von Begas verdankte Kraus seinem Meister viele Aufträge. So bewarb er sich 1897 auf Begas Empfehlung um Arbeit für die monumentale Siegesallee. Im Tiergarten schufen im Auftrag Kaiser Wilhelms II. zwischen 1895 und 1901 27 Bildhauer 32 Standbilder mit Herrschern aus der Geschichte Brandenburgs und Preußens. Jedes Standbild wurde flankiert von zwei kleineren Büsten mit der Darstellung von Personen, die im Leben des jeweiligen Herrschers oder für die Geschichte Brandenburgs/Preußens eine wichtige Rolle gespielt hatten.

Die künstlerische Leitung des Gesamtprojekts lag bei Kraus Meister Reinhold Begas. Wilhelm II. akzeptierte die Bewerbung und beauftragte Kraus mit der Gruppe 9 um den letzten Askanischen Markgrafen Heinrich das Kind. Kraus wurde der jüngste Siegesallee-Künstler. Nach Abschluss seiner Arbeiten bemühte er sich im Gegensatz zu den meisten anderen Bildhauern nicht um weitere Aufträge.

Gruppe 9 [Bearbeiten]

Zur Bewältigung der Aufgabe baute Kraus ein eigenes Atelier in der Kolonie Grunewald. Die Arbeiten an der Denkmalgruppe 9 nahm er Ende 1898 auf.

Da für den letzten märkischen Askanier keine Bildvorlagen oder Personenbeschreibungen existierten, machte die historische Kommission der Siegesallee unter Reinhold Koser wenig Gestaltungsvorgaben. Heinrich das Kind war 1320 bereits im Alter von elf Jahren gestorben, sodass Kraus eine knabenhafte, grazile Figur mit einem weiten Umhang und einem träumerischen, leicht melancholischen Gesichtsausdruck gestaltete, die er auf einen oktogonalen Sockel stellte. Nur ein Kronreif kennzeichnet die Figur im höfischen Kostüm eines Edelknaben als Regenten, auf die Beigabe von Waffen verzichtete Kraus. Als Modell hatte dem Bildhauer der französische Cellist Paul Bazelaire gedient, der gerade in Berlin zu Gast war – zur Erinnerung schickte „der Chef des Geheimen Zivilkabinetts dem Musiker zwei Fotos des Denkmals.[6]

Als Nebenfiguren wählte die historische Leitung der Siegesallee Heinrichs Vormund Wartislaw IV. und den Prignitzer Ritter Wedigo von Plotho, genannt Der Bauernschlächter. Wedigo soll Waldemar dem Großen in der Schlacht bei Woltersdorf 1317 das Leben gerettet haben. Die Büste Wedigos schrieb eine ganz besondere Geschichte, denn Kraus' Freund, der „Milljöh“-Zeichner Zille, der zu dieser Zeit noch nicht als sozialkritischer Maler bekannt war, hatte Modell gestanden. Die Kreuzzeitung amüsierte sich über den Bildhauerscherz in ihrem Bericht zur Einweihung des Denkmals (22. März 1900): „So ist z.B. das bärbeißige Raubrittergesicht des biederen Grafen Plotho mit der so charakteristischen urgermanischen Kartoffelnase, das die Heiterkeit des königlichen Auftraggebers in so hohem Maße erregte, nicht etwa ein Phantasiegebilde des Künstlers, sondern das wohlgelungene Porträt eines ehrbaren Charlottenburger Spießbürgers und technischen Leiters einer bekannten Großen Kunstanstalt […].[7]

Die Wedigo/Zille-Büste wurde mehrfach repliziert, unter anderem für die Charlottenburger Gaststätte Zille-Eck. Der Verbleib der Figur ist unklar. Aus dem Nachlass von August Kraus bewahrt das Berliner Georg-Kolbe-Museum unter der Leihgabennummer 32 ein Gipsmodell der Büste auf, das „ein Relikt des Originalgipses sein könnte.[8]

Die Originale selbst befanden sich mit starken Beschädigungen von 1978 bis 2009 im Lapidarium in Berlin-Kreuzberg und stehen seit Mai 2009 in der Zitadelle Spandau. An der Wedigo/Zille-Büste fehlt der Kopf, der bereits 1945 verschwunden ist. Auch am Heinrich-Standbild fehlt der Kopf und zudem der rechte Arm und das linke Bein. Die Wartislaw-Büste ist mit Konturschäden komplett. Insgesamt gehörte die Arbeit von August Kraus laut Ute Lehnert zu den wenigen ausgewogenen Denkmalkompositionen in dem kaiserlichen Monumentalboulevard.

