Selbstverletzendes Verhalten

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Klassifikation nach ICD-10
X84 Vorsätzliche Selbstbeschädigung auf nicht näher bezeichnete Art und Weise
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Mit selbstverletzendem Verhalten (SVV) oder autoaggressivem Verhalten beschreibt man eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich betroffene Menschen absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen. Normalpsychologische Grundlage für diese Störung ist unter anderem das Konzept des Körperschemas. SVV kann der Selbstbestrafung dienen. Dieses Verhalten geht weit über andere Formen der Selbstschädigung wie etwa die Verkürzung der eigenen Lebenserwartung durch intensives jahrelanges Rauchen hinaus.

Selbstverletzendes Verhalten kann auftreten bei: Borderline-Persönlichkeitsstörung (siehe auch Parasuizid), fetalem Alkoholsyndrom, Lesch-Nyhan-Syndrom, Depressionen, Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie, Adipositas, Missbrauchserfahrungen, Deprivationen (Entzug von Zuwendung und „Nestwärme“), Traumatisierungen, während der Pubertät, Kontrollverlust, Körperschema-Störungen (Body Integrity Identity Disorder), Zwangsstörungen (OCD: Obsessive-Compulsive Disorder), schweren Zurücksetzungen und Demütigungen, psychotischen oder schizophrenen Schüben und ähnlichen seelischen Störungen sowie bei geistiger Behinderung und Autismus.

Obgleich SVV in der Regel keinen suizidalen Aspekt hat, im Gegenteil sogar durch Spannungs-, Wut- und Selbsthass-Abfuhr einen Suizid zu vermeiden und aufzuschieben trachtet, können die zu Grunde liegenden Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Dissoziationsphänomene, unerträglichen Spannungszustände, Nervenschwächen und Nervenerregungen, todestriebähnlichen Selbstzerstörungswünsche und etwaigen Suchtabhängigkeiten auf die Dauer zu Suizidalität führen und enden in einigen Fällen letztlich im Suizid.

Arten

Selbst zugefügte Schnittverletzungen am Unterarm

Es gibt verschiedene Arten der Selbstverletzung; häufig werden mehrere von einer Person angewandt. Zu den häufigsten zählen

  • das Aufschneiden, Aufkratzen oder Aufritzen (sogenanntes Ritzen) der Haut an den Armen und Beinen mit spitzen und scharfen Gegenständen wie Rasierklingen, Messern, Scheren oder Scherben; eine Häufung der Narben ist am nicht-dominanten (Unter-)Arm zu finden, aber auch beide Arme können von Narben übersät sein, wie auch zum Beispiel Bauch, Beine, Brust, Genitalien oder das Gesicht.
  • wiederholtes „Kopfschlagen” (entweder mit den eigenen Händen gegen den Kopf, ins Gesicht oder mit dem Kopf an Gegenstände)
  • wiederholtes oder einmaliges Boxen gegen harte Gegenstände bis Hämatome oder Blutungen auftreten.
  • das Schlagen des Körpers (zum Beispiel Arme und Beine) mit Gegenständen
  • das Ausreißen von Haaren (Trichotillomanie)
  • In-die-Augen-Bohren bis hin zur Auto-Enukleation
  • Mit Nadeln (z. B. Sicherheitsnadeln) stechen
  • Das Beißen in erreichbare Körperpartien, auch Abbeißen von Fingerkuppen und „Zerkauen” der Innenseite von Wangen oder Lippen
  • Verbrennungen und Verbrühungen (zum Beispiel Zigarettenausdrücken auf dem eigenen Körper, Hand über eine Kerze halten)
  • Einnahme schädlicher Substanzen (wie zum Beispiel Reinigungsmittel)
  • Intravenöse, subkutane oder intramuskuläre Injektion schädlicher Substanzen
  • Verätzung des Körpers durch Chemikalien
  • Das langanhaltende Aufsprühen von Deodorants oder Körpersprays auf eine Stelle, bis Erfrierungen auftreten.
  • Fingernägelkauen (Onychophagie), wobei die leichteren, auf Nervosität beruhenden Formen nicht unbedingt zu den Selbstverletzungen gezählt werden, jedoch schmerzende Nagelverletzungen und Ausreißen der Nägel Selbstverletzungen darstellen.

