Autorität

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht (durch Vereinbarungen oder Herrschaftsbeziehungen) in gesellschaftlichen Prozessen (Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter) oder durch vorausgehende Erfahrungen von Charisma (nach Max Weber beruhend auf charakteristischen Charismatisierungsquellen, wie Stärke, Kompetenz, Tradition oder Offenbarung). Der Begriff hat seine Wurzeln im römischen Recht (auctoritas).

Formen der Auseinandersetzung mit Autorität[Bearbeiten]

Autorität ist nicht vornehmlich als Eigenschaft, sondern hauptsächlich als Beziehungsqualität zu begreifen; die Autorität bedarf der Anerkennung anderer, das Autoritätsverhältnis ist zweiseitig. Dabei kann es sich um die verschiedensten Beziehungsformen handeln, insbesondere können die Grade der Freiwilligkeit der Anerkennung viele Formen annehmen, insbesondere:

  • Freiwillige Bewunderung, Anerkennung und Respekt, bis hin zum Gegenteil Autoritätshörigkeit.
  • Faktisch akzeptierte Autorität in gesellschaftlichen Rollen (z. B. Eltern, Lehrer, Vorgesetzte, Polizeivollzugsbeamte, Richter, Trainer)
  • Vortäuschen der Akzeptanz der Autorität nach Außen hin, um Nachteile zu vermeiden, bei gleichzeitiger innerer oder gegenüber Vertrauten dokumentierter Ablehnung
  • Erzwungene Anerkennung von Autorität aufgrund körperlicher Unterlegenheit, in Situationen von Gefangenschaft oder Gefängnis- oder allgemein aufgrund von massiven Angstsituationen.
  • Auflehnung und Rebellion beispielsweise gegen die Staatsautorität.

Unterschiedliche Auffassungen und Auswirkungen von Autorität[Bearbeiten]

Neue Ansätze im Lehrbereich, zum Beispiel in den konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorien, gehen davon aus, dass die Lehrperson ihre Autorität nicht nur kraft des Gesetzes/der Position erlangt, sondern durch Zustimmung von den Belehrten. Autorität kann zudem geteilt oder delegiert werden, sofern die Autorität (als Person) gewillt ist, dies zu tun.

Prinzipiell betrachtet entsteht durch Autorität dennoch ein (wenn auch ein zeitlich, räumlich oder fachlich beliebig eingeschränkt vorstellbares) Machtgefälle bzw. Herrschaftsverhältnis zwischen – im elementaren Fall – zwei Personen.

Welche Macht einem Lehrer zukommt, hat Jane Elliott durch ihr Experiment gezeigt, in dem sie Kinder durch falsche Informationen über die angebliche Bedeutung der Augenfarbe für den Charakter dazu veranlasste, andere Kinder zu diskriminieren. Zusätzlich zu den irreführenden Informationen ging sie mit schlechtem Beispiel voran, indem sie selbst die jeweils als Sündenböcke ausgewählten diskriminierte. Später entwickelte sie daraus ein auf Bewusstseinsförderung abzielendes Anti-Rassismus-Programm.[1]

Erich Fromm bezeichnet die Autorität des Lehrers im Lehrer-Schüler-Verhältnis als Beispiel für eine rationale Autorität, gegenüber der irrationalen Autorität des Herrn in der Herr-Knecht-Beziehung (autoritärer Charakter). Die rationale Autoritätsbeziehung löst sich auf, je selbstständiger der Schüler wird, bis er schließlich der Schule entwachsen ist. Pädagogisch wird Autorität oft grundsätzlich als förderliche Autorität betrachtet, die auf Vertrauen gründet, aber auch missbraucht werden kann. Soziopsychoanalytisch kritisiert Gérard Mendel Autorität als „täuschende Maske der Gewalt“, die im Fall unzureichenden oder verweigerten Gehorsams ihr wahres strafendes Gesicht zeigt.

Der sehr schillernde Autoritätsbegriff enthält weitere Differenzierungen: charismatische Autorität, funktionale Autorität, personale Autorität, anonyme Autorität, Sachautorität, Amtsautorität, Erziehungsautorität usw.