Gruppe 32 [Bearbeiten]

Auf die Gestaltung der abschließenden Denkmalgruppe 32 mit seinem kaiserlichen Großvater legte der Auftraggeber besonderen Wert und übertrug die Arbeit deshalb Reinhold Begas. Begas hatte allerdings für sein pompöses Nationaldenkmal von 1897 heftige Kritik, in gewissem Sinne auch von Wilhelm II., einstecken müssen. Möglicherweise hat er sich deshalb bei dieser Arbeit „einer äußerst schlichten Formensprache“ bedient. Doch auch sein Erstmodell für die Siegesallee von 1899 fiel beim Kaiser durch. „In Verbindung mit dem Pickelhelm machte das Modell […] einen zu soldatischen Eindruck, das heißt, es brachte die Herrscherwürde nicht angemessen zum Ausdruck.“ (Lehnert).[9]

Daraufhin hat sehr wahrscheinlich August Kraus in Begas Werkstatt das Standbild für den ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. entworfen und modelliert, während die Nebenfiguren (Humboldt und Rauch) wohl tatsächlich von Kraus Meister Begas stammen. Ein Zeitgenosse berichtete:

Auf der rechten Seite erhebt sich die Statue Kaiser Wilhelms I., eine schlichte, dem Leben abgelauschte Figur […]. Der Künstler, der an diesem Werke modelliert, ist einer der begabtesten Schüler und Mitarbeiter des Meisters, Bildhauer August Kraus.[10]

Kraus selbst teilte später mit:

In der Siegesallee habe ich für Begas die Statue Kaiser Wilhelms I. geschaffen, nachdem Begas mit seinem ersten Entwurf Schiffbruch erlitten hatte.[11]

Zwar behielt Kraus den Pickelhelm und die militärische Auffassung der Figur aus Begas Entwurf bei, doch gelang ihm die Darstellung so zurückhaltend, dass er Wilhelm I. in Verbindung mit einer ungezwungenen Schrittstellung und einem abgeklärten, aber festen Gesichtsausdruck „eine Noblesse“ verleihen konnte, „in der die Herrscherwürde zum Ausdruck kommt.[12] Die Nebenfiguren der am 30. März 1901 enthüllten Gruppe sind verschollen, während die Kaiserstatue mit starken Beschädigungen im Gesicht seit Mai 2009 in der Zitadelle Spandau ruht.

Iltis-Denkmal und Männeken Pis [Bearbeiten]

Einen der ersten größeren Aufträge erhielt Kraus von der Kaiserlichen Marine mit der Gestaltung des Iltis-Denkmals für Shanghai. Das deutsche Kanonenboot Iltis war in einem Taifun in der Nähe des Kap Shandong (Kap Shantung) gesunken. Von 85 Besatzungsmitgliedern überlebten nur 14 das Drama. Kraus modellierte nach einer Skizze des Kapitäns Müller einen zersplitterten, 6 Meter hohen Mast aus Bronze mit deutscher Fahne und Lorbeerkranz an dessen Fuß. Das Denkmal wurde am 21. November 1898 in Gegenwart des Prinzen Heinrich, der ein Jahr später Chef des Ostasiengeschwaders der Kaiserlichen Marine wurde, enthüllt und im Ersten Weltkrieg zerstört.[13]