Es ist umstritten, ob bei der Verletzung des eigenen Körpers Endorphine (Glückshormone) ausgeschüttet werden, die den Schmerz lindern, wie es bei körperlicher Anstrengung oder auch einer Geburt der Fall ist. Diese werden in Verbindung mit Adrenalin ausgeschüttet, da der Körper durch die Selbstverletzungen in eine starke Form des Stresses versetzt wird.

Es steht fest, dass eine Gewöhnung stattfindet, die extremere Selbstverletzungen nach sich zieht (tiefere Schnitte, großflächigere Verbrennungen), um die gesuchte Befriedigung zu erreichen.

Nicht immer allerdings werden Endorphine oder Adrenalin ausgeschüttet; bei „Beißern” tritt nicht die Form des Stresses auf, sondern genau das Gegenteil: Der Betroffene steht unter Druck. Wie bei anderen Verletzungen auch werden die Wunden immer größer bzw. tiefer, um den (wiederum durch das Beißen provozierten und gesteigerten) Druck abbauen zu können. Überdies ist therapeutisch nicht eindeutig erwiesen, ob es sich bei autoaggressivem Verhalten um eine Art Selbstbelohnungs- oder Selbstbestrafungstrieb handelt.

Bei einer Multiple-Choice-Studie auf einer Homepage, die sich mit dem Thema befasst, wurde festgestellt, dass viele Menschen mit selbstverletzendem Verhalten mehrere Arten der Selbstverletzung praktizieren (teils kombinieren):

Schneiden (Ritzen) wurde mit einer Häufigkeit von 72 % angegeben, 35 % verbrannten sich, 30 % schlugen sich selbst, 22 % verhinderten die Wundheilung von Verletzungen, 22 % kratzten verschiedene Körperpartien mit den Fingernägeln auf, 10 % gaben an, sich die Haare auszureißen und 8 % brachen sich vorsätzlich Knochen oder verletzten ihre Gelenke.

Zahlen und Daten

Folgende statistische Angaben sind unter Vorbehalt zu betrachten, da sie teils nur Schätzungen sind und/oder sich auf spezifische Gruppen beziehen und daher keine statistisch abgesicherten Ergebnisse liefern. Jedoch geben sie Tendenzen wieder.

Die Häufigkeit in Deutschland wird mit 0,7 % bis 1,5 % angegeben, was einer Anzahl von rund 600.000 bis 1,2 Millionen Menschen entspricht. Überwiegend sind weibliche Personen von SVV betroffen. Die Angaben schwanken stark zwischen 3:1 (Frauen:Männer) und 9:1 (Frauen:Männer).

Altersstruktur

Mehrheitlich liegt der Beginn der Erkrankung zwischen dem 12. und dem 15. Lebensjahr, das am häufigsten genannte Alter ist 13. In der Zeit der Pubertät ist also meist der Auslöser zu suchen, das Verhalten tritt meist während der ohnehin emotional oft sehr angespannten Phase der Pubertät (verlorene Liebe, Aggression gegen Eltern etc.) auf. Die Ursachen bzw. Gründe werden meist in der Kindheit gesucht. Demnach würden Konflikte, die dort nicht ausgetragen werden konnten, nun hervorbrechen und von manchen als SVV „bearbeitet“ werden.

Ein anderer Aspekt ist die Frage, ab welchem Alter aktiv nach autodidaktischer, ärztlicher und/oder psychologischer Hilfe gesucht wird. Aus fortlaufender Erhebung auf der Internetseite „Rote Tränen“[1] ergibt sich etwa folgende Struktur direkt oder indirekt Betroffener, die die Bewältigung versuchen oder sich mit Alternativen beschäftigen:

  • ab ca. 11 bis 16 Jahre: 34 %
  • 16 bis 18 Jahre: 29 %
  • 18 bis 20 Jahre: 17 %
  • 20 bis 24 Jahre: 13 %
  • über 24 Jahre: 7 %

Häufigkeit

  • 1 mal: 2 %
  • 25 bis 50 mal: 23 %
  • öfter als 50 mal: 75 %

Angaben zum Aufschneiden der Haut entfiel zu 85 % Prozent auf Extremitäten und 15 % auf den Rumpf.

Umgang mit Betroffenen

Selbstverletzendes Verhalten bedarf keiner objektiv „schlimmen“ Situation, sondern kann von psychischen Erkrankungen ausgelöst werden, die unabhängig von den objektiven Zuständen vorkommen können. Eine häufig spontane, zynische Reaktion – „Anderen geht es noch viel schlimmer“ – verkennt gerade den Krankheitswert dieser Störung und nimmt implizit an, dass Menschen in schlimmen Umständen zur Selbstverletzung neigten.

Während nur Fachpersonal die zugrundeliegenden Störungen kompetent therapieren kann, kann das familiäre und soziale Umfeld durch Vermeidung der Distanzierung und durch Sozialisierung in Krisensituationen zur Besserung der Symptomatik beitragen. Versuche, die Symptomatik zum Gegenstand einer Diskussion zu machen, sind aufgrund des Krankheitsgewinns kontraproduktiv.

Schwierig ist es, zur freien Willensbestimmung fähige Erwachsene gegen ihren Willen behandeln zu lassen. Denn „der Staat [als Inhaber des Gewaltmonopols] hat von Verfassungs wegen nicht das Recht, seine erwachsenen und zur freien Willensbestimmung fähigen Bürger zu ‚bessern‘ oder zu hindern, sich selbst gesundheitlich zu schädigen.“[2] Dem steht ein Recht des Einzelnen auf Selbstschädigung entgegen, dessen Grenzen umstritten sind.[3] Eine zwangsweise Behandlung ist in Deutschland rechtlich nur bei Minderjährigen oder bei Menschen zulässig, deren Befähigung zur freien Willensbildung massiv beeinträchtigt ist.

Möglichkeiten der Therapie

Autoaggressive Personen haben die Möglichkeit einer Psychotherapie. Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto größer sind die Chancen einer Heilung.

Zur Behandlung stehen unterschiedliche Therapiekonzepte zur Verfügung; sowohl tiefenpsychologisch- psychoanalytische als auch verhaltenstherapeutische.

Die Transference-Focused-Psychotherapy (TFP) nach Otto F. Kernberg konzentriert sich hierbei auf die Übertragung und Gegenübertragung, wobei hier ein besonderes Augenmerk auf die aktuelle Situation und die aktuellen Konflikte eines Patienten gelegt wird. Auch ist die TFP in Abgrenzung zu anderen Formen der psychoanalytisch begründeten Psychotherapie, etwa der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, nicht ausschließlich auf stützende Techniken angewiesen, auch wenn diese je nach psychosozialer Situation und Verfassung des Patienten auch eingesetzt werden.[4]

Ein Therapiekonzept, das sich unter anderem mit Leidensdruck und dem daraus resultierenden Problemverhalten (also auch Selbstverletzung) beschäftigt, ist die Dialektisch-behaviorale Therapie nach Marsha M. Linehan. Diese auf das Krankheitsbild der Borderline-Persönlichkeitsstörung ausgerichtete Therapie unterscheidet zwischen Bewältigungsstrategien bei Leidensdruck (zum Beispiel durch Ablenkung oder bewusster Wahrnehmung) und Alternativen zu körperschädigendem Verhalten, sogenannten Skills. Beispiele für Skills sind das Festhalten von Eiswürfeln, Kauen von Chilischoten oder Barfußlaufen im Schnee. Im klinischen Umfeld wird das Auftragen einer speziellen stark reizenden Salbe auf die Unterarme des Patienten als Reaktion auf einen akut auftretenden hohen Selbstverletzungsdruck praktiziert.