Man kann nach Bocheński epistemische und deontische Autorität unterscheiden: Epistemische Autorität ist die Autorität des Wissenden, der sich in einem Fachgebiet besonders gut auskennt und auf den man deswegen bei Fragen, die dieses Fachgebiet betreffen, zu hören gewillt ist. Deontische Autorität bezeichnet die Autorität des Vorgesetzten, der von dieser seiner Position her Weisungen zum Verhalten seiner Untergebenen erteilen kann. Englischsprachige Autoren vertreten inhaltlich ähnliche Unterscheidungen: „Cognitive“ und „administrative“[2] – „Epistemic“ und „executive“[3] – „By command“ und „by expertise“ (Jean Goodwin, die als dritten Typus die Autorität „by dignity“ vorschlägt).[4]

Unter Demonstration von Autorität oder Autoritätsdemonstration wird eine Handlung verstanden, die dazu dienen soll, dass eine Autorität anerkannt und gefestigt wird.

Wird Autorität von einer Gruppe sich zusammengehörig fühlender Personen gleichzeitig demonstriert, so tragen Effekte der Gruppendynamik in der Regel zu einer Stärkung der Intensität dieser Demonstration bei.

Das Milgram-Experiment zeigt, dass eine Deckung in dem Sinne, dass z. B. Vorgesetzte Handlungen zur Demonstration von Autorität allgemein oder im Einzelfall befürworten, weiterhin zur Stärkung der Intensität der Demonstration von Autorität beiträgt. Gibt es möglichst wenig Kontakt (z. B. Gelegenheiten für Mitgefühl) zwischen Demonstrierenden und Betroffenen, so ist dies ebenfalls intensitätssteigernd.

Eine Demonstration von Autorität kann zum Beispiel durch Nachsicht und Respekt oder durch die offensichtliche Suche nach einem gerechten Konsens in Konflikten erfolgen. Dies wird gegenwärtig von vielen Menschen als positiv erachtet, da diese solche Demonstrationen von Autorität als Zeichen intellektueller Überlegenheit sehen.

Es gibt aber auch Methoden, die zur Zeit überwiegend negativ bewertet werden, so z. B. durch möglichst beeindruckendes Auftreten: Habitus, Kleidung, möglichst imposante Uniform, Talar, Abzeichen, Waffe, o. Ä., durch Sprache, etwa entschiedener Tonfall, Schreien, auch Drohungen, („Säbelrasseln“), oder Beleidigungen, sowie durch Gewalt, Androhen oder Zufügen von physischem oder psychischem Schmerz, Qual, Folter Autorität zu erzwingen. Dazu gehört auch das Verbreiten von Angst und Terror, z. B. demonstrative Verletzung oder Tötung anderer (Exempel statuieren).

In der Studentenbewegung spielte der der Frankfurter Schule entlehnte Begriff von Autorität eine große Rolle. Die Revolte wird demnach auch als Antiautoritäre Bewegung bezeichnet.

Sozialwissenschaftler wie Theodor W. Adorno untersuchten in den 1950ern die Autoritäre Persönlichkeit, die zuvor schon Erich Fromm in den 1930er Jahren während seiner Zugehörigkeit zur Frankfurter Schule als sadomasochistischer Charakter erarbeitet hatte.

Haim Omer entwickelt in Israel eine – wie er sie nennt – neue Autorität, welche Eltern und Lehrern (angesichts veränderter Werte) Einstellungen, Gefühle und Methoden zur Verfügung stellt, Kinder und Jugendliche angemessen zu „erziehen“. Dabei tauscht Omer gegenüber der traditionellen Autorität die Distanz in Präsenz („Ich bin da, und ich bleibe da.“), wobei der Hauptbestandteil die „wachsame Sorge“ darstellt. Anstatt der Kontrolle des Kindes/Jugendlichen geht es nun um Selbstkontrolle, wodurch die Autorität nicht vom Jugendlichen abhängig ist. Anstatt der pyramidischen Hierarchie steht in der neuen Autorität die Vernetzung von Eltern und Lehrern im Vordergrund.

Autorität in der Erziehung[Bearbeiten]

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Psychologen haben sich mit dem begrifflichen Konstrukt Autorität eingehend im Rahmen der Erziehungsstil­forschung befasst. In der typologisch orientierten Erziehungsstilforschung unterscheidet man seit Diana Baumrind[5] einen autoritären und einen autoritativen Erziehungsstil. Ersterer zeichnet sich durch ein niedriges Niveau an Responsivität des Erziehers aus, letzterer durch ein hohes. Das Niveau an Autorität ist in beiden Fällen hoch. Forschungsbefunde weisen in großer Mehrzahl darauf hin, dass eine autoritative Erziehung für die Entwicklung des Kindes weitaus günstiger ist als eine autoritäre.