1908 verschmähte seine Vaterstadt Ruhrort ein Geschenk, das Kraus ihr mit der Figur des Männeken Pis hatte zukommen lassen. Aus sittlichen Gründen lehnten die späteren Duisburger eine Aufstellung des Werkes ab, das deshalb erst 1952 einen Platz im Tonhallenpark vor der Mercatorhalle bekam. Nach einer Odyssee über den Ostausgang des Hauptbahnhofs steht die 90 Zentimeter hohe Bronzeskulptur heute inmitten einer Brunnenschale am Sonnenwall/Leidenfroststraße. Wie seine Tochter mitteilte, kopierte Kraus nicht das Brüsseler Original, sondern ließ seinen Sohn Modell stehen.[14]

Preise und Ausstellungen[Bearbeiten]

Bismarck-Nationaldenkmal am heutigen Standort am Großen Stern
Bergmannsstatue für das Familiengrab Poensgen auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf
Relief am Grabstein des Freundes Zille

Einige Werke von August Kraus sind heute im Georg-Kolbe-Museum, Berlin ausgestellt

  • 1896: Kaiserpreis zur Ergänzung der Antiken, erster Preis
  • 1899: Auf der ersten (und weiteren) Ausstellung(en) der Berliner Secession vertreten
  • 1900: Großer Staatspreis, fünfjähriges Romstipendium; (unter anderem aufgrund der Siegesallee-Gruppe 9)
  • 1900: Auf der Pariser Weltausstellung mit Gipsabguss Heinrichs aus der Siegesallee-Gruppe 9 vertreten

Werkliste[Bearbeiten]

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Medaillenarbeiten

  • 1916 Bronzegussmedaille, 79,5 mm, auf: Alfons Mumm von Schwarzenstein (1859–1924), Diplomat und Mitglied der Champagnerdynastie in Reims und Frankfurt

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 374
  2. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 375
  3. August Kraus. In: Ulrich Thieme, Felix Becker u. a.: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 21, E. A. Seemann, Leipzig 1927, S. 444.; die Darstellung der Edition Luisenstadt, nach der Kraus in der Nachfolge Max Liebermanns Präsident der Berliner Secession wurde, ist sehr wahrscheinlich falsch
  4. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 334.
  5. Mitgliederdatenbank der Akademie der Künste
  6. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 126
  7. Zitiert nach Otto Nagel …, S. 80f
  8. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 127, 266.
  9. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 218
  10. Über Land und Meer, Bd. 84/1900, 437; vgl. Peter Bloch in: August Kraus: Schreitende Römerin (mit Lebenslauf und vorläufigem Werkverzeichnis), in: Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 1975, S. 129. Zitiert und Quellenangaben nach Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 218, 242 (Anm. 177), 396
  11. Staatliche Museen Berlin/Zentralarchiv,I/Nationalgalerie Specialia Kraus. Zitiert und Quellenangabe nach Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 242 Anm. 176, 406
  12. Uta Lehnert: Der Kaiser und die …, S. 219
  13. Einweihung des Denkmals für das untergegangene Kanonenboot Iltis, Shanghai, am 21. November 1898 Deutsches Historisches Museum
  14. Webseite Duisburg, Progesundheit, Nr. 58 Juni 2003 PDF, Seite 9
  15. a b c Friedhöfe Mannheim, siehe Eintragungen unter Lanz, Heinrich und Lanz, Julia
  16. Anklamer Gefallenendenkmal
  17. a b August Kraus. In: Ulrich Thieme, Felix Becker u. a.: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Band 21, E. A. Seemann, Leipzig 1927, S. 444.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ethos und Pathos. Die Berliner Bildhauerschule 1786–1914, Katalog, Hrsg. von Peter Bloch, Sibylle Einholz und Jutta von Simson. Berlin 1990
  • Uta Lehnert: Der Kaiser und die Siegesallee. Réclame Royale, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-496-01189-0.
  • Otto Nagel: H. Zille. Veröffentlichung der Deutschen Akademie der Künste. Henschelverlag Berlin, 1970.
  • Peter Paret: Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland, Ullstein, Frankfurt/M. 1983 (Ullstein-Buch; Bd. 36074) ISBN 3-548-36074-2

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: August Kraus – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien