August Nitschke

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August Nitschke (* 18. September 1926 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker und Mitbegründer der Historischen Anthropologie.

Leben[Bearbeiten]

August Nitschke, Emeritus für mittelalterliche Geschichte, lehrte am Historischen Institut der Universität Stuttgart, das er 1960 mit gründete. Die Einrichtung der Studiengänge „Geschichte“ sowie „Geschichte der Naturwissenschaften und Technik“ geht wesentlich auf sein Wirken zurück. 1968/69 war er Dekan der damaligen Fakultät für Natur- und Geisteswissenschaften, 1970/71 und 1978/79 diente er als Prorektor und übernahm zeitweilig die Amtsgeschäfte des Rektors. In diesen Funktionen und als langjähriges Senatsmitglied setzte er sich nachdrücklich für den Ausbau der Technischen Hochschule Stuttgart zur Volluniversität ein. Als Gastwissenschaftler wirkte er 1987 am Wissenschaftskolleg in Berlin, 1991/92 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld und folgte Einladungen in die USA, nach Japan und China. Für seine Verdienste um die Geschichtsforschung im In- und Ausland wurde August Nitschke 1986 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seit seiner Emeritierung am 30. September 1994 ist er weiterhin vielfältig wissenschaftlich und publizistisch tätig.

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten]

Dialog mit der Naturwissenschaft[Bearbeiten]

Nitschkes frühe Arbeiten galten der Epoche des Investiturstreits, dem staufischen Sizilien und der Quellenkunde des 13. Jahrhunderts. Mit Golo Mann zusammen gab er 1960–1964 die „Propyläen Weltgeschichte“ heraus. Die Tätigkeit an einer Universität mit ingenieurwissenschaftlichen Schwerpunkten veranlasste ihn, nach den historischen Bedingungen naturwissenschaftlicher Erkenntnis und technischen Handelns zu fragen. Über Jahrzehnte hinweg hat er mit Erfolg das Gespräch mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften gesucht. Kooperationen in Form gemeinsamer Lehrveranstaltungen, Tagungen und Publikationen ergaben sich daraus. Mit zwei Funkkollegs zur Methodik der Geschichtsforschung und zur Kultur der Jahrhundertwende (1900) wirkte Nitschke in eine breite Öffentlichkeit hinein.

Historische Verhaltensforschung[Bearbeiten]

Seine Bemühungen um methodische Verständigung mit der Naturwissenschaft führte ihn zu einer „Historischen Verhaltensforschung“, die später in die „Historische Anthropologie“ mündete. Dabei richtete er das Augenmerk auf den geschichtlichen Wandel körperlichen und raumorientierten Verhaltens als Spiegel gesellschaftlicher und politischer Veränderung. Die Beobachtung und Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen jenseits von Absichten, Begründungen und sogenannten Weltbildern sollte geschichtliche Prozesse in gewisser Weise messbar machen. Als Beobachtungsfelder zog er vor allem Kunstdarstellungen, Tanz, Sport, Spiel, Naturbeschreibungen und Märchen heran. Als wegweisende Werke in diese Richtung sind „Naturerkenntnis und politisches Handeln im Mittelalter. Körper, Bewegung, Raum“ (1967), „Kunst und Verhalten. Analoge Konfigurationen“ (1975), „Historische Verhaltenforschung. Analysen gesellschaftlicher Verhaltensweisen“ (1981), „Fragestellungen der historischen Anthropologie“ (1984) sowie „Körper in Bewegung. Gesten, Tänze und Räume im Wandel der Geschichte“ (1989) zu erwähnen.

Mentalitätsgeschichte mit interdisziplinärem Ansatz[Bearbeiten]

Zu dieser Annäherung an die Naturwissenschaft gehörte, dass er einerseits die Methoden der biologischen Verhaltensforschung für die Geschichtswissenschaft fruchtbar machte und diese anderseits von den Einsichten der Ethnologie profitieren lassen wollte. In den Lebensformen und Denkweisen indigener Völker erkannte er einen Zugang insbesondere zu den älteren Epochen der europäischen Geschichte. Darin traf er sich mit ähnlichen Bemühungen der französischen Mentalitätsforschung (Mentalitätsgeschichte) um die Zeitschrift „Annales“. Wie diesen Kollegen war und ist auch ihm das Studium der außereuropäischen Geschichte und der interkulturelle Vergleich immer ein starkes Forschungsanliegen.

Schüler[Bearbeiten]

Zu Nitschkes Schülern und Mitarbeitern zählten unter anderen: Dieter R. Bauer, Johannes Burkhardt, Henning Eichberg, Andreas Kalckhoff, Harald Kleinschmidt, Tilman Struve,Wolfgang Stürner und Johannes Zahlten.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]