Da in der typologisch orientierten Erziehungsstilforschung nicht klar wird, ob solche Befunde auf die Varianz der Dimension Responsivität oder eine Varianz der Dimension Autorität zurückzuführen sind, haben Forscher jüngerer Generationen (z. B. Reinhard und Anne-Marie Tausch) vorgeschlagen, die Dimensionen auch unabhängig voneinander zu betrachten. Unter diesem Dimensionskonzept, das in der Erziehungsstilforschung seitdem die Regel ist, sind inzwischen Studien entstanden, die zeigen, dass Autorität für die Erziehung günstig sein kann; so hat etwa Jerome Kagan in den 1990er Jahren gezeigt, dass Kinder strenger Mütter emotional weniger labil sind als Kinder nachgiebiger Mütter.[6] Problematisch ist bis heute jedoch die Operationalisierung des theoretischen Konstrukts Autorität, das ohne einheitliche und explizite Messtheorie mal als erzieherische Konsequenz, mal als Strenge,[5] mal als Kontrolle oder Autonomiebeschränkung[7] und mal als Tendenz zu scharfer Disziplin[8] gefasst wird.[9]

Der Autoritätsdiskurs des 21. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Im gesellschaftlichen Erziehungsdiskurs des deutschsprachigen Raumes spielt der Begriff „Autorität“ im 21. Jahrhundert erneut eine zentrale Rolle. Belebt wurden die Diskussionen u. a. durch die seit 2004 ausgestrahlte Reality-TV-Serie Supernanny, deren Protagonistin, die Pädagogin Katharina Saalfrank, freilich noch weitaus weniger auf eine Stärkung der elterlichen Glaubwürdigkeit und Autorität setzte als z. B. die britische „Supernanny“ Jo Frost. Ein wiedererkennbares Gesicht bekam die Schule derjenigen Erzieher und Psychologen, die mehr Autorität nicht für schädlich, sondern für wünschenswert halten, mit dem Pädagogen Bernhard Bueb, der 2006 sein viel beachtetes Buch Lob der Disziplin veröffentlichte. Bueb argumentierte darin, dass junge Menschen die Fähigkeit zur Selbstbestimmung nur erwerben, wenn sie neben Liebe auch Disziplin, neben Freiheit auch Autorität erfahren. 2008 folgte Michael Winterhoffs aus psychologischer Sicht geschriebenes Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Winterhoff beschrieb darin, wie viele Eltern unter dem Deckmantel des partnerschaftlichen Umgangs alle Autorität, die sie eigentlich selber ausüben sollten, an ihr Kind delegieren, was einem folgenreichen emotionalen Missbrauch des Kindes gleichkomme.

In den Vereinigten Staaten hatte Diana Baumrind bereits in den 1970er Jahren dargelegt, dass erzieherische Desiderate wie ein positives Selbstbild, psychosoziale Reife, Selbstkontrolle und Leistungsbereitschaft am ehesten durch einen autoritativen Erziehungsstil hervorgebracht werden, d. h. wenn die Eltern sich dem Kind gegenüber einerseits responsiv verhalten, andererseits aber auch Autorität und Disziplin ausüben. Die Richtigkeit ihrer Vermutung konnte seitdem in zahlreichen Studien nachgewiesen werden.[10]

Obwohl weder Bueb noch Winterhoff mit ihren Thesen über das hinausgegangen waren, was die US-amerikanischen Studien vorgetragen hatten, lösten ihre Bücher in der deutschen Öffentlichkeit und auch bei vielen Pädagogen und Psychologen Protest aus; in heftigen geführten Debatten wurde beiden Autoren vorgeworfen, überlebten Konzepten von Zucht und Ordnung und einer schwarze Pädagogik das Wort zu reden.

Auch Amy Chuas in den Vereinigten Staaten veröffentlichtes Erziehungsbuch Die Mutter des Erfolgs (2011), das nicht für Autorität, sondern für eine ausgewiesen strikt leistungsorientierte Erziehung wirbt, wurde in Deutschland als Plädoyer für elterliches Drillen rezipiert.

Im Zuge desselben Autoritätsdiskurses entstand allerdings auch das Schlagwort von der „Kuschelpädagogik“, das sich seither solche Erzieher gefallen lassen müssen, die Autorität, Leistungserwartungen und Disziplin weiterhin vehement ablehnen.[11]