Rezeption

Selbstverletzendes Verhalten ist medial und künstlerisch oft rezipiert worden, zum Beispiel vom österreichischen Aktionskünstler Günter Brus.

Lieder/Songs

Bücher oder Filme

Beispiele:

  • in „Allein“, „Dreizehn“, „Secretary“ und „Two days with Juliet“ verletzen sich die Hauptcharaktere selbst.
  • In „Durchgeknallt“ und „28 Tage“ wird dieses Verhalten an einem Nebencharakter gezeigt.
  • Die Fernsehserie Lindenstraße zeigt anhand der Rolle der Nastya ein Beispiel des sogenannten Ritzens bei subjektiv empfundener emotionalier Isolierung kombiniert mit äußerem Stress.
  • In der siebenbändigen Romanreihe Harry Potter – sie wurde auch verfilmt – kommt ein Hauself namens „Dobby“ vor, der zwanghaft seinen Kopf gegen Wände oder harte Gegenstände schlägt, sobald er gegen etwas ihm Auferlegtes verstoßen hat (Selbstbestrafung). Im Laufe der Handlung wird Harry Potter zu Dobbys Gebieter; er verbietet Dobby sein zwanghaftes Verhalten, was diesem zunächst sehr schwerfällt (Näheres hier; siehe auch Paradoxon).
  • in Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin spielt SVV eine zentrale Rolle
  • in André Gides Les caves du Vatican (Die Verliese des Vatikans) wird SVV thematisiert.

Literatur

  • Stefanie Ackermann: Selbstverletzung als Bewältigungshandeln junger Frauen. Mabuse Verlag, Frankfurt am Main 2002.
  • Norbert Hänsli: Automutilation – Der sich selbst schädigende Mensch im psychopathologischen Verständnis. Verlag Hans Huber Ber, Göttingen 1996.
  • Ulrich Rohmann: Selbstverletzendes Verhalten. Überlegungen, Fragen und Antworten. 1998.
  • Ulrich Sachsse: Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik-Psychotherapie, das Trauma, die Dissoziation und ihre Behandlung. 6. Auflage 2002.
  • Gerrilyn Smith et al: Selbstverletzung. Damit ich den inneren Schmerz nicht spüre ... Ein Ratgeber für betroffene Frauen und ihre Angehörigen. 2000.
  • Mike Smith: Hilfen für Menschen mit selbstverletzendem Verhalten. 2000.
  • Marilee Strong: A Bright Red Scream. Self-mutilation and the language of pain. Penguin Books, 1999.
  • Kristin Teuber: Ich blute, also bin ich. Selbstverletzung der Haut von Mädchen und jungen Frauen. Centaurus Verlag, Herbolzheim 2000.
  • Jochen Hettinger: Selbstverletzendes Verhalten, Stereotypien und Kommunikation. Die Förderung der Kommunikation bei Menschen mit geistiger Behinderung oder Autismussyndrom, die selbstverletzendes Verhalten zeigen. 1996.
  • Heinz Mühl et al: Selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung. Ein Lehrbuch aus pädagogischer Sicht. 1996.
  • Steven Levenkron: Der Schmerz sitzt tiefer. Selbstverletzung verstehen und überwinden. 2001.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. rotetraenen.de
  2. BVerfGE 22, 180/219 f.
  3. Kai Fischer: Die Zulässigkeit aufgedrängten staatlichen Schutzes vor Selbstschädigung. Peter Lang / Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1997. ISBN 978-3-631-32569-8
  4. W. Mertens: Einführung in die psychoanalytische Therapie. Kohlhammer, Stuttgart 2000.
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