In den Vereinigten Staaten trug die Familientherapeutin Wendy Mogel zu diesem Thema bereits im Jahre 2001 das sehr einflussreiche Buch The Blessings of a Skinned Knee bei.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Autorität – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Autorität – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zum Trainingskonzept von Jane Elliott, weitere Informationen in deutscher Sprache
  2. Patrick Wilson: Second-hand knowledge. An inquiry into Cognitive Authority. Westport 1983.
  3. Richard T. De George: The Nature and Limits of Authority. Lawrence, 1985.
  4. Jean Goodwin: Forms of Authority and the Real Ad Verecundiam. In: Argumentation. 12 (1998), S. 267–280.
  5. a b Diana Baumrind, Allen E. Black: Socialization practices associated with dimensions of competence in preschool boys and girls. In: Child Development, Band 38, 1967, S. 291–327. Diana Baumrind: Child-care practices anteceding three patterns of preschool behavior. In: Genetic Psychology Monographs, Band 75, 1967, S. 43–88. Diana Baumrind: Current patterns of parental authority. In: Developmental Psychology Monograph, Band 4, Heft 1, Teil 2, 1971. Diana Baumrind: The development of instrumental competence through socialization. In: A. Pick (Hrsg.): Minnesota Symposium on Child Psychology. University of Minnesota Press, Minneapolis 1973, S. 3–46. Diana Baumrind: Some thoughts about childrearing. In: U. Bronfenbrenner, M. A. Mahoney (Hrsg.): Influences on human development. The Dryden Press, Hinsdale, IL 1975, S. 270–282. Diana Baumrind: The influence of parenting style on adolescent competence and substance use. In: Journal of early adolescence, Band 11, Heft 1, 1991, S. 56–95
  6. Jerome Kagan: Galen’s Prophecy: Temperament in Human Nature. Westview Press, 1997, ISBN 0-8133-3355-5
  7. Earl S. Schaefer: Children’s Reports of Parental Behavior: An Inventory. In: Child Development, Band 36, 1965, S. 413–424. L. Steinberg, N. S. Mounts, S. D. Lamborn, S. M. Dornbusch: Authoritative parenting and adolescent adjustmunst across varied ecological niches. In: Journal of Research on Adolescence, Band 1, 1991, S. 19–36
  8. Barry M. Wagner, Patricia Cohen, Judith S. Brook: Parent/Adolescent Relationships: Moderators of the Effects of Stressful Life Events. In: Journal of Adolescent Research, Band 11, Heft 3, 1996, S. 347–374
  9. Theo Herrmann, Aiga Stapf, Werner Deutsch: Datensammeln ohne Ende? Anmerkungen zur Erziehungsstilforschung. In: Psychologische Rundschau, Band 26, 1975, S. 176–182. Helmut Lukesch: Forschungsstrategien im Bereich der Erziehungsstilforschung. In: Klaus Schneewind, Theo Herrmann (Hrsg.): Erziehungsstilforschung: Theorien, Methoden und Anwendung der Psychologie elterlichen Erziehungsverhaltens. Huber, Bern 1980, S. 57–88. Heinz Walter Krohne: Erziehungsstilforschung: Neuere theoretische Ansatze und empirische Befunde. In: Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, Band 2, 1988, S. 157–172. Klaus Schneewind, Reinhard Pekrun: Theorien und Modelle der Erziehungs- und Sozialisationspsychologie. In: Klaus Schneewind (Hrsg.): Psychologie der Erziehung und Sozialisation. Hogrefe, Göttingen 1994, S. 3–39; Heinz Walter Krohne, Michael Hock: Erziehungsstil. In: D. H. Rost (Hrsg.): Handwörterbuch pädagogischer Psychologie. Beltz, Weinheim 1998. Elke Wild: Elterliche Erziehung und schulische Lernmotivation. Habilitationsschrift, Mannheim 1999
  10. Eleanor E. Maccoby, John A. Martin: Socialization in the context of the family; Parent-child interaction. In: P. H. Mussen, E. M. Hetherton: Handbook of child psychology, Band 4: Socialization, personality, and social development. 4. Auflage. Wiley, New York 1983. Eleanor E. Maccoby: The role of parents in the socialization of children: A historical overview. In: Developmental Psychology, Band 28, 1992, S. 1006–1017. Laurence Steinberg, Nancy Darling, Anne C. Fletcher, B. Bradford Brown, Sanford Dornbusch: Authoritative parenting and adolescent adjustment: An ecological journey. In: P. Moen, G. Elder, Jr., K. Luscher (Hrsg.): Examining lives in context: Perspectives on the ecology of human development. American Psychological Association, Washington DC 1995, S. 423–466. Marjorie R. Gray, Laurence Steinberg: Unpacking Authoritative Parenting: Reassessing a Multidimensional Construct. In: Journal of Marriage and the Family, Band 61, 1999, S. 574–587
  11. Das Ende der Kuschelpädagogik Die Welt, 30. Januar 